Anna Seghers "Der Ausflug der toten Mädchen". Analyse der Freunde, Feinde und der Heimat


Bachelorarbeit, 2015
21 Seiten, Note: A
Helene Koch (Autor)

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Anna Seghers im Exil

3. Der Ausflug der toten Mädchen
3.1. Handlung
3.2. Die Erzählerin vor dem Ausflug

4. Freunde und Feinde
4.1 Leni und Marianne
4.2 Die Mädchen und die jüdische Lehrerin
4.3 Misstrauen
4.4 Krieg

5. Heimat
5.1 Die Landschaft
5.2 Verbundenheit
5.3 Mainz
5.4 Die Toten bleiben jung

6. Die Erzählung im Kontext anderer Texte Anna Seghers

7. Zusammenfassung

Literatur

Primärliteratur:

Sekundärliteratur:

Tertiärliteratur:

Internetliteratur:

1. Einleitung

„Verankert in unseren Anschauungen des Rechts, glaubten wir an die Existenz eines deutschen, eines europäischen, eines Weltgewissens und waren überzeugt, es gäbe ein Maß von Unmenschlichkeit, das sich selbst ein für allemal vor der Menschheit erledige.“

Stefan Zweig, „Die Welt von Gestern“

Anna Seghers‘ „Der Ausflug der toten Mädchen“ gilt als ihre „heute wohl am meisten beachtete Erzählung“ (Zehl Romero, 1993, S. 86). Die, wie Seghers, 1972 in der DDR lebende Schriftstellerin Christa Wolf, zählte sie zu den „schönsten Erzählungen der modernen deutschen Literatur“ (zit. nach ebd., S. 7), Hilzinger (2000) bezeichnete sie als „eines der Meisterwerke deutschsprachiger Literatur“ (S. 120).

Die Rezeption hat im Wesentlichen drei Bereiche der Erzählung untersucht: den Inhalt, die Form und die Tatsache, dass sie die bisher einzig bekannte mit offen autobiographischen Anteilen ist:

Während Mayer (1962, S. 121) meinte, Seghers habe ein „Requiem“ für ihre zerstörte Vaterstadt und verstorbenen Mitschülerinnen, Lehrerinnen und, nicht zuletzt, ihre Eltern geschrieben, hob Albrecht (2005) hervor, dass „[…] das Werk auch Gericht über seine Gestalten [hält]“ (S. 253).

Cohen (1987) nannte die Verschachtelung verschiedener Zeitebenen in der Binnenerzählung „formale Kühnheit“ (S. 190). Auch Wolf (1970) zeigte sich fasziniert davon, wie Anna Seghers hier mehrere „Zeitschichten“ miteinander verbunden hat (zit. nach Albrecht, a.a.O., S. 544).

Im Gegensatz zu Seghers‘ sonstiger Haltung, dass die Erlebnisse und die Anschauungen eines Schriftstellers aus seinem Werk herauszulesen seien (Seghers, 1980, S. 411, zit. nach Zehl Romero, a.a.O., S. 12), enthält „der Ausflug der toten Mädchen“ eindeutig Autobiographisches. Zehl Romero ist der Ansicht, dass es Seghers dabei nicht um

„Selbstdarstellung“ gegangen sei, sondern darum, sich selbst als eine „zutiefst Betroffene“

(ebd., S. 87) zu zeigen. Christa Wolf, die Anna Seghers mehrfach interviewt hat, war davon überzeugt: „‘Der Ausflug der toten Mädchen‘ beschreibt nicht die Entscheidung, zu leben, er ist diese Entscheidung“ (Wolf, zit. nach Greiner, 1988, S. 87).

Wenn dies zutrifft, musste Anna Seghers, bevor sie den „Ausflug der toten Mädchen“ geschrieben hat, am Rande des für sie Erträglichen gestanden und eine Lebensmüdigkeit erreicht haben, die einer Entscheidung zum Weiterleben bedurfte. Wolf zufolge lag diese Entscheidung in dem Entschluss, diese autobiographisch gefärbte Erzählung zu schreiben.

Es ist naheliegend, dass Anna Seghers sich, wie wohl die meisten Exilierten, Gedanken gemacht hat über das Schicksal der in Deutschland Verbliebenen, insbesondere über das anderer Verfolgter. Darin muss das Nachdenken darüber enthalten gewesen sein, wie es ihr selbst dort ergangen wäre. Mit dem sich abzeichnenden Kriegsende, werden Gedanken hinzugekommen sein darüber, wie es sein wird in ihre frühere Heimat zurückzukehren, wie sie Land und Menschen vorfinden wird nach den vielen Jahren mit Terror, Unterdrückung, Vernichtung und Zerstörung in Deutschland.

