Franz Kafkas "Der neue Advokat". Versuch einer Interpretation


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2016

40 Seiten


Leseprobe

1. Einordnung des Textes Der neue Advokat in Kafkas Gesamtwerk

Ich zitiere Der neue Advokat nach dem von Max Brod in den Erzählungen heraus-gegebenen Text.1 Der ist identisch mit der von Paul Raabe besorgten Taschenbuch-ausgabe der Sämtlichen Erzählungen.2 Beide Texte unterscheiden sich lediglich in zwei Rechtschreibungen, Brod: Mazedonien und Barreau vs. Raabe: Macedonien und Bureau.

In seinem Nachwort gibt Brod den bibliographischen Hinweis, Der neue Advokat sei erstmals „zusammen mit Ein altes Blatt und Ein Brudermord in der von Theodor Tagger herausgegebenen Zweimonatsschrift Marsyas im Juni/ August 1917 und zwei Jahre später in dem von Kurt Wolff 1919 edierten Sammelband Ein Landarzt. Kleine Erzählungen erschienen.3

Raabe liefert mehr Informationen als Brod zur Entstehung des Landarzt-Bandes. Der sei nach Betrachtung (1913) der „zweite Erzählungsband“4, Kafka habe dem Verleger Kurt Wolff im Sommer 1917 15 Prosastücke zugeschickt, den genauen Titel Ein Landarzt und den Untertitel Kleine Erzählungen vorgeschlagen sowie die im Inhaltsverzeichnis festgelegte Reihenfolge der Texte. Einzig den Kübelreiter habe Kafka später zurückgezogen.5 Max Brod hat den Kübelreiter dann als eine von Kafka nicht in Bücher aufgenommene Erzählung in der Beschreibung eines Kampfes veröf-fentlicht. 6

Schreibt Raabe noch im Nachwort zu Sämtliche Erzählungen von einer „Nieder-schrift im ersten Oktavheft (H 59), also im Februar 1917“ 7, bezeichnet die Forschung die Fundstelle des neuen Advokaten heute anders. Claudine Raboin informiert: „Zwi-schen dem 30. Oktober 1916 und dem 6. April 1917 schreibt Kafka nichts mehr in sein Tagebuch, sondern benutzt die ersten drei <Blauen Oktavhefte>, das heißt die Hefte A (vormals <Das siebte Oktavheft>), B (<Das erste Oktavheft>) und C (<Das sechste Oktavheft>). […] In diese kleinen Hefte begann Kafka zu schreiben, als er ab Ende 1916 in dem Häuschen in der Alchemistengasse arbeitete, das ihm seine Schwester Ottla zur Verfügung gestellt hatte.“8

Oliver Jahraus vertritt in seinem Kafka-Buch zwar die Meinung: „Es ist keineswegs der Fall, dass derjenige, der Kafkas Leben kennt, seine Werke besser interpretieren könnte. Er wird sie nur anders interpretieren.“9

Dennoch will ich zum besseren Verständnis von Der neue Advokat kurz auf den biographischen Hintergrund eingehen. Über Kafkas „Arbeit im Alchimistengässchen“ schreibt Gerhard Neumann: „Die starke Schaffensphase, in die Kafka nach beinahe zweijährigem Stocken der Produktion während der Wintermonate 1916/17 gerät, re-sultiert aus vier miteinander verflochtenen Erfahrungszusammenhängen: dem ersten Versuch einer räumlichen Trennung von der Familie (beginnend mit dem Auszug aus der elterlichen Wohnung im August 1914); den zunehmenden Komplikationen des Verhältnisses zur Berliner Verlobten Felice Bauer, die schließlich im Abbruch des Briefkontaktes im Dezember 1916 gipfeln; der Bedrohung sozialer Ordnungen durch den Krieg und den Tod Kaiser Franz Josephs am 21. November 1916; dem Unter-nehmen schließlich, das eigene künstlerische Schaffen zu reflektieren, dem Schei-tern der großangelegten epischen Versuche (Der Verschollene, Der Prozeß) kleine, in sich gerundete Textformen entgegenzusetzen.“ 10

