Das Sehen des Künstlers Nathanael in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Sehen des Künstlers
2.1. Von der Wichtigkeit der Augen für den Künstler
2.2. Nathanael als Künstler in Der Sandmann

3. Gestörtes Sehen.
3.1. Entstehung von optischen Hilfsmitteln
3.2. Das ‚Versehen‘ Nathanaels

4. Schluss

I Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wer mit einigen Werken von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann vertraut ist, weiß, dass ‘das Sehen‘, sei es durch das bloße Auge, oder unterstützt durch verschiedene optische Hilfsmittel, bei ihm eine wichtige Rolle spielt. Besonders auffällig ist dies in der Novelle Der Sandmann (1816), in der die Augen als Thema mehrfach direkt Erwähnung finden. Aber auch andere Erzählungen Hoffmanns handeln in verschiedenen Ausmaßen vom Sehen oder von optischen Apparaten. Im Meister Floh (1822) finden zum Beispiel Lupen und Linsen Erwähnung und in der Kurzgeschichte Des Vetters Eckfenster (1822) ist das Beobachten ein wichtiger Bestandteil. Den beiden Protagonisten ist es nur möglich, den Marktplatz mithilfe eines Fernrohrs zu betrachten, um ihre Geschichten zu spinnen.

Das Sehen und Beobachten wird in Der Sandmann und in Des Vetters Eckfenster gleichermaßen als wichtig und als Voraussetzung erachtet, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Sehen lässt Bilder entstehen, die die Imagination anregen, auf die sowohl Nathanael als auch die beiden Vetter als Künstler angewiesen sind. Dem Sehen als der Sinn, der für den Künstler zur Ideenfindung wahrscheinlich am wichtigsten ist, wird deshalb in Hoffmanns Geschichten ein besonders hoher Stellenwert zugewiesen.

In dieser Arbeit soll zunächst herausgearbeitet werden, inwiefern und warum das Sehen und die Augen für Nathanael als Künstler von so großer Bedeutung sind. Dafür werden die Wichtigkeit der Augen im Allgemeinen und die Wichtigkeit des Sehens für Nathanael im Speziellen erörtert.

Anschließend wird sich der Frage gewidmet, wie es zu der Veränderung von Nathanael als Künstlerpersönlichkeit kam und wie er sich so von Olimpia hat blenden lassen können. Als Ansatzpunkt dafür werden die optischen Hilfsmittel, über die zuerst ein kurzer historischer Überblick gegeben werden soll, erörtert und im weiteren Verlauf der Zusammenhang von diesen mit Nathanaels ‚Versehen‘[1] dargestellt. Dabei steht alles Geschriebene unter der Prämisse, dass die Fähigkeit des Sehens mit der Fähigkeit des Erkennens gleichzusetzen ist. Erkennen ist für den Künstler und das künstlerische Schaffen von großer Bedeutung und das gestörte Sehen, wie es bei Nathanael der Fall ist und im Verlauf noch näher erläutert wird, führt bei ihm zu Wahnsinn und zum Verlust seiner Identität.

Im Kontext des Seminars gesehen, fand die Rolle des Künstlers immer wieder Erwähnung und auch Der Sandmann kann als Erzählung über einen Künstler und seine Krisen gesehen werden.

2. Das Sehen des Künstlers

2.1. Von der Wichtigkeit der Augen für den Künstler

Schon Platon erkannte und betonte die Wichtigkeit der Augen unter den menschlichen Sinnen, indem er in seinem Sonnengleichnis festhielt, dass „der Bildner der Sinne das Vermögen des Sehens und des Gesehenwerdens weitaus am vollkommensten geschaffen hat.“[2] Dabei sei das Auge das einzige Sinnesorgan, das ohne einen weiteren Faktor nicht funktioniere: es brauche Licht. Ohne Licht sei es nicht möglich, die Dinge, die nicht beschienen werden, zu erkennen.[3] In dieser Allegorie steht das Licht für das Gute, das den Menschen die Wahrheit erkennen lässt und zu Erkenntnis verhilft.[4] Um dahin zu kommen, ist das Auge also eine Notwendigkeit.

