Selbstverletzendes Verhalten als psychische Konfliktbewältigung. Handlungsansätze in der sozialen Arbeit


Bachelorarbeit, 2015
39 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

I. Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsdefinition
2.1 Klinische Erscheinungsformen
2.2 Statistiken

3. Verschiedene Formen der Selbstverletzung

4. Ursachen von selbstverletzendem Verhalten
4.1 Traumatisierungen
4.2 Die posttraumatische Belastungsstörung
4.3 Die Borderline-Persönlichkeitsstörung

5. Erklärungsansätze zur Entstehung von selbstverletzendem Verhalten
5.1 Psychoanalytische Erklärungsansätze
5.2 Lerntheoretische Erklärungsansätze

6. Psychische Funktionen der Selbstverletzung
6.1 Interpersonelle Funktionen
6.1.1 Selbstverletzung als Präverbaler Appell
6.1.2 Selbstverletzung als Flucht vor sozialer Überforderung
6.2 Intrapersonelle Funktionen
6.2.1 Spannungsreduktion durch Selbstverletzung
6.2.2 Selbstverletzung als Antidissoziativum
6.3 Zusammenfassung

7. Möglichkeiten der Einflussnahme
7.1 Grundlagen Sozialer Arbeit
7.2 Konzeptentwicklung
7.2.1 Zielpyramide
7.2.2 Maßnahmenportfolio
7.2.3 Rahmenbedingungen und Umsetzung
7.2.4 Ergebnissicherung

8. Fazit

II. Literaturverzeichnis

Mit der Klinge fahre ich langsam Meinen Unterarm hinauf. Dann ein Schnitt, klein und flach Und die Welt um mich blüht auf. . (Subway to Sally - Narben)

1. Einleitung

Die Problematik der Selbstverletzung in Form von Ritzen, Kratzen oder dem Zufügen von Verbrennungen jeglicher Art hat sich in den letzten Jahren erheblich verschlimmert und ist infolgedessen zu einem gravierenden Problem der heutigen Gesellschaft geworden.2 Die Thematik spiegelt sich auch in dem Songtext „Narben“ der Band „Subway to Sally“ wieder, welcher veranschaulichend die Funktionen der Selbstverletzung beschreibt. An dieser Stelle ist zu erkennen, dass sich Betroffene in einer für sie hoffnungslosen, mit psychischen Spannungen verbundenen Situation befinden, welche sie mit Hilfe der Selbstverletzung zu kompensieren versuchen. Auch heutzutage handelt es sich bei dem selbstverletzenden Verhalten um eine relativ unerforschte Thematik3, welche oftmals als eines der Hauptsymptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung dargestellt und nicht als eigenständige Erkrankung anerkannt wird.4 Betroffene verspüren im Gegensatz zu gesunden Menschen zeitweise kein Gefühl der Lebendigkeit. Aus diesem Grund versuchen sie mit Hilfe der Selbstverletzung den Zugang zu sich selbst zu finden. Für gesunde Menschen ist das Zufügen von Schmerzen und das Verspüren der Erleichterung beim Anblick des eigenen Blutes schwer nachvollziehbar.5 Aus diesem Grund erfahren Betroffene häufig negative Reaktionen in Bezug auf ihre Selbstverletzung. Hierbei kann es sich einerseits um harmlose Reaktionen wie Mitleid oder das Empfinden von Ohnmacht, aber auch um massivere Reaktionen wie die offene Ablehnung oder Diskriminierung handeln.6