Klaus Wagenbach erklärt das „neue[n] Arbeitsdomizil“11 so: „Er [i.e. Kafka] nimmt das Angebot seiner Schwester Ottla an, abends und nachts in ihrem kleinen Haus in der Alchimistengasse auf dem Hradschin zu arbeiten, das sie für sich gemietet hatte. Es war eines der winzigen Häuser (eigentlich nur aus einem Zimmer bestehend), die im Spätmittelalter in die Bogen der Burgmauer eingebaut wurden und ursprünglich den Bewachungsmannschaften der Burg als Logis dienten.“12

Reiner Stach schreibt über den „Katastrophenwinter“13 im Goldenen Gässchen: „[…] selbst der bedrohliche Mangel an Kohlen (nächtliches Heizen war bereits ver-boten) konnte ihn [i. e. Kafka] nicht davon abhalten, so lange wie möglich in seinem neuen Refugium auszuharren. Als Brod ihn einmal dort oben besuchte und sich ein wenig vorlesen ließ […], staunte er über diese „Klosterzelle eines wirklichen Dichters“ und gewann den Eindruck, Kafka leide unter dem Grauen des dritten Kriegswinters weniger als er selbst.“ Stach führt weiter aus: „Überliefert sind aus diesem Winter 1916/17 insgesamt vier unlinierte Oktavhefte zu je 80 Seiten: ein kleines, handliches Format, geeignet, in der Brusttasche durch die Stadt getragen zu werden. Zwei klei-ne Hefte, die Kafka benutzt haben muss, sind verschollen.“ Kafka habe die Kladden („die Kafka-Philologie spricht von den <Oktavheften A bis D>“) bis zur letzten Seite vollgeschrieben.14

Wagenbach nennt die Jahreswende als Entstehungszeit der Landarzt-Texte: „In diesem Winter 1916/17 beginnt Kafka die acht <Oktavhefte> (in die Monate Novem-ber bis Februar fallen das sogenannte 7. und 1. Oktavheft).“ In diesen zwei Heften stehen nach Wagenbach „unter anderem das dramatische Fragment Die Gruftwäch-ter und die Erzählungen Die Brücke, Der Jäger Gracchus, Der Kübelreiter, Schakale und Araber und Der neue Advokat.“15

Sabine Schindler schreibt, die meisten Geschichten aus dem Winter 1916/17 fän-den sich in den acht kleinformatigen Oktavheften, „die von Malcom Pasley der bes-seren Übersicht halber mit den Buchstaben A bis H gekennzeichnet wurden.“16

Als Entstehungszeit für Der neue Advokat nennt Ludwig Dietz „Jan./ Febr. 1917“.17

Gerhard Neumann schreibt im Binder-Handbuch, „die Geschichte des verwandelten Streitrosses Alexanders des Großen [sei] im Januar 1917“ entstanden.18 Juliane Blank vermutet die Entstehung „um den 10.2.1917“. 19

Für die Schule reicht das Wissen, dass in dem Goldenen Gässchen auf dem Prager Hradschin in dem ungewöhnlich strengen Winter von 1916 auf 1917 „gut die Hälfte der Erzählungen [entstand], die 1919/20 im Landarzt-Band zusammengestellt werden.“20 Daher lohnt ein Blick auf die Stellung dieser Werke in Kafkas gesamtem Schaffen.

Kafkas Werke beginnen eigentlich mit dem ersten, in einem Brief vom 20.12.1902 an seinen Freund Oskar Pollak überlieferten Prosatext Geschichte vom schamhaf-ten Langen und vom Unredlichen in seinem Herzen 21 und enden mit seinem letzten Werk Josephine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse, das „zwischen März und April 1924 geschrieben wird.“ 22

In dem meinen Schülern zugänglichen Abriss über Kafka aus dem Klett Verlag nimmt Peter Beicken eine grobe Phaseneinteilung vor: „Die Einteilung von Kafkas Werk in eine Frühphase (bis 1912), die Reifezeit (1912-1917/20) und eine Spätphase (1921-1924) deckt sich mit den wichtigsten Zäsuren im Leben des Dichters, be-sonders die Jahre 1912 (Kennenlernen von Felice Bauer, Heiratspläne) und 1917 (Ausbruch der Krankheit) können als wichtige Lebenswendepunkte gelten, die auch für die Werkphasen von Bedeutung sind.“23

