»Er hat den Mann niedergeschossen, der ihm die Frau vom engen Pflichtenpfad abgelockt hatte. Das war sein gutes Recht, war eine Nothwendigkeit, an der ein Mann seines Standes im Ernst nicht zweifeln durfte; auf einer gewissen Stufe der Bildung und des Besitzes ziemt es sich für den christlichen Ehemann, den Verführer seines Weibes zum Zweikampf zu fordern, und es macht einen üblen Eindruck, wenn von den Kämpfern dann nicht Einer tot auf dem Platze bleibt. [...] Herr Geert von Innstetten wurde die seltsam fremden Gedanken nicht los, während der Eisenbahnzug ihn [...] ins alte, entheimelte Haus zurücktrug. [...] Es war gut, daß die Reise rasch zu Ende ging [...] sonst hätte er dem Dogma noch länger nachgegrübelt und schließlich gemerkt, daß, sind nur erst ein paar Stiche aufgetrennt, das Ganze wie Maschinennäherei reißt. [...]«1
Die Geschichte der Effi Briest ist, zumindest auf der zuoberst wahrnehmbaren Ebene, auch die Geschichte eines Verlustes von Ehre. Die gezeigte Gesellschaft ist durch einen aristokratischen und militärischen Ehrenkodex mitbestimmt und indem dessen Normen im Ehebruch übertreten werden, kommen Mechanismen einerseits zu dessen Verdeckung, andererseits zu dessen Ahndung nach der Entdeckung zum tragen. Diese Mechanismen in ihrer Funktion, wie sie der Text darstellt, sollen in dieser Arbeit nachvollzogen und freigelegt werden. Dabei sollen die durch den Text mit dem Konzept der Ehre verbundenen verschiedenen Diskursfäden zusammengeführt werden um ein möglichst weites Feld von Bedeutungszusammenhängen überblicken zu können. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Konzeptionen von Gesellschaft, Macht und Geschlecht, die der Text präsentiert. Wegen des unmittelbaren Zusammenhangs von Ehe, Verführung und Ehebruch soll auch dieses Feld im Licht der Mechanismen der kodifizierten Ehre betrachtet werden. Dabei kann hinsichtlich der Interpretation des Textes, wegen der Beschränkung auf erwähnte Teilaspekte, im Rahmen dieser Arbeit kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden. Zusammenhänge des Textes, die in den Tiefen der variantenreichen Symbolik liegen können dabei nur am Rande behandelt werden, sollen an geeigneter Stelle aber dennoch nicht unerwähnt bleiben.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG
II. EHRE - BEGRIFF UND PROBLEMFELDER
A. GRUNDBEDEUTUNG
B. ÖFFENTLICHKEIT UND GESELLSCHAFTLICHE FUNKTIONSZUSAMMENHÄNGE
C. GESCHLECHTSEHRE
D. KÖRPERLICHE ASPEKTE
1. Krankheit und Schwäche
2. Duell und Stärke
III. VERFÜHRUNG
IV. SCHLUSS
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Mechanismen von Ehre und Ehrverlust in Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“ vor dem Hintergrund des aristokratischen und militärischen Ehrenkodex des späten 19. Jahrhunderts. Ziel ist es, die gesellschaftlichen Konventionen, Machtstrukturen und Geschlechterrollen zu analysieren, die zum Ehebruch und dessen folgenschwerer Ahndung führen.
- Ehrenbegriff und gesellschaftliche Normen im 19. Jahrhundert
- Die Rolle der „Geschlechtsehre“ als spezifisch weibliche Norm
- Machtdynamiken zwischen Ehepartnern und dem gesellschaftlichen Umfeld
- Die Funktion von Verführung und Ehebruch im Kontext des Ehrenkodex
- Symbolik von Krankheit und Duell als Ausdruck physischer und moralischer Verfassungen
Auszug aus dem Buch
C. Geschlechtsehre
Für die Betrachtung der Ehre von Effi muss der Ehrbegriff aber zudem um das Konzept der Geschlechtsehre erweitert werden.
Geschlechtsehre existiert als ausschließlich weibliche Form eines Ehrenkodex. Dies wird schon daran deutlich, dass nur die weibliche Geschlechtsehre durch verschiedene Rechtsordnungen geschützt worden ist. Die Geschlechtsehre ist zudem an die körperliche-sexuelle Integrität der Frau gebunden.