Zu Beginn der Arbeit werden allgemeine Informationen wie die Begriffsdefinition selbstverletzenden Verhaltens, klinische Erscheinungsformen und Statistiken dargestellt. Bei Letzterem muss darauf hingewiesen werden, dass dieser Punkt ausschließlich Schätzungen beinhaltet, da keine konkreten Zahlen in Bezug auf das selbstverletzende Verhalten von Menschen vorhanden sind. Dies liegt hauptsächlich an der nicht zu erfassenden Dunkelziffer. Darüber hinaus werden die verschiedenen Formen, die Ursachen des selbstverletzenden Verhaltens und die zugehörigen Erklärungsansätze erläutert. Ursachen für die Selbstverletzung können einerseits Traumatisierungen (zum Beispiel aufgrund sexuellen Missbrauchs oder physischer Misshandlung) und andererseits psychische Störungen (zum Beispiel in Form einer posttraumatischen Belastungsstörung oder einer Borderline-Persönlichkeitsstörung) sein. Ein weiteres bedeutendes Thema stellen die psychischen Funktionen dar, welche in die intrapersonellen und interpersonellen Funktionen untergliedert werden können. An dieser Stelle sollen jeweils zwei der bedeutendsten Aspekte beschrieben werden. Abschließend wird sich die Arbeit mit den sozialarbeiterischen Handlungsansätzen in Bezug auf selbstverletzendes Verhalten konzentrieren. Hier soll ein Konzept entwickelt werden, welches auf die Präventionsarbeit mit Kindern und deren Eltern innerhalb einer Schule ausgerichtet ist.

Die Selbstverletzung soll in dieser Arbeit nicht als Symptom für andere Störungsbilder gesehen, sondern als eigenständige Erkrankung dargestellt werden. Zudem soll das Phänomen der Selbstverletzung expliziter beleuchtet werden, um Lesern bewusst zu machen aus welchem Grund selbstverletzendes Verhalten vollzogen wird. An dieser Stelle soll zum Nachdenken über die Problematik angeregt und ein Verständnis für Betroffene geschaffen werden, da Außenstehende im Hinblick auf die Selbstverletzung in vielen Fällen mit Ablehnung oder Diskriminierung reagieren. Das selbstverletzende Verhalten wird des Öfteren mit dem Versuch eines Suizids verwechselt, obwohl dieses das Gegenteil aufzeigt, nämlich einen Versuch zu überleben. Betroffene versuchen, die innerlich empfundene emotionale Qual nach außen zu befördern, in der Hoffnung dort die Kontrolle über diese erlangen zu können.7

2. Begriffsdefinition

Auch heutzutage existiert für den Begriff des selbstverletzenden Verhaltens keine einheitliche Definition, was an der Uneinigkeit der Forscher bezüglich der beinhalteten Problematiken liegt. Stattdessen existiert eine Vielzahl von Synonymen, welche jedoch unterschiedliche Aspekte der Problematik aufweisen. So beinhaltet das Synonym der Autoaggression, welches im deutschsprachigen Raum hauptsächlich Verwendung findet, im Gegensatz zu dem selbstverletzenden Verhalten ebenso die Absicht der eigenen Tötung.8 Es erweist sich als eine Herausforderung einen geeigneten Begriff bezüglich der Selbstverletzung zu finden, da dieser die Verhaltensweisen der Betroffenen, aus deren Gründen sie sich zum Teil erhebliche Schäden zufügen, sowohl wertneutral als auch rein deskriptiv beschreiben muss.9 Insofern wird die Arbeit den Begriff des selbstverletzenden Verhaltens beinhalten, da es sich bei dieser Begrifflichkeit nach den Aussagen von Ullrich Sachsse um den wertneutralsten und deskriptivsten Begriff handelt.10 Bei selbstverletzendem Verhalten wird zwischen den akzeptierten und den krankhaften Formen der Selbstverletzung unterschieden (vgl. Kapitel 3). Akzeptierte Formen der Selbstverletzung beinhalten sowohl das Stechen von Piercings und Tattoos, als auch die Verweigerung der Nahrungsaufnahme oder die Verweigerung der Zunahme von lebensnotwendigen Medikamenten.11 Unter den krankhaften Formen der Selbstverletzung versteht man hingegen die bewusste Schädigung des eigenen Körpers, ohne jegliches suizidales Gedankengut. Diese Art der Selbstverletzung wird in der Gesellschaft nicht akzeptiert und führt bei den Betroffenen zu einer unterschiedlich starken Schädigung der Haut. Die Selbstverletzung kann in verschiedenen Formen vollzogen werden. Hier kann es sich um das Zufügen von Brandwunden (zum Beispiel durch Zigaretten) oder das Ritzen handeln, bei welchem sich Betroffene mit Hilfe eines Gegenstandes (zum Beispiel Rasierklinge) Schnittverletzungen zufügen.12 Viele Betroffene leiden unter Traumatisierungen die beispielsweise durch sexuellen Missbrauch oder Vernachlässigung ausgelöst werden (vgl. Kapitel 4.1)13. Oftmals weisen Menschen mit selbstverletzendem Verhalten ebenso seelische Störungen wie zum Beispiel die Borderline- Persönlichkeitsstörung (vgl. Kapitel 4.2) oder die posttraumatischen Belastungsstörung (vgl. Kapitel 4.3) auf.14