Von dem frühen Werk (bis September 1912) kennen viele Leser wohl nur die Be-schreibung eines Kampfes und einige Stücke der Prosasammlung Betrachtung, Kaf-kas erste Buchveröffentlichung mit 18 Texten, deren bekanntester wohl Die Bäume sind. Auch Manfred Engel lässt Kafkas frühes Werk mit dem September 1912 enden, die mittlere Werkphase (Sept. 1912 - Sept. 1917) wird nach Engel begrenzt von der in einer Nacht erfolgten Niederschrift des Urteils am 23. September 1912 und dem Ausbruch der unheilbaren Lungenkrankheit im August 1917, dem nachfolgenden Aufenthalt in Zürau und der aus beiden resultierenden Beendigung der Beziehung zu Felice Bauer.24

Zu der biographischen Prägung durch die wechselhafte Beziehung zu Felice und der zeitgeschichtlichen durch den Ersten Weltkrieg bieten die aktuellen Biographien von Alt und Stach viel und zum Teil neues Material.25

Engel schreibt, die mittlere Werkphase sei stark geprägt durch „die Beziehung zu Felice Bauer, die für Kafka schon bald zu einem zermürbenden Dauerkonflikt zwi-schen <Kunst> und <Leben> gerät.“ Den zeitgeschichtlichen Hintergrund vor allem „für die zweite Phase des mittleren Werkes bildet natürlich der Erste Weltkrieg, der Kafka sicherlich mehr beschäftigt hat, als die lakonische (vielzitierte) Tagebuchein-tragung vom 2. August 1914 glauben macht: „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.“ Im Gegensatz zu Kafkas späten Werken „mit den langen Schreibpausen“ gibt es nach Engel „im mittleren Werk […] drei Phasen intensiver Produktivität, die jeweils zugleich auch werkbiographische Entwicklungs-stufen markieren.“ 26

Da für Der neue Advokat lediglich deren dritte Phase wichtig ist, gehe ich nur kurz darauf ein, wie M. Engel die ersten beiden skizziert:

1. „die sogenannte <Durchbruchs>-Phase (22.9.1912 bis Anfang März 1913)“: un-mittelbar nach dem Urteil beginnt Kafka das Heizer-Kapitel, eine Neufassung des Verschollenen. In einer Arbeitspause entsteht die Verwandlung. Ab Anfang März stockt Kafkas Schreiben.

2. „Process-Umfeld (Ende Juni 1914 bis Anfang April 1915)“: nach der traumatisch verlaufenen Trennung von Felice in Berlin arbeitet Kafka von Mitte August 1914 bis Ende Januar 1915 hauptsächlich am Process.

Dabei schreibt Kafka seinen Roman nicht kontinuierlich herunter, sondern stellt nach dem Anfangskapitel mit dem berühmten Satz „Jemand musste Josef K. ver-leumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet“27, also nach der Verhaftung K.s zunächst sein Ende dar, nämlich seine Abschlachtung im Steinbruch: „Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah K. noch, wie die Herren, nah vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ 28

Während der gleichzeitigen Arbeit an mehreren Kapiteln des Romans erinnert er sich an die Kaldabahn, erweitert das Verschollenen -Fragment um das Theater von Oklahama (sic!), ebenso entstehen während der Romanarbeit In der Strafkolonie, Der Dorfschullehrer (<Der Riesenmaulwurf>) und einige andere Fragmente.

