Der Ordnungsbegriff in Franz Grillparzers "Der arme Spielmann"


Hausarbeit, 2011

14 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Scheitern an der allgemeinen Ordnung

2.1. Jakobs am Rande der Gesellschaft und im Einklang mit Gott
2.2. Ursprünge eines elementaren Problems
2.3. Wertevorstellungen als Gegenpol
2.4. Der Kreidestrich
2.5. Barbara als Ordnerin
2.6. Im Tod zur Ordnung

3. Résumé: Ewige Ordnung?

Literaturverzeichnis

1. Scheitern an der allgemeinen Ordnung

In Franz Grillparzers „Der arme Spielmann“ hat der Begriff der Ordnung einen geradezu leitmotivischen Charakter. An mehreren Stellen wird er explizit genannt, an anderen wiederum werden Situationen geschildert, die mit diesem in Zusammenhang stehen. Der arme Spielmann selbst verschließt sich der ihn umgebenden allgemeinen Ordnung gänzlich - weil er nicht dazu in der Lage ist diese umzusetzen und sie viel mehr als Unordnung empfindet. Um sich in einer in den Augen des Spielmanns verworrenen und ungeordneten Welt zurechtzufinden, hat Jakob seine eigenen Ordnungsprinzipien, die er konsequent lebt. Dazu gehört sein ständiges Bedürfnis nach einem gepflegten Äußeren. Dazu gehören seine Wertevorstellungen, zum Beispiel sein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn. Dazu gehört der Kreidestrich in seinem Zimmer. Diese und andere Regeln der Ordnung, die der Spielmann sich mehr oder weniger bewusst auferlegt hat, setzt er unter allen Umständen durch. Er legt ein Verhalten an den Tag, das von seiner Umwelt als unangemessen empfunden wird, da es sich außerhalb dessen bewegt, was als gesellschaftlich angemessen gilt. Er selbst nimmt das nicht wahr. Zu sehr hat er sein Handeln verinnerlicht, zu tief lebt er in seiner eigenen Welt. Zwar wäre er, wie er selbst sagt, »wohl imstande gewesen, allerlei zu erlernen, wenn man mir nur Zeit und Ordnung gegönnt hätte« (18). Es mangelte an beidem, weshalb er seine eigene Ordnung praktiziert.

Die vorliegende Arbeit untersucht Jakobs Ordnungsverständnis anhand ausgesuchter Textbeispiele. Im Mittelpunkt stehen dabei seine spezifischen Verhaltensweisen und seine Abgrenzung von der Umwelt. Weiterhin wird die Rolle von Jakobs Glauben erörtert und Barbara als ordnungsstiftende Instanz betrachtet. Davon ausgehend wird versucht darzulegen, inwiefern Jakob letztlich doch zu einer Art beständiger und ›wahrer‹ Ordnung findet.

2.1. Jakob am Rande der Gesellschaft und im Einklang mit Gott

Die Ordnungsproblematik entfaltet sich bereits in der Schilderung des Volksfestes als ordnungswidriger Gegenpol zum armen Spielmann.1 Es ist die Rede von einer »wogende[n] Menge« (3)2, die die Straßen füllt, von einem wachsenden »Drang« (3), von kampfartigen Szenen. Schließlich von zwei Strömen, die alte Donau und die geschwollnere Woge des Volks sich kreuzend quer unterund übereinander, die Donau ihrem alten Flussbett nach, der Strom des Volkes, der Eindämmung der Brücke entnommen, ein weiter, tosender See, sich ergießend in alles deckender Überschwemmung. (3)

Dieser Schilderung des quirligen Volksfestgeschehens steht der arme Spielmann gegenüber. Er steht abseits »am Abhang der erhöhten Dammstraße«, und zwar, wie der Erzähler mutmaßt, weil er und die anderen dort stehenden Straßenmusiker »die große Konkurrenz« (6) scheuen. Interessant ist, dass seine Kollegen in aller Negativität im Bezug auf ihre Erscheinung geschildert werden. Der arme Spielmann hingegen trägt einen »nicht unreinlichen Molltonüberrock« (7). Außerdem benutzt er als einziger ein Notenpult. Jakob wird exponiert von den Anderen dargestellt. Zwar steht er mit ihnen in einer Reihe, hebt sich aber durch sein ordentliches äußerliches Erscheinungsbild von seinen Musikerkollegen deutlich ab.3

Das Volksfest wird vom Erzähler als eine Veranstaltung beschrieben, bei der »sie [die Festbesucher] in Massen für einige Zeit der einzelnen Zwecke vergessen und sich als Teile des Ganzen fühlen, in dem denn doch zuletzt das Göttliche liegt« (5). Jakob steht im Abseits, ist nicht Teil des Ganzen und fährt der Auffassung des »Göttlichen«, die der Erzähler vertritt, zuwider. Diese Art des »Göttlichen« lehnt er ab, vielmehr konstruiert er eine Beziehung zu Gott, die singulär ist, sozusagen ein Band zwischen Gott und ihm selbst. Sein Glaube ist ordnungsstiftend für Jakob. Vom Erzähler auf seine Geschichte angesprochen, entgegnet er, dass nur Gott wissen könne, was »übermorgen« und »weiter hinaus« (16) geschehen werde. Jakob legt mit dieser Grundeinstellung sein Leben in die Hände Gottes4, macht sich damit von seiner eigenen Lebensverantwortung frei und hat dafür später eine passende Begründung parat: »Gott hatte mir zwei linke Hände geschaffen« (35).

