Jugendliche an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben

Die Wechselwirkungen zwischen den Sozialisationsprozessen und der beruflichen Integration


Bachelorarbeit, 2015
59 Seiten, Note: 5,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

Einleitung

1. Lebensphase Jugend
1.1 Jugend - eine Begriffserklärung
1.2 Fazit zur Lebensphase Jugend

2. Sozialisation im Jugendalter im Kontext zur Berufswahl
2.1 Definition „Sozialisation“
2.2 Entwicklungsaufgaben im Jugendalter
2.3 Sozialisationsprozesse Jugendlicher
2.3.1 Sozialisationsinstanz Schule
2.3.2 Sozialisationsinstanz Familie
2.3.3 Sozialisationsinstanz Peergroup
2.3.4 Sozialisation in der Öffentlichkeit und Politik
2.4 Fazit zu den Sozialisationsprozessen

3. Jugendliche an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben
3.1 Orientierungs- und Berufswahlprozesse Jugendlicher an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben
3.1.1 Berufswahl- und Orientierungsprozesse
3.1.2 Berufswahl als Entwicklungsprozess
3.1.3 Typologische Berufswahltheorie
3.1.4 Entwicklungspsychologische Perspektive
3.1.5 Berufswahlprozess im Kontext der Sozialisation
3.2 Fazit zu den Berufswahl- und Orientierungsprozesse Jugendlicher

4. Berufswahl Jugendlicher im Kontext der Sozialisation und Berufsorientierung
4.1 Interaktionen zwischen den Sozialisationsinstanzen und Jugendlichen im Berufswahlprozess
4.2 Schulische Qualifikation im Kontext zur beruflichen Integration
4.2.1 Die Phase des Übergangs ins Erwerbsleben
4.3 Berufswahl im Kontext der Sozialisation
4.4 Fazit zu Jugendlichen im Berufswahlprozess im Kontext der Sozialisation

5. Bezug zur Sozialen Arbeit
5.1 Herausforderungen für die Soziale Arbeit im Kontext der Integration von Jugendlichen in den Arbeitsprozess
5.2 Welche Jugendlichen benötigen Unterstützung bei der beruflichen Eingliederung?
5.3 Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit im Kontext der beruflichen Integration Jugendlicher
5.3.1 Offene Jugendarbeit
5.3.2 Jugendberatungsstellen
5.3.3 Sozialpädagogische Wohngruppen
5.3.4 Elternarbeit
5.3.5 Schulsozialarbeit
5.3.6 Berufliche Integration am Beispiel des Integrationsprogramms Funtauna
5.4 Fazit zur Sozialen Arbeit mit Jugendlichen an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben

Erkenntnisse

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

Abstract

Ausgangslage:

In Relation mit den fortwährend steigenden gesellschaftlichen Erwartungen, steigen auch die schulischen Anforderungen. Zudem entstanden vermehrt verschiedene Berufsfelder, was die Orientierung und Entscheidung, in welche Richtung der weitere Lebensweg führen soll erschwert.

Die Jugendphase ist ein Lebensabschnitt in dem relevante Weichen für das spätere Leben als erwachsene Person gestellt werden. In dieser Phase bewegen sich Jugendliche in den Sozialisationsinstanzen wie der Familie, der Schule und Peergroup. Dabei findet fortwährend eine Interaktion zwischen Umwelt und Individuum statt, welche einen Einfluss auf die Berufswahl des Individuums nehmen kann.

Diese Arbeit setzt sich mit den Herausforderungen von Jugendlichen in der Phase des Berufswahl- und Orientierungsprozesses auseinander und wie die Soziale Arbeit Jugendliche zur erfolgreichen beruflichen Integration verhelfen kann.

Ziel:

Auf die Berufswahl, sowie deren Entscheidungs- und Orientierungsprozessen von Jugendlichen können verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. Das Ziel dieser Arbeit ist zu erörtern wie die Wechselwirkungen zwischen den Sozialisationsprozessen, der beruflichen Integration und des Handlungsspektrums der Sozialen Arbeit erfolgen. Aufgrund dieser Zielsetzung, lässt sich die Fragestellung wie folgt zusammenfassen:

- Welche Wechselwirkungen zwischen den Sozialisationsprozessen und der beruflichen Integration von Jugendlichen finden statt, sowie welche Unterstützungsmöglichkeiten bestehen durch die Soziale Arbeit?