3. „Im Alchimistengässchen <Landarzt-Phase>; (Ende November 1916 bis Mitte Mai 1917): Die letzte Schreibphase des mittleren Werkes ist sowohl an einen neuen Schreib-Ort gebunden – das Häuschen in der Alchimistengasse, das Ottla ange-mietet und dem Bruder von etwa 24. November 1916 bis Mitte Mai 1917 zur Ver-fügung gestellt hatte – wie auch an ein neues Schreib-Medium: die kleinforma-tigeren, daher auch leichter transportablen <Oktavhefte> (von denen mindestens eins verloren gegangen sein muss).“29

Diese Zeit auf dem Hradschin ist sehr produktiv, hier entstehen die meisten der 14 in den Landarzt-Band aufgenommenen Texte, u. a.Auf der Galerie, Schakale und Araber, Das nächste Dorf, Die Brücke, die Jäger Gracchus-Fragmente und eben auch Der neue Advokat.

Als Kafka das Haus mit der Nummer 22 im Mai 1917 verlässt, bricht seine litera-rische Produktion erneut ab. Erst im Frühjahr 1920 veröffentlicht der Verleger Kurt Wolff nach einer dreijährigen Druckvorbereitung in Leipzig den Sammelband Ein Landarzt. Kleine Erzählungen. Von den 14 Texten des Bandes sind wohl 12 im Alchi-mistengässchen geschrieben worden, nur Vor dem Gesetz und Ein Traum sind of-fensichtlich im Umkreis des Prozess-Romans entstanden.

Bei der Erzählform und dem Erzählverhalten fällt im Vergleich zum Frühwerk die häufige Verwendung der Ich-Erzählform auf. Nur Auf der Galerie, Ein Brudermord und Ein Traum werden in der Er-Erzählform „vermittelt“.30

Die Abkehr von der Er-Erzählform lässt sich, so Juliane Blank, sicher als Ausdruck „ein[es] neue[n] Selbstbewusstsein[s]“ Kafkas verstehen, aber nicht zwangsläufig auf „persönlichere Inhalte“ mit „einer stärkeren Bekenntnishaftigkeit der Texte“ schließen. Die Ich-Erzähler im Landarzt-Band sind jedoch nicht immer als erzählende Figuren des erzählten Geschehens dargestellt, sondern sind häufig entindividualisiert und be-obachten die erzählte Handlung als erzählende Figuren aus einer „sichere[n] Dis-tanz.“31

Kafkas Spätwerk beginnt nach Engel ab dem Spätsommer 1917. Biographisch sind für diese Zeit seine Lungenkrankheit prägend, der achtmonatige Aufenthalt in Zürau und das Ende der Beziehung zu Felice Bauer. An deren Stelle treten dann Julie Wohryzeck, Milena Jesenská und schließlich Dora Diamant, mit der Kafka am 23. September 1923 ein neues Leben in Berlin beginnen will. Nach dem September 1917 entstehen die Zürauer Aphorismen, der <Konvolut 1920> mit u. a. dem Steuer-mann, dem Geier und der Kleinen Fabel. Das Schloss und Gib‘s auf fallen in das Jahr 1922. Die Heimkehr und Josephine, die Sängerin oder das Volk der Mäuse sind ab September 1923 entstanden.

2. Ich-Erzählform und personales Erzählverhalten

Bei der erzählten Wirklichkeit eines narrativen Textes habe ich im Unterricht stets unterschieden: a) das erzählte Geschehen. Das bildet den Inhalt einer Erzählung und umfasst das Handeln der erzählten und/ oder erzählenden Figuren. Hinzu kommen natürlich alle figurenunabhängigen Ereignisse. b) die erzählte Zeit, d. h. die Dauer des fiktiven Geschehens. Die erzählte Zeit kann linear oder nicht-linear ablaufen, es gibt zeitdeckendes, -dehnendes und -raffendes Erzählen sowie Rückwendungen und Vorausdeutungen. c) den erzählten Ort, dessen Konturierung durch Figuren- und/ oder Erzählerrede (auch Erzählerbericht genannt) erfolgt. d) erzählte und erzählende Figuren, sie werden ebenfalls durch Figuren- und/ oder Erzählerrede konfiguriert.

„[…] ich [sah] letzthin auf der Freitreppe selbst einen ganz einfältigen Gerichts-diener […] den Advokaten bestaunen, […].“ In diesem vierten Satz des Textes treten erzählende und erzählte Figuren zusammen auf. Eine der erzählten Figuren ist der neue Rechtsanwalt Dr. Bucephalus, über den ein Ich spricht. Dieses Ich ist eine er-zählende Figur.

