Der Text beginnt mit der Aussage "Wir haben einen neuen Advokaten, [...]." Das sprechende Subjekt "wir" ist der Narrator, der in dem den inneren Monolog einleitenden Hauptsatz zwar in der 1. Person Singular Präsens sprechen sollte, die Ich-Aussage des Erzählers aber umgeht und statt "ich" zunächst "wir" sagt. Der Plural "wir" des Personalpronomens zeigt, dass die namen-lose Erzählinstanz denjenigen angehört, die das "Barreau" bilden, also einer Gruppe von Advokaten, die in einem "Bureau" zusammenarbeiten und jetzt einen neuen Mitarbeiter haben.
Dessen Name lautet "Dr. Bucephalus". Der Bucephalus war vor seiner Verwandlung in einen Juristen in grauen Vorzeit das "Streitroß Alexanders von Mazedonien". Dieses Halbwesen aus Pferd und Mensch beobachtet der Ich-Erzähler nun und macht sich so seine Gedanken. Den echten Bucephalus hat der große Alexander auf seinem Asienfeldzug geritten, das "Königsschwert" in der Hand mit Zielrichtung auf "Indiens Tore".
Da es in der heutigen Gesellschaftsordnung, d.h. der Gegenwart des Ich-Erzählers, Indien aber nicht mehr zu erobern gilt, bleibt dem Bucephalus nichts anderes übrig, als sich "in die Gesetzbücher zu versenken".
Der Narrator monologisiert in "Der neue Advokat" nur eingangs über den Dr. Bucephalus, der das alte Streitross auch in seiner transformierten Gestalt als Anwalt nicht verleugnen kann. Der Zwiespalt zwischen menschlicher und tierischer Identität dient dem Erzähler jedoch lediglich als Auslöser einer Reflexion über die Richtungslosigkeit der modernen Zeit. Das erzählende Ich räsoniert über die von ihm erlebte "Gesellschaftsordnung". Bei der Beurteilung seiner heutigen Zeit hat das Ich den Buce-phalus als agierendes Subjekt an den Rand gedrängt. Im Mittelpunkt seiner Gesellschaftskritik steht die Klage des Ich-Erzählers, heute gebe es keinen großen Alexander mehr und "niemand, niemand kann nach Indien führen."
Hinter dem Räsonnement des Narrators steht nach meiner Deutung Kafkas Diagnose seiner Zeit. Aufgrund dieser Diagnose einer fundamentalen Orientierungslosigkeit,, die man auch ontologische Bodenlosigkeit nennen könnte, verbinden sich in "Der neue Advokat" Kafkas Kritik an der Neuzeit und sein messianischer Anspruch. Wenn sich das Ich am Textende, wie der Buce-phalus, in die stille Stube zurückzieht, wird der Ich-Erzähler zu einer Figur des Scheiternden. Abgesehen von den minimalen narrativen Zügen am Anfang besteht der Text also im Wesentlichen aus einer "aporetischen Selbstdiagnose" (Binder).
Inhaltsverzeichnis
1. Einordnung des Textes Der neue Advokat in Kafkas Gesamtwerk
2. Ich-Erzählform und personales Erzählverhalten
3. formale und inhaltliche Analyse des Textes Der neue Advokat
3.1 1. Absatz
3.2 2. Absatz
3.3 3. Absatz
4. (m)eine hermeneutische Deutung
5. Deutungen anderer Interpreten
Zielsetzung & Themen
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist eine tiefgehende Interpretation von Franz Kafkas Erzählung "Der neue Advokat". Dabei analysiert der Autor die literarische Struktur, insbesondere das Ich-Erzählverhalten und die personale Erzählweise, und setzt diese in Bezug zur Entstehungsgeschichte des Textes sowie zu existierenden wissenschaftlichen Interpretationsansätzen.
- Strukturelle Analyse der Erzählform und des Erzählverhaltens
- Biographischer und zeitgeschichtlicher Kontext der Entstehungsphase
- Untersuchung der Motivik (Bucephalus, Alexander der Große, Indien)
- Kritische Auseinandersetzung mit existierenden Forschungspositionen
Auszug aus dem Buch
3.1 1. Absatz
„Wir haben einen neuen Advokaten, den Dr. Bucephalus. In seinem Äußern erinnert wenig an die Zeit, da er noch Streitross Alexanders von Mazedonien war. Wer allerdings mit den Umständen vertraut ist, bemerkt einiges. Doch sah ich letzthin auf der Freitreppe selbst einen ganz einfältigen Gerichtsdiener mit dem Fachblick des kleinen Stammgastes der Wettrennen den Advokaten bestaunen, als dieser, hoch die Schenkel hebend, mit auf dem Marmor aufklingendem Schritt von Stufe zu Stufe stieg.“
Der Text beginnt mit der Aussage „Wir haben einen neuen Advokaten, […].“ Das sprechende Subjekt ‚wir‘ ist der Narrator, der in dem den inneren Monolog einleitenden Hauptsatz zwar in der 1. Person Singular Präsens sprechen sollte, die Ich-Ausssage des Erzählers aber umgeht und statt „ich“ „wir“ sagt. Der Plural ‚wir‘ des Personalpronomens zeigt, dass die namenlose Erzählinstanz denjenigen angehört, die das „Barreau“ bilden, also einer Gruppe von Advokaten, die in einem „Bureau“ zusammenarbeiten und jetzt einen neuen Mitarbeiter haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einordnung des Textes Der neue Advokat in Kafkas Gesamtwerk: Das Kapitel verortet die Erzählung innerhalb von Kafkas Schaffensperiode, insbesondere im Kontext des Landarzt-Bandes und des Alchimistengässchens.
