Inwieweit beeinflusst die emotionale Vernachlässigung in der Eltern-Kind-Beziehung die Entwicklung von Bindungsstörungen?


Bachelorarbeit, 2014
52 Seiten, Note: 1,5
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinitionen
2.1 Kindeswohlgefährdung
2.1.1 Vernachlässigung/ emotionale Vernachlässigung
2.2 Definition Bindung und Bindungsverhalten
2.3 Definition Bindungsstörung

3. Die Eltern-Kind Beziehung als Basis einer gesunden seelischen Entwicklung
3.1 Die Bindungstheorie nach John Bowlby
3.2 Die kindlichen Bindungsmuster: Entstehung und Bedeutung für das weitere Leben

4. Emotionale Vernachlässigung
4.1 Erkenntnisse zur Verbreitung von Vernachlässigung
4.2 Bedingungsfaktoren von Vernachlässigung
4.3 Bindungsstörungen und weitere Folgen von elterlicher Vernachlässigung für die psycho- soziale Entwicklung und die Beziehungsgestaltung

5. Bindungsstörungen
5.1 Typologien von Bindungsstörungen
5.2 Auswirkungen von Bindungsstörungen

6. Zwischenfazit

7. Sozialpädagogische Relevanz
7.1 Beispiel Bindungstheoretischer Arbeit in der Heimerziehung
7.2 Schlussfolgerungen für sozialpädagogische Fachkräfte

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Bedingungsfaktoren von Vernachlässigung ( Eigener Entwurf nach vgl. Galm, 2010, S.66 - 82, vgl. Gellert, 2007, S.23 - 37)

Tabelle 2: Auswirkungen von Bindungsstörungen (Eigener Entwurf nach vgl. Brisch 2010, S.160 - 183)

1. Einleitung

Kommt ein Kind in eine Kindertagesstätte, hat es bereits die ersten Bindungserfahrungen mit seinen Hauptbezugspersonen, meistens den Eltern gemacht. Gerade Kinder, deren Beziehung zu den Eltern von Unsicherheit geprägt ist, können von einer hochwertigen außerhäuslichen Betreuung profitieren, wenn dadurch für sie die Möglichkeit gegeben ist, mit einer stabilen Bezugsperson eine sichere Bindung einzugehen. Eine große Bedeutung spielt bei der außerhäuslichen Betreuung die Qualität, welche die Institution aufweist. Hierfür wurden bereits Konzepte für die Betreuung von Kindern unter drei Jahren entwickelt, welche auf eine bindungsorientierte Eingewöhnung des Kindes setzen (vgl. Bauer 2008, S.4).

In der Grundschulzeit, wird dem Bindungsaspekt durch die Konstanz des/der Klassenlehrers/ lehrerin noch Rechnung getragen, doch spätestens mit dem Besuch der weiterführenden Schulen verliert der/die Klassenlehrer/in durch die Vielzahl der Fachlehrer/innen an Bindungsbedeutung (vgl. Brisch 2008, S.275). Dabei könnten durch die Herstellung einer guten Beziehung zum Lehrer bzw. zur Lehrerin eventuelle Bindungsdefizite zur primären Bezugsperson kompensiert werden. Zudem stellt die emotionale Sicherheit eine wichtige Voraussetzung für optimales Lernen dar. Besonders bei Schulwechseln haben es Schüler/innen häufig mit Ängsten und Unsicherheiten zu tun (vgl. Brisch 2008, S.275). Jedoch sehen sich Lehrer/innen häufig nicht dazu in der Lage, die Rolle der Schulbezugsperson für ein Kind einzunehmen, da sie häufig die Vorstellung haben, sich „keinen Ärger“ einzuhandeln, wenn sie in der Klasse mit Schülern eher bindungsvermeidend und distanziert umgehen und sich nur auf den Lehrstoff fokussieren. Der Autor Brisch sieht das Hauptproblem darin, dass unser heutiges Schulsystem, aber auch unsere Gesellschaft insgesamt bindungsvermeidender organisiert und angelegt ist. „Ein Schüler, der wenig auf Beziehungen achtet, wenige Bindungen eingeht, sich kognitiv und leistungsorientiert verhält, ist der eher geförderte und geschätzte Prototyp“ (Brisch 2008, S.275). Dabei gibt es immer mehr Kinder, denen die nötige emotionale Zuwendung von Zuhause aus fehlt und die von ihren Eltern vernachlässigt werden. Aufgrund der medialen Berichterstattung denken viele Menschen beim Stichwort „Vernachlässigung“ zunächst einmal an eine gravierende körperliche Mangelversorgung. Es wird häufig die Vernachlässigung kindlicher Bedürfnisse nach emotionaler Zuwendung oder kognitiver Anregung außer Acht gelassen.

Dabei können solche Vernachlässigungsformen Kinder langfristig erheblich schädigen und sind daher genauso ernst zu nehmen. Aus diesem Grund beschäftigt sich diese Arbeit mit der elterlichen emotionalen Vernachlässigung, da diese ebenso erhebliche Auswirkungen auf das Leben eines Kindes haben kann und dies nicht tabuisiert werden sollte (vgl. Galm 2010, S.7).

In der stationären Jugendhilfe haben es Erzieher/innen und Sozialpädagogen/innen häufig mit Kindern und Jugendlichen zu tun, die meist negative Bindungserfahrungen wie Trennungen, Zurückweisungen, Vernachlässigungen oder Misshandlungen erlebt haben. Sie stellen sich der Herausforderung, diesen Mädchen und Jungen eine auf längere Zeit angelegte Lebensform zu bieten und sie auf ein selbstständiges Leben vorzubereiten (vgl. Marburger §34 S. 2 Nr. 3 SGBVIII). Die Kinder und Jugendlichen sind häufig in unterschiedlichen Bereichen in ihrer Entwicklung verzögert und zeigen meist Symptome von Bindungsstörungen auf, da sie wenig Fürsorge von den Bindungspersonen erhalten haben (vgl. Unzner, S. 348).

In der Arbeit wird folgender Fragestellung nachgegangen: „Inwieweit beeinflusst die emotionale Vernachlässigung in der Eltern-Kind Beziehung die Entwicklung von Bindungsstörungen?“

Die Arbeit ist in vier große Themenbereiche eingeteilt, welche an dieser Stelle kurz vorgesellt werden sollen.

Der erste Teil dieser Arbeit wird sich mit der Theorie der Bindung befassen. Ein theoretischer Überblick soll dazu dienen, die wichtigsten Annahmen der Bindungstheorie zu verstehen und die Bedeutung früher Bindungserfahrungen für den Lebenslauf von Kindern nachzuvollziehen. Es geht zum einen um das komplexe Bindungssystem, die Entstehung der ersten Bindungsbeziehung und zum anderen um die Bindungsqualität.

Im zweiten Teil der Arbeit werden die Erkenntnisse zur Verbreitung von Vernachlässigung vorgestellt. Es geht darum, wie Vernachlässigung entstehen kann, welche Bedingungsfaktoren dabei eine Rolle spielen und worunter vernachlässigte Kinder leiden. Hierbei werden Bindungsstörungen und weitere Folgen von elterlicher Vernachlässigung für die psycho-soziale Entwicklung und die Beziehungsgestaltung in Augenschein genommen.

Im dritten Teil erfolgt eine Auflistung der Bindungsstörungen und es wird sich mit den möglichen Auswirkungen von Bindungsstörungen für das Kleinkind, Schulalter, sowie Jugend und Erwachsenenalter auseinandergesetzt. Um die Auswirkungen besser zu verdeutlichen, wird hier mit anschaulichen Fallbeispielen aus der Praxis von Karl Heinz Brisch gearbeitet.

Um auf die Relevanz für die sozialpädagogische Praxis eingehen zu können, erfolgt nach dem dritten Teil ein kurzes Zwischenfazit, welches die Erkenntnisse aus bindungstheoretischer Sicht zusammenfasst. Die Erkenntnisse werden als Voraussetzung für die bindungstheoretische Arbeit gesehen und sollten als Grundlage für die Arbeit von pädagogischen Fachkräften dienen.

