Die Rezeption von Nietzsches "Zarathustra" in Walter Benjamins Briefroman "Deutsche Menschen"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

0. Einleitung

1. Menschlichkeit
1.1 Kalte Gerechtigkeit
1.2 Toleranz und Pluralismus
1.3 Pazifismus, Krieg und Widerstand
1.4 Skepsis und Lebensfreude

2. Die Freiheit des Individuums

3. Demagogie

4. Kinderland statt Vaterland

5. Schluss

Literatur

0. Einleitung

Unter dem Pseudonym Detlef Holz veröffentlichte der deutsche Jude Walter Benjamin 1936 in seinem Schweizer Exil die Briefesammlung Deutsche Menschen. Eine Folge von Briefen. Mit dem Ziel eines intellektuellen Sabotageakts an der nationalsozialistischen Gesinnung sorgte er dafür, dass sein Briefbuch auch in Nazi-Deutschland in den Verkauf gelangte. Der Titel diente einerseits der Tarnung vor der Zensur, indem er auf den ersten Blick an einschlägige nationalsozialistische Literatur aus den Vorjahren erinnerte, welche mit Der Deutsche Mensch betitelt war. Durch seine scheinbare Nähe zur Nazi-Literatur sollte der Titel andererseits helfen Benjamins Zielgruppe der Regimeanhänger zu erreichen, um diese auf subtile Weise zum Umdenken zu bewegen. Im Gegensatz zur erwähnten Nazi-Literatur hebt Benjamins Pluralbildung „Deutsche Menschen“ die Singularität jedes einzelnen Menschen und damit die Heterogenität in der deutschen Bevölkerung hervor. Der Untertitel auf dem Originaleinband von 1936 „Von Ehre ohne Ruhm / Von Größe ohne Glanz / Von Würde ohne Sold“ deutet durch diese Minderung von Ehre, Größe und Würde im Zusammenhang mit deutschen Menschen bereits auf oppositionelles Gedankengut hin. Trotz seiner Absicht in erster Linie Sympathisanten der Nazi-Herrschaft zu erreichen, setzte sich Benjamins Leserschaft letztlich überwiegend aus Oppositionellen zusammen. Nach zwei Jahren im Verkauf wurde das Buch schließlich zusammen mit seinem Verlag in Deutschland verboten.

Die Briefe dieser Sammlung, jeder mit einem Kommentar Benjamins versehen, umfassen in nahezu chronologischer Reihenfolge annähernd den Zeitraum eines Jahrhunderts. Unter den Absendern und Adressaten der meisten dieser 26 Briefe befinden sich namhafte deutsche Dichter und Denker, wie z. B. Goethe, Büchner und Kant.

Als Ausgangspunkt wähle ich für meine Hausarbeit den letzten Brief der Sammlung von Franz Overbeck an seinen Freund Friedrich Nietzsche aus dem Jahr 1883. Zu dieser Zeit verfasste Nietzsche den zweiten Teil seines letztlich vierteiligen Hauptwerkes Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen, welches ich dem Beispiel Benjamins und Overbecks folgend in meiner Hausarbeit kurz den Zarathustra nennen werde. Overbeck plädiert in dem besagten Brief für die erfolgreiche Weiterführung des Zarathustra. Voller „Vertrauen auf seinen Wert“[1] macht Overbeck sogar Nietzsches „Heil als Schriftsteller“[2] vom „Fortgang der Sache“[3] abhängig. Da das Briefbuch mit diesem Brief endet, denke ich, Benjamin lag hier ebenfalls der Fortgang der Sache am Herzen. Die lobende Erwähnung des Zarathustra am Ende der Sammlung deute ich als implizite Literaturempfehlung Benjamins an seine Leser. Um sie am Ende des Buches nicht wieder gänzlich der nationalsozialistischen Propaganda überlassen zu müssen, gibt er ihnen den Hinweis auf den Zarathustra mit auf den Weg. Auf Grund der freien Verfügbarkeit von Nietzsches Schriften im Dritten Reich konnte der interessierte Leser dem Hinweis problemlos nachgehen. In der Hoffnung, Leser mit nationalsozialistischer Gesinnung zum regimekritischen Denken anzuregen, half Benjamin die Tatsache, dass Nietzsche den Nazis ungerechtfertigterweise als einer der Ihren galt. So konnte er regimetreue Leser dazu bringen, sich wohlwollend mit der obrigkeitskritischen Philosophie des Freigeistes Nietzsche auseinanderzusetzen.