2. Ich-Erzählform und personales Erzählverhalten: Hier erfolgt eine theoretische Einordnung der narrativen Struktur, wobei die Ich-Erzählung und die personale Erzählweise detailliert untersucht werden.
3. formale und inhaltliche Analyse des Textes Der neue Advokat: Eine detaillierte Untersuchung der Erzählung, unterteilt in die Analyse der drei Absätze des Originaltextes.
3.1 1. Absatz: Der erste Absatz wird hinsichtlich seiner einleitenden Erzählsituation und der Einführung des Protagonisten Dr. Bucephalus analysiert.
3.2 2. Absatz: Analyse des zweiten Absatzes, der sich primär mit der gesellschaftlichen Aufnahme des neuen Advokaten und den historischen Referenzen auseinandersetzt.
3.3 3. Absatz: Untersuchung des Schlusses der Erzählung, der eine resignative oder suchende Hinwendung des Protagonisten zur Welt der alten Gesetzbücher thematisiert.
4. (m)eine hermeneutische Deutung: Der Autor fasst seine eigene hermeneutische Lesart der Erzählung zusammen und interpretiert sie als Diagnose einer fundamentalen Orientierungslosigkeit.
5. Deutungen anderer Interpreten: Eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen wissenschaftlichen Interpretationsansätzen von Kafka-Forschern wie Jahraus, Kremer und Kurz.
Schlüsselwörter
Franz Kafka, Der neue Advokat, Dr. Bucephalus, Interpretation, Erzähltheorie, Ich-Erzähler, Literaturwissenschaft, Modernitätskritik, Alexander der Große, Landarzt-Band, Hermeneutik, Orientierungslosigkeit, Motivik, Schreibprozess, Identität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet eine umfassende literaturwissenschaftliche Interpretation von Kafkas "Der neue Advokat", wobei der Schwerpunkt auf der erzähltechnischen Analyse und der inhaltlichen Deutung des Textes liegt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Erzählstruktur, der biographische und historische Kontext der Entstehung sowie eine kritische Auseinandersetzung mit bestehenden Forschungsthesen zur Kafka-Interpretation.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Bedeutung der Erzählung als Ausdruck einer krisenhaften Moderne und Orientierungslosigkeit zu verdeutlichen, abseits rein dekonstruktivistischer Schreibweisen-Interpretationen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt die klassische hermeneutische Textanalyse unter Einbeziehung erzähltheoretischer Grundbegriffe sowie aktueller Kafka-Biographien und Literaturstudien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine formale Analyse des Erzählverhaltens sowie eine detaillierte, absatzweise Deutung des Primärtextes unter Berücksichtigung kulturkritischer und historischer Aspekte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Kafka, Bucephalus, Erzähltheorie, Orientierungslosigkeit, Identität und hermeneutische Deutung charakterisiert.
Warum spielt die Figur des Bucephalus eine so zentrale Rolle?
Bucephalus fungiert als Bindeglied zwischen der historischen Größe Alexanders des Großen und der Gegenwart eines neuen Advokaten, was die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Verlust heroischer Werte im modernen Alltag ermöglicht.
Wie bewertet der Autor andere Interpretationsansätze?
Der Autor setzt sich kritisch mit dekonstruktivistischen Deutungen auseinander, die den Text ausschließlich als Selbstthematisierung des Schreibvorgangs interpretieren, und hinterfragt dabei auch etymologische oder psychoanalytische Fehlinterpretationen.
Welche Bedeutung hat das Indien-Motiv in der Erzählung?
Das Indien-Motiv wird als Metapher für ein unerreichbares metaphysisches Ziel gedeutet, das die Kluft zwischen dem antiken Streben nach Größe und der Perspektivlosigkeit der modernen Zeit markiert.
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- M.A. Gerd Berner (Author), 2016, Franz Kafkas "Der neue Advokat". Versuch einer Interpretation, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314498