Am Ende der Erzählung lässt Seghers die Erzählerin sagen: „Man hat uns nun einmal von klein auf angewöhnt, statt uns der Zeit demütig zu ergeben, sie auf irgendeine Weise zu bewältigen“ (S. 38). Meine These ist, dass Anna Seghers ihre eigene Krise in dem Moment bewältigt hatte, als sie wiederfand, wo sie an ihre alten Ideale anknüpfen konnte. Daraus ist diese kurze, komprimierte Geschichte über die Auseinandersetzung mit den für sie zentralen Themen der Zeit entstanden.

Mit welchen Fragen Seghers sich im Ausflug auseinandergesetzt hat und wie sie sie gestaltet, werde ich in der vorliegenden Bachelorarbeit nachzeichnen und versuchen zu zeigen, in welchem Verhältnis diese Auseinandersetzung zu der oben genannten Entscheidung steht.

2. Anna Seghers im Exil

Als Anna Seghers 1943 den Ausflug schrieb, hatte sie bereits zehn Jahre im Exil leben müssen. Die 1900 geborene Schriftstellerin war als Jüdin und Kommunistin in Nazi-Deutschland doppelt verfolgt; sie flüchtete daher bereits kurz nach dem Reichstagsbrand 1933 mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern nach Frankreich. Die folgenden Jahre waren geprägt von der permanenten Unsicherheit über die Entwicklung der politischen Situation in Europa, mit ständiger latenter Lebensgefahr für sie selbst, ihren Mann, ihre Kinder und ihre, im nationalsozialistischen Deutschland verbliebenen Eltern sowie der damit verbundenen Angst um alle. Die weitere Flucht von Marseille nach Mexiko 1941, war für ihre Familie wohl die letzte Möglichkeit, sich aus Europa in Sicherheit zu bringen.

Die Zeit vor der Ausreise, in der Seghers die Ausreisepapiere beschaffen musste, um ihren Mann aus dem französischen Konzentrationslager befreien zu können, muss dramatisch und strapaziös für Seghers gewesen sein. In einem Brief an Bodo Uhse schrieb sie: „Ich habe das Gefühl, ich wäre ein Jahr lang tot gewesen“ (Seghers, 1941, zit. nach ZR, a.a.O., S. 76).

In Mexiko erhielt die Schriftstellerin 1942 die Nachricht von der Deportation ihrer Mutter sowie von der Zerstörung ihrer Heimatstadt Mainz durch zwei große Luftangriffe. Im Juni 1943 erlitt sie selbst, als Folge eines Autounfalls, einen Schädelbruch mit nachfolgend mehrmonatigen Bewusstseins-, Gedächtnis- und Sehstörungen.

Man kann sich unschwer vorstellen, dass diese Häufung der Belastungen, zusammen mit ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigung nach dem Unfall, Anna Seghers‘ Lebensmut auf die Probe gestellt haben.

3. Der Ausflug der toten Mädchen

Berichten über ihre Zeit, um aus der Geschichte zu lernen. Dieser „befohlenen Aufgabe“ widmete sich Anna Seghers auch in „Der Ausflug der toten Mädchen“. Die 1943 entstandene, 32 Seiten lange Erzählung war die erste Arbeit, die die Autorin nach ihrem schweren Unfall fertigstellte. Den ursprünglich für die Geschichte vorgesehenen Titel: „Die Toten bleiben jung“ bekam stattdessen ihr nächster, 1949 herausgegebener Roman (Zehl Romero, 2003, S. 75). Seghers war der Überzeugung, dass das Erinnern an die durch eine fatale Gesellschaftsordnung Gestorbenen zur Schaffung einer besseren Gesellschaft beitragen könne.

3.1. Handlung

Die Erzählung besteht aus einer kurzen Rahmenhandlung, in der sich die Erzählerin in ihrem Exil in Mexiko befindet, und einer Binnenhandlung in einer Zeit vor 1914, in die sie traumwandlerisch zurückfindet und darin Mädchen ihrer Schulklasse bei einem Ausflug wiedererstehen lässt. Seghers beschreibt die Mädchen in ihrer Jugend sowie deren Werden und Sterben während der beiden Weltkriege. Insgesamt werden acht Schülerinnen und zwei Lehrerinnen näher porträtiert, wobei die Auseinandersetzung mit Marianne den größten Teil einnimmt. Dabei wechselt die Erzählposition zwischen der am Ausflug teilnehmenden und beobachtenden Ich-Erzählerin und der nachdenkenden, fragenden und kommentierenden Ich-Erzählerin der Entstehungszeit der Novelle. Von hier aus überblickt sie dreißig Jahre Geschichte; Genettes Erzähltheorie zufolge liegt Nullfokalisierung vor. Der Ausflug beginnt auf einer Rheinterrasse und führt über eine Dampferfahrt zurück in die Heimatstadt der Mädchen, Mainz. Am Ende nimmt die Erzählerin die Leser mit durch ihre zerstörte-unzerstörte Stadt heim zu ihrer toten-nicht toten Mutter. Doch bevor sie sich „von der Mutter umarmen lassen“ (S. 37) kann, löst die Vision sich auf und die Erzählerin findet sich in der Exil-Gegenwart wieder. Dort fällt ihr „der Auftrag [der] Lehrerin wieder ein, den Schulausflug sorgfältig zu beschreiben“ (S. 38).