Der vierte Teil der Arbeit soll sich dann auf die sozialpädagogische Relevanz beziehen. Die Verfasserin hat hierfür das Beispiel bindungstheoretischer Arbeit in der Heimerziehung gewählt. Die Heimerziehung stellt ein wichtiges Praxisfeld für Erzieher/innen dar, um vernachlässigten Kindern positive Bindungserfahrung zu ermöglichen. Da die Verfasserin als Lehrerin im berufsbildenden Bereich, in der Fachrichtung Sozialpädagogik tätig sein wird, erscheint ihr dieses Praxisfeld als äußert wichtig, da die zukünftigen Schüler/innen als Erzieher/innen in solch einem Arbeitsfeld mit bindungsgestörten Kindern arbeiten können und es dafür an bindungstheoretischem Verständnis bedarf. Diese Arbeit soll eine Grundlage für die Tätigkeit als Lehrkraft darstellen und als Stütze dienen, um bindungstheoretisches Wissen in den späteren Unterricht einfließen zu lassen. Zum Abschluss wird auch die Relevanz von bindungstheoretischem Verständnis für die eigene Lehrtätigkeit herauskristallisiert, wenn es um die Bindungsarbeit in einer Schulklasse geht.

Um die Inhalte der Arbeit besser nachvollziehen zu können, werden im folgenden Kapitel wichtige Begriffsdefinitionen vorgenommen.

2. Begriffsdefinitionen

2.1 Kindeswohlgefährdung

Sozialwissenschaftler, Familiengerichte und Jugendämter betrachten Kindesvernachlässigung als eine Form der Kindeswohlgefährdung, da diese der Kindesmisshandlung zugeordnet werden kann. Hierzu gehören noch weitere Formen der Kindesmisshandlung, wie körperliche Misshandlungen, psychische Misshandlungen oder der sexuelle Missbrauch von Kindern (vgl. Galm 2010, S.19). Im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) ist der Begriff der Kindeswohlgefährdung im Kindschaftsrecht verankert und findet sich insbesondere im folgenden Abschnitt wieder:

§1666 BGB, Gerichtliche Maßnahme bei Gefährdung des Kindeswohls, Abs.1

„Wird das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes oder sein Vermögen gefährdet und sind die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage, die Gefahr abzuwenden, so hat das Familiengericht die Maßnahmen zu treffen, die zur Abwendung der Gefahr erforderlich sind“.

Da den Eltern das „natürliche Recht und die obliegende“ Erziehung zu Grunde liegt, wie es im 6.Abs.2 Satz GG beschrieben wird: „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft“, ist die staatliche Gemeinschaft nur dann berechtigt/ verpflichtet einzugreifen, wenn die Eltern die Kindeswohlgefährdung selbst nicht abwehren können oder wollen. Das Gesetz klärt nicht darüber auf, was unter Kindeswohlgefährdung genau zu verstehen ist. Aus diesem Grund ist es für Fachpersonal in Jugendämtern, Kindertagesstätten oder Arztpraxen schwierig einzuschätzen, ab wann Sorgeverantwortliche im Umgang mit ihrem Kind die Grenze zur Kindeswohlgefährdung überschreiten (vgl. Galm 2010, S.20). Der Bundesgerichtshof hat den Begriff der Kindeswohlgefährdung in seiner Auslegung des Gesetzes etwas genauer gefasst und beschreibt ihn als „eine gegenwärtige, in einem solchen Maße vorhandene Gefahr, dass sich bei der weiteren Entwicklung eine erhebliche Schädigung mit ziemlicher Sicherheit voraussehen lässt“ (BGH FarmRZ 1956, S.350). Daraus lassen sich drei Kriterien erstellen, welche herangezogen werden können, um eine Kindeswohlgefährdung zu erkennen:

„Die Gefährdung für das Kind muss gegenwärtig gegeben sein, die (künftige) Schädigung muss erheblich sein und die Schädigung muss sich mit ziemlicher Sicherheit vorhersehen lassen“ (Galm 2010, S.20).

2.1.1 Vernachlässigung/ emotionale Vernachlässigung

Vernachlässigung gehört zu den Formen der Kindesmisshandlung und wird definiert als „ausgeprägte, andauernde oder wiederholte Beeinträchtigung oder Schädigung der Entwicklung von Kindern durch die sorgeberechtigten und -verpflichteten Personen auf Grund unzureichender Pflege und Kleidung, mangelnder Ernährung und gesundheitlicher Fürsorge, zu geringer Beaufsichtigung und Zuwendung, nachlässigem Schutz vor Gefahren sowie nicht hinreichender Anregung und Förderung motorischer, geistiger, emotionaler und sozialer Fähigkeiten“ (Deegener 2005, S.37).