Musik hält er für gottgegeben. Als Jakob seine Violine nach etlichen Jahren wieder benutzt, ist er darüber entsetzt, dass er solange nicht gespielt hat und bezeichnet die Geige als das »holde Gotteswesen« (21). Er setzt Musik mit Religion gleich, und sich selbst mit Gott: »Sie spielen den Wolfgang Amadeus Mozart und den Sebastian Bach, aber den lieben Gott spielt keiner« (22). Jakob maßt sich an, die einzig ›wahre‹ und ›schönste‹ Ordnung zu praktizieren, und zwar die Göttliche; in Form seiner Musik.5 Tatsächlich aber erklingt sein Spiel »außer allem Zusammenhange« (7). Sein Streben nach der ›wahren‹ Ordnung deckt letztlich seine Unfähigkeit zu selbiger auf.6 Die Musik gibt ihm jedoch den nötigen Halt.

Vermutlich kommt es nicht häufig vor, dass Jakob auf offener Straße auf seine Kunst angesprochen wird. Der Ich-Erzähler unterbricht folglich Jakobs ›normalen‹ Tagesablauf, was Jakob nicht weiter zu stören scheint. Als jedoch der Erzähler Jakob im Laufe des Gesprächs entlohnen will und ihm ein Silberstück reicht, wehrt Jakob energisch ab und verweist auf den Hut, der vor ihm steht. Er will das Geld nicht direkt entgegennehmen, weil aus Gründen der ›rechten‹ Ordnung alles seine Bestimmung hat: Der Hut ist allein für das Geld vorgesehen. Besonders eindrücklich zeigt sich hier, wie konsequent Jakob seinen Ordnungswahn verfolgt. Die selbstauferlegte Ordnung lebt der Spielmann als »Leitprinzip«7. Kurz nachdem der Erzähler das Geld in den Hut hat fallen lassen, holt Jakob es heraus und steckt es »ganz zufrieden« (9) ein. Der Hut dient also als ›obligatorische Zwischeninstanz des Geldtransfers‹. Einen Regelverstoß kann Jakob nicht hinnehmen - ansonsten hätte er das Gefühl, die Rolle des Straßenmusikanten nicht ›ordentlich‹ und angemessen auszuüben. Als ihm der Erzähler später ein weiteres Geldstück geben will, lehnt Jakob ab. Der Lohn für sein Spiel sei ihm schon zu Teil geworden und er sei sich eines anderen Verdienstes [...] nicht bewusst« (12). Er will das Geld nicht annehmen, weil er schlicht und einfach der Ansicht ist, es nicht verdient zu haben. Man könnte sagen, Jakob ist penibel bescheiden.

2.2. Ursprünge eines elementaren Problems

Dieser Zwang nach Ordnung kommt als grundlegendes Problem Jakobs schon in seiner Jugend zum Vorschein. Die bereits anderswo ausreichend erörterte Prüfungssituation8 macht das deutlich. Als ihm beim Aufsagen der Verse des Horaz ein einziges Wort fehlt, bringt ihn das derart durcheinander, dass er die innere Ordnung vollends verliert.

[...]


1 vgl. Nicolai, Ralf R.: Grillparzers Der arme Spielmann: Eine Deutung. In: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch im Auftrage der Görres-Gesellschaft 29. Berlin 1988, S. 76.

2 Franz Grillparzers Text wird im Folgenden mit Seitenangabe im laufenden Text nach folgender Ausgabe zitiert: Der arme Spielmann. Hrsg. von Helmut Bachmaier. Stuttgart 2002.

3 vgl. Politzer, Heinz: Franz Grillparzers Der Arme Spielmann. Stuttgart 1967, S. 15.

4 vgl. Heine, Roland: Ästhetische Oder Existentielle Integration? Ein Hermeneutisches Problem Des 19. Jahrhunderts. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft Und Geistesgeschichte 46 (1972). S. 145.

5 vgl. Tunner, Erika: Thomas Bernhard: un joyeux mélancolique. Paris 2004, S. 162f.

6 Dies., S. 163.

7 vgl. Nicolai, Ralf R.: Grillparzers Der arme Spielmann: Eine Deutung. In: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch im Auftrage der Görres-Gesellschaft 29. Berlin 1988, S. 77.

8 z.B. Heine, Roland: Ästhetische Oder Existentielle Integration? Ein Hermeneutisches Problem Des 19. Jahrhunderts. In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft Und Geistesgeschichte 46 (1972).

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Details

Titel
Der Ordnungsbegriff in Franz Grillparzers "Der arme Spielmann"
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V314818
ISBN (eBook)
9783668180857
ISBN (Buch)
9783668180864
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ordnungsbegriff, franz, grillparzers, spielmann
Arbeit zitieren
Erik Stahlhacke (Autor), 2011, Der Ordnungsbegriff in Franz Grillparzers "Der arme Spielmann", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314818

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