Kabbala. Jüdische Mystik

Ein Kurzüberblick


Referat (Ausarbeitung), 2009

9 Seiten, Note: 1,0


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Inhaltsverzeichnis

1. Begriffserklärung

2. Ursprünge und Entwicklung der Kabbala

3. Inhalte und Vorstellungen jüdischer Mystik

4. Literaturangaben

5. Anhang
Tabelle: Hebräische Buchstaben
Abbildung 1: Zizit („Schaufäden“)
Abbildung 2: Baum der Sephiroth

1. Begriffserklärung

Kabbala(h) – hebr.[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]– „Überlieferung; Übernahme, Empfang”, ursprünglich im rabbinischen Judentum eine Bezeichnung für die überlieferten Inhalte der Heiligen Schrift und des Talmud, ab dem 12. Jahrhundert dann allmählich als Sammelbezeichnung für mystische und esoterische Traditionen im europäischen Judentum[1].

2. Ursprünge und Entwicklung der Kabbala

Die Ursprünge der jüdischen Mystik reichen bis in vortalmudische Zeit zurück und knüpfen an die Schöpfungsmystik nach Genesis 1 und die Thronwagen-Mystik nach Ezechiel 1 an. (Vgl. auch die Berufungsvision des Propheten in Jesaja 6, 1-4). Im Talmud selbst finden sich keine mystischen Spekulationen bzw. Erläuterungen, jedoch werden sie an der einen oder anderen Stelle angedeutet bzw. als bekannt vorausgesetzt.

Erst zwischen dem 3. und dem 6. Jh. u.Zt. kam es unter gnostischen Einflüssen zu kosmologischen Spekulationen über die Entstehung und den Aufbau der Welt mittels der 10 Grundzahlen und den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets, die ihrerseits für Zahlen stehen können (siehe Tabelle „Hebräische Buchstaben“ im Anhang). Zu dieser Zeit entstanden die ersten Vorläufer der Kabbala.

Die Kabbala geht von der Annahme aus, dass sich hinter den Buchstaben der Heiligen Schrift ein Bedeutungsüberschuss verbirgt, der sich nur dem Eingeweihten erschließt, welcher den Schlüssel hierzu besitzt. Dies führte in der rabbinischen Literatur oftmals zu komplexen Zahlenspekulationen, aber auch zu einer reichen Symbolsprache (als ein einfaches Beispiel: die Knoten an den Schaufäden des jüdischen Gebetsmantels, siehe Abb. 1 im Anhang).

Aus der Annahme, dass das Himmlische sich im Irdischen widerspiegelt, ist der kabbalistische Lebensbaum mit seinen 10 Sefirot (von hebr.[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]Sefira – „Ziffer“) entstanden (siehe Abb. 2 im Anhang). Diese sind göttliche Eigenschaften bzw. Werkzeuge des Schöpfers gemäß biblischer Aussagen (vor allem im 1. Buch der Chronik), die sich auch beim Menschen wiederfinden lassen. Ihre Betrachtung ist ebenfalls Gegenstand jüdischer Meditation und rabbinisch-philosophischer Spekulation. Die Namen der 10 Sefirot lauten:

1. Kether (Krone)
2. Chochmah (Weisheit, Klugheit, Geschicklichkeit)
3. Binah (Einsicht,Verstand; Intelligenz)
4. Chesed (Gnade, Gunst, Treue), bisweilen auch bezeichnet als Gedulah (Größe, Langmut)
5. Gewurah (Stärke, Macht, Sieg, Gerechtigkeit)
6. Tiphereth (Pracht, Verherrlichung, Schönheit)
7. Nezach (Ewigkeit, Beständigkeit, Sieg; Ruhm, Blut, Saft)
8. Hod (Glanz, Majestät, Donner)
9. Jesod (Gründung, Grund, Grundstein, Grundlage)
10. Malchuth (Königreich, Herrschaft, königliche Würde, Regierung).

Die Inhalte der jüdischen Mystik wurden bis in die jüngere Gegenwart nur im Verborgenen tradiert und ausschließlich an ausgewählte Persönlichkeiten weitergegeben, da sie für instabile, unreife oder gar verdorbene Persönlichkeiten potentiell als gefährlich eingestuft wurden. Denn im Rahmen der Thronhallen-Mystik können kabbalistische Praktiken einen Aufstieg und Zugang zum Himmel ermöglichen (eine Vorstellung, mit der auch Paulus vertraut war, siehe 2. Kor 12, 1-4), was in den falschen Händen üble Konsequenzen nach sich ziehen kann:

Der Talmud erzählt die Geschichte von vier Rabbinern, welche eine Himmelsreise unternommen hatten – der Erste starb daran, der Zweite verlor seinen Verstand, der Dritte wurde ein Häretiker, und nur der Vierte, der große Rabbi Akiva, kehrte unversehrt und in Frieden zurück.