2.1 Klinische Erscheinungsformen

Die Selbstverletzung kann jedes Körperteil betreffen und auf verschiedenste Art und Weise vollzogen werden. Betroffene nutzen hierfür nicht ausschließlich offensichtlich geeignete Hilfsmittel wie Rasierklingen, sondern auch harmlos wirkende Materialien wie Schmuck. In den überwiegenden Fällen führt die Selbstverletzung zu Verletzungen der Haut, welche mit Hilfe von Schnitten, Verbrennungen oder Verbrühungen zugefügt werden, wohingegen auch das Körperinnere, wie beispielsweise durch die Einnahme von schädlichen Flüssigkeiten betroffen sein kann. Eine besonders seltene, aber existierende Form der Selbstverletzung ist die Verletzung von Geschlechtsorganen. In diesem Fall fügen sich Frauen durch das Einführen von Gegenständen in die Vagina (zum Beispiel Scheren) Schäden zu. Männer, welche dieses seltene selbstverletzende Verhalten aufweisen neigen dazu ihren Penis oder ihre Hoden zu verstümmeln.15 In den meisten Fällen gehen die Betroffenen stets nach demselben Muster vor und haben bereits beim Anblick des Instrumentes, welches zur Selbstverletzung dient, das Bedürfnis ihrem Körper Schaden zuzufügen. Außerdem gibt ein Großteil der Betroffenen an, bei der Zufügung der Verletzungen keinerlei oder nur geringe Schmerzen zu verspüren,16 was unter anderem an der Freisetzung körpereigener Opiate liegen kann. Andere Betroffene schildern hingegen, dass ihr Schmerzempfinden nicht unterbunden wird und sie die Selbstverletzung zwar als unangenehm empfinden, den körperlichen Schmerz jedoch dem Seelischen vorziehen. Der Anblick des Blutes hat für den Betroffenen in jedem Fall eine wichtige Bedeutung, da dieses ihm bewusst macht, dass sein Verhalten eine Wirkung erzielt hat, wodurch dieser ein Gefühl der Lebendigkeit verspürt.17 Veranlasst durch das Gefühl der Lebendigkeit und der Erleichterung, welches sie bei dem Zufügen der Selbstverletzung verspüren, geraten Betroffene in eine Art Teufelskreis, welcher dafür sorgt dass die Selbstverletzung aufrechterhalten bleibt.18

2.2 Statistiken

Experten gehen davon aus dass 0,7 - 1,5 % bzw. 600.000 bis 1.2 Millionen Menschen der deutschen Gesamtbevölkerung selbstverletzendes Verhalten aufweisen, wobei die Arbeit nur Schätzungen aufzeigt, da keine konkreten Zahlen hinsichtlich der Selbstverletzung von Menschen vorhanden sind. Die Problematik des selbstverletzenden Verhaltens kann bei Frauen bis zu fünfmal häufiger als bei Männern nachgewiesen werden.19 Durch Forschungen ergibt sich zudem, dass selbstverletzendes Verhalten in den seltensten Fällen vor dem 11. Lebensjahr auftritt und ein Viertel der Jugendlichen vor dem 16. Lebensjahr mit der Selbstverletzung ihres eigenen Körpers beginnen. Hier zeigt sich außerdem, dass bereits 11% der 14-jährigen in Deutschland ihrem Körper wiederholt Verletzungen zufügen und zudem ein weiteres Drittel zwischen dem 16. und 18. Lebensjahr zu selbstverletzendem Verhalten neigt. Außerdem fanden Experten heraus, dass Menschen, welche bereits ein Alter von 25 Jahren erreicht haben, das selbstverletzende Verhalten in den seltensten Fällen als Bewältigungsmöglichkeit nutzen. In bestimmten Subkulturen erhöht sich der Anteil der Betroffenen: So ergaben Untersuchungen, dass in der Gothic-Szene über 70% von wiederholter Selbstverletzung betroffen sind. Auch bei Menschen, welche an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung erkranken, erhöht sich der Anteil auf 70%. 75% der Betroffenen haben ihrem Körper bereits mehr als fünfzigmal bewusst Verletzungen zugefügt. Erwähnenswert ist hier, dass es ausschließlich bei 2% nicht zu einer Wiederholung kam. Bei über 40% der Betroffenen hält das Verhalten über mindestens fünf Jahre an, wohingegen es bei 15% der Personen über zehn Jahre dauert bis sie dem Teufelskreis des selbstverletzenden Verhaltens entkommen.20