Es wird davon ausgegangen, dass die Sozialisationsprozesse einen wichtigen Einfluss auf die Berufswahl- und Orientierungsprozesse der Jugendlichen haben. Dabei wird versucht zu ergründen, wie die Soziale Arbeit Jugendlichen mit geringeren Ressourcen und Möglichkeiten erfolgreich zur beruflichen Integration verhelfen kann.

Vorgehensweise:

Die Bachelorarbeit ist in drei Teile, den jeweiligen Themenschwerpunkten, gegliedert. Im ersten Teil werden die Sozialisationsprozesse dargestellt. Überdies wird auf die verschiedenen Sozialisationsinstanzen eingegangen und die Jugend als Lebensphase definiert. Dabei werden bereits erste Zusammenhänge mit der Berufswahl aufgezeigt.

Der zweite Teil setzt sich spezifisch mit Jugendlichen an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben auseinander. Der Fokus liegt dabei auf den Berufswahl- und Orientierungsprozessen, die aus den Perspektiven der Typologischen Theorie und der Entwicklungstheorien aufgezeigt werden. Die Abrundung des zweiten Teils erfolgt durch die Auseinandersetzung über Berufswahlprozesse im Kontext der Sozialisation. In diesem Teil der Arbeit werden die Ergebnisse der vorangegangenen Themen miteinander verknüpft und es werden erste Schlüsse gezogen.

Im letzten Teil wird erörtert, welche Angebote im Bereich der Sozialen Arbeit Jugendlichen zur Verfügung stehen, um einen erfolgreichen Start ins Berufsleben zu ermöglichen. In diesem Kontext wird auch festgehalten, wie die Soziale Arbeit Individuen im Berufswahl- und Orientierungsprozess optimal begleiten und unterstützen kann. Des Weiteren werden verschiedene Möglichkeiten für Jugendliche aufgezeigt, die noch keine Lehrstelle gefunden haben.

Erkenntnisse:

Die Jugendphase wird als Moratorium, somit als Schonraum zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter, definiert. Das bedeutet, dass die Jugendphase eine sehr bewegte Phase ist, denn in diesem Lebensabschnitt findet nicht nur die Persönlichkeitsentwicklung statt, sondern auch die Weichenstellung für das zukünftige Berufsleben. Damit einher, gehen auch die Berufsorientierungs- und Entscheidungsprozesse, welche kein einfaches Unterfangen sind. In diesem Prozess nehmen die Sozialisationsinstanzen, wie die Familie und die Schule eine wichtige Rolle ein.

Die Soziale Arbeit kann im Hinblick zu einer erfolgreichen beruflichen Integration Jugendlicher an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben einen wichtigen Beitrag leisten. Bei der Unterstützung Jugendlicher soll die Partizipation und das Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe berücksichtigt werden, damit die Jugendlichen sich zu einem autonomen Leben als erwachsene Personen entwickeln können.

Wichtige Erkenntnisse dieser Arbeit sind, dass die Verknüpfungen der drei Hauptstränge „Sozialisationsprozesse“, „Berufliche Integration“ und „Handlungsspektrum der Sozialen Arbeit“ aufzeigen, wie verwoben diese bei der Berufsfindung Jugendlicher in Wechselwirkung stehen. So stehen die zentralen Sozialisationsinstanzen im direkten Kontext zur Berufswahl Jugendlicher, da der Schule zum Beispiel die Aufgabe der Selektion und Allokation zukommt. Die Sozialisationsinstanzen prägen jedoch auch die Persönlichkeit des Individuums und können so berufsweisend sein, da die spezifischen Berufsfelder individuelle Anforderungen und Eigenschaften erwarten. Professionelle der Sozialen Arbeit stellen niedrigschwellige Angebote zur Verfügung und können Jugendlichen in den Berufsprozess begleiten und als neutrale Ansprechpersonen zu Verfügung stehen.

Literaturquellen (Auswahl):

Fink, Christina. (2011). Der Übergang von der Schule in die berufliche Ausbildung. Perspektiven für die kommunale Bildungslandschaft. 1. Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Springer Fachmedien, Wiesbaden GmbH.

