Literaturverfilmungen haben keinen leichten Stand. Das gnadenlose Publikum schreckt oft nicht vor dem direkten Vergleich mit der literarischen Vorlage zurück und so lautet das vernichtende Urteil nach dem Kinobesuch nicht selten, der Film sei ja gar nicht so wie das Buch und überhaupt, das Buch sei ja viel besser.. Auch im akademischen Kontext wurden Literaturverfilmungen aufgrund unzureichender Werktreue jahrelang verunglimpft und die Kritik sogar auf den Film als Medium insgesamt ausgeweitet: „The cinema inevitably lacks the depth and dignity of literature“. Der Ruf nach Werktreue und die geradezu „konfessorische Ablehung“ gegenüber Literaturverfilmungen war lange Zeit vorherrschend und ist trotz großer Fortschritte im akademischen Bereich noch immer nicht vollkommen überwunden.
Die vorliegende Arbeit möchte daher ihren Beitrag dazu leisten, mehr Verständnis für die Eigenständigkeit von Literaturverfilmungen zu schaffen. Folgende These gilt es dabei zu stützen: Um ein literarisches Werk adäquat ins Medium Film zu übersetzen muss die Forderung sklavischer Werktreue gegen den Anspruch interpretativer Transformation ersetzt werden.
Hierzu soll zunächst der Prozess des Medienwechsels nachvollzogen werden, der die Unmöglichkeit absoluter Werktreue beweißt und die Forderung somit hinfällig macht. Nach welchen Maßstäben man stattdessen eine gelungene Literaturverfilmung schaffen kann, soll daraufhin unter Bezug auf die Theorie von Bazin gezeigt werden, der für eine indirekte Werktreue plädiert. Anschließend soll die Analyse eines konkreten Beispiels Bazins Theorie stützen. Hierfür wurde Luchino Viscontis Film "Morte a Venezia" gewählt, die „von der überwiegenden Mehrheit der Kritiker als gelungene Literaturadaption anerkannt [wurde].“ Es soll herausgearbeitet werden, an welchen Stellen und zu welchem Zweck Visconti von der literarischen Vorlage abweicht und wie er Thomas Manns Novelle dadurch im Kern näher kommt. Im Fazit sollen die Erkenntnisse dieser Arbeit abschließend zusammengefasst werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2 Literaturverfilmung und Werktreue
2.1 Das Problem des Medienwechsels
2.2 Indirekte Werktreue nach Bazin
3 Der Tod in Venedig: Vergleich Novelle und Film
3.1 Handlungsebene
3.2 Deutungsebene
3.3 Erzählperspektive
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen literarischer Vorlage und filmischer Adaption. Ziel ist es, die These zu stützen, dass eine adäquate Literaturverfilmung nicht durch sklavische Werktreue, sondern durch eine interpretative Transformation erreicht wird, welche die Essenz des Ausgangswerkes in die spezifische Sprache des Mediums Film übersetzt.
- Theorie der Intermedialität und des Medienwechsels
- Die Filmtheorie von André Bazin zur indirekten Werktreue
- Vergleichende Analyse von Thomas Manns Novelle und Luchino Viscontis Film
- Einsatz von Rückblenden und Symbolik in der Adaption
- Übertragung narrativer Erzählstrukturen auf die visuelle Ebene
Auszug aus dem Buch
2.1 Das Problem des Medienwechsels
Wenn wir uns mit Beziehungen zwischen verschiedenen Medien und Medienprodukten auseinander setzten, so bewegen wir uns im Forschungsbereich der Intermedialität. Der Begriff bezeichnet nach Rajewsky „die Gesamtheit aller Mediengrenzen überschreitenden Phänomene und konzeptualisiert insbesondere Beziehungen zwischen konventionell als distinkt angesehenen Medien und Medienelementen“.4 Nach Rajewsky lassen sich drei intermediale Kategorien unterscheiden: Medienkombination, Medienwechsel und Intermediale Bezüge.5 Für diese Arbeit ist einzig die Kategorie des Medienwechsels interessant, da Literaturverfilmungen eindeutig in diese Kategorie fallen: Sie vollziehen einen Wechsel vom Ausgangsmedium Literatur in das Zielmedium Film - oder wie Rajewsky es beschreibt: „Ein in Medium A realisiertes Produkt wird in einem Medium B, das einem anderen semiotischen System zugeordnet werden kann, umgesetzt.“6 Dieser besagte Wechsel von A nach B wirft Fragen auf, denn geht man davon aus, dass der Ausgangstext „medienspezifisch fixiert“ ist, lässt sich dieser dann überhaupt adäquat in ein Zielmedium übersetzen?7 Filmtheoretiker Stam beantwortet diese Frage folgendermaßen:
„The shift from a single-track, uniquely verbal medium such as the novel, which has only words to play with, to a multi-track medium such as film, which can play not only with words (written and spoken), but also with theatrical performance, music, sound effects, and moving photographic images, explains the unlikelyhood – and I would suggest even the undesirability – of literal fidelity.“8
Adäquate Übersetzung ist möglich - nur eben nicht mit dem Vorsatz absoluter Werktreue. Wie das Zitat verdeutlicht, nutzt die Filmkunst andere Möglichkeiten, Geschichten zu präsentieren als die Literatur und dieser Medienwechsel bringt automatische Veränderungen mit sich, die im Folgenden aufgeführt werden und die es bei der Bewertung von Literaturverfilmungen stets zu bedenken gilt:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung etabliert die Problematik der Werktreue bei Literaturverfilmungen und formuliert die These, dass interpretative Transformation anstelle sklavischer Treue für gelungene Adaptionen notwendig ist.