3. Verschiedene Formen der Selbstverletzung

Das selbstverletzende Verhalten beinhaltet eine Vielzahl verschiedenster Formen, bei denen es jedoch immer um die Selbstschädigung des eigenen Körpers geht.21 Es wird zwischen den akzeptierten und den krankhaften Formen der Selbstverletzung unterschieden, jedoch können die krankhaften Formen in die offene und die heimliche Selbstverletzung untergliedert werden.22

Wie bereits in der Begriffsdefinition erwähnt, existieren auch heutzutage gesellschaftlich anerkannte und akzeptierte Formen von selbstverletzendem Verhalten. Hierzu zählen das Stechen von Piercings und Tattoos, die Verweigerung der Nahrungsaufnahme, Schönheitsoperationen, oder das Betreiben von Extremsportarten. Desweiteren werden in der Gesellschaft in einem hohen Maße der Alkohol- und Nikotinkonsum akzeptiert. Diese Formen der Selbstverletzung wirken sich in vielen Fällen positiv auf zwischenmenschliche Beziehungen aus, da sie zur Aufnahme und Akzeptanz in bestimmten Gemeinschaften führen können. Von zentraler Bedeutung ist jedoch, dass der Übergang von der akzeptierten Selbstverletzung zur Krankhaften fließend verläuft.23

Bei den krankhaften Formen des selbstverletzenden Verhaltens wird zwischen zwei Kategorien unterschieden. Zum Einen wird die krankhafte Form in die heimliche Selbstverletzung untergliedert, welche unter einer willentlichen Kontrolle praktiziert wird. Bei dieser Form wird das eigene Verhalten vor der Außenwelt bewusst geheim gehalten. Die Betroffenen verfolgen das Ziel der eigenen Bestrafung, der Regulation von Spannungen und der Bestätigung dahingehend die Macht über den eigenen Körper zu besitzen.24 In den meisten Fällen ist die Selbstverletzung auf psychische Konflikte (z.B. Minderwertigkeitskomplexe) zurückzuführen, welche unbewusst verlaufen. Das Verhalten der Betroffenen findet zwanghaft statt, da sie nicht dazu im Stande sind ihr Verhalten zu unterlassen, obwohl die Selbstverletzung oftmals massive Auswirkungen für deren Körper hat.25 Aufgrund des Bedürfnisses der Betroffenen den eigenen Körper wahrzunehmen, welches jedoch durch das niedrige bzw. nicht vorhandene Schmerzempfinden unbefriedigt bleibt, kommt es oftmals zur Zufügung massiverer Verletzungen (zum Beispiel Schnitte bis auf die Knochen). Sobald der Schmerz, der durch die massiven Verletzungen ausgelöst wird, einsetzt, empfinden Betroffene ein Gefühl der Entspannung.26 Auch die sogenannten artifiziellen Störungen sind ein Teil des heimlichen selbstverletzenden Verhaltens.27 Bei diesen wird der eigene Körper manipuliert, um körperliche Symptome entstehen zu lassen, die im Normalfall auf eine Erkrankung hinweisen. Dies wird zum Beispiel durch Operationswunden herbeigeführt, indem sie mit Hilfe von Kot verunreinigt werden und die Heilung der Wunde infolgedessen unterbunden wird. Zudem verursachen Betroffene Blutergüsse, indem sie die betreffende Stelle abschnüren.28 Desweiteren kommt es in vielen Fällen zu Anämien, bei welcher es sich um eine Blutarmut handelt. Diese wird durch die eigene Blutabnahme herbeigeführt. Menschen, die unter einer heimlichen Selbstverletzung leiden, sind im Normalfall in der Gesellschaft integriert und passen sich dieser an. Circa Mädchen und Frauen, wobei etwa ein Drittel von ihnen einen medizinischen Beruf ausübt (zum Beispiel Krankenschwester). Sobald die heimliche Selbstverletzung durch eine außenstehende Person aufgedeckt wird, entscheidet sich der Betroffene oftmals für eine offene Selbstverletzung,29 welche ebenso zu den krankhaften Formen des selbstverletzenden Verhaltens zählt. Bei der offenen Selbstverletzung kommt es zu wiederholten körperlichen Schädigungen durch den Betroffenen. Dies geschieht beispielsweise in Form von Schnittverletzungen, ohne dass dieser eine suizidale Absicht verfolgt.30 Auch bei dieser Form des selbstverletzenden Verhaltens werden oftmals keine oder nur geringe Schmerzen verspürt, was ebenso an der Freisetzung körpereigener Opiate liegen kann. Stattdessen empfinden Betroffene beim Zufügen von Verletzungen, ein Gefühl der Befreiung von seelischem Schmerz.31 Bei dieser Form der Selbstverletzung gehen Betroffene offen mit den selbstverursachten Wunden um und versuchen diese weder zu verheimlichen, noch vor der Außenwelt zu verstecken. Die Verletzungen sind in den wenigsten Fällen lebensbedrohlich, wohingegen sich die Schwere der Verletzungen im Krankheitsverlauf verändern kann.32 Aufgrund der Offenheit der Betroffenen bezüglich ihres selbstverletzenden Verhaltens33 und weil hier, im Gegensatz zur heimlichen Selbstverletzung, nicht das Ziel der Einnahme einer Krankheitsrolle verfolgt wird,34 können behandelnde Ärzte binnen kurzer Zeit die Ursache der Verletzung feststellen und diese aufgrund dessen ordnungsgemäß versorgen.35 Betroffene des selbstverletzenden Verhaltens weisen oftmals tiefgreifende Entwicklungsstörungen oder Persönlichkeitsstörungen auf, wohingegen auch Magersucht oder Bulimie als Auslöser für die offene Selbstverletzung gelten.36