Hurrelmann, Klaus & Quenzel, Gudrun. (2013). Lebensphase Jugend. Eine Einführung in die sozialwissenschaftliche Jugendforschung. 12. Auflage. Beltz Juventa Verlag, Weinheim und Basel.

Hurrelmann, Klaus. (2012). Sozialisation. Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung. 10. Vollständig überarbeitete Auflage. Beltz Verlag, Weinheim und Basel.

Oechsle, Mechtild; Knauf, Helen; Maschetzke, Christiane & Rosowski, Elke. (2009). Abitur und was dann? Berufsorientierung und Lebensplanung junger Frauen und Männer und der Einfluss von Schule und Eltern. 1. Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.

Zimmermann, Peter. (2000). Grundwissen Sozialisation. Einführung zur Sozialisation im Kindes- und Jugendalter. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.

Einleitung

Die Berufswahl- und Orientierungsprozesse Jugendlicher an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben ist ein dauernd aktuelles Thema, aufgrund dessen, dass sich jedes Individuum mindestens einmal im Leben in dieser Situation befindet. So kann die Berufsfindung auch als Entwicklungsaufgabe im Jugendalter betrachtet werden, denn zum Übertritt in das Leben einer autonomen erwachsenen Person, die den Lebensunterhalt selber tragen kann, ist ein Erwerbsleben unabdingbar.

Die beruflichen Leistungsanforderungen steigen fortwährend, damit gehen auch höhere schulische Anforderungen einher. Gleichzeitig entstehen immer mehr neue Berufsfelder. In diesem Kontext müssen sich Jugendliche an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben einigen Herausforderungen stellen. Welchen Herausforderungen haben sich Jugendliche in der Phase der Berufswahl- und Orientierungsprozessen zu stellen? Was für Möglichkeiten für eine gelingende berufliche Integration gibt es für Jugendliche die nur eine geringe schulische Qualifikationsstufe erlangen können? Wie wirken sich die erlebten Sozialisationsprozesse auf die oben genannten Prozesse aus?

Das ist die Basis für diese Arbeit, die sich damit auseinander setzt, welche Unterstützungsmöglichkeiten für eine erfolgreiche berufliche Integration die Soziale Arbeit bieten kann und zwischen welchen Wechselwirkungen Jugendliche in dieser Passage stehen.

Aufbau und Vorgehen

Die Bachelorarbeit ist in drei Schwerpunkte gegliedert, nämlich in "Sozialisationsprozesse", "Berufliche Integration" und "Handlungsspektrum der Sozialen Arbeit". Im ersten Teil, den Kapiteln eins und zwei, werden die zentralen Begriffe „Jugend“ und „Sozialisation“ definiert. Des Weiteren wird die Jugendphase und die in diesem im Kontext stehenden Sozialisationsprozessen differenziert veranschaulicht, aber auch welche Entwicklungsaufgaben Individuen in der Lebensphase Jugend zu bewältigen haben. Der Fokus im ersten Teil liegt dabei auf den verschiedenen Sozialisationsprozessen im Kontext der Sozialisationsinstanzen und wie sich diese auf die Berufswahl- und Orientierungsprozesse Jugendlicher auswirkt.

Da sich die Arbeit mit Jugendlichen im Berufswahl- und Orientierungsprozess befasst, werden Jugendliche an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben ins Zentrum gestellt.

Der zweite Teil der Arbeit, Kapitel drei und vier, befasst sich spezifisch mit der Thematik von Jugendlichen an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben. Dabei werden die verschiedenen Prozesse der Berufswahl und deren Orientierung aufgezeigt, aber auch ob sich die Berufswahl als Entwicklungsprozess äussert. Im Kapitel drei wird somit die entwicklungspsychologische Perspektive aufgezeigt. Bei den verschiedenen Orientierungs- und Berufswahlprozessen separieren sich unterschiedliche Typen, auf die differenziert eingegangen wird. Am Schluss des dritten Kapitels werden bereits Bezüge zwischen der Sozialisation und dem Berufswahlprozess hergestellt, woraus resultiert, dass sich das vierte Kapitel vertieft mit den Verknüpfungen der Sozialisation und der Berufsorientierungen beschäftigt. Dabei werden die verschiedenen Interaktionen aufgezeigt.