Nur wer die rechten physischen, seelischen und moralischen Eigenschaften besitzt, darf also in die Geheimnisse jüdischer Mystik eingeweiht werden, zumal nach kabbalistischer Auffassung über die Kenntnis der Buchstaben und Zahlenwerte des Gottesnamens JHWH eine Manipulation der Schöpfung ermöglicht wird. So wurden kabbalistische Kenntnisse auch für die Anfertigung von Bannsprüchen und Amuletten gebraucht.

Einige der esoterischen und magischen Texte, die in Palästina und Babylonien entstanden waren, gelangten im 12. und 13. Jahrhundert nach Spanien, Frankreich und Italien, wo sich allmählich der Chassidismus entwickelte. Eine wichtige Quelle aus dieser Zeit ist das Sohar (dt. „ Lichtglanz “). Hier blühten kabbalistische Vorstellungen und Praktiken auf und verbreiteten sich mit der Verfolgung und Vertreibung der Juden über Deutschland bis hin nach Osteuropa. Auch unter Nichtjuden kam ein Interesse an der Kabbala auf, so beschäftigte sich z.B. Giovanni Pico della Mirandola im 15. Jh. eingehend mit der Kabbala.

Aus der Situation der Juden in Europa heraus richteten sich die Reflexionen auf die Charakteristika jüdischer Existenz – Erwählung, Leiden, Erniedrigung, Verfolgung und Hoffnung auf Erlösung, während sich die religiöse Praxis zunehmend auf Frömmigkeit, Demut, Bußfertigkeit und Selbstdisziplin konzentrierte. Angesichts existentieller Herausforderungen und pragmatisch-diesseitiger Bedürfnisse einer armen, einfachen jüdischen Landbevölkerung im Osten Europas erwuchs eine immer stärker werdende Abneigung gegen eine „verkopfte Schriftgelehrsamkeit“ in der Gestalt einer rabbinischen Scholastik, und der Wunsch nach schlichten, realisierbaren Formen der Spiritualität wurde stark. So sammelten sich fromme Gemeinschaften um charismatische Lehrergestalten, welche ihre Anhänger neben frommer Unterweisung auch mit Amuletten und Zaubersprüchen versorgten. Der bekannteste unter ihnen war der Baal Schem Tov, der „ Meister des guten Namens “. Er soll den wahren Namen Gottes gekannt und mit seiner Hilfe Wunder vollbracht und sogar Tote erweckt haben. In diese Zeit fällt auch die Entstehung des modernen chassidischen Judentums, in welchem mystische Traditionen mit einer stark antiintellektualistischen Tendenz gepflegt wurden.

Mit der Haskala, der jüdischen Aufklärung im späten 18. und 19. Jahrhundert, wurde die Kabbala unter mitteleuropäischen Juden als Aberglaube verworfen, jedoch gab es ein zunehmendes Interesse der nichtjüdischen Bevölkerung an kabbalistischen Lehren und Praktiken, und mit jüdischen Konvertiten, welche sich der christlichen Bevölkerungsmehrheit anschlossen, gelangten die bisherigen Geheimlehren verstärkt in nichtjüdische Hände und Köpfe. Es bildeteten sich vor allem im 20. Jh. als Gegenbewegung zur Technisierung der Welt kabbalistische Zirkel.

In der Neuzeit hat sich die Kabbala in der Pop-Kultur zu einer Mode-Erscheinung entwickelt, tatkräftig unterstützt und propagiert von Madonna, die sich judaisierend den Namen „Esther“ zugelegt hat. Diese „Pop-Kabbala“ hat mit ihren Ursprüngen nur noch den Namen gemein und wird aus jüdischer Sicht mit Skepsis und Sorge betrachtet.

3. Inhalte und Vorstellungen jüdischer Mystik

In der Kabbala gibt es zwei widerstreitende Gottesvorstellungen: Der rational umgrenzbare „Gott der Philosophen“, und der sich mit transzendenter Verborgenheit umhüllende „Deus absconditus“, der alles Denken und Sprechen übersteigt.

Jüdische Mystik hat keine echte „Liebesmystik“ entwickelt, eine Vereinigung mit Gott als dem Absoluten wird als unmöglich, der Wunsch danach als unangebracht, ja sogar als vermessen betrachtet und verworfen. Dennoch kennt auch die „jüdische Seele“ eine tiefe Sehnsucht nach Gott, die unablässig im Heiligtum nach Ihm sucht und auf nächtlichem Lager über Ihn nachsinnt (Psalm 63). Die Suche nach Gott erkennt das Irdische, das Streben nach dem Materiellen, als vergeblich und leer, und an ihrem Ende steht die Indifferenz gegenüber den weltlichen Dingen, die aber dennoch ihre „weltlichen Verpflichtungen“ gegenüber Familie, Volk und Gesellschaft nicht vernachlässigt. Das rabbinische Judentum hat deswegen weder ein Eremitentum entwickelt, noch besitzt es einen Sinn für Ehelosigkeit und eine monastische Lebensweise.