4. Ursachen von selbstverletzendem Verhalten

Die Selbstverletzung eines Menschen birgt eine Vielzahl von Ursachen, die das selbstverletzende Verhalten beträchtlich begünstigen können. In den nachfolgenden Kapiteln soll auf drei der häufigsten Auslöser eingegangen werden. Zunächst soll die Traumatisierung (vgl. Kapitel 4.1) als Ursache für die Selbstverletzung eines Menschen dargestellt werden, welche zum Beispiel durch sexuellen Missbrauch oder körperliche Misshandlung ausgelöst werden kann. Desweiteren werden die psychischen Erkrankungen der posttraumatischen Belastungsstörung (vgl. Kapitel 4.2) und die der Borderline-Persönlichkeitsstörung (vgl. Kapitel 4.3) dargelegt, welche unter anderem aus traumatisierenden Erfahrungen resultieren.37 An dieser Stelle ist zu bedenken, dass nicht jeder Betroffene von selbstverletzendem Verhalten an einer Persönlichkeitsstörung wie der posttraumatischen Belastungsstörung oder der Borderline-Persönlichkeitsstörung erkrankt sein muss,38 jedoch erhöht sich das Risiko der Entstehung von Selbstverletzung durch diese erheblich.39

4.1 Traumatisierungen

Laut dem Bundesinstitut für Sportwissenschaften gilt als Trauma „jede körperliche oder seelische Verletzung, die Auswirkungen auf das künftige Verhalten und auf die körperliche und seelische Gesundheit des Betroffenen hat.“40 Als traumatisierende Erlebnisse können zum Beispiel körperliche Misshandlungen oder der sexuelle Missbrauch bezeichnet werden. Sowohl Traumatisierungen, als auch psychische Störungen können zur Entstehung von selbstverletzendem Verhalten beitragen. In dieser Arbeit soll jedoch ausschließlich die Thematik der posttraumatischen Belastungsstörung (vgl. Kapitel 4.2) und die der Borderline-Persönlichkeitsstörung (vgl. Kapitel 4.3) erläutert werden. Nicht nur das Erlebnis, durch welches die Traumatisierung ausgelöst wurde, ist entscheidend für die Entwicklung von selbstverletzendem Verhalten, sondern hauptsächlich die subjektive Belastung des Individuums und die Anzahl der Traumatisierungen. Es wird davon ausgegangen, dass die Bewältigungskompetenzen aufgrund der oftmals vielfachen traumatischen Erlebnisse überfordert sind, wodurch sich das Risiko der Entstehung von selbstverletzendem Verhalten erhöht.