Der dritte Teil, das Kapitel fünf, stellt die Bezüge zur Sozialen Arbeit her. Dabei stehen die Herausforderungen der Sozialen Arbeit, aber auch die Risikogruppen von nichtgelingender beruflichen Integration unter den Jugendlichen im Vordergrund. Die Jugendlichen, welche den Übergang von der Schule ins Erwerbsleben nicht auf Anhieb bewältigen können, finden möglicherweise Unterstützung bei Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern. Aufgrund dessen werden im Anschluss die verschiedenen Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit, die im Kontext der beruflichen Integration von Jugendlichen stehen, vorgestellt. Die Abrundung der Bachelorarbeit mündet im Erkenntnisteil, der sich mit den erworbenen Erkenntnissen und Verknüpfungen der drei Schwerpunkte auseinander setzt.

Fragestellung

Wie bereits zu Beginn der Einleitung erläutert, beleuchte die Arbeit die Berufswahl- und Orientierungsprozesse Jugendlicher. Da Jugendliche in diesem Lebensalter mit den Sozialisationsinstanzen in Interaktion stehen, ziehen sich durch die Bachelorarbeit die drei Hauptstränge "Sozialisationsprozesse", "Berufliche Integration" und "Handlungsspektrum der Sozialen Arbeit". Daraus erfolgt die folgende Fragestellung:

- Welche Wechselwirkungen zwischen den Sozialisationsprozessen und der beruflichen Integration von Jugendlichen finden statt, sowie welche Unterstützungsmöglichkeiten bestehen durch die Soziale Arbeit?

Die Fragestellung beschränkt sich auf Jugendliche an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben. Hierbei handelt es sich um Jugendliche in der Altersspanne von 15 bis 20 Jahre. Diese Altersspanne wurde gewählt, weil Jugendliche ab 15 Jahren sich mit dem zukünftigen Berufsweg auseinandersetzen müssen, da sie in diesem Alter aus der obligatorischen Schule austreten und einen beruflichen Weg einschlagen sollen. Die Altersspanne wurde bis 20 Jahre gesetzt, da die meisten Jugendlichen sich bis zu diesem Alter für einen beruflichen Weg, wie zum Beispiel für eine Berufslehre, entscheiden konnten.

Mit der Frage der Wechselwirkungen soll erörtert werden, wie die Sozialisationsprozesse die Berufswahl, sowie die Orientierungsprozesse möglicherweise beeinflussen können. Des Weiteren soll mit dieser Fragestellung, der Frage nachgegangen werden, wie Professionelle der Sozialen Arbeit, Jugendliche im Prozess der beruflichen Integration unterstützen können.

Ziel

Das Ziel dieser Arbeit ist, zu erörtern welche Wechselwirkungen zwischen den drei Hauptsträngen, „Sozialisationsprozesse“, berufliche Integration“ und „Handlungsspektrum der Sozialen Arbeit“ bestehen. Insbesondere wie sich die Sozialisation auf die Berufswahl- und Orientierungsprozesse Jugendlicher an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben auswirken können.

Für Professionelle der Sozialen Arbeit soll diese Bachelorarbeit die verschiedenen Faktoren, die für Jugendliche im Berufswahl- und Orientierungsprozess eine Rolle spielen, aufgezeigt werden. Dabei werden die Herausforderungen für die Soziale Arbeit im Kontext der beruflichen Integration von Jugendlichen dargelegt.

1. Lebensphase Jugend

Die Fragestellung bezieht sich auf die Wechselwirkungen zwischen Sozialisationsprozessen und der beruflichen Integration von Jugendlichen. Dabei liegt der Fokus auch auf den verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten durch die Soziale Arbeit. Die Fragestellung fokussiert insbesondere eine spezifische Altersgruppe, nämlich Jugendliche an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben.

Im Folgenden soll die Lebensphase "Jugend" aus verschiedenen Blickrichtungen beleuchtet werden. Dabei liegt der Fokus darauf, welche Einflussfaktoren die Sichtweise Jugendlicher lenken. Gleichermassen geht es um die Frage, welche Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben bearbeitet werden müssen und wie diese in den Kontext von Sozialisationsprozessen gestellt werden.