Im Folgenden werde ich eine nach Themenfeldern sortierte Auswahl an Passagen aus dem Zarathustra vorstellen, die meines Erachtens bestens dazu geeignet waren, den Lesern im Dritten Reich die Augen für eine kritische Sichtweise auf die Nazi-Diktatur zu öffnen.

Zunächst werde ich mich Zarathustras Prinzipien einer auf Menschlichkeit und Freiheit basierenden Lebensführung widmen, bevor ich sein Plädoyer für Individualismus und seine Ablehnung blinden Gehorsams darlegen werde. Anschließend werde ich mich mit der Kritik an lauter Demagogie und mit der Darstellung des Vaterlands, des Auslands, der Deutschen und der Juden im Zarathustra auseinandersetzen. Zum Schluss werde ich meine Ergebnisse zusammenfassen und einen Ausblick auf die weitere Wirkungsgeschichte des Zarathustra wagen. An geeigneten Stellen meiner Hausarbeit werde ich mich auf Renate Reschkes Aufsatz Barbaren, Kult und Katastrophen beziehen, der Benjamins Nietzsche-Rezeption schildert.

1. Menschlichkeit

Overbeck nimmt in dem Brief an Nietzsche den Standpunkt „einer verständigen, auf die menschliche Natur und sonst nichts gegründeten Moral“[4] ein, um den Rückzug Cosima Wagners nach dem Tod ihres Gatten Richard Wagner als „natürlichen menschlichen Egoismus“[5] zu rechtfertigen. Anschließend legt er Nietzsche nahe, als „Lehrer (etwa des Deutschen) [...] für Menschen [zu] wirken.“[6] Eine solche menschliche Moral ist mit der ausgrenzenden völkischen Moral der Nationalsozialisten nicht vereinbar. Auch Zarathustras bzw. Nietzsches Liebe zum Menschen und Übermenschen ist nicht auf einzelne Rassen, Kulturen oder Nationen beschränkt. Bereits in der Vorrede bekennt Zarathustra: „Ich liebe die Menschen.“[7] Im Sinne des humanistischen Ideals, die Vervollkommnung der Menschheit anzustreben, stellt Nietzsche den Menschen als Übergang zum edleren Übermenschen dar. In dem Kapitel Von der Nächstenliebe erteilt Nietzsches Alter Ego Zarathustra jeglicher Form elitärer und damit auch ethnozentristischer Moral eine Absage:

Ihr drängt euch um den Nächsten und habt schöne Worte dafür. Aber ich sage euch: eure Nächstenliebe ist eure schlechte Liebe zu euch selber.

[...] Rate ich euch zur Nächstenliebe? Lieber noch rate ich euch zur Nächsten-Flucht und zur Fernsten-Liebe!

[...] Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nächsten bezahlen; schon wenn ihr zu fünfen miteinander seid, muss immer ein sechster sterben.

[...] Die Zukunft und das Fernste sei dir die Ursache deines Heute: in deinem Freunde sollst du den Übermenschen als deine Ursache lieben.

Meine Brüder, zur Nächstenliebe rate ich euch nicht: ich rate euch zur Fernsten-Liebe.[8]

Nietzsche macht an dieser Stelle auf die tödlichen Folgen einer partikulären Moral für Außenstehende aufmerksam. Im Umfeld des Dritten Reiches muss Nietzsches Warnung vor einer so verstandenen Nächstenliebe als Warnung vor der Intoleranz der Nazis geklungen haben. Das Unheil, das aus Nietzsches Worten droht, wurde schließlich durch die Opfer des zweiten Weltkriegs und des Holocausts zur traurigen Gewissheit.