Hierbei kann zwischen passiver (unbewusster) Vernachlässigung auf Grund z.B. mangelnder Einsicht, nicht erkennen von Bedarfssituationen oder unzureichenden Handlungsmöglichkeiten der sorgeberechtigten Personen sowie aktiver Vernachlässigung (wissentlicher Verweigerung z.B. von Nahrung und Schutz) unterschieden werden (vgl. Deegener 2005, S.37). Ursachen von Vernachlässigung können bedingt durch Armut, beengte Wohnverhältnisse, Überforderungen/Krisen/Krankheiten der Eltern, mangelndes Wissen oder unzureichende erzieherische Kompetenz entstehen. Des Weiteren kann eine ablehnende Haltung gegenüber dem Kind zum absichtlichen Ignorieren der kindlichen Bedürfnisse führen, aber auch familiäre Notsituationen, welche Eltern z.B. zur übermäßigen Berufstätigkeit zwingen, können der Grund für Vernachlässigungen sein (vgl. Deegener 2005, S.38). Weiterhin tritt Vernachlässigung in verschiedenen Formen auf. Je nachdem, welche Grundbedürfnisse von Kindern nicht oder unzureichend befriedigt werden, spricht man von der körperlichen Vernachlässigung (wie bspw. Unzureichende Versorgung mit Nahrung, Kleidung, Hygiene, Wohnraum oder medizinischer Versorgung), der kognitiven und erzieherischen Vernachlässigung (z.B. Mangel an Konversation, Spiel und anregenden Erfahrungen, fehlende erzieherische Einflussnahme), der emotionalen Vernachlässigung (Mangel an Wärme in der Beziehung zum Kind, fehlende Reaktion auf emotionale Signale des Kindes, nicht hinreichendes oder ständig wechselndes Beziehungsangebot) sowie der unzureichenden Beaufsichtigung (z.B. wenn das Kind längere Zeit alleine auf sich gestellt bleibt, fehlende Reaktion auf eine unerwartete Abwesenheit des Kindes) (vgl. Kindler 2006, S.2;vgl. Deegener 2005, S.37). Eine Abgrenzung oder Differenzierung der einzelnen Vernachlässigungsformen ist besonders im Bezug auf die emotionale Vernachlässigung problematisch, da eine körperliche Vernachlässigung in der Regel mit einer emotionalen Vernachlässigung einhergeht, während dies umgekehrt nicht der Fall sein muss (vgl. Hardt/Engfer 2008, S.805). Demnach seien die meisten vernachlässigten Kinder gleichzeitig von mehreren Formen der Vernachlässigung betroffen, welches die von der Forschung bestätigte Erfahrung von Fachkräften in Jugendämtern zeige (vgl. Galm 2010, S.26). Wie daraus hervorgeht, treten die einzelnen Vernachlässigungsformen nicht immer isoliert voneinander auf, sondern gekoppelt und stellen dadurch einen höheren Risikofaktor für die Entwicklung des Kindes da. Für diese Arbeit wird jedoch nur die emotionale Vernachlässigung bedeutsam sein und daher wird nur diese Form der Vernachlässigung näher beschrieben.

Das Hauptmerkmal emotionaler Vernachlässigung ist die Gefährdung der kindlichen Entwicklung, aufgrund von Nichterfüllung der emotionalen Bedürfnisse des Kindes, nach Zuneigung, Geborgenheit und Nähe (vgl. Engfer 2008, S.805). Emotionale Vernachlässigung ist eine Unterform der emotionalen Misshandlung, da sie sich durch elterliches (aktives oder passives) Unterlassen auszeichnet. Die emotionale Nicht- Verfügbarkeit der Bezugsperson ist durch nicht hinreichendem oder ständig wechselndem Beziehungsangebot für das Kind gekennzeichnet (vgl. Deegener 2005,S.37). Aufgrund der Individualität jeder Eltern-Kind Beziehung ist es schwierig einheitliche Kriterien festzulegen, um ein Verhalten als emotionale Vernachlässigung werten zu können (vgl.Hardt/Engfer 2008, S.805f.).