An der Geschlechtsehre ist im hier relevanten Kontext interessant, dass diese weibliche Ehre eng an die Ehre der Familie oder bei verheirateten Frauen an die des Ehemannes gebunden ist. Da aber die Frau selbst nicht satisfaktionsfähig ist, kann ihr die Ehre zwar einerseits genommen werden und durch den jeweiligen Vormund in Maßen wieder zurückgegeben werden, indem die Familienehre wiederhergestellt wird. Verliert die Frau die Ehre aber durch aktives Tun, kann ihre eigene Ehre nicht wiederhergestellt werden, wohl aber die der Familie bzw. des gehörnten Ehemannes. Daher basiert in diesem Kontext die Ehre auf einer Ungleichheit auch im Geschlechterdiskurs.
Insofern kann bei der weiblichen Geschlechtsehre nicht nur von einem ex negativo vorhandenen Gut gesprochen werden. Sie wird aber als gegeben angenommen, solange nichts gegenteiliges zutage tritt. Da es sich um den privatesten Bereich des Lebens handelt ist der Ehrverlust an eine Entdeckung gebunden. Da diese Entdeckung dann eine gewisse öffentliche Aufmerksamkeit erhält und mit dem Ehrverlust einhergeht zieht hier die Ehre in besonderem Maße die Aufmerksamkeit erst im Verlust auf sich.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG: Einführung in die Problematik des Ehrverlustes in Fontanes Werk unter Berücksichtigung des zeitgenössischen Ehrenkodex.
II. EHRE - BEGRIFF UND PROBLEMFELDER: Analyse des allgemeinen Ehrbegriffs, der gesellschaftlichen Einbettung und der spezifischen geschlechtsspezifischen Unterschiede.
III. VERFÜHRUNG: Untersuchung der Verführung als Machtinstrument und des „Schritts vom Wege“ Effis im Spannungsfeld von Konvention und Begehren.
IV. SCHLUSS: Zusammenfassende Betrachtung der Unausweichlichkeit des Ehrenkodex und der konsequenten Ausgrenzung der Protagonistin.
Schlüsselwörter
Effi Briest, Theodor Fontane, Ehre, Ehrverlust, Geschlechtsehre, Ehrenkodex, Ehebruch, Duell, Verführung, aristokratische Gesellschaft, Machtverhältnisse, preußisches 19. Jahrhundert, Geschlechterdiskurs, gesellschaftliche Konvention, Symbolik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Mechanismen der Ehre und des Ehrverlusts in Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der aristokratische Ehrenkodex, die „Geschlechtsehre“, Machtstrukturen im Eheleben und die Auswirkungen von gesellschaftlichen Normen auf den Einzelnen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Freilegung und Analyse der im Text dargestellten Funktionsweisen von Ehre und wie diese zur Verurteilung und Ausgrenzung der Hauptfigur Effi führen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die historische Rechtsquellen und philosophische Ehrdefinitionen einbezieht, um den Text im Kontext des 19. Jahrhunderts zu interpretieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Ehre, die Untersuchung von Geschlechtsehre, die Analyse der Verführung durch Crampas sowie die Betrachtung körperlicher Aspekte wie Krankheit und das Duell.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie „Ehrenkodex“, „Geschlechtsehre“, „Ehebruch“, „Machtinstrument“ und „gesellschaftliche Konvention“ beschreiben.
Wie bewertet die Arbeit Innstettens Rolle im Duell?
Innstetten wird als Akteur innerhalb der Öffentlichkeit des Ehrenkodex gesehen, der durch das Duell seine Ehre wiederherstellt, während er gleichzeitig die zerstörerischen Konsequenzen für das Privatleben in Kauf nimmt.
Welche Bedeutung kommt der Figur Roswitha im Kontext der Ehre zu?
Roswitha dient als Kontrastfigur, deren „Fall“ durch eine uneheliche Schwangerschaft illustriert, wie Ehrverlust in niedrigeren sozialen Schichten außerhalb des adligen Ehrenkodex verhandelt wird.
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- M.A. Holger Ihle (Author), 2004, 'Ehre, Ehre, Ehre ... und dann hat er den armen Kerl totgeschossen'. Ehre und Ehrverlust in Fontanes Effi Briest, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31507