Bei der psychischen und physischen Misshandlung und dem sexuellen Missbrauch handelt es sich vermutlich um die schwerwiegendsten Risikofaktoren für die Entstehung von selbstverletzendem Verhalten.41 Unter einer psychischen Misshandlung versteht man „alle Handlungen oder Unterlassungen von Eltern oder Betreuungspersonen, die Kinder ängstigen, überfordern, ihnen das Gefühl der Wertlosigkeit vermitteln.“42 Hier kann ebenso von einer Vernachlässigung gesprochen werden, da die Bedürfnisse des Kindes von dessen Bezugsperson nicht wahrgenommen werden,43 was zu einer Inkompetenz des Betroffenen hinsichtlich des Umgangs mit dem eigenen Gefühlsleben führt. Die Selbstverletzung ist deshalb eine Methode, die negativen Gefühle auszudrücken und zu reduzieren.44 Auch bei einer wiederholenden körperlichen Misshandlung erhöht sich das Risiko der Entstehung von selbstverletzendem Verhalten. Physische Misshandlung wird demnach als eine „nicht zufällige körperliche Verletzung eines Kindes infolge von Handlungen der Eltern oder Erziehungsberechtigten“ definiert.45 Zudem hat der sexuelle Missbrauch eines Betroffenen Einfluss auf die Entstehung von selbstverletzendem Verhalten.46 Dieser kann definiert werden „als jede sexuelle Handlung, die an oder vor einem Kind entweder gegen den Willen des Kindes vorgenommen wird, oder der das Kind aufgrund körperlicher, psychischer, kognitiver oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen kann. Der Täter nutzt seine Macht- oder Autoritätsposition aus, um seine eigenen Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.“47 Betroffene wählen das selbstverletzende Verhalten als Bewältigungsstrategie, da aufgrund dieser Erfahrungen ein Gefühl von Scham entsteht, welches bei den Betroffenen zur Ablehnung der eigenen Person führt. Sie versuchen sich daher mit dem Verletzen des eigenen Körpers zu bestrafen.48 Traumatisierende Erfahrungen wie diese, haben enorme Folgen für den betroffenen Menschen und führen in Kombination mit anderen Faktoren zur Selbstverletzung, aus welchen wiederum verschiedene Funktionen resultieren können. (vgl. Kapitel 7).49