In der Literatur werden die Begriffe der emotionalen Vernachlässigung bzw. der emotionalen Misshandlung häufig parallel oder synonym verwendet, ebenso wie die Begriffe psychische Misshandlung/Vernachlässigung oder seelische Misshandlung/Vernachlässigung (vgl. Engfer 2005, S.6). Engfer (2005, S.6f.) zeigt Faktoren auf, die zu Problemen bei der Definition von emotionaler Vernachlässigung führen können. Sie ergeben sich unter anderem durch;

- Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen Erziehungspraktiken (z.B. Liebesentzug), und psychisch schädigendem Elternverhalten (z.B. Ignorieren des Kindes),
- nicht explizite Werturteile über „angemessenes“ oder „tolerierbares“ Elternverhalten. Diese Werturteile hängen u.a. vom Alter des Kindes und seinen individuellen Merkmalen ab.

Jedoch lassen sich emotional vernachlässigende Bezugspersonen einheitlich als „emotional nicht verfügbar“ einstufen, welches sich durch Passivität und Ablehnung gegenüber dem Kind äußert. Dies ist der Fall, wenn die Bezugspersonen, trotz adäquater körperlicher Pflege und Versorgung, die Signale des Kindes nicht genügend beachten und das Kind passiv ablehnen. Diese Form der emotionalen Misshandlung wird häufig übersehen, auch wenn ihre Auswirkungen mit denen der körperlichen Misshandlung oder Vernachlässigung vergleichbar ist (vgl. Hardt/Engfer 2008, S.806).

2.2 Definition Bindung und Bindungsverhalten

Um die Bindungstheorie genauer zu betrachten, bedarf es zunächst der Begriffsklärung von Bindung und Bindungsverhalten. Bindung ist eine enge emotionale Beziehung zwischen dem Kind und einer (oder mehreren) Bezugsperson(en). „Sie entsteht im Laufe der ersten Lebensjahre und zeigt sich im Bindungsverhalten (z.B. Nähe suchen)“ (Zimbardo/Gerrig 1999, S.783).Wichtig ist hierbei die Unterscheidung von Bindung und Bindungsverhalten. Bindung ist ein hypothetisches Konstrukt, das erschlossen wird und somit nicht „greifbar“ ist. Parkes (1991) definiert Bindung als „ein emotionales Band, das sich während der Kindheit entwickelt, dessen Einfluss aber nicht auf diese frühe Entwicklungsphase beschränkt ist, sondern sich auch auf alle weiteren Lebensabschnitte erstreckt. Somit stellt Bindung während des ganzen Lebens und bis ins Alter hinein eine emotionale Basis dar“. (Brisch 2010, S.34). Unter Bindungsverhalten versteht man demgegenüber Verhaltensweisen, die das Kind mit seiner Bezugsperson in Verbindung bringen sollen (vgl. Kienbaum 2010, S.124). Bowlby versteht unter Bindungsverhalten „jegliches Verhalten, das darauf ausgerichtet ist, die Nähe eines vermeintlich kompetenteren Menschen zu suchen oder zu bewahren, ein Verhalten, das bei Angst, Müdigkeit, Erkrankungen und entsprechendem Zuwendungs- oder Versorgungsbedürfnis am deutlichsten wird“ (Bowlby 2010 B, S.21). Die ganz frühe Funktion der Bindung besteht darin, dass Überleben des Säuglings sicherzustellen, da diese nicht in der Lage sind sich selbst zu ernähren oder sich zu schützen. „Das Bindungsverhalten hat nach Bowlby die Funktion, dem Kind das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen zu vermitteln, wenn es unter emotionaler Belastung steht“ (Kienbaum 2010, S.124).

2.3 Definition Bindungsstörung

In diesem Kapitel wird ein kurzer Überblick über den Begriff der Bindungsstörung gegeben, jedoch ist zu berücksichtigen, dass in Kapitel 4. näher auf den Begriff und die verschiedenen Formen der Bindungsstörungen eingegangen wird. Eine Bindungsstörung sollte nicht vor dem 8. Lebensmonat diagnostiziert werden, da in diesem Alter eine entwicklungsbedingte Durchgangsphase mit Angst des Säuglings gegenüber Fremden auftreten kann, welche sich auch „Fremdenangst“ nennt. Weiterhin sollten die psychopathologischen Auffälligkeiten in unterschiedlichen Beziehungssystemen und mindestens über einen Zeitraum von 6 Monaten beobachtet worden sein (vgl. Finger-Trescher, S.59). Nach dem ICD-10-GM Version 2014 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) unterscheidet man die "Reaktive Bindungsstörung des Kindesalters (F94.1)" und die "Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung (F94.2)". Beide Störungen werden unter der Kategorie "Verhaltens- und emotionale Störung mit Beginn in der Kindheit und Jugend" aufgeführt. Bindungsstörungen beginnen meist in den ersten 5 Lebensjahren.