1.1 Jugend - eine Begriffserklärung

Der Begriff Jugend wird von verschiedenen Autoren und Jugendforschern unterschiedlich definiert, auf die im Folgenden eingegangen wird. Zimmermann (2000) beschreibt die Jugend als eine Entwicklungsphase im Lebenszyklus jedes Individuums, die mit dem Alter von 13 Jahren beginnt. Des Weiteren wird die Jugendphase als eine Lebensphase die im Kontext von sozialen Gruppen, in denen typisches, jugendliches Verhalten beobachtet werden kann, definiert (vgl. S. 146). „Am häufigsten wird die Jugend als eine Übergangsphase zwischen Kindheit und Erwachsensein und als bestimmte Altersphase in einer Spanne zwischen 13 und ca. 25 Jahren bezeichnet (...) wobei die Ränder dieser Spanne sehr unscharf sind“ (Zimmermann, 2000, S. 146). Die Definition der Lebensphase „Jugend" ist noch nicht sehr alt, obwohl es diese Lebensphase schon immer gegeben hat. Sie wurde erst von der Gesellschaft so definiert. So erklären Hurrelmann und Quenzel (2013): „Der gewachsene Stellenwert von „Jugend" im menschlichen Lebenslauf ist massgeblich auf die kontinuierliche zeitliche Ausdehnung dieser Lebensphase zurückzuführen. Noch um 1900 war Jugend als eine eigene Phase im menschlichen Lebenslauf nicht zu identifizieren und spielte in der öffentlichen Wahrnehmung keine Rolle (Ariès 1975). Zwar hat es Jugend als Ausprägung der biologischen und psychologischen Entwicklung eines Menschen im Übergang vom Kind zum Erwachsenen auch seinerzeit gegeben. Diese Ausprägung wurde als kulturell und gesellschaftlich nicht so wahrgenommen und ausgestaltet, dass sie einen eigenen Lebensabschnitt konstituierte. Die vorherrschende Vorstellung war, dass ein Kind ohne eine biographische Zwischenphase direkt in das Erwachsenenleben übergeht“ (vgl. 2000, S.19). Dies weist darauf hin, dass es den Schonraum zwischen Kindheit und Erwachsenenalter - das Moratorium - aus Sicht der Gesellschaft noch nicht gab. Die Jugendlichen mussten zu Hause arbeiten, denn sie waren nicht wie in der heutigen Gesellschaft eine soziale und emotionale Bereicherung des Lebens der Eltern, sondern waren Hilfskräfte im Haus und/oder Hof (vgl. Hurrelmann und Quenzel, 2013, S.12). Hurrelmann und Quenzel beschreiben, dass es früher keine biographische Zwischenphase gab und die Kinder direkt ins Erwachsenenalter übergingen. Das Erwachsenalter besteht aus einer umfassenden Selbstverantwortung und Autonomie, was bedeutet, dass bereits ins Erwerbsleben eingestiegen wurde und die Integration in die Berufswelt somit bereits stattfand. Die Gesellschaft hat sich gewandelt und somit auch die Anforderungen und Prozesse vom Kind zum Erwachsenen.