Ein Erzähler kann grundsätzlich zwischen zwei Möglichkeiten wählen: Er berichtet nicht von sich selbst, sondern von einer anderen Person, die in der 3. Person Singu-lar (oder Plural) als Er oder Sie auftritt. So beginnt der Jäger Gracchus:

„Zwei Knaben saßen auf der Quaimauer und spielten Würfel. Ein Mann las eine Zeitung auf den Stufen eines Denkmals im Schatten des säbelschwingenden Helden. Ein Mädchen am Brunnen füllte Wasser in ihre Bütte. […] Eine Barke schwebte leise, als werde sie über das Wasser getragen, in den kleinen Hafen. Ein Mann im blauen Kittel stieg ans Land und zog die Seile durch die Ringe. Zwei andere Männer in dunklen Röcken mit Silberknöpfen trugen hinter dem Bootsmann eine Bahre, auf der unter einem großen blumengemusterten, gefransten Sei-dentuch offenbar ein Mensch lag.“32

Diese Erzählform liegt hier nicht vor. Kafka hat für Der neue Advokat die Ich-Erzähl-form gewählt. Jochen Vogt, dessen Terminologie ich in meinem Unterricht verwendet habe, hat in seinen Aspekten erzählender Prosa die verwirrende Vielfalt der bis dahin von den einzelnen Schulen der Erzählforschung verwendeten Grundbegriffe ver-ständlich reduziert, wenn er sagt, „von der Ich-Erzählung [solle] nur gesprochen wer-den, wenn [das Ich] den Erzähler und eine mit ihm identische Handlungsfigur – oft, aber nicht notwendigerweise die Hauptfigur – bezeichnet.“ Noch deutlicher formuliert er: „Die Erste Person der Grammatik [bezeichnet] den Erzähler und eine mit ihm identische Handlungsfigur.“ 33 In den in der Ich-Erzählform geschriebenen Texten spricht der Erzähler in der Ich-Form also von sich selbst. Das Ich kann sowohl er-zählendes Medium als auch handelnde Figur (Person) sein. Das erzählende Ich (der Ich-Erzähler) kann als erzählte Figur der erzählten Wirklichkeit auftreten.

In Kafkas Fahrgast z. B. ist die das erzählte Geschehen erlebende (erzählte) Ich-Figur mit dem erzählenden Ich identisch (mit Ausnahme des Schlusssatzes). Da die Ich-Form nach Vogt sowohl den Erzähler als auch eine Handlungsfigur benennt, kann es zwei verschiedene Ichs geben: „Ein Ich, das einst gewisse Ereignisse er-lebte, und ein anderes, das sie nach mehr oder weniger langer Zeit erzählt.“ 34

Diese wichtige Unterscheidung zwischen dem erzählenden und dem erzählten Ich könnten wir in unserem Text auch machen. Der in der Ich-Form sich über das Auf-treten des neuen Advokaten Äußernde ist der Ich-Erzähler, das Narrator-Ich ist das erzählende Ich. Gleichzeitig Handelnder (= erlebendes Ich) in einer Person mit dem erzählenden Ich ist das Ich aber nur „letzthin“ gewesen. Das Adverb ‚letzthin‘ meint: „kürzlich [einmal], bei einer Gelegenheit“35. Da das Ich seinerzeit aber wohl nur von weitem die Reaktion des Gerichtsdieners gesehen, jedoch mit dem Protagonisten selbst nicht agiert oder gesprochen hat, sollte ich nicht von einer „In-persona-Iden-tität“ (Franz K. Stanzel) des erzählenden mit dem erlebenden Ich sprechen, denn der Ich-Erzähler in unserem Text ist nicht „persönlich in das erzählte Geschehen invol-viert.“ Juliane Blank bekräftigt auch: „Einige der Texte [erg.: des Landarzt-Bandes] weisen Erzähler auf, die zwar in der ersten Person sprechen, dem Geschehen je-doch als Beobachter und Berichterstatter gegenüberstehen. Schon in der ersten Er-zählung spricht ein Ich, von dem wir nichts wissen – nicht einmal seine Einstellung zum pferdeartigen Dr. Bucephalus ist klar festzustellen.“36

