Im Jahr 1957 begann Celan sich wieder intensiv mit russischen Autoren auseinander zu setzen. Er hatte bereits in seiner Jugendzeit Sergej Jessenin und andere gelesen. Während seiner Zeit in Bukarest übersetzte er für den Verlag „das russische Buch“ systemkonforme Autoren vom russischen ins rumänische. Nachdem er Bukarest verlassen hatte, befand er russische Autoren für nicht mehr wert sich mit ihnen auseinander zu setzen. In seiner Anfangszeit in Paris kämpfte er mit einer tiefen Identitätskrise. Er versuchte u.a. sein Judentum zu verleugnen, wie James K. Lyon in seinem Aufsatz „Judentum, Antisemitismus, Verfolgungswahn: Celans „Krise“ 1960-1932“ darstellt. Auf den Höhepunkt dieser Krise ab 1957 beginnt Celan sich wieder mit russischen Autoren zu beschäftigen, wieder beginnt er mit Sergej Jessenin. Neben Jessenin standen Alexander Block und Ossip Mandelstamm im Mittelpunkt von Celans Interesse. Die Gedichtübertragungen dieser Autoren erscheinen 1958 „Die Zwölf“ von Block, 1959 „Gedichte“ von Mandelstamm und 1961 die „Gedichte“ von Jessenin.
Ossip Mandelstamm wurde zu Celans großem Idol. Alexej Struve, ein Buchhändler aus Paris schrieb in einem Brief an seinen Bruder, den Slawisten Gleb Struve: „Then he ‚fell in love’ with Mandelstam...“ Für Celan war Mandelstamm nicht nur aufgrund seiner Lyrik bedeutend. Celan war sowohl von der Person Mandelstamm und von seinem Schicksal als verfolgter jüdischer Dichter fasziniert, als auch von seinen poetologischen Essays. Eben jene Essays sind auch in die Poetik Paul Celans mit eingeflossen.
Inhaltsverzeichnis
1. Inhalt
2. Einleitung
3. Hauptteil
3.1. Gespräch im Gebirg
3.2. Der Meridian
3.3. Die Bremer Rede
3.4. Über die Dichtung Ossip Mandelstamms
3.5. Jessenin Übertragungen
4. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Poetik Paul Celans unter besonderer Berücksichtigung seiner intensiven Auseinandersetzung mit russischen Autoren, insbesondere Ossip Mandelstamm und Sergej Jessenin. Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie diese Beschäftigung sowohl Celans eigene Dichtung als auch seine Übersetzungspraxis wechselseitig beeinflusst hat und welche Rolle Begriffe wie Dialog, Identitätssuche und Heimkehr dabei spielen.
- Wechselwirkung zwischen Celans eigener Lyrik und seiner Übersetzungstätigkeit.
- Analyse der poetologischen Konzepte in Celans Reden und Erzählungen (u.a. "Der Meridian").
- Vergleichende Untersuchung der Gedichtübertragungen von Sergej Jessenin.
- Die Bedeutung von Identität, Fremdheit und dem "Gespräch" in Celans Poetik.
- Einfluss der Essays Ossip Mandelstamms auf das Verständnis von Sprache und Dichtung bei Celan.
Auszug aus dem Buch
3.2. Der Meridian
Kein Text Celans ist poetologisch so wichtig wie seine Rede anlässlich der Büchner Preisverleihung 1960 „Der Meridian“. In diesem Text setzt sich Celan mit dem Gegenstand der Kunst im Allgemeinen und der Dichtung im Besonderen auseinander. Er will die Kunst herausholen aus der geschlossenen Gesellschaft und sie für jeden zugänglich machen. Präsentiert von einem Marktschreier.
Für Celan hat Kunst und vor allem Poesie einen wichtigen Grundstein in ihrer Öffentlichkeit. Ossip Mandelstam macht in seinem Essay „Über die Natur des Wortes“ auf diesen Umstand aufmerksam. Er spricht davon, dass nur Philologie im abgegrenzten Bereich eines Hörsaals stattfindet, wohingegen Poesie die Öffentlichkeit sucht. Philologie bedeutet für Mandelstam die Einschränkung der Sprache. Auch Celan war die Freiheit der Sprache und die Macht des Wortes sehr wichtig. „Es ist das Gegenwort, es ist das Wort, das den ‚Draht’ zerreißt [...]es ist ein Akt der Freiheit. Es ist ein Schritt.“ Bei Mandelstam ist dies die „Magie der Sprache“ und die „Macht des Wortes“, welche durch die engen Mauern der Philologie eingeschränkt werden. Die Philologie will jedem Wort eine bestimmte Bedeutung zu weisen und Poesie lebt gerade davon diese starre Sichtweise zu durchkreuzen. Durch die Veränderung der Sprache lebt auch die Poesie immer weiter.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Inhalt: Auflistung der Gliederungspunkte der Arbeit.
2. Einleitung: Darstellung der biografischen und poetologischen Hintergründe von Celans Auseinandersetzung mit russischer Literatur nach seiner Identitätskrise.
3. Hauptteil: Detaillierte Analyse der zentralen poetologischen Texte Celans und seiner übersetzerischen Arbeit an den Werken von Mandelstamm und Jessenin.
3.1. Gespräch im Gebirg: Untersuchung der einzigen erzählerischen Prosa Celans als Auseinandersetzung mit Identität, Büchner und dem Motiv des Gesprächs.
3.2. Der Meridian: Analyse von Celans Büchner-Preisrede als zentrales Manifest seiner Poetik, in dem das Gedicht als Dialog und Akt der Freiheit verstanden wird.
3.3. Bremer Rede: Betrachtung der Problematik von Sprache und Identität sowie der Metaphorik der Flaschenpost in Celans Preisrede.
3.4. Über die Dichtung Ossip Mandelstamms: Vergleich zwischen Celans Skript für eine Rundfunksendung und seinem "Meridian", um die enge Verbindung zur Poetik Mandelstamms aufzuzeigen.
3.5. Jessenin Übertragungen: Untersuchung der Übersetzungstechnik Celans am Beispiel von Gedichten Sergej Jessenins, wobei insbesondere der Dialogcharakter und die Utopie der Heimkehr im Fokus stehen.
4. Schlussbemerkungen: Synthese der Ergebnisse, in der die Dominanz der Begriffe Dialog, Zeit und Versuch der Heimkehr in Celans Schaffen bestätigt wird.
Schlüsselwörter
Paul Celan, Ossip Mandelstamm, Sergej Jessenin, Poetik, Übersetzung, Dialog, Identität, Heimkehr, Der Meridian, Gespräch im Gebirg, Bremer Rede, Sprachkritik, Moderne Lyrik, Literaturwissenschaft, Kreatürlichkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Poetik Paul Celans im Zeitraum ab 1957 und untersucht dabei gezielt die Wechselwirkung zwischen seinen eigenen poetologischen Texten und seiner intensiven Übersetzungstätigkeit russischer Lyrik.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Identitätssuche des jüdischen Dichters, die Bedeutung der Sprache als "Akt der Freiheit", der Dialog als Wesensmerkmal des Gedichts und das utopische Motiv der Heimkehr.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie die Auseinandersetzung mit Autoren wie Mandelstamm und Jessenin Celans Verständnis von Dichtung geprägt hat und wie sein "intentionales Übersetzen" eine Brücke zwischen dem Fremden und dem Eigenen schlägt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die poetologische Texte Celans (Reden, Essays) mit seinen Gedichtübertragungen und einschlägiger Sekundärliteratur vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet detailliert Schlüsseltexte wie "Gespräch im Gebirg", "Der Meridian" und die "Bremer Rede" sowie die spezifischen Übersetzungsprozesse von Jessenin-Gedichten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Celan, Mandelstamm, Dialog, Poetik, Identität, Übersetzung und die utopische Komponente der Heimkehr charakterisiert.
Warum ist "Der Meridian" für Celans Poetik so essenziell?
Der Text fungiert als poetologisches Manifest, das das Gedicht als "Gespräch" und als subjektive, in der Gegenwart verankerte Ausdrucksform definiert, die sich den starren Konventionen der Philologie entzieht.
Welche Rolle spielen die Übertragungen von Sergej Jessenin?
Sie dienen als Beleg für Celans Entwicklung hin zu einem "intentionalen Übersetzen", bei dem es nicht um rein wortgetreue Wiedergabe geht, sondern um das Einfangen der Aussage und des Klangs zur eigenen Identitätsvergewisserung.
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- Jenny Maus (Author), 2004, Die Poetik Paul Celans und ihre Wechselwirkung mit Ossip Mandelstam und Sergej Jessenin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31511