Zur Ästhetisierung des Leids in Giovanni Bellinis Andachtsbildern


Hausarbeit, 2015

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einführung

2. Der Künstler Giovanni Bellini

3. Die Erscheinung des Schmerzes
3.1. Die Bedeutung des Schmerzes in der christlichen Theologie
3.2. Ikonographische Darstellung von Schmerz im Wandel der Zeit

4. Die Ästhetisierung des Leids in Giovanni Bellinis Andachtsbildern
4.1. „Pietà Dona dalle Rose“ um 1505
4.2. „Der tote Christus von zwei trauernden Engeln gestützt“ um 1475 - 1480

5. Resümee

6. Literaturquellen:

7. Abbildungen

8. Abbildungsquellen:

1. Einführung

Der Schmerz ist, mehr noch als eindringliche Gefühle wie die Liebe oder die Lust, die fundamentalste Erfahrung, der sich kein Mensch entziehen kann.[1] Seit jeher widmen sich Poeten, Künstler, Philosophen und Komponisten jeglicher Couleur dem facettenreichen Gegenstand von Leid und Schmerz.

Gleichwohl beleuchtet die Mehrzahl der bisher erschienen Publikationen, trotz der Allgegenwärtigkeit dieser Thematik „das Phänomen des Schmerzes [lediglich] unter dem Gesichtspunkt medizinisch-psychologischer und/oder anthropologischer Aspekte von Schmerzempfindung, -erfahrung und -vermeidung“[2]. Werke aus der Bildenden Kunst hingegen, werden in diesem Zusammenhang nahezu überhaupt nicht diskutiert. Diese Vernachlässigung des kulturellen Aspekts überrascht insofern, als dass das Leid stets ein wesentlicher Bestandteil der visuell gestaltenden Kunst sowie der christlichen Religion und somit auch der gesamten europäischen Kultur war.

Einige wenige, meist sehr zeitgemäße Publikationen nehmen sich diesem, bisweilen nicht ganz unproblematischen Sujet des Schmerzes in der Kunst jedoch an:

Zu nennen wären an dieser Stelle die beiden Ausstellungskataloge „Deine Wunden. Passionsimaginationen in christlicher Bildtradition und Bildkonzepte in der Kunst der Moderne.“[3] herausgegeben von Reinhardt Hoeps und anderen sowie „Schmerz. Kunst + Wissenschaft.“[4] unter anderen veröffentlicht von Eugen Blume.

Hier wird die Phänomenologie des Leids in zahlreichen anregenden Aufsätzen dargelegt, wobei das Interesse vor allem bei letzterem stark auf der Kunst der Moderne liegt.

Darüber hinaus hat sich auch die erst kürzlich erschienene Dissertation Wolfgang Schugs „Grundmuster visueller Kultur. Bildanalysen zur Ikonographie des Schmerzes“[5] als besonders ergiebig erwiesen. Wie der Titel bereits erahnen lässt, widmet sich Schug in seiner Abhandlung der vielseitigen Darstellung von Schmerz und Gewalt unter Einbezug anthropologischer Konstanten und gesellschaftlicher Phänomene[6] und untersucht diese mithilfe bewährter Methoden der Bildanalyse. Ferner bietet das Werk eine, an gut gewählten Beispielen dargelegte, Übersicht über nahezu alle bekannten Kategorien der Schmerzdarstellung in chronologischer Reihenfolge, was die Publikation nicht zuletzt zu einem erstklassigen Referenzwerk macht.

Anschließend daran, soll die vorliegende Arbeit die Erscheinung des Schmerzes, unter besonderer Beachtung ihrer Bedeutung in der christlichen Theologie, wie auch der daraus resultierenden ikonographischen Darstellung von Schmerz und Leid im Wandel der Zeit untersuchen.

Ziel dieser Arbeit wird es sein, die zwei unterschiedlichen Erkenntnisse der historisch anthropologischen sowie der medizinischen Forschung und der visuellen Darstellung von Schmerz zusammenzuführen und anhand von zwei exemplarischen Bildwerken Giovanni Bellinis einzuordnen und zu beleuchten.

2. Der Künstler Giovanni Bellini

Die Anziehungskraft Venedigs ist vor allem dem beeindruckenden Erscheinungsbild der Lagunenstadt geschuldet. Von der Eigentümlichkeit seiner städtebaulichen Situation, bis hin zu seinem einzigartigen Kulturleben ist die Stadt durch und durch bewundernswert. Unter den zahlreichen Kunstschätzen der prunkvollen venezianischen Kirchen und Museen befinden sich auch einige der eindrucksvollsten Werke des venezianischen Künstlers Giovanni Bellinis[7]. Vielerorts wird Bellini als „größter Meister der venezianischen Malerei an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert“[8] angesehen.

Leider ist die Auskunft über Leben und Schaffen des Künstlers Giovanni Bellini auch nach aktuellem Stand der Forschung noch recht dürftig und unsicher. Genauer gekommen reicht sie kaum aus, um mehr als eine stark fragmentarische Skizze zu entwerfen.[9] Obschon einige Daten und Begebenheit aus Bellinis Leben in den zahlreichen Publikationen zu dem Künstler übereinstimmen, können sie doch nicht als erwiesen gehandelt werden. Daher soll in dieser Arbeit auf die bloße Aufzählung, ohnehin nicht sehr lehrreicher Datierungen von Lebensereignissen des Künstlers, verzichtet werden. Lediglich eine grobe Übersicht über sein Schaffen soll an dieser Stelle genügen:

Giovanni Bellini, der häufig auch als „Giambellino“ bezeichnet wird, erblickte Schätzungen zu Folge im Jahre 1426 das Licht der Welt. Die Werke des Sprosses einer Künstlerfamilie bestechen, ähnlich wie die des Vaters Jacopo Bellini und des Schwagers namens Andrea Mantegna, durch ihre leuchtende und warme Farbgebung und den nahezu gotisch anmutenden Ausdruck der abgebildeten Figuren.

Das Werk Giovanni Bellinis beinhaltet einige Portraits, vornehmlich jedoch religiöse Gemälde, die ihresgleichen suchen. Wie bei christlichen Darstellungen üblich, beschäftigen sich auch Giambellinos Werke hauptsächlich mit dem Leben und Leiden Jesu Christi. Nicht zuletzt ist der Grund für die außerordentliche Wertschätzung der Kunstwerke Bellinis, sein beachtenswerter Ausdruck der Pein und des Schmerzes.

3. Die Erscheinung des Schmerzes

Der „Schmerz ist eine überaus vielschichtige Empfindung, die sich in einer Vielzahl von auf sie reagierenden Verhaltensweisen äußert.“[10] Zudem ist die Erscheinung des Schmerzes allgegenwärtig und prägt das Leben des Menschen von der Urzeit bis zum heutigen Tage maßgeblich. Folglich ist es nur verständlich, dass Bildende Künstler sich diesem Phänomen immer wieder in dem Versuch zuwenden, das eigentlich unbeschreibliche, da so individuelle Erleben, visuell zu erfassen.

Schon in der antiken und mittelalterlichen Kunst finden sich zahlreiche überzeugende Schmerzdarstellungen, „vorzugsweise im Bereich der erhaltenen Skulptur und überwiegend, wenn auch nicht [ausschließlich] nach entsprechenden Literaturvorlagen.“[11] Zu denken wäre hier etwa an die Laokoongruppe oder an zahlreiche Darstellungen nach Themen der christlichen Ikonographie, die sich bis weit in die Neuzeit hinein gehalten haben.[12]

3.1. Die Bedeutung des Schmerzes in der christlichen Theologie

So wenig erschlossen die Erscheinung des Schmerzes in der Kunst, so vielfältig und zahlreich ihre Thematisierung in der christlichen Theologie. Die Philosophie der christlichen Kirche ist von Schmerz und Leid geprägt, was durch das Symbol des Kreuzes, an dem Christus unter großen Schmerzen starb, verdeutlicht wird.

Blickt man auf die traditionellen christlichen Kirchenlieder, so scheint offenkundig, dass die christliche Religion nicht ohne den Schmerz sein kann:

Dieses Kirchenlied, geschrieben vom schlesischen Barockdichter Adam Thebesius verdeutlicht, dass das Leid des Jesu Christi Gottes Plan entspricht und seine Schmerzen das Heil der Menschheit bedeuten. Die Frömmigkeit der Christen besteht vor allem im dankbaren und ehrfürchtigen Nachempfinden solcher Schmerzen. Dabei verstanden viele Gläubige die Aufforderung zur Imitatio Christi, also der durch Jesus Christus geleiteten Lebensweise, wörtlich und praktizierten unterschiedlichste Formen der Geißelung am eigenen Leib. So wurden im Mittelalter während der Ostertage beispielsweise Mysterienspiele öffentlich inszeniert, um durch die Schmerzerfahrung „den erzürnten Gott, der sie mit tödlicher Krankheit strafte, zu versöhnen.“[13] Die Schmerzen Christi sind im Heilswerk Gottes also von zentraler Bedeutung, denn sie führen die Menschheit in die Erlösung.[14]