Hegel, der ein Zeitgenosse[5] Hoffmanns war, sieht das Auge als den Sitz der Seele an:

Fragen wir aber, in welchem besonderen Organe die ganze Seele als Seele erscheint, so werden wir sogleich das Auge angeben; denn in dem Auge konzentriert sich die Seele und sieht nicht nur durch dasselbe, sondern wird auch darin gesehen.[6]

Auch diese Aussage verdeutlicht die Relevanz der Augen, wo die Seele doch das ist, was den Menschen ausmacht und ihn vom Tier unterscheidet.[7] Die Seele, wenn wir sie als Sitz der Persönlichkeit ansehen, ist für den Künstler besonders wichtig, weil darin seine Kreativität, seine Passion und seine ganze Identität festgehalten sind. Das Gedankengut ist das Wichtigste im Leben eines Künstlers und muss deshalb besonders geschützt werden.

Die Augen sind ein sehr empfindliches Organ, das gut behütet werden muss. Die dünnen Augenlider, die es verdecken, machen kaum den Eindruck, den Augen den notwendigen Schutz bieten zu können. In Gefahrensituationen verdecken die meisten Menschen reflexartig ihre Augen und vernachlässigen dabei zum Beispiel die Tatsache, dass die Ohren genauso schutzlos sind.

Es ist anmaßend und unmöglich zu sagen, welches Organ der Sinnesorgane ‚das Wichtigste‘ ist, weil es sich dabei um eine stark subjektive Empfindung handelt, bei der jeder andere Argumente finden würde, aber es lässt sich doch festhalten, dass das Sehen für einen schreibenden Künstler von großer Bedeutung ist. Nicht nur wegen des Schreibaktes an sich, bei dem viele Autoren, wie auch E.T.A. Hoffmann selbst aufgrund seiner Lähmung, sowieso auf Hilfe angewiesen waren, sondern viel mehr wegen der schon in der Einleitung erwähnten Tatsache, dass das Sehen die Imagination anregt.[8] Maik M. Müller sagt über die Wichtigkeit der Augen, dass sich „ausschließlich im Visuellen […] ein Kommunikationsverhältnis zur Wirklichkeit entfalten [kann].“[9] Geschichten beruhen oft auf Beobachtungen und auf der Wiedergabe von gesehenen Details – Farben, Bewegungen, Mimik und Gestik. Wenn diese Fähigkeit also wegfällt oder gestört wird, kann man annehmen, dass das Schreiben damit erschwert wird.

Im folgenden Abschnitt soll die Relevanz der Augen für den Künstler noch detaillierter auf Nathanael bezogen und seine Künstlerrolle erläutert werden.

2.2. Nathanael als Künstler in Der Sandmann

Nathanael, der in der Novelle mehrfach als Dichter auftritt[10], kann demnach als Künstler bezeichnet werden, obwohl der Leser nie genau erfährt, was er mit welchem Ziel in der Studentenstadt G. studiert. Wie in Kapitel 2.1. beschrieben wurde, herrscht seit der Antike die gängige Meinung, dass das Sehen erstens für die Erkenntnisgewinnung unabdingbar ist und zweitens die Augen als Sitz der Seele fungieren. Nathanael ist als Dichter also unbedingt auf seine Augen und das richtige Sehen angewiesen.

In Nathanaels Brief an Lothar berichtet er seinem Freund von den Geschehnissen aus seiner „frühern Jugendzeit“ (S. 4). Die Geschichte des Sandmanns wurde ihm schon in seiner Kindheit erzählt und hat ihn seitdem fasziniert und beeinflusst, was sich zum Beispiel dadurch äußert, dass er sich fortan für wunderbare und abenteuerliche Geschichten interessiert (S. 6). Das für ihn prägende Ereignis der Begegnung mit dem ‚Sandmann‘, also Coppelius, und der Tod des Vaters geschahen jedoch erst in seiner frühen Jugend im Alter von zehn beziehungsweise elf Jahren (S. 6). Somit befindet er sich da in einem Alter, in dem sich laut der Psychoanalyse die Identität des Menschen herausbildet. Die beginnende Adoleszenz ist laut dem Psychoanalytiker Erik H. Erikson eine der acht Phasen der psychosozialen Entwicklung. Diese Phase ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass der Jugendliche sich mit der Frage beschäftigt, wer er ist, dass er eigene ideologische Perspektiven entwickelt und einen Platz in der Gesellschaft findet.[11]

