Einleitung
L‘empereur n‘est pas comme votre roi, qui voit et fait tout de lui-même; car il est comme une statue que l‘on veut et que l‘on redresse à son plaisir.(1)
Ein freimütiger Ausdruck der Bewunderung an den französischen Sonnenkönig Ludwig XIV. Dieses Zitat stammt nicht etwa aus dem Munde eines unbedeutenden Diplomaten, formuliert wurde es von einem Staatsmann ersten Ranges: Fürst Wenzel Eusebius Lobkowitz, zu jenem
Zeitpunkt Obersthofmeister und engster Berater des Römischen Kaisers. In den Jahren seiner Präsenz sollte sich das Haus Habsburg für eine kurze Zeit Frankreich annähern, sollte Österreich dem französischen König freie Hand in seiner Hegemonialpolitik lassen.
Behauptet der Minister hier also mit Fug und Recht, den Kaiser nach Belieben zu dirigieren – vielleicht sogar im Format eines Richilieus oder Mazarins? Wie groß war der Einfluss des böhmischen Adligen wirklich? Diese Frage soll das Thema der vorliegenden
Arbeit sein. Sie beschäftigt sich mit einem Aspekt der Geschichtswissenschaft, der erst vor rund 30 Jahren mit der Arbeit des Soziologen Norbert Elias2 reges Interesse fand: Die höfische Gesellschaft. Einhergehend mit der Neubeurteilung des Hofes in seiner politischen, sozialen und kulturellen Bedeutung, wurde auch die Rolle der informellen Machtverteilung neu bewertet. Gegen die Eliassche These vom „Hof als Herrschaftsinstrument des Königs“
meldeten sich bald Kritiker zu Wort. Die Aristokratie ziehe ebenso Vorteile aus der Nähe zum Herrscher, so ihre einhellige Meinung, nicht zuletzt durch direkte Einflussnahme auf die Politik.
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1 François A. M. A. Mignet (Hg.): Négociations relatives à la succession d‘Espagne sous Louis XIV., ou Correspondances, mémoires, et actes diplomatiques concernant les prétentions et l’avènement de la maison de Bourbon au trône d‘Espagne, Bd. 2, Paris 1835, S. 383.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Aufstieg: vom Schlachtfeld in die Diplomatie
2.1. Schlüssel zum Erfolg? Eine Charakterstudie Leopold I.
2.2. Züge eines Potentaten? Lobkowitz und sein Auftreten
3. Entscheidende Wende: die Rivalität zu Auersperg
3.1. Verkannter Souverän? Leopolds Wunsch nach Selbstregierung
3.2. Im Schulterschluss mit Frankreich? Der Sturz des Auersperg
4. Isoliert an der Spitze: Lobkowitz auf der Höhe seiner Macht
4.1. Allein durch die Gunst des Kaisers? Die Macht von Amtswegen
4.2. Frankreich um der Freundschaft willen? Lobkowitz’ politischen Motive
5. Der Fall: mit dem Umschwung der Politik das persönliche Aus
5.1. Kritik rein politischer Natur? Höflinge im Kampf gegen den Fürsten
5.2. Unerwartetes Ende? Die Verbannung aus Wien
6. Historische Vorbilder: Favoriten in der Wissenschaft
7. Strippenzieher oder kaiserliche Marionette? Ein Fazit
8. Bibliographie
8.1. Quellen
8.2. Darstellungen
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht den tatsächlichen politischen Einfluss des böhmischen Fürsten Wenzel Eusebius Lobkowitz auf Kaiser Leopold I. Dabei wird analysiert, inwieweit die Bezeichnung als „Günstlingsminister“ gerechtfertigt ist und welche Rolle informelle Machtstrukturen am Wiener Hof des 17. Jahrhunderts spielten.
- Die Charakteranalyse von Kaiser Leopold I. als Grundlage seiner Regierungsführung.
- Die Rivalität zwischen den führenden Adelsfraktionen (Lobkowitz vs. Auersperg).
- Die Analyse der pro-französischen Außenpolitik unter Lobkowitz und deren Scheitern.
- Die theoretische Einordnung des „Günstlingswesens“ in der Geschichtswissenschaft.
Auszug aus dem Buch
3.2. Im Schulterschluss mit Frankreich? Der Sturz des Auersperg
Der entscheidende Impulsgeber für das Schicksal des Fürsten Auersperg ist nicht etwa der Kaiser selbst. Ironischerweise übernimmt bei dem Fall des ambitionierten Staatsmannes der französische Konkurrent des Habsburgers, Ludwig XIV., eine wichtige Rolle. Zur Vorbereitung seines geplanten (Devolutions-)Krieges gegen die spanischen Niederlande hatte der nämlich seine Gesandten in Wien aktiv werden lassen, um über eine Teilung des spanischen Königreiches zu verhandeln und damit gleichzeitig die Neutralität des Kaisers bei Ausbruch des Krieges sicherzustellen.