3.2. Die Erzählerin vor dem Ausflug

Der Ausflug der toten Mädchen setzt sich mit den Auswirkungen der Herrschaft der Nationalsozialisten und des zweiten Weltkrieges auf Deutschland und seine Menschen auseinander. Vor diesem Hintergrund erscheint der Beginn der Erzählung symbolisch gestaltet: Die Ich-Erzählerin tritt direkt in die Geschichte ein; unwirklich, „phantastisch“ erscheint ihr ihre Exilsituation, die sie bis „nach Mexiko verschlagen“ hat. Ein mexikanischer Wirt sieht sie an, als käme sie „vom Mond“. Es ist das Jahr 1943. Der Krieg hat bereits große Schäden angerichtet, auch Anna Seghers Heimatstadt Mainz ist im Jahre zuvor beträchtlich durch Bomben zerstört worden. Man kann sich vorstellen, dass die Ruinen dort, wie die beschriebene mexikanische Landschaft, „kahl und wild wie ein Mondgebirge“ aussehen, „durch ihren bloßen Anblick jeden Verdacht [abweisend], je etwas mit Leben zu tun gehabt zu haben“ (S. 7).

Mit dieser symbolischen Verfremdung führt Seghers ihre Leser gleich auf der ersten Seite an den schwer erträglichen Themenkomplex um Krieg, Vernichtung und Schuld heran. Liest man es so, dann drückt die Autorin durch den Wirt Fassungslosigkeit angesichts der enormen Zerstörung aus: „er starrte bewegungslos das einzige an, was ihm unermeβliche, unlösbare Rätsel aufgab: das vollkommene Nichts“ (S. 7). Gleichzeitig lenkt sie damit die Aufmerksamkeit auf den folgenden Inhalt, die Auseinandersetzung mit diesen Rätseln, die allen Mädchen den Tod gebracht haben. „Das Nichts“ ist damit zugleich Ausgangspunkt der Erzählung und Endpunkt ihrer Leben.

Dann berichtet die Erzählerin weiter über sich, erklärt, dass sie „Monate Krankheit gerade hinter [sich hatte]“ und dass sie „mannigfachen Gefahren des Krieges“ entkommen war. Sie drückt ihre Erschöpfung aus, die sie zu häufigem Ausruhen zwingt; eine früher gekannte Unternehmungslust „ […] war längst gestillt, bis zum Überdruss. Es gab nur noch eine einzige Unternehmung, die mich anspornen konnte: die Heimfahrt“. Doch „trotz Schwäche und Müdigkeit“ will sie „herausfinden, was es mit dem Haus auf sich hatte“, auf das sie am Tage zuvor aufmerksam geworden war. Symbolisch kann ein Haus für Identität und Herkunft stehen und die Erzählerin gerät, wie im „Fieber“, in die ferne Zeit eines Schulausflugs, kurz vor Ausbruch des ersten Weltkrieges zurück, indem „ […] die Ferne sich klärte wie eine Fata Morgana“ (S. 7 ff.).

Die Ich-Erzählerin nimmt selbst an diesem Ausflug teil, wird wie früher „Netty!“ gerufen. Doch schickt sie gleich vorweg, dass sie nicht mehr „ . . . gesund . . ., jung, lustig, bereit zu dem alten Leben mit den alten Gefährten, [ist]“ (S. 10). Denn im Gegensatz zu den „Schulmädchen [… mit] ihren bunten Sommerkleidern, mit ihren hüpfenden Zöpfen und lustigen Kringeln […]“ (S. 15) ist sie nicht mehr unbeschwert. Sie trägt die Last des Wissens um dreißig Jahre Geschichte mit zwei Weltkriegen, hat Verfolgung und Flucht und die damit verbundenen Belastungen erlebt und spürt einen „schwere[n] Druck von Trübsinn, der auf jedem Atemzug [liegt]“ (S. 14).

Der Erzählerin scheint es „unmöglich“ zu verstehen, wie einst junge, heitere, fürsorgliche Menschen später herzlos und gemein werden konnten oder wie ihre geliebte, „vertraute“ Vaterstadt Mainz nun „völlig von Bomben zerstört“ sein sollte. Doch da sie entschlossen ist, das „Haus“ näher zu untersuchen, geht sie direkt auf die Fragen zu, die sie bewegen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Anna Seghers "Der Ausflug der toten Mädchen". Analyse der Freunde, Feinde und der Heimat
Hochschule
University of Agder  (Institutt for fremmedspråk og oversetting)
Note
A
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V314599
ISBN (eBook)
9783668132603
ISBN (Buch)
9783668132610
Dateigröße
455 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anna Seghers, Exilliteratur
Arbeit zitieren
Helene Koch (Autor), 2015, Anna Seghers "Der Ausflug der toten Mädchen". Analyse der Freunde, Feinde und der Heimat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314599

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