Unter dem Pseudonym Detlef Holz veröffentlichte der deutsche Jude Walter Benjamin 1936 in seinem Schweizer Exil die Briefesammlung "Deutsche Menschen. Eine Folge von Briefen". Mit dem Ziel eines intellektuellen Sabotageakts an der nationalsozialistischen Gesinnung sorgte er dafür, dass sein Briefbuch auch in Nazi-Deutschland in den Verkauf gelangte. Der Titel diente einerseits der Tarnung vor der Zensur, indem er auf den ersten Blick an einschlägige nationalsozialistische Literatur aus den Vorjahren erinnerte, welche mit "Der Deutsche Mensch" betitelt war. Durch seine scheinbare Nähe zur Nazi-Literatur sollte der Titel andererseits helfen, Benjamins Zielgruppe der Regimeanhänger zu erreichen, um diese auf subtile Weise zum Umdenken zu bewegen.
Die Briefe dieser Sammlung, jeder mit einem Kommentar Benjamins versehen, umfassen in nahezu chronologischer Reihenfolge annähernd den Zeitraum eines Jahrhunderts. Unter den Absendern und Adressaten der meisten dieser 26 Briefe befinden sich namhafte deutsche Dichter und Denker, wie z. B. Goethe, Büchner und Kant. Als Ausgangspunkt wähle ich für meine Hausarbeit den letzten Brief der Sammlung von Franz Overbeck an seinen Freund Friedrich Nietzsche aus dem Jahr 1883. Zu dieser Zeit verfasste Nietzsche den zweiten Teil seines letztlich vierteiligen Hauptwerkes "Also sprach Zarathustra. Ein Buch für Alle und Keinen". Overbeck plädiert in dem besagten Brief für die erfolgreiche Weiterführung des "Zarathustra". Die lobende Erwähnung des Zarathustra am Ende der Sammlung deute ich als implizite Literaturempfehlung Benjamins an seine Leser.
Im Folgenden werde ich eine nach Themenfeldern sortierte Auswahl an Passagen aus dem Zarathustra vorstellen, die meines Erachtens bestens dazu geeignet waren, den Lesern im Dritten Reich die Augen für eine kritische Sichtweise auf die Nazi-Diktatur zu öffnen. Zunächst werde ich mich Zarathustras Prinzipien einer auf Menschlichkeit und Freiheit basierenden Lebensführung widmen, bevor ich sein Plädoyer für Individualismus und seine Ablehnung blinden Gehorsams darlegen werde. Anschließend werde ich mich mit der Kritik an lauter Demagogie und mit der Darstellung des Vaterlands, des Auslands, der Deutschen und der Juden im Zarathustra auseinandersetzen. Zum Schluss werde ich meine Ergebnisse zusammenfassen und einen Ausblick auf die weitere Wirkungsgeschichte des Zarathustra wagen.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Menschlichkeit
1.1 Kalte Gerechtigkeit
1.2 Toleranz und Pluralismus
1.3 Pazifismus, Krieg und Widerstand
1.4 Skepsis und Lebensfreude
2. Die Freiheit des Individuums
3. Demagogie
4. Kinderland statt Vaterland
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Hausarbeit untersucht Nietzsches Werk Also sprach Zarathustra als ein oppositionelles Gegenstück zu Walter Benjamins Deutsche Menschen, mit dem Ziel, Nietzsches Philosophie als regimekritisches Instrument im Kontext des Nationalsozialismus zu interpretieren und ihn von faschistischen Zuschreibungen zu distanzieren.
- Analyse der Humanität, Freiheit und Individualität in Nietzsches Zarathustra
- Kritische Auseinandersetzung mit Demagogie, Nationalismus und völkischem Denken
- Untersuchung von Nietzsches Pazifismus und Widerstand gegen Unterdrückung
- Interpretation von Nietzsches Rezeption bei Walter Benjamin
Auszug aus dem Buch
0. Einleitung
Unter dem Pseudonym Detlef Holz veröffentlichte der deutsche Jude Walter Benjamin 1936 in seinem Schweizer Exil die Briefesammlung Deutsche Menschen. Eine Folge von Briefen. Mit dem Ziel eines intellektuellen Sabotageakts an der nationalsozialistischen Gesinnung sorgte er dafür, dass sein Briefbuch auch in Nazi-Deutschland in den Verkauf gelangte. Der Titel diente einerseits der Tarnung vor der Zensur, indem er auf den ersten Blick an einschlägige nationalsozialistische Literatur aus den Vorjahren erinnerte, welche mit Der Deutsche Mensch betitelt war. Durch seine scheinbare Nähe zur Nazi-Literatur sollte der Titel andererseits helfen Benjamins Zielgruppe der Regimeanhänger zu erreichen, um diese auf subtile Weise zum Umdenken zu bewegen. Im Gegensatz zur erwähnten Nazi-Literatur hebt Benjamins Pluralbildung „Deutsche Menschen“ die Singularität jedes einzelnen Menschen und damit die Heterogenität in der deutschen Bevölkerung hervor.