So beschreiben Niederbacher und Zimmermann (2011) die Jugendphase als Moratorium zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter, weil es die Übergangsphase vom unselbständigen Kind zum selbständigen Erwachsenen ist. In der Kindheit besteht eine weitgehende Bevormundung, um das Kind vor Selbstgefährdung zu schützen. Jugendliche werden immer weniger bevormundet, doch ihre Existenz wird noch nicht selbst gestaltet. Die Jugendzeit ist ein stetiger Prozess zu mehr Selbständigkeit und Verantwortung, aber auch ein Ablösungsprozess von den Eltern. Die Jugendphase mündet schliesslich im Erwachsenenalter, in welcher eine umfassende Selbstverantwortung und moralisch geforderte Fremdsorge zu tragen kommt (vgl. S. 134). Zu Selbstverantwortung und Selbstsorge gehört auch, dass Erwachsene ihren Lebensunterhalt selber decken können. Dies bedarf ein Einkommen, das beim Nachgehen einer Erwerbsarbeit erzielt werden kann. Somit bedeutet dies, dass die Jugendzeit dann abgeschlossen ist, wenn der Übergang von der Schule ins Erwerbsleben gelungen ist. Wie Niederbacher und Zimmermann (2011), beschreiben auch Hurrelmann und Quenzel (2013), dass diese Lebensphase durch den Übergang vom unselbständigen Kind zum selbständigen und autonomen Erwachsenen gekennzeichnet ist. Beendet ist die Jugendphase erst, wenn in allen notwendigen Handlungsbereichen eine komplette oder sogar vollständige Stufe an Autonomie erreicht wird (vgl. S. 40). Übereinstimmend definieren Sander und Witte (2011) den Jugendbegriff, obwohl sie ihn als mehr differenziert betrachten, denn nach ihrer Sicht wird die Jugendphase als eine Zeitspanne in der Biografie mit der Möglichkeit zur Entwicklung, welcher die Gesellschaft den Heranwachsenden bietet, betrachtet. Die Jugend wird aber auch als Erziehungsaufgabe, als gesellschaftliches Problem oder aus der entwicklungs-psychologischen Perspektive als Reifephase definiert. Zu den relevanten gesellschaftlichen Voraussetzungen einer peerorientierten und kulturellen Jugendphase haben bestimmte Institutionen, wie zum Beispiel die Schule, eine wichtige Bedeutung. Diese Institutionen wirken als Kristallisationskerne von Gleichaltrigenkulturen. Zudem werden Heranwachsende erst zu Jugendlichen, nachdem sie eine eingeschränkte Freistellung von Arbeit, Familie und Verantwortlichkeit, aber auch über eine gewisse Autonomie der Lebensführung erhalten. Die Lebensphase Jugend, auch Adoleszenz genannt, befindet sich im Bildungsmoratorium. Somit ist die Adoleszenz ebenfalls auf Bildung und Vorbereitung auf den Erwachsenenstatus ausgerichtet (vgl. Sander und Witte, 2011, S. 658). Die Lebensphase „Jugend" erklärt sich als Prozess vom unselbständigen Kind zum selbständigen Erwachsenen. Dabei wird den Heranwachsenden immer mehr Verantwortung und Selbstbestimmung übertragen, bis sie ihr Leben schliesslich selber gestalten und meistern können.

Die Anforderungen in den heutigen Grundschulen sind gegenüber früher gestiegen und so beschreibt die Shell Jugendstudie die aktuelle Jugendgeneration als Generation mit viel Ehrgeiz und Zähigkeit. Um den verschiedenen Anforderungen gerecht zu werden, müssen die heutigen jungen Menschen empirisch, fleissig und durch wechselseitige Unterstützung vorangehen, um die an sie gestellten Erwartungen zu erfüllen (vgl. Shell Jugendstudie, 2011, S. 15). In der Shell Jugendstudie wurde deutlich, dass das Moratorium ein Schonraum für Menschen zwischen dem Kindes- und Erwachsenenalter ist. Einige Jugendliche versuchen sich nach der Shell Jugendstudie von den hohen Anforderungen zu schützen, indem sie oftmals die Lebenseinstellung haben, auf eher gelassene Art den Dingen ihren Lauf zu lassen und zu sehen was auf sie zukommt. Doch nicht allen Jugendlichen gelingt es, diese Lockerheit an den Tag zu legen. Die Shell Jugendstudie entwickelt dazu folgende Erklärungen: „(...) eine bildungsferne Herkunft führt noch immer mit einer scheinbar unausweichlichen Dynamik dazu, sich auch selber keine hinreichenden Bildungsvoraussetzungen für eine sichere Perspektive aneignen zu können. Hinzu kommen zunehmend schwerer vorstellbare Risiken in Beruf und alltäglicher Lebensführung, die sich mit Konkurrenz und Individualisierung paaren. Unbekümmertheit kann unter diesen Umständen dann auch schnell zu Ausweichen, Abtauchen oder zu Aggressionen und Verweigerung führen und Jugendliche aus der Balance bringen. Besonders anfällig hierfür sind Jugendliche aus den unteren sozialen Schichten sowie diejenige, die über keine stabile Netzwerke im persönlichen Nahbereich verfügen, die Rückhalt und Schutz bieten und Lebensfreude vermitteln“ (Shell Jugendstudie, 2011, S. 15).