Abgesehen von dem Ratschlag zur „Fernsten-Liebe“ empfiehlt Zarathustra seinen Zuhörern eine Vielzahl an Tugenden und Verhaltensweisen für ein gelingendes, von edler Menschlichkeit geprägtes Leben. Diesen Anweisungen zu höherer Menschlichkeit widme ich die folgenden Unterkapitel.

1.1 Kalte Gerechtigkeit

In Vom Biss der Natter spricht sich Zarathustra gegen die „kalte Gerechtigkeit“[9] aus, d. h. gegen eine unmenschliche Strafpraxis, die „nicht auch ein Recht und eine Ehre ist für den Übertretenden“[10], sondern vielmehr den „Henker und sein kaltes Eisen“[11] zum Einsatz bringt. In seinem Plädoyer für eine milde Rechtsprechung fordert Zarathustra sogar eine „Gerechtigkeit, die jeden freispricht, ausgenommen den Richtenden“[12].

In Von den Tugendhaften entlarvt Zarathustra mit Hilfe eines geschickten Wortspiels die Gerechtigkeit der vermeintlich Tugendhaften als eine gefährliche, diskriminierende Rachsucht: „Und wenn sie sagen: ,ich bin gerecht‘, so klingt es immer gleich wie: ,ich bin gerächt!‘ Mit ihrer Tugend wollen sie ihren Feinden die Augen auskratzen; und sie erheben sich nur, um andre zu erniedrigen.“[13]

In dem Gleichnis Von den Taranteln führt Zarathustra diesen Gedanken weiter aus:

Denn dass der Mensch erlöst werde von der Rache: das ist mir die Brücke zur höchsten Hoffnung und ein Regenbogen nach langen Unwettern.

Aber anders wollen es freilich die Taranteln. „Das gerade heiße uns Gerechtigkeit, dass die Welt voll werde von den Unwettern unsrer Rache“ – also reden sie miteinander.

„Rache wollen wir üben und Beschimpfung an allen, die uns nicht gleich sind“ – so geloben sich die Tarantel-Herzen.

„Und ,Wille zur Gleichheit’ – das selber soll fürderhin der Name für Tugend werden; und gegen alles, was Macht hat, wollen wir unser Geschrei erheben!“

Ihr Prediger der Gleichheit, der Tyrannen-Wahnsinn der Ohnmacht schreit also aus euch nach „Gleichheit“: eure heimlichsten Tyrannen-Gelüste vermummen sich also in Tugend-Worte!

Vergrämter Dünkel, verhaltener Neid, vielleicht eurer Väter Dünkel und Neid: aus euch bricht’s als Flamme heraus und Wahnsinn der Rache.

[...] Richter-sein scheint ihnen Seligkeit.

Also rate ich euch, meine Freunde: misstraut allen, in welchen der Trieb zu strafen mächtig ist![14]

Diese Zeilen über falsche Gerechtigkeit können im Zusammenhang mit der Nazi-Diktatur nur als massive Kritik am Regime aufgefasst werden. Kaum eine Strafpraxis war wohl erniedrigender und rigider als die der Nazis, die gerne und häufig die Todesstrafe verhängten, wo es nichts zu bestrafen gab. Gleich den Taranteln aus dem Gleichnis wollten sie sich an allen rächen, die sie als ungleich, d. h. in ihrem Fall als undeutsch, einstuften. Der „Wille zur Gleichheit“ als Tugend der Taranteln entspricht ihrem Willen zu einer homogenen arischen Volksgemeinschaft, den sie als vermeintliche deutsche Tugend mit viel „Geschrei“ propagierten.

Indem Nietzsche mit dieser Passage den „Tyrannen-Wahnsinn der Ohnmacht“ und den „Wahnsinn der Rache“ unter der Nazi-Herrschaft und ihre Gefahr für die Welt vorhersieht, muten seine Worte wahrhaft prophetisch an und dürften den aufmerksamen Leser im Dritten Reich mit ihrer politischen Aktualität überrascht haben. Nietzsche nennt mit der „Väter Dünkel und Neid“ bereits 1883 entscheidende gesellschaftliche Bedingungen für die Machtergreifung Hitlers. Hitler bediente sich eines seit Jahrhunderten schwelenden und immer wieder aufflammenden Antisemitismus, den stets auch der Neid auf wohlhabende jüdische Bürger begleitete. „Vergrämter Dünkel“ sorgte dafür, dass die Niederlage im Ersten Weltkrieg und die strengen Bedingungen des Friedensvertrags von Versailles, die das Ende des Zweiten Reiches und die Ohnmacht einer ehemaligen Großmacht bedeuteten, die Deutschnationalen in der Weimarer Republik stärkten.