Die Reaktive Bindungsstörung des Kindesalters (F94.1) „tritt in den ersten fünf Lebensjahren auf und ist durch anhaltende Auffälligkeiten im sozialen Beziehungsmuster des Kindes charakterisiert. Diese sind von einer emotionalen Störung begleitet und reagieren auf Wechsel in den Milieuverhältnissen. Die Symptome bestehen aus Furchtsamkeit und Übervorsichtigkeit, eingeschränkten sozialen Interaktionen mit Gleichaltrigen, gegen sich selbst oder andere gerichteten Aggressionen, Unglücklichsein und in einigen Fällen Wachstumsverzögerung. Das Syndrom tritt wahrscheinlich als direkte Folge schwerer elterlicher Vernachlässigung, Missbrauch oder schwerer Misshandlung auf“.

Die Bindungsstörung des Kindesalters mit Enthemmung (F94.2) „stellt ein spezifisches abnormes soziales Funktionsmuster dar, welches während der ersten fünf Lebensjahre auftritt mit einer Tendenz, trotz deutlicher Änderungen in den Milieubedingungen zu persistieren. Dieses kann z.B. in diffusem, nichtselektivem Bindungsverhalten bestehen, in aufmerksamkeitssuchendem und wahllos freundlichem Verhalten und kaum modulierten Interaktionen mit Gleichaltrigen; je nach Umständen kommen auch emotionale und Verhaltensstörungen vor“ (ICD-10-GM Version 2014, Kapitel V - Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend, F90- F98).

3. Die Eltern-Kind Beziehung als Basis einer gesunden seelischen Entwicklung

3.1 Die Bindungstheorie nach John Bowlby

John Bowlby (1907-1990), ein britischer Kinderarzt, Kinderpsychiater und Psychoanalytiker verfasste im Auftrag der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nach Ende des Zweiten Weltkriegs einen Bericht über das Schicksal heimatloser Kinder im Nachkriegseuropa. Nachdem der Bericht 1951 veröffentlicht wurde, bildete dies den Ausgangspunkt der Bindungstheorie. Bowlby sah Bindungsstörungen, Trennung und Verlust als die wesentlichen Ursachen für abweichende Entwicklungsverläufe (vgl. Kienbaum 2010, S.124). Die Beziehung zu Mary Ainsworth, welche er in seiner Forschungsgruppe in London entwickelte und die gemeinsamen wissenschaftlichen Aktivitäten der beiden waren für die Entwicklung der Bindungstheorie von grundlegender Bedeutung (vgl. Brisch 2010, S.33). Im Folgenden soll Bowlbys Theorie verdeutlicht werden, um in 3.2 auf die Erforschung der Bindungstheorie nach Ainsworth einzugehen.

Die Bindung entsteht im ersten Lebensjahr zwischen dem Säugling und der primären Bezugsperson. In Bowlbys Theorie wird der Standpunkt deutlich, dass die frühen Beziehungen die ein Mensch eingeht, anhand der Bindung zu seinen ersten Bezugspersonen, in der Regel die Eltern, herausgebildet werden. Zu diesen ersten Bezugspersonen können aber auch Großeltern, Geschwister oder andere Personen zählen, die eine enge frühkindliche Beziehung zu dem Kind aufgebaut haben. Die Entwicklung einer sicheren emotionalen Bindungsbeziehung stellt für die emotionale Stabilität und die gesunde psychische Entwicklung einen Schutzfaktor dar, welcher bedeutend für den weiteren Verlauf des Lebens ist (vgl. Brisch 2012, S.7). Das Kind kann durch eine feste Bindung zu seinen Bezugspersonen und deren verlässliche soziale Unterstützung, „eine Reihe unterschiedlicher prosozialer Verhaltensweisen lernen, Risiken eingehen, sich in neuartige Situationen vorzuwagen sowie Intimität in persönlichen Beziehungen suchen und akzeptieren“ (Zimbardo/ Gerring, 1999, S. 486f). Eine der zentralen Aussagen von Bowlbys Theorie ist, dass der menschliche Säugling die angeborene Neigung hat die Nähe einer vertrauten Person zu suchen. Fühlt er sich müde, krank, unsicher oder allein, so werden Bindungsverhaltensweisen wie Schreien, Lächeln, Anklammern und Nachfolgen aktiviert, welche die Nähe zur vertrauten Person wiederherstellen sollen" (Dornes 2011, S. 44).