Es kann also angenommen werden, dass er zu der Zeit schon den Wunsch hatte, Künstler zu werden und dass er dieses Künstlerdasein als Teil seiner Identität angenommen hat. Unterstützt wird diese Aussage dadurch, dass Nathanael in seinem Brief an Lothar davon berichtet, dass er in seiner Kindheit und Jugend „wunderbare[n] Geschichten“ (S. 4) seines Vaters ausgesetzt war und sich für „schauerliche Geschichten“ (S. 6) interessiert. Er zeigt also schon in jungen Jahren künstlerisches Interesse. Demnach kann also davon ausgegangen werden, dass die Augen für Nathanael von besonders großer Bedeutung sind, wenn wir an der These festhalten, dass das Sehen für den Künstler von großer Notwendigkeit ist, weil sie zur Erkenntnisgewinnung dienen. Dieses Sehen des Künstlers wird im Verlauf der Erzählung aber zum ‚Versehen‘ und führt bei ihm zu den nicht nachvollziehbaren Handlungsweisen.

Ein Thema, das in der Romantik häufig behandelt wurde, ist das von „Gestalten […], die mit ihrer Umwelt krisenhaft zerfallen sind.“[12] Wie sich das wodurch und aus welchen Gründen in Der Sandmann äußert, wird in folgendem Kapitel näher erläutert So wichtig das Sehen nämlich auch für den Künstler ist, so einfach lässt es sich doch auch täuschen, was im nächsten Abschnitt kurz erläutert werden soll.

3. Gestörtes Sehen

Im folgenden Kapitel soll versucht werden, Nathanaels Verhalten mithilfe von der Geschichte der Entstehung von optischen Hilfsmitteln zu erklären.

3.1. Entstehung von optischen Hilfsmitteln

Wie Weigl in seinem Buch Instrumente der Neuzeit anmerkte, geht „[m]it dem Einsatz wissenschaftlicher Instrumente […] ein Wandel des Wirklichkeits - und Wahrheitsbegriffs parallel.“[13] Das, was vor der Entstehung von optischen Hilfsmitteln mit bloßem Auge zu sehen war, wurde als die einzige Wahrheit angesehen. Mit dem Aufkommen von Technik verschoben sich also Wirklichkeit und Wahrheit, weil jetzt viel mehr in das Spektrum des Sehbaren rückte. Die Natur konnte dann zum Beispiel von einem anderen Blickpunkt aus betrachtet werden, was bei vielen Leuten zu Begeisterung führte und bei manchen Menschen Ablehnung fand, weil es als „Überlistung, ein Handeln gegen die Natur“[14] angesehen wurde.

Die Vorläufer der heutigen Fernrohre und Mikroskope wurden im Vergleich zu anderen technischen Instrumenten der Wissenschaft erst spät entwickelt. Als Erfinder des Teleskops gelten der wenig bekannte Holländer Hans Lipperhey und sein italienischer Rivale Galileo Galilei, die beide im frühen 17. Jahrhundert an Fernrohren gearbeitet haben, sodass sie im Verlauf des 17. Jahrhunderts „zur Anwendung gekommen“[15] sind und schon bald neben der Druckerpresse, der Kanone/dem Schwarzpulver und dem Kompass als wichtigste Instrumente der Neuzeit betitelt wurden.[16]