Bemerkenswert ist, dass die wohlvertraute Darstellung der bildenden Kunst, die den gepeinigten Schmerzensmann (Abb. 1) zeigt, erst im hohen Mittelalter entsteht. Ein vor seinem Grabe stehender und auf seine Wunden weisender Christus wurde tatsächlich in keiner biblischen Szene erwähnt. Seine Darstellung dienst somit lediglich dazu, dem biblischen Beschreibung des Leidens Eindringlichkeit zu verleihen.[15] „Die Wunde selbst wird hier zum Bildprinzip.“[16] Vor dieser Zeit waren die Gläubigen gegenüber der Vorstellung Jesus Christus habe am Kreuze, unter Schmerzen gelitten meist äußerst zurückhaltend. Obschon bereits im Alten Testament, insbesondere im Buch Hiob, mit dessen Darstellung auch Giovanni Bellini sich beschäftigte, eindrückliche Beschreibungen von Schmerz zu finden sind, werden diese von den Gläubigen zunächst nahezu ausgeblendet.[17] Sogar die bereits erwähnte Vorstellung eines Schmerzensmannes, der stellvertretend das Leiden seines Volkes trägt findet sich schon im Alten Testament wider:

[...]


[1] Vgl. Schug, Wolfgang: Grundmuster visueller Kultur. Bildanalysen zur Ikonographie des Schmerzes. Diss., Wiesbaden 2012, S. 37.

[2] Ebd., S. 37.

[3] Hoeps, Reinhardt u.a. (Hg.): Deine Wunden. Passionsimaginationen in christlicher Bildtradition und Bildkonzepte in der Kunst der Moderne. Ausst.-Kat. Kunstsammlung der Ruhr-Universität Bochum. Bochum 2014.

[4] Blume, Eugen u.a. (Hg.): Schmerz. Kunst + Wissenschaft. Ausst.-Kat. Nationalgalerie Staatliche Museen zu Berlin. Köln 2007.

[5] Schug, Wolfgang: Grundmuster visueller Kultur. Bildanalysen zur Ikonographie des Schmerzes. Diss., Wiesbaden 2012.

[6] Vgl. Schug 2012, S. 9.

[7] Vgl. Tempestini, Anchise: Giovanni Bellini. Mailand 1997, S. 20.

[8] Ebd., S. 20.

[9] Gronau, Georg: Giovanni Bellini. Des Meisters Gemälde. Stuttgart 1930, S. 11.

[10] Bleyl, Matthias: Der Schmerz als Thema der Bildenden Kunst. Darstellungsmöglichkeiten von der Renaissance bis heute. In: Agazzi, Elena (Hg.): Schmerz in Wissenschaft, Kunst und Literatur. Stuttgart 2000, S. 70 - 93.

[11] Ebd., S. 72.

[12] Vgl. ebd., S. 72.

[13] Schug 2012, S. 76 f.

[14] Vgl. Markschies, Christoph: „Der Schmerz und das Christentum. Symbol für Schmerzbewältigung?“. In: Der Schmerz. 2007, H. 4, S. 347.

[15] Vgl. Hoeps, Reinhardt u.a. (Hg.): Deine Wunden. Passionsimaginationen in christlicher Bildtradition und Bildkonzepte in der Kunst der Moderne. Ausst.-Kat. Kunstsammlung der Ruhr-Universität Bochum. Bochum 2014, S. 48.

[16] Ebd., S. 51.

[17] Vgl. Markschies 2007 S. 347 f.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Zur Ästhetisierung des Leids in Giovanni Bellinis Andachtsbildern
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
25
Katalognummer
V315108
ISBN (eBook)
9783668148970
ISBN (Buch)
9783668148987
Dateigröße
1552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ästhetisierung, leids, giovanni, bellinis, andachtsbildern
Arbeit zitieren
Natalie Wasiljew (Autor), 2015, Zur Ästhetisierung des Leids in Giovanni Bellinis Andachtsbildern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315108

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