Das Bindungsverhalten als solches ist besonders im Säuglings oder Kleinkindalter zu beobachten. Die Häufigkeit und Intensität dieses Verhaltens nimmt mit zunehmendem Alter ab, ist jedoch noch in der Verhaltensausstattung des Menschen vorhanden und äußert sich beispielsweise im Erwachsenenalter, bei starken Belastungen, wie z.B. Krankheit oder Angst (vgl. Bowlby 1987, S.23). Solche Bindungsverhaltensmuster sind für jeden Menschen unterschiedlich ausgeprägt, da diese von Faktoren, wie dem Alter, dem Geschlecht, den Lebensumständen und den Bindungserfahrungen abhängig sind.

3.2 Die kindlichen Bindungsmuster: Entstehung und Bedeutung für das weitere Leben

Eine herausragende Funktion bei der Entwicklung der Bindungstheorie hat neben John Bowlby auch die Kanadierin Mary Salter Ainsworth (1913 - 1999). Sie war eine US- amerikanische Entwicklungspsychologin und erkannte, dass es Unterschiede in der Qualität der Bindung gibt. Diese Unterschiede sind abhängig von der Feinfühligkeit der Bindungsperson gegenüber den Signalen des Babys. Bei der Entstehung von Bindungen zwischen Kind und Bezugsperson spielt die „Feinfühligkeit der Bezugsperson“ eine bedeutende Rolle. Feinfühliges Verhalten äußert sich in der Wahrnehmung der Befindlichkeit des Säuglings, der richtigen Deutung/Interpretation sowie der angemessenen und prompten Reaktion auf die Äußerungen des Kindes (vgl. Kienbaum 2010,S. 125). Um die Qualität eines Kindes an seine Bezugsperson zu ermitteln, entwickelte Ainsworth zusammen mit Wittig (1969) die sogenannte „Fremde Situation“ (Strange Situation Test), eine halbstandartisierte Beobachtungssituation. Es sollte das Zusammenspiel zwischen Bindungs- und Erkundungsverhalten unter verschiedenen belastenden Bedingungen untersucht werden. Die fremde Situation fand in einem mit Spielzeug ausgestatteten Raum statt. Dort wurde das zwölf Monate alte Kind zunehmendem Stress ausgesetzt, der vor allem durch eine zweimalige, höchstens drei Minuten andauernde Trennung von der Bezugsperson herbeigeführt wurde. Das Interesse lag zunächst hauptsächlich im Erkundungsverhalten der Kinder, bei An- und Abwesenheit der Mutter bzw. in Anwesenheit einer fremden Person. Es zeigte sich eine unerwartete Vielfalt in den Reaktionen der Kinder nach der Rückkehr der Bezugsperson (vgl. Kienbaum 2010, S. 125).

Ainsworth und Mitarbeiter unterscheiden 4 Bindungsqualitäten:

- Kinder mit sicherer Bindung

Die Kinder zeigen offen ihren Kummer über die Trennung. Wenn die Mutter zurückkehrt, suchen sie ihre Nähe, lassen sich trösten und nehmen das unterbrochene Erkunden wieder auf.

- Kinder mit unsicher vermeidender Bindung

Diese Kinder lassen kein Trennungsleid erkennen und wirken sehr selbstständig. Sie suchen keinen Kontakt, wenn die Bindungsperson zurückkehrt, sondern vermeiden ihn.

- Kinder mit unsicher ambivalenter Bindung

Diese Kinder suchen Nähe und Kontakt zur Bindungsperson, weisen sie aber auch zurück. Durch den Kontakt mit ihr finden sie keine Beruhigung.

- Kinder mit desorganisiert - unsicherer Bindung:

Diese Kinder zeigen deutliche Anzeichen von Angst, sie sind aber nicht in der Lage sich an die Bezugsperson zu wenden. Auch zeigen sie widersprüchliche Verhaltensweisen. Beispielsweise nähert sich das Kind der Mutter und läuft kurz darauf wieder von ihr weg. „Etwa 80 Prozent der Kinder von traumatisierten Eltern zeigen ein desorganisiertes Bindungsmuster mit solchen Verhaltensweisen“ (Brisch, 2010, S.59).

Ein sicheres Bindungsmuster ist ein Schutzfaktor für die weitere kindliche Entwicklung. Sicher gebundene Kinder weisen eine größere psychische Widerstandskraft auf und können somit emotionale Belastungen, wie z.B. eine Scheidung der Eltern, besser verkraften. Wenn das Kind in seiner Beziehung zu den Bezugspersonen Wertschätzung und Verlässlichkeit erfährt, wird es sich selbst als wertvoll und kompetent erleben. In seiner weiteren Entwicklung wird es dadurch besser in der Lage sein, positive Beziehungen zu Gleichaltrigen und Erwachsenen aufzubauen und somit auch mehr Unterstützung von anderen erfahren (vgl. Brisch 2012, S. 66).

Eine unsichere Bindungsentwicklung hingegen ist ein Risikofaktor. Hier droht bei emotionaler Belastung eher ein psychischer Zusammenbruch und es fehlt oft an sozialer Kompetenz, z.B. in späteren Beziehungen.

Um die Bedeutung und die Auswirkungen früher Bindungserfahrungen zu veranschaulichen wählte Bowlby das Bild eines Rangierbahnhofs. Dieser hat ein fächerförmig auseinander laufendes, miteinander durch Weichen verbundenes Gleissystem. Frühe Erfahrungen stellen die Weichen für die Entwicklung des Kindes, entlang eines bestimmten Gleises. „Je weiter dieses Gleis von der richtigen Spur (= positive Entwicklung) wegführt und je länger das Kind bereits darauf unterwegs ist, desto schwerer wird die Rückkehr auf die richtige Spur“ (Jungmann /Reichenbach 2009, S.32/33). Der Entwicklungsweg des Kindes ist in der Bindungstheorie aber nicht automatisch festgelegt. Die Weichen können sowohl von der betreuenden Umgebung als auch später vom Kind selber umgestellt werden.

4. Emotionale Vernachlässigung

Wie in 2.1.1 bereits beschrieben wurde, liegt bei einem Mangel an Wärme in der Beziehung der Eltern zum Kind, oder auch bei fehlender Reaktion der Eltern auf emotionale Signale des Kindes, eine emotionale Vernachlässigung vor. Jedoch gibt es keine Festlegung, ab wann von einem Mangel an Wärme zu sprechen ist. Es ist schwierig, genau auszumachen, ab wann von einer emotionalen Vernachlässigung zu sprechen ist, da die Grenzen zwischen toleriert - und akzeptierbaren Praktiken und einem schädigenden Verhalten nur schwer erkennbar sind und Unklarheit herrscht, ab welcher Dauer oder Intensität solche Methoden dem Kind schaden (vgl. Gellert 2007, S.13). Häufig verspüren die vernachlässigenden Eltern eine passive, zum Teil, unbewusste Ablehnung gegenüber dem Kind, aus dem Desinteresse am Wohlergehen des Kindes resultiert. Diese Ablehnung zeigt sich in Untersuchungen zum Verhalten ablehnender Mütter im Umgang mit drei Monate alten Kindern. Das mütterliche Verhalten ist dabei wie folgt charakterisiert (vgl. Esser 2007, S.103):

[...]

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Details

Titel
Inwieweit beeinflusst die emotionale Vernachlässigung in der Eltern-Kind-Beziehung die Entwicklung von Bindungsstörungen?
Note
1,5
Jahr
2014
Seiten
52
Katalognummer
V314662
ISBN (eBook)
9783668132856
ISBN (Buch)
9783668132863
Dateigröße
884 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
vernachlässigung, eltern-kind-beziehung, bindungsstörung
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Inwieweit beeinflusst die emotionale Vernachlässigung in der Eltern-Kind-Beziehung die Entwicklung von Bindungsstörungen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314662

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