Eines der Ziele jüdischer Mystik sind Himmelsreisen, bei denen allerlei Hindernisse und Gefahren zu überwinden sind, wobei kabbalistische Kenntnisse von unabdingbarem Nutzen sind. Am Ende einer solchen Reise findet sich der Mystiker vor dem Thron des Allerhöchsten wieder, dem er in ekstatischer Vision und von tiefster Ehrfurcht erfüllt gegenübersteht.

Ein wesentliches Konzept jüdischer Mystik ist die „Heilung der Welt“ (hebr.[Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten]. Zum einen ist die Welt durch menschliches Versagen gebrochen und muss geheilt werden, wobei der Mensch durch göttlichen Auftrag seinen Anteil hat. Zum anderen gibt es zwei Katastrophen, bei denen göttliches Licht in der Welt versprengt wurde: Zum einen die Sünde Adams, und zum anderen die Zerstörung des Tempels, welcher Wohnstätte der göttlichen Präsenz auf Erden war, und in welchem Sühne für menschliches Versagen geleistet werden konnte. Durch Frömmigkeit und gute Werke können diese Lichtfunken in dieser materiellen Welt aufgesammelt und in die himmlische Welt zu ihrem göttlichen Ursprung zurückgeführt wird. Hierdurch geschieht nicht nur eine Heilung der Welt und des Menschen, sondern gewissermaßen auch eine Heilung Gottes durch menschliche Mithilfe.

4. Literaturangaben

Dan, J.: Die Kabbala. Eine kleine Einführung. Stuttgart 2007.

Grözinger, K.E.: Jüdisches Denken. Band 2: Von der mittelalterlichen Kabbala zum Hasidismus. Frankfurt 2005.

Scholem, G.: Ursprung und Anfänge der Kabbala. Gruyter Verlag, 2001.

Ders: Von der mystischen Gestalt der Gottheit. Suhrkamp Taschenbuch, 1977.

Werblowski, R.J.Z.: Jüdische Mystik. In: Kedourie, E. (Hg.): Die jüdische Welt. Offenbarung, Prophetie und Geschichte. München 2002, S. 225-239.

5. Anhang

Tabelle: Hebräische Buchstaben

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Hebrew_alphabet#Numeric_values_of_letters

Abbildung 1: Zizit („Schaufäden“)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Tzitzith.jpg#/media/File:Tzitzith.jpg

(„Tzitzith“. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons)

Erklärung der Zahlensymbolik der Schaufäden („Zizit“) am jüdischen Gebetsmantel:

Die hebräischen Buchstaben des Wortes „Zizit“ [Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten] ergeben als Zahlenwert die Summe 600. Jede Quaste besteht aus 8 Fäden und hat 5 Knoten.

600 + 8 + 5 = 613

613 ist die Anzahl der Ge- und Verbote der Thora. Somit sollen die Schaufäden des Tallit, des Gebetsmantels, an die Einhaltung der biblischen Gebote erinnern (siehe Num 15, 37-41)

Hinter der Anzahl der Windungen der Fäden zwischen den Knoten verbirgt sich der hebr. Name Gottes „JHWH“:

10 Windungen = Buchstabe Jod (J)

5 Windungen = Buchstabe He (H)

6 Windungen = Buchstabe Waw (W)

5 Windungen = Buchstabe He (H)

So hat man auch den Urheber der Gebote vor Augen, wenn man die Schaufäden betrachtet.

Abbildung 2: Baum der Sephiroth

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: „Kabbalistic Tree of Life (Sephiroth)“ von Anon Moos

Eigenes Werk, Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kabbalistic_Tree_of_Life_(Sephiroth).svg#/media/File:Kabbalistic_Tree_of_Life_(Sephiroth).svg

[...]


[1] Als Vortrag gehalten im Rahmen der 59. Philosophischen Wochenendtagung der Vennland-Akademie für Philosophische Erwachsenenbildung zum Thema „Mystik – Ökumene der Weltreligionen?“ vom 02.-04.01.2009 in Wahlwiller/NL.

9 von 9 Seiten

Details

Titel
Kabbala. Jüdische Mystik
Untertitel
Ein Kurzüberblick
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Philosophisches Institut)
Veranstaltung
„Mystik – Ökumene der Weltreligionen?“
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
9
Katalognummer
V314475
ISBN (Buch)
9783668135499
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kabbala, Kabbalah, Jüdische Mystik, Mystik, Judentum
Arbeit zitieren
Frank Drescher (Autor), 2009, Kabbala. Jüdische Mystik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314475

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