In Der neue Advokat tritt der Ich-Erzähler nicht als Individuum auf, sondern beob-achtet die kaum vorhandene erzählte Handlung als erzählende Figur mit einem nicht messbaren Abstand zu dem Dargestellten. Der in der 1. Pers. Sg. sprechende Er-zähler lässt nicht erkennen, wer er ist oder was er über den Bucephalus denkt, er er-zählt lediglich, distanziert beobachtend, wie der pferdeartige Anwalt als „Halbwesen“, das sowohl menschliche als auch tierische Züge aufzuweisen scheint, agiert.

Das erzählende Ich erzählt von dem Dr. Bucephalus, das ist die erzählte Figur. Sie „trägt noch den Namen des Streitrosses Alexander des Großen, das er einmal war. Auch kann der Beobachter [i. e. das erzählende Ich] Spuren der früheren Existenz in seinem Gang wahrnehmen.“ 37

Der Ich-Erzähler eines epischen Textes ist immer fiktiv [d. h. erdacht, erdichtet], er darf nicht mit dem realen Autor, dem Verfasser des epischen Textes, verwechselt werden. Die in Der neue Advokat als Ich auftretende Figur ist nicht Franz Kafka, obwohl der von April bis September 1906 bei der Advokatur des Rechtsanwalts Dr. Richard Löwy als Aushilfskraft gearbeitet hat.38 Und Ilse Aichinger ist in Die Maus kein Nagetier, obgleich auch hier ein Ich-Erzähler auftritt. Ebenso ist der real exis-tierende Erfinder des fiktiven Oskar Matzerath nicht verrückt, auch wenn Günther Grass‘ Roman Die Blechtrommel so beginnt: „Zugegeben, ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, er lässt mich kaum aus den Augen; denn in der Tür ist ein Guckloch …“

Wenn ein Erzähler also von sich selbst berichtet, wobei das Ich sowohl erzählen-des Medium als auch handelnde Person in der erzählten Wirklichkeit sein kann, nennt man das Ich-Erzählform.39

[…]