Die Brisanz fehlender stabiler Netzwerke wird in diesem Zitat eindrücklich hervorgehoben und weist damit auf die Wichtigkeit gelingender Sozialisationsprozesse hin, vor allem hinsichtlich der Auswirkungen auf den Übergang zwischen Schule und Erwerbsleben. Damit einher geht auch der Hinweis, dass die Sozialisation eines Individuums seine Sichtweise, aber auch seinen Berufswahlprozess beeinflussen kann.

Albert, Hurrelmann und Quenzel (2011) erklären den Leistungsdruck, der auf den Heranwachsenden lastet auch aufgrund dem gesellschaftlichen und politischen Wandel. Dieser Anforderungsdruck „(...) beziehe sich ganz allgemein auf die Ausgestaltung des eigenen Lebensentwurfs angesichts unsicherer Berufsperspektiven; es bezieht sich auf die Schwierigkeiten, in einem von Leistungsmerkmalen geprägten Umfeld Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren, und er bezieht sich nicht zuletzt auch auf die Altersvorsorge der heute jungen Menschen. Unter diesen Bedingungen ist es für sie schwierig, eine pragmatische Herangehensweise zu verfolgen und eine den Verhältnissen entsprechende individuelle Erfolgsstrategie zu entwickeln und zu leben“ (Shell Jugendstudie, 2011, S. 37).

Das leistungsgeprägte Umfeld zeigt sich nicht nur darin, Beruf und Familie zu kombinieren, denn vielen jungen Menschen reicht es nicht mehr aus, eine einfache Lehre zu absolvieren. Die Entwicklungsanforderungen nach der Shell Jugendstudie decken auf, dass Zuverlässigkeit, Sicherheit und Ordnung für Heranwachsende eine grosse Bedeutung haben. So sind sie bereit, sich den modernen Leistungserwartungen zu beugen und sich in geltende Gefüge zu assimilieren. Dies zeigt sich vor allem darin, dass die Bildungszeit viel länger dauert und Individuen heutzutage lange im Bildungssystem bleiben, damit sie mehr Zertifikate erwerben, damit qualifizierter sind und somit höhere Chancen haben, in Beschäftigungsverhältnisse einzusteigen (vgl. Shell Jugendstudie, 2011, S. 38). Leider erhält nicht jeder Jugendliche die Chance sich hoch zu qualifizieren und trotz guter Ausbildung ist eine gute Anstellungsbedingung nicht garantiert. So ist die Lebensphase Jugend nach der Shell Jugendstudie „(...) zu einem Abschnitt der strukturellen Unsicherheit und Zukunftsungewissheit geworden“ (Shell Jugendstudie, 2011, S. 38).

Die Lebensphase Jugend ist nicht nur die Phase zwischen Kindheit und Erwachsenen, sowie die Zeit, in der Jugendliche für den Eintritt ins Erwerbsleben qualifiziert werden, sondern auch eine relevante Zeitspanne in der spezifische Entwicklungen bzw. Entwicklungsaufgaben zu durchgehen sind. Havighurst (1953) beschreibt den Begriff „Entwicklungsaufgabe" als ein „(…) bewältigen von körperlichen, psychischen, sozialen und ökologischen Anforderungen in individuelle Verhaltensprogramme. Entwicklungsaufgaben beschreiben die für die verschiedenen Altersphasen konstitutiven gesellschaftlichen Erwartungen, die an Individuen der verschiedenen Altersgruppen herangetragen werden“ (vgl. Havighurst, 1953, in Hurrelmann und Quenzel, 2013, S. 27-28). Hurrelmann und Quenzel legen dabei ihren Fokus auf vier zentrale Entwicklungsaufgaben, nämlich dem „Qualifizieren", dem „Binden", dem „Konsumieren" und dem „Partizipieren". Bei der „Qualifikation" geht es um die Aneignung der verschiedenen Eigenschaften, die für den Eintritt ins Erwerbsleben bzw. die spezifischen beruflichen Anforderungen des zukünftigen Berufes nötig sind. Unter der Entwicklungsaufgabe „Binden" wird nicht nur die Bindung zu den Eltern verstanden, sondern auch die soziale und emotionale Ablösung von ihnen. Damit einher geht auch die Begabung selbst in die Rolle der Eltern zu schlüpfen und eine eigene Familie zu gründen. Das „Konsumieren" ist die Entwicklung der Fähigkeiten im Umgang mit Konsum von Medien und Wirtschaftsangeboten, Umgang mit Geld, sowie der Entwicklung von sozialen Kontakten.