Zunächst sollte der Kölner Diplomat Fürstenberg im Frühjahr 1673 das Terrain sondieren, scheiterte mit seinen Vermittlungsversuchen aber an der Ablehnung Auerspergs, der sich hinter Lobkowitz übergangen fühlte. Den erfolgreichen zweiten Versuch startete nun der Chevalier von Grémonville, Frankreichs Gesandter am Kaiserhof. Bis zum Einrücken der französischen Armeen in Flandern konnte der geschickte Diplomat die kaiserlichen Minister über die Absichten seines Königs täuschen. Und schließlich wandte er sich, wiederum mit dem Wunsch nach einem Teilungsvertrag, an Lobkowitz. Dieser wusste aber um die immer noch starke spanische Faktion bei Hofe und wies den Gesandten bewusst an Auersperg.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie groß der Einfluss von Fürst Lobkowitz auf den Kaiser wirklich war und verknüpft dies mit dem soziologischen Konzept der höfischen Gesellschaft.
2. Der Aufstieg: vom Schlachtfeld in die Diplomatie: Dieses Kapitel zeichnet den kometenhaften Karriereweg Lobkowitz’ vom Militärdienst bis hin zu seiner Rolle als Diplomat bei der Kaiserwahl Leopolds I. nach.
3. Entscheidende Wende: die Rivalität zu Auersperg: Hier wird der Machtkampf zwischen Lobkowitz und seinem Vorgänger Auersperg beleuchtet, der den Übergang zu Leopolds Regierungsstil markiert.
4. Isoliert an der Spitze: Lobkowitz auf der Höhe seiner Macht: Das Kapitel beschreibt Lobkowitz’ Konsolidierung seiner Machtposition sowie seine Rolle im ungarischen Magnatenaufstand.
5. Der Fall: mit dem Umschwung der Politik das persönliche Aus: Der letzte Teil des praktischen Hauptteils analysiert die Entfremdung zwischen Kaiser und Minister sowie den schließlichen Sturz Lobkowitz’ aufgrund politischer Umbrüche.
6. Historische Vorbilder: Favoriten in der Wissenschaft: Dieser theoretische Exkurs ordnet die Person Lobkowitz in den wissenschaftlichen Diskurs über das europäische Favoritenwesen ein.
7. Strippenzieher oder kaiserliche Marionette? Ein Fazit: Das Fazit stellt die These auf, dass Lobkowitz’ Einfluss überschätzt wurde und er eher ein Bauernopfer der kaiserlichen Politik war.
8. Bibliographie: Das Verzeichnis listet sämtliche herangezogene Primärquellen und Sekundärdarstellungen auf.
Schlüsselwörter
Wenzel Eusebius Lobkowitz, Leopold I., Wiener Kaiserhof, Günstlingswesen, 17. Jahrhundert, Habsburgermonarchie, Politische Faktionen, Frankreich, Außenpolitik, Hofkultur, Geheimer Rat, Machtstrukturen, Absolutismus, Diplomatische Geschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die politische Rolle und den Einfluss von Fürst Wenzel Eusebius Lobkowitz am Hof von Kaiser Leopold I. im 17. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen der Aufstieg und Fall eines einflussreichen Adligen, die höfischen Machtstrukturen der Habsburgermonarchie sowie die Außenpolitik gegenüber Frankreich.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsfrage?
Die Arbeit hinterfragt, ob Lobkowitz tatsächlich ein mächtiger „Günstlingsminister“ war oder ob seine Rolle durch kaiserliche Vorgaben stärker begrenzt war als oft angenommen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor verwendet eine biographisch-historische Analyse und stützt sich dabei auf zeitgenössische Korrespondenzen, diplomatische Berichte und aktuelle geschichtswissenschaftliche Theorien zur höfischen Gesellschaft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in den Karriereweg, den Machtkampf mit Auersperg, die politische Isolation Lobkowitz’ durch den Umschwung in der Außenpolitik und eine theoretische Einordnung des Günstlingswesens.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Fürst Lobkowitz, Leopold I., habsburgische Hofkultur, Machtkampf, Diplomatie und das Phänomen des Favoritenwesens.
Welche Rolle spielte die Kaiserinwitwe in Lobkowitz’ Sturz?
Die Kaiserinwitwe Eleonora gehörte zu den Gegnern des Fürsten, da er ihren familiären Interessen bei der Brautwerbung des Kaisers entgegengearbeitet hatte.
Warum konnte Lobkowitz trotz seines Falls eine vergleichsweise milde Strafe erreichen?
Die Strafe fiel vergleichsweise milde aus, da die Beweislage gegen ihn schwach war und der Kaiser in seiner Entscheidung zur Verbannung zögerlich agierte.
- Citar trabajo
- Geoffrey Schöning (Autor), 2000, Aufstieg und Fall des Fürsten Lobkowitz - Die Biographie eines Günstlingsministers, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/3148