1.2 Toleranz und Pluralismus

Zarathustras Plädoyer gegen das Richten, Strafen und den Willen zur Gleichheit ist positiv formuliert ein Plädoyer für Toleranz und Pluralismus. Den „Predigern der Gleichheit“[15] stellt er seinen Entwurf von Gerechtigkeit entgegen: „Denn so redet mir die Gerechtigkeit, ,die Menschen sind nicht gleich.’ Und sie sollen es auch nicht werden! Was wäre denn meine Liebe zum Übermenschen, wenn ich anders spräche?“[16]

Er verweist auf die Bedeutung einer heterogenen, pluralistischen Gesellschaft für den Fortschritt der Menschheit. Der Pluralismus begünstigt einen dialektischen Prozess in der Gesellschaft, der die Widersprüche einer pluralistischen Streitkultur auf einer höheren Abstraktionsebene zu einem neuen Ganzen verknüpft und so dem menschlichen Leben ermöglicht sich Stufe um Stufe höherzuentwickeln:

Und weil es Höhe braucht, braucht es Stufen und Widerspruch der Stufen und Steigenden! Steigen will das Leben und steigend sich überwinden.

[...] Also sicher und schön lasst uns auch Feinde sein, meine Freunde! Göttlich wollen wir wider einander streben![17]

Ein solcher Pluralismus steht natürlich im krassen Widerspruch zur nationalsozialistischen Gleichschaltung aller Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.

In dem Kapitel Vom Geist der Schwere erteilt Zarathustra dem exklusiven Wahrheitsanspruch der Extremisten eine Absage und weist auf die vielfältigen Möglichkeiten hin, durch Versuch und Irrtum seine ganz persönliche Wahrheit zu entdecken. An seinem eigenen Beispiel unterstreicht er die hohe Bedeutung der persönlichen Autonomie und Unabhängigkeit bei dieser Wahrheitssuche:

Auf vielerlei Weg und Weise kam ich zu meiner Wahrheit: nicht auf einer Leiter stieg ich zur Höhe wo mein Auge in meine Ferne schweift.

Und ungern nur fragte ich stets nach Wegen – das ging mir immer wider den Geschmack! Lieber fragte und versuchte ich die Wege selber.

[...] „Das – ist nun mein Weg – wo ist der eure?“, so antwortete ich denen, welche mich „nach dem Wege“ fragten. Den Weg nämlich – den gibt es nicht![18]

[...]


[1] Benjamin 2008, S. 103

[2] ebd.

[3] ebd.

[4] ebd., S. 102

[5] ebd.

[6] ebd., S. 102 f.

[7] Nietzsche 2005, S. 6

[8] ebd., S. 45 f.

[9] ebd., S. 51

[10] ebd.

[11] ebd.

[12] ebd., S. 52

[13] ebd., S. 71

[14] ebd., S. 75 f.

[15] ebd., S. 76

[16] ebd.

[17] ebd., S. 76 f.

[18] ebd., S. 150

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Rezeption von Nietzsches "Zarathustra" in Walter Benjamins Briefroman "Deutsche Menschen"
Hochschule
Technische Universität Dortmund  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Zur literarischen Gattung 'Brief': Detlef Holz (i. e. Walter Benjamin), Deutsche Menschen (1936)
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
23
Katalognummer
V314910
ISBN (eBook)
9783668133877
ISBN (Buch)
9783668133884
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rezeption, nietzsches, zarathustra, walter, benjamins, briefroman, deutsche, menschen
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Christian Kremer (Autor), 2009, Die Rezeption von Nietzsches "Zarathustra" in Walter Benjamins Briefroman "Deutsche Menschen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314910

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