4.2 Die posttraumatische Belastungsstörung

Ein großer Anteil der Menschheit ist mindestens einmal im Leben von einem traumatisierenden Erlebnis betroffen, wobei nur 25% dieser Personen eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Das Risiko an dieser zu erkranken liegt bei Männern bei 5-6%, wohingegen bei Frauen, mit 10-12%, ein erhöhtes Risiko vorliegt. Die posttraumatische Belastungsstörung zeigt sich als eine verzögerte Reaktion auf mindestens ein traumatisierendes Geschehen, welches im Leben des Betroffenen über einen kurzen oder langen Zeitraum stattgefunden hat.50 Als traumatisierende Erlebnisse können unter anderem der sexuelle Missbrauch, die physische Misshandlung, Kriege, Naturkatastrophen oder Unfälle verschiedenster Art bezeichnet werden.51 Die Entwicklung der posttraumatischen Belastungsstörung hängt nicht nur von der objektiv, sondern hauptsächlich von der subjektiv empfundenen Bedrohlichkeit ab.52 Sie kann dann als eine Störung bezeichnet werden, wenn die Reaktion auf die Traumatisierung mindestens einen Monat anhält und sie in einem intensiven Maße und wiederholte Male auftritt.53 Es kann zwischen drei verschiedenen Arten unterschieden werden: So kann es sich um eine akute Störung handeln, wenn diese höchstens drei Monate andauert und54 spontan und ohne professionelle Hilfe wieder abklingt.55 Außerdem besteht die Möglichkeit einer chronischen Störung, bei der die Symptome - im Gegensatz zu der akuten Störung - mindestens drei Monate vorliegen. Bei der dritten Art kann der Beginn der posttraumatischen Belastungsstörung verzögert auftreten, was jedoch in den seltensten Fällen zutrifft. In diesem Fall liegen mindestens 6 Monate zwischen der Traumatisierung und dem primären Auftreten der Störung.56 Desweiteren soll auf mögliche Symptome der Belastungsstörung eingegangen werden, da diese dabei helfen einen Bezug hinsichtlich der Selbstverletzung von Menschen herzustellen. Ein bedeutendes Merkmal stellt die Intrusion dar.57 Bei dieser werden die traumatisierenden Vorkommnisse mehrmals durchlebt, was zu einem Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht führen kann. Bestimmte Situationen, welche die Betroffenen an das vergangene traumatisierende Erlebnis erinnern, werden von diesen als überaus belastend wahrgenommen und führen zudem zu enormen physischen, sowie gefühlsmäßigen Reaktionen.58 Dies hat zur Konsequenz, dass Betroffene keine Distanz zu den belastenden Geschehnissen wahren können, was wiederum zu Folgen wie beispielweise Konzentrationsstörungen und dem Zurückziehen aus der Umwelt führen kann. Ein weiteres Symptom der posttraumatischen Belastungsstörung ist die Hyperarousal, welche sich auf die physische, emotionale und kognitive Ebene eines Menschen bezieht. Bei dieser reagieren Betroffene überaus verängstigt, was in vielen Fällen zu Schlafstörungen führt.59 Desweiteren sind die dissoziativen Störungen zu erwähnen, da diese eine große Rolle im Hinblick auf das selbstverletzende Verhalten spielen. Die dissoziativen Störungen beinhalten die dissoziative Amnesie, welche für das Vergessen von traumatisierenden Erfahrungen zuständig ist, die Depersonalisation und die Derealisation. Da Betroffene vergangenen traumatisierenden Erlebnissen entfliehen und ein Gefühl der Lebendigkeit verspüren wollen, neigen diese oftmals zu der Funktion der Selbstverletzung in Form des Anti- Dissoziativums (vgl. Kapitel 6.2.2). Diese und weitere Funktionen des selbstverletzenden Verhaltens werden im Kapitel 7 genauer erläutert.60

[...]