Die Briefe dieser Sammlung, jeder mit einem Kommentar Benjamins versehen, umfassen in nahezu chronologischer Reihenfolge annähernd den Zeitraum eines Jahrhunderts. Unter den Absendern und Adressaten der meisten dieser 26 Briefe befinden sich namhafte deutsche Dichter und Denker, wie z. B. Goethe, Büchner und Kant.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Einführung in Walter Benjamins Briefesammlung und die Zielsetzung der Arbeit, Nietzsches Zarathustra als regimekritisches Werk im Dritten Reich zu beleuchten.
1. Menschlichkeit: Darstellung von Nietzsches humanistischem Ideal, das sich gegen völkische Moralvorstellungen und für eine "Fernsten-Liebe" einsetzt.
1.1 Kalte Gerechtigkeit: Untersuchung von Zarathustras Kritik an einer rigiden, rachsüchtigen Strafpraxis und seiner Forderung nach einer milden Rechtsprechung.
1.2 Toleranz und Pluralismus: Analyse von Nietzsches Plädoyer für eine pluralistische Gesellschaft und individuelle Wahrheitssuche als Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Gleichschaltung.
1.3 Pazifismus, Krieg und Widerstand: Interpretation von Nietzsches Kriegsmetaphorik als geistigen Kampf und Appell zum gewaltlosen Widerstand gegen Unterdrückung.
1.4 Skepsis und Lebensfreude: Betrachtung der Rolle von Selbstironie, Zweifeln und Lebensfreude als Distanzierungsmittel gegenüber dem totalitären Wahrheitsanspruch des Regimes.
2. Die Freiheit des Individuums: Auseinandersetzung mit Nietzsches obrigkeitskritischer Haltung und seinem Misstrauen gegenüber dem Staat als "kältestem aller kalten Ungeheuer".
3. Demagogie: Analyse von Nietzsches Kritik an lauter Propaganda und den Inszenierungen von Volksverführern mittels seiner Sprachgewalt.
4. Kinderland statt Vaterland: Untersuchung von Nietzsches Internationalität und seinem kritischen Blick auf nationale Grenzen zugunsten einer "Menschen-Zukunft".
5. Schluss: Zusammenfassende Einschätzung von Nietzsches Werk als oppositionelle Literatur, die dazu beitragen soll, ihn vom Vorwurf des Faschismus freizusprechen.
Schlüsselwörter
Friedrich Nietzsche, Walter Benjamin, Deutsche Menschen, Zarathustra, Nationalsozialismus, Regimekritik, Humanismus, Individuum, Pluralismus, Pazifismus, Demagogie, Widerstand, Freiheit, Antisemitismus, Opposition.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die philosophischen Verbindungen zwischen Walter Benjamins Briefesammlung "Deutsche Menschen" und Nietzsches "Also sprach Zarathustra" im Kontext der Nazi-Diktatur.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind Menschlichkeit, Pluralismus, individuelle Freiheit, Kritik an Demagogie sowie Nietzsches Haltung zu Vaterland und Fremde.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, Nietzsches Philosophie als Instrument der Regimekritik im Dritten Reich aufzuzeigen und ihn nachhaltig vom Vorwurf der faschistischen Gesinnung zu entlasten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine textbasierte, hermeneutische Analyse ausgewählter Passagen aus dem "Zarathustra" im Abgleich mit historischen und literaturwissenschaftlichen Kontexten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie Nietzsches Konzepte von Moral, Toleranz und Freiheit als Gegenpol zur nationalsozialistischen Ideologie fungieren konnten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben den Hauptwerken stehen Begriffe wie Regimekritik, Humanismus, individuelle Autonomie und der Widerstand gegen totalitäre Macht im Zentrum.
Wie deutet der Autor die "Kriegsmetaphorik" bei Nietzsche?
Der Autor argumentiert, dass Nietzsche mit Krieg primär den geistigen Kampf und die pluralistische Streitkultur meint, statt eines physischen, politischen Krieges.
Wie verhält sich die Arbeit zur "Zarathustra"-Rezeption durch die Nationalsozialisten?
Die Arbeit betont die Perversion von Nietzsches Metaphern durch die Nazis und stellt dem eine kritische Lesart gegenüber, die Nietzsches tatsächliche Intentionen hervorhebt.
Warum wird Franz Overbecks letzter Brief als Ausgangspunkt gewählt?
Weil dieser Brief in Benjamins Sammlung enthalten ist und Nietzsche lobend erwähnt, was der Autor als implizite Literaturempfehlung für ein oppositionelles Denken interpretiert.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Staates nach Nietzsche?
Der Staat wird als unterdrückerisches "kaltes Ungeheuer" wahrgenommen, was im Kontrast zur Freiheit des Individuums und der persönlichen Autonomie steht.
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- Bachelor of Arts Christian Kremer (Author), 2009, Die Rezeption von Nietzsches "Zarathustra" in Walter Benjamins Briefroman "Deutsche Menschen", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/314910