Was bei den Wissenschaftlern zu neuen Erkenntnissen führte, traf bei den anderen Menschen oft auf Kritik. Dem Teleskop wurde nachgesagt, dass es „die Augen täuschen und manipulieren“[17] würde, woraufhin Galilei erwiderte, dass das Teleskop den Blick schärfe, was er anhand der Fixsterne erklärt, deren verfälschender Strahlenkranz, den man beim Betrachten mit bloßem Auge immer wahrnehme, verschwinde, wenn man durch ein Teleskop schaue. Weigl erörtert weiterhin, dass sich durch die Verbesserungen der Technik die Stellung und das Bewusstsein der Menschen im Weltbestand verändert habe, weil nun so viel Neues in das menschliche Blickfeld rückt und alte Theorien revidiert werden mussten.[18]

Wie Weigl in seinem Buch ausführt, waren Wissenschaft und Handwerk immer zwei getrennte Bereiche, die erst spät zusammen fanden. So gab es zwar über Jahrhunderte Brillen, aber die Handwerker, die sie bauten, verstanden oft nichts von Optik und die Physiker und Mathematiker, die die Theorien dazu hätten liefern können, waren oft nicht im Handwerk begabt. Selten fanden diese beiden Gruppen zueinander, sodass Fortschritte in diesem Bereich eher zäh stattfanden.[19]

[...]


[1] Vgl. Hartmut Steine>

[2] Platon: Der Staat/Politeia. Düsseldorf 2000. S. 551.

[3] Ebd. S. 553.

[4] Maik M. Müller: „Phantasmagorien und bewaffnete Blicke. Zur Funktion optischer Apparate in E.T.A. Hoffmanns Meister Floh“. In: E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch (2003). S. 104-121, hier: 105. Er sagt, dass „der Geschichtssinn […] als zentrales Instrument rationalistischer Erkenntnis aus dem Ensemble der Sinne heraus[tritt].“ (S. 105).

[5] Gottfried Stiehler: „Hegel, Georg Wilhelm Friedrich“. In: Erhard Lange u.a.: Philosophenlexikon. Berlin 1981. S. 344-353, hier: S. 344.

[6] Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „ Vorlesungen über die Ästhetik“. http://www.textlog.de/5708.html (07. März 2015).

Steinecke S. 187.

[7] Diese weitverbreitete These sei hier ohne weitere Diskussion und Erläuterung dahingestellt.

[8] Hier könnte man als Gegenbeispiel auch von Geburt an blinde Autoren nennen, aber wer schon mal etwas von Helen Keller gelesen hat, spürt, dass sie nie hat sehen können.

[9] Maik M. Müller: „Phantasmagorien und bewaffnete Blicke. Zur Funktion optischer Apparate in E.T.A. Hoffmanns Meister Floh“. In: E.T.A. Hoffmann-Jahrbuch (2003). S. 104-121, hier: 106.

[10] E.T.A. Hoffmann: Der Sandmann. Stuttgart 2003. S. 23.

[11] Vgl. Robert Coles: Erik H. Erikson. Leben und Werk. München 1974. Hier: S. 229ff.

[12] Markus Schwerin: „Romantische Theorie der Gesellschaft“. In: Helmut Schanze (Hg.): Romantik-Handbuch. 2. durchges. u. aktual. Aufl. Stuttgart 2003. S. 510-536, hier: S. 510.

[13] Engelhard Weigl: Instrumente der Neuzeit: die Entdeckung der modernen Wirklichkeit. Stuttgart 1990. S.

[14] Weigl S. 10.

[15] Weigl S. 12.

[16] Vgl. Weigl S. 14.

[17] Weigl S. 34.

[18] Weigl S. 34.

[19] Vgl. Weigl S. 32.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Sehen des Künstlers Nathanael in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann"
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Veranstaltung
E.T.A. Hoffmann
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V315090
ISBN (eBook)
9783668138629
ISBN (Buch)
9783668138636
Dateigröße
932 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
E.T.A. Hoffmann, Künstler, Sehen, optische Hilfsmittel, Automaten, Wahnsinn, Der Sandmann, Versehen, gestörtes Sehen
Arbeit zitieren
Malika El-Fourasi (Autor), 2015, Das Sehen des Künstlers Nathanael in E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315090

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