1 Subway to Sally (o.J.)

2 Vgl. Schneider, Anke 2004: S. 9

3 Vgl. Resch, Franz 1999: S. 300

4 Vgl. Dulz, Birger/Kernberg, Otto F./ Sachsse, Ulrich 2000: S. 352- 359

5 Vgl. Resch, Franz 1999: S. 300

6 Vgl. Petermann, Franz/ Winkel, Sandra 2008: S. 13

7 Vgl. Minor-Püllen, Dagmar (o.J.)

8 Vgl. Petermann, Franz/Winkel, Sandra 2008: S. 20- 21

9 Vgl. Schneider, Anke 2004: S. 16

10 Vgl. Petermann, Franz/Winkel, Sandra 2008: S. 23

11 Vgl. Petermann, Franz./Winkel, Sandra 2008: S. 17

12 Vgl. In-Albon, Tina/Plener, Paul L./Brunner, Romuald/Kaess, Michael 2015: S. 11

13 Vgl. Sachsse, Ulrich/Schäfer, Ulrike/ Rüther, Eckart 2007: S. 35- 37

14 Vgl. Rahn, Ewald 2007: S. 67- 68

15 Vgl. Petermann, Franz/Winkel, Sandra 2008: S. 25-30

16 Vgl. Scheithauer, Herbert/Hayer, Tobias/Niebank, Kay 2008: S. 210-212

17 Vgl. Petermann, Franz/Winkel, Sandra 2008: S. 25-30

18 Vgl. Scheithauer, Herbert/Hayer, Tobias/Niebank, Kay 2008: S. 210-212

19 Vgl. Barth, Dr. med. Gottfried Maria 2008

20 Vgl. Baierl, Martin 2011: S. 382

21 Vgl. Klosinski, Gunther 1999: S. 14-15

22 Vgl. Schneider, Anke 2004: S. 17-18

23 Vgl. Dulz, Birger/Kernberg, Otto F./ Sachsse, Ulrich 2000: S. 351- 352

24 Vgl. Hänsli, Norbert. 1996: S. 38

25 Vgl. Dulz, Birger/Kernberg, Otto F./ Sachsse, Ulrich 2000: S. 331- 334

26 Vgl. Schmeißer, Sybille 2000: S. 24-26

27 Vgl. Hänsli, Norbert. 1996: S. 38

80 % der Betroffenen sind

28 Vgl. Eckhardt-Henn, Annegret/Heuft, Gereon/Hochapfel, Gerd/Hoffmann, Sven Olaf 2004: S. 144-145

29 Vgl. Schmeißer, Sybille 2000: S. 24-26

30 Vgl. Krause, David 2007: S.20

31 Vgl. Petermann, Franz/Winkel, Sandra 2008: S. 30-34

32 Vgl. Schmeißer, Sybille 2000: S. 20

33 Vgl. Eckhardt-Henn, Annegret/Heuft, Gereon/Hochapfel, Gerd/Hoffmann, Sven Olaf 2004: S. 143-144

34 Vgl. Petermann, Franz/Winkel, Sandra 2008: S. 30-34

35 Vgl. Eckhardt-Henn, Annegret/Heuft, Gereon/Hochapfel, Gerd/Hoffmann, Sven Olaf 2004: S. 143-144

36 Vgl. Petermann, Franz/Winkel, Sandra 2008: S. 30-34

37 Vgl. Petermann, Franz/Winkel, Sandra 2008: S. 97

38 Vgl. Schäfer, Ulrike/Rüther, Eckart/ Sachsse, Ulrich 2006: S. 35

39 Vgl. Petermann, Franz/Winkel, Sandra 2008: S. 97

40 Traumahilfe e.V. (o.J.)

41 Vgl. Petermann, Franz/Winkel, Sandra 2008: S. 92-95

42 Weigand, Carolin 2010: S. 8

43 Vgl. Ackermann, Stefanie 2002: S.32

44 Vgl. Sonnenmoster, Marion 2007

45 Kindler, Heinz (o.J.)

46 Vgl. Petermann, Franz/Winkel, Sandra 2008: S. 92-95

47 Ackermann, Stefanie 2002: S. 33

48 Vgl. Petermann, Franz/Winkel, Sandra 2008: S. 92-95

49 Vgl. Ackermann, Stefanie 2002: S. 33

50 Vgl. Charité Universitätsmedizin Berlin (o.J.)

51 Vgl. Flatten G./ Gast, U./ Hofmann, A./ Liebermann, P./ Reddemann, L./ Siol, T./ Wöller, W./Petzold, E.R 2004: S. 3-4

52 Vgl. Flatten G./ Gast, U./ Hofmann, A./ Liebermann, P./ Reddemann, L./ Siol, T./ Wöller, W./Petzold, E.R 2004: S. 31- 34

53 Vgl. Schäfer, Ulrike/Rüther, Eckart/ Sachsse, Ulrich 2010: S. 31

54 Vgl. Morschitzky, Hans 1998: S. 93- 94

55 Vgl. Flatten G./ Gast, U./ Hofmann, A./ Liebermann, P./ Reddemann, L./ Siol, T./ Wöller, W./Petzold, E.R 2004: S. 31- 34

56 Vgl. Morschitzky, Hans 1998: S. 93- 94

57 Vgl. Kunzke, Dieter 2008: S. 80- 81

58 Vgl. Charité Universitätsmedizin Berlin (o.J.)

59 Vgl. Kunzke, Dieter 2008: S. 80-81

60 Vgl. Morschitzky, Hans 1998: S. 124

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Selbstverletzendes Verhalten als psychische Konfliktbewältigung. Handlungsansätze in der sozialen Arbeit
Hochschule
Hochschule Coburg (FH)
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
39
Katalognummer
V314663
ISBN (eBook)
9783668134072
ISBN (Buch)
9783668134089
Dateigröße
1113 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Autoaggression, Selbstverletzendes Verhalten, Ritzen, Handlungsansätze, Konfliktbewältigung, Traumatisierung, Borderline, Soziale Arbeit
Arbeit zitieren
Indra Sistig (Autor), 2015, Selbstverletzendes Verhalten als psychische Konfliktbewältigung. Handlungsansätze in der sozialen Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314663

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