2 Literaturverfilmung und Werktreue: In diesem Kapitel werden die theoretischen Grundlagen des Medienwechsels sowie Bazins Konzept der indirekten Werktreue als Maßstab für adäquate Literaturverfilmungen erläutert.
2.1 Das Problem des Medienwechsels: Es wird die Unmöglichkeit einer absoluten Werktreue aufgrund der verschiedenen semiotischen Systeme von Literatur und Film sowie praktischer Produktionsfaktoren aufgezeigt.
2.2 Indirekte Werktreue nach Bazin: Hier wird Bazins Theorie vorgestellt, wonach nicht die detailgetreue Nachbildung der Handlung, sondern die Übertragung des Geistes und Sinns eines Werkes das Ziel sein muss.
3 Der Tod in Venedig: Vergleich Novelle und Film: Das Kapitel leitet die Analyse des konkreten Fallbeispiels ein, bei dem Viscontis Adaption von Thomas Manns Novelle im Zentrum steht.
3.1 Handlungsebene: Es wird untersucht, inwiefern Visconti die Handlungsabfolge der Vorlage beibehält, dabei aber den Protagonisten inhaltlich modifiziert.
3.2 Deutungsebene: Die Analyse konzentriert sich auf Viscontis Einsatz von Rückblenden und Symbolen, um das innerliche Ringen und den Verfall des Protagonisten adäquat filmisch umzusetzen.
3.3 Erzählperspektive: Dieser Abschnitt zeigt auf, wie durch Kameraführung und visuelle Gestaltung der Wechsel zwischen personaler Identifikation und auktorialer Distanz, analog zur Vorlage, gelingt.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und bestätigt, dass Viscontis Werk durch künstlerische Eigenleistung ein Standardbeispiel für gelungene, kreative Literaturadaption darstellt.
Schlüsselwörter
Literaturverfilmung, Werktreue, Medienwechsel, Intermedialität, André Bazin, Transformation, Thomas Mann, Tod in Venedig, Luchino Visconti, Rückblenden, Erzählperspektive, Filmanalyse, Adaption, Ästhetik, Symbolik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der kritischen Bewertung von Literaturverfilmungen und hinterfragt den häufig erhobenen Anspruch, dass ein Film dem Buch sklavisch treu folgen müsse.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Filmtheorie der Adaption, der Prozess des Medienwechsels von Text zu Bild sowie die konkrete vergleichende Analyse von Thomas Manns Novelle und Viscontis Film.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist der Nachweis, dass eine „gelungene“ Verfilmung durch interpretative Transformation statt durch bloße Kopie der Handlung erreicht wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, gestützt auf filmtheoretische Konzepte von André Bazin und Helmut Kreuzer, um die filmischen Mittel im Vergleich zur literarischen Vorlage zu bewerten.
Welche Inhalte umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Medienwechsels sowie eine dreigeteilte Analyse (Handlung, Deutung, Perspektive) des Films „Tod in Venedig“.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Kern der Arbeit zusammenfassen?
Wichtige Begriffe sind Literaturverfilmung, Werktreue, Medienwechsel, Transformation und die spezifische filmische Erzählweise bei Luchino Visconti.
Warum ist der Medienwechsel von einem Roman zum Film problematisch?
Aufgrund der unterschiedlichen medialen Möglichkeiten – ein Roman ist ein verbales Medium, der Film ein multi-track Medium – sind Veränderungen in der Darstellung unumgänglich, was eine absolute Werktreue unmöglich macht.
Welche Bedeutung haben die Rückblenden in Viscontis Film für die Interpretation?
Die Rückblenden ermöglichen es Visconti, Motive und Symbolik, die in der Novelle oft durch Erzählerkommentare vermittelt werden, visuell erfahrbar zu machen und den inneren Zustand Aschenbachs zu verdeutlichen.
Wie erreicht Visconti die Imitation der personalen Erzählstruktur?
Durch den gezielten Einsatz von Kameraführung, die Aschenbachs Blick spiegelt, unterbrochen von distanzierenden Aufnahmen, erzeugt er den gleichen Effekt von Identifikation und kritischer Distanz wie Thomas Mann im Text.
- Arbeit zitieren
- Natalja Fischer (Autor:in), 2013, Literaturverfilmung und Werktreue. „Tod in Venedig“ im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314503