Die Entwicklungsaufgabe „Partizipation" steht für die Aneignung eines "individuellen Werte- und Normensystems und der Fähigkeit zur politischen Partizipation" (vgl. S. 28).

1.2 Fazit zur Lebensphase Jugend

Die Lebensphase „Jugend" hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt und eine neue Bedeutung erlangt. Mit dem Wandel in der Gesellschaft hat sich nicht nur die Jugend gewandelt, sondern auch die Erwartungen und Anforderungen an sie, welche immer grösser werden. Nicht alle Jugendliche kommen mit dem gesteigerten Leistungsdruck klar, sei es, weil sie nicht so qualifiziert sind oder weil sie aus geringeren sozialen Schichten kommen und somit weniger materielle Mittel zur Verfügung haben, um die gleiche Qualifikation zu erreichen. Der Integrationsprozess Jugendlicher ins Erwerbsleben ist von verschiedenen Faktoren abhängig, insbesondere von den primären und sekundären Sozialisationsinstanzen. Des Weiteren werden auch die Sichtweisen Jugendlicher von unterschiedlichen Einflussfaktoren und Umwelten geprägt. In der heutigen Jugendphase nehmen die verschiedenen Sozialisationsinstanzen wie Schule, Familie und Peers eine wichtige Rolle ein. Die Sozialisationsprozesse stehen so eng im Zusammenhang mit der Lebensphase Jugend. Im nächsten Kapitel wird deshalb die Sozialisation im Kontext von Jugendlichen an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben genauer beleuchtet.

2. Sozialisation im Jugendalter im Kontext zur Berufswahl

Der Sozialisationsprozess und das Umfeld der Individuen haben auf die Berufswahl Jugendlicher eine relevante Auswirkung. In diesem Kapitel wird erörtert, wie sich die Sozialisationsprozesse auf Jugendliche an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben auswirken, sowie welche Entwicklungsaufgaben von Heranwachsenden in dieser Lebensphase erreicht werden müssen. Zu Beginn des Kapitels wird der Begriff Sozialisation genau definiert.

2.1 Definition „Sozialisation“

Der Begriff „Sozialisation“ kann differenziert erklärt werden, da sich verschiedene Fragen mit dem Begriff auseinander gesetzt werden. Zimmermann (2000) nennt die zentrale Frage, die den Begriff erklärt mit: „Wie und warum wird aus einem Neugeborenen ein autonomes, gesellschaftliches Subjekt? Oder anders: Wie werden wir ein Mitglied der Gesellschaft?“ (S. 13). Dies kann so interpretiert werden, wie Individuen durch ihre gesellschaftlichen Lebensbedingungen in ihrem Empfinden, Denken und Handeln beeinflusst werden. Sich daneben jedoch auch von anderen Menschen zu unterscheiden, indem sie zu einzigartigen Individuen werden. Die Sozialisation Jugendlicher soll junge Menschen zu charakterlichen, selbstbestimmungsfähigen und handlungsfähigen Individuen entwickeln. Klaus Hurrelmann (2012) unterstützt die Aussage Zimmermanns dadurch, dass er den Begriff „Sozialisation“ mit Individuation in Verbindung bringt. In diesem Kontext von „eine einzigartige Persönlichkeit sein“, gleichermassen mit „zur Gesellschaft dazugehören“ (vgl. S. 13).

[...]

Ende der Leseprobe aus 59 Seiten

Details

Titel
Jugendliche an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben
Untertitel
Die Wechselwirkungen zwischen den Sozialisationsprozessen und der beruflichen Integration
Hochschule
Fachhochschule St. Gallen
Note
5,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
59
Katalognummer
V314587
ISBN (eBook)
9783668131279
ISBN (Buch)
9783668131286
Dateigröße
976 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugend, Sozialisation, Berufswahl, Soziale Arbeit, Integration, Erwerbsleben
Arbeit zitieren
Stefanie Donatsch (Autor), 2015, Jugendliche an der Schnittstelle zwischen Schule und Erwerbsleben, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314587

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