1 Franz Kafka, Erzählungen, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1952), S. 111
2 Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen, hg. v. Paul Raabe, Fischer: Frankfurt/ M. 1970, S. 123 f.
3 Franz Kafka, Erzählungen, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1952), S. 242
4 Raabe, S. 399,
5 Raabe, S. 399 f.
6 Franz Kafka, Beschreibung eines Kampfes. Novellen, Skizzen, Aphorismen aus dem Nachlass, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1954), S. 92 ff.
7 Raabe, S. 400
8 Claudine Raboin, „Ein Landarzt“ und die Erzählungen aus den <Blauen Oktavheften> 1916-1918, in: Text und Kritik. Zeitschrift für Literatur, Sonderband IV/6: Franz Kafka, hg. v. Heinz Ludwig Arnold, R. Boorberg Verlag: München 22006, S. 153
9 Oliver Jahraus, Kafka. Leben – Schreiben - Machtapparate, Reclam: Stuttgart 2006, S. 31
10 Kafka-Handbuch in zwei Bänden, hg. v. Hartmut Binder u. a., Bd. 2: Das Werk und seine Wirkung, Kröner: Stuttgart 1979, S. 313 f.
11 Binder 2, S. 316
12 Klaus Wagenbach, Franz Kafka in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt: Reinbek b. Hamburg 1964, S. 103 f.
13 Reiner Stach, Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, Fischer: Frankfurt/ M. 2011, S. 173 (Fischer-Ta-schenbuch Bd. 18320)
14 ebd., S. 168
15 Wagenbach, S. 103 f.; (Wagenbach kennt die neue Fundstellenbezeichnung noch nicht)
16 Sabine Schindler, Der Kübelreiter, in: Interpretationen – Franz Kafka. Romane und Erzählungen, hg. v. Michael Müller, Reclam: Stuttgart 2003, S. 233 (RUB Bd. 17521)
17 Ludwig Dietz, Franz Kafka, Metzler: Stuttgart 1975, S. 63 (Realien zur Literatur – Sammlung Metzler Bd. 138)
18 Binder 2, S. 329
19 Kafka-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hg. v. Manfred Engel und Bernd Auerochs, Metzler: Stuttgart 2010, S. 218 (im Folgenden: KHb)
20 Schindler, S. 233
21 nachzulesen in: Gerhard Kurz, Schnörkel und Schleier und Warzen. Die Briefe Kafkas an Oskar Pollak und seine literarischen Anfänge, in: Gerhard Kurz, Der junge Kafka. Materialien, Suhrkamp: Frankfurt/ M. 1984, S. 83-85 (Suhrkamp-Taschenbuch Bd. 2035)
22 KHb, S. 81 f.
23 Editionen für den Literaturunterricht, hg. v. Dietrich Steinbach: Peter Beicken, Franz Kafka. Leben und Werk, Klett: Stuttgart 1986, S. 42 f.
24 KHb, S. 152
25 Peter-André Alt, Franz Kafka. Der ewige Sohn. Eine Biographie, Beck: München 22008 und: Reiner Stach, Kafka. Die Jahre der Erkenntnis, Fischer: Frankfurt/ M. 2011 (Fischer-Taschenbuch Bd. 18320)
26 KHb, S. 85 f.
27 Franz Kafka, Der Prozess, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1950), S. 7
28 ebd., S. 194
29 KHb, S. 85 f.
30 KHb, S. 218
31 KHb, S. 220 f.
32 Franz Kafka, Beschreibung eines Kampfes. Novellen, Skizzen, Aphorismen aus dem Nachlass, hg. v. Max Brod, Fischer: Frankfurt/ M. o. J. (1954), S. 75
33 Jochen Vogt, Aspekte erzählender Prosa. Eine Einführung in Erzähltechnik und Romantheorie, Westdeutscher Verlag: Opladen 81998, S. 66 (WV Studium Bd. 145)
34 Vogt, S. 71
35 Duden. Das große Wörterbuch der deutschen Sprache in 8 Bänden, hg. v. Günther Drosdowski u. a., hier: Bd. 6, Dudenverlag: Mannheim-Leipzig-Wien-Zürich 21994, S. 2114
36 KHb, S. 221
37 KHb, S. 225
38 Kafka-Handbuch in zwei Bänden, hg. v. Hartmut Binder u. a., Bd. 1: Der Mensch und seine Zeit, Kröner: Stuttgart 1979, S. 323
39 Grundzüge der Literatur- und Sprachwissenschaft, hg. v. Heinz Ludwig Arnold und Volker Sinemus, Bd. 1: Literaturwissenschaft, Deutscher Taschenbuch Verlag: München 51978, S. 474 (dtv Wissen-schaftliche Reihe Bd. 4226)

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Franz Kafkas "Der neue Advokat". Versuch einer Interpretation
Autor
Jahr
2016
Seiten
40
Katalognummer
V314498
ISBN (eBook)
9783668136311
ISBN (Buch)
9783668136328
Dateigröße
529 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
"Der neue Advokat" entstammt Kafkas 1919 ediertem Sammelband "Ein Landarzt. Kleine Erzählungen", er ist entstanden im Januar 1917, während Kafka den Schreib-Ort im Alchimistengässchen auf dem Prager Hradschin nutzte. In dem in der Ich-Erzählform mit personalem Erzählverhalten geschriebenen Text dient die zwiespältige Identität des pferdeartigen Anwalts Dr. Bucephalus, der menschliche und tierische Züge aufweist, dem namenlosen, entindividualisierten Ich-Erzähler jedoch nur als Auslöser einer im inneren Monolog vermittelten Reflexion über die Richtungslosigkeit der modernen Zeit.
Schlagworte
kafka, advokat
Arbeit zitieren
M.A. Gerd Berner (Autor), 2016, Franz Kafkas "Der neue Advokat". Versuch einer Interpretation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314498

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