Nach mehrjähriger und eingehender Beschäftigung mit der Romantik, vor allem mit Heinrich von Kleist, Karoline von Günderrode und Bettina von Arnim, erschien1979 Christa Wolfs Erzählung „Kein Ort. Nirgends“. Leider wurde „der DDR-kritische Aspekt des Textes [...] nahezu vollständig ausgeblendet.“ Man sah in dem Text eine fiktive Romantikrezeption, die sich hauptsächlich mit der persönlichen Unzulänglichkeit der beiden Protagonisten beschäftigt. Die Auseinandersetzung mit der DDR innerhalb des Textes ist gegründet auf der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976.
Nachdem „Kein Ort. Nirgends“ fast vollständig missverstanden wurde, schrieb Christa Wolf 1979 die erste Fassung der Erzählung „Was bleibt“. Natürlich konnte sie diese nicht schon zum Entstehungszeitpunkt auf den Markt bringen. Ausbürgerung war noch eines der schwächeren Mittel, mit denen in der DDR Umstürzler bestraft wurden und Christa Wolf war bereits in das Visier der Staatssicherheit geraten.
Frauke Meyer- Gosau schreibt in Text + Kritik 1994 „[...]nach einer Entwicklung, die 1961 mit der „Moskauer Novelle“ begann und mit der 1990 erschienenen Erzählung „Was bleibt“ ihr vorläufiges Ende gefunden hat.“ Ich halte es allerdings nicht für zutreffend „Was bleibt“ in dieser Reihenfolge anzusiedeln. Betrachtet man die Erzählung innerhalb der Entstehungsreihenfolge „Kein Ort. Nirgends“; „Was bleibt“ und „Nun ja! Das nächste Leben geht aber heute an- Ein Brief über die Bettine“ sehen die Werke plötzlich ganz anders aus. Es zeigen sich ungeahnte Parallelen, welche ich versuchen möchte, im Rahmen dieser Hausarbeit aufzuzeigen. Wichtig sind mir vor allem die Entsprechungen zwischen den Künstlerfiguren, allerdings kann ich hintergründige Analogien nicht außer Acht lassen.
Ich werde mich hauptsächlich auf die Texte „Kein Ort. Nirgends“ und „Nun ja! Das nächste Leben geht aber heute an“ stützen, kann aber leider aus Platzgründen nur die Hauptkünstlerfiguren der Erzählungen näher beleuchten, auch wenn die Parallelen zu den Nebenfiguren ebenfalls sehr interessant sind.
Inhaltsverzeichnis
2. Einleitung
3. Hauptteil
3. 1. Charakterisierung der Künstlerfigur in „Was bleibt“
3. 2. Vergleich der Künstlerfiguren in „Was bleibt“ und „Kein Ort. Nirgends“
3. 3. Vergleich der Künstlerfiguren in „Was bleibt“ und „Nun ja! Das nächste Leben geht aber heute an- Ein Brief über die Bettine“
4. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Facetten und den Ursprung der Künstlerfigur in Christa Wolfs Erzählung „Was bleibt“ durch einen komparativen Ansatz, der Parallelen zu den Werken „Kein Ort. Nirgends“ und „Nun ja! Das nächste Leben geht aber heute an - Ein Brief über die Bettine“ herausarbeitet.
- Analyse der Entfremdung und der Identitätsspaltung der Protagonistin in „Was bleibt“.
- Vergleich der Leitmotive von Scheitern und Suizidalität in den untersuchten Erzählungen.
- Untersuchung der Rolle der Künstlerin als „Zerrspiegel“ innerhalb eines totalitären Systems.
- Betrachtung der Bedeutung von Sprache und der Suche nach einer „ungefesselten Sprache“ als Ausdrucksmittel.
Auszug aus dem Buch
3. 1. Charakterisierung der Künstlerfigur in „Was bleibt“
Angst und Entfremdung sind die dominierenden Gefühle in der Novelle „Was bleibt“. Die Schriftstellerin hat Angst vor dem Sprachverlust, Angst vor ihren Überwachern und Angst zu vergessen, wie es ist so zu leben. Sie versucht sich immer wieder selbst zu beruhigen, entweder durch Worte „Nur keine Angst.“ oder durch ihr Klammern an alltägliche Rituale. Sie ist gefangen in ihrer Lethargie und schafft es nur zeitweise diese zu durchbrechen.
Gewisser Maßen schwebt sie über den Dingen. Sie nimmt sich und ihre Umwelt klarer wahr als je zuvor. Aus der Fassung gerät sie wieder, als sie in der Post den Philosophen Jürgen M. sieht. Sie geht nicht auf ihn zu. Sie weiß, dass sie ihre Offenheit gegenüber alten Bekannten eingebüßt hat. Sie glaubt des weiteren zu wissen, dass Jürgen M. für die „anderen“ arbeitet. Die Gedankengänge, die dieser Begegnung folgen, suchen die Wahrheit, werden nach und nach allerdings paranoid.
Durch den Umsturz in ihrem Leben sieht sie sich plötzlich genötigt über sich, ihr Leben und ihr Schaffen nachzudenken. Sie ist geplagt von Selbstzweifeln. Immer mehr stellt sie fest, wie stark sie bereits in die Maschinerie des Staates eingebunden ist.
Zusammenfassung der Kapitel
2. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Entstehungsgeschichte der Erzählung im Kontext von Christa Wolfs Auseinandersetzung mit der Romantik und der DDR-Wirklichkeit.
3. Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in drei Abschnitte, die zunächst die Protagonistin in „Was bleibt“ charakterisieren und sie anschließend mit Künstlerfiguren aus anderen Werken der Autorin vergleichen.
4. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung resümiert die Bedeutung der Analogiebildung für die Qualität der Texte und stellt die literarische Auseinandersetzung in einen größeren biographischen Kontext.
Schlüsselwörter
Christa Wolf, Was bleibt, Künstlerfigur, Romantik, Identität, Entfremdung, DDR-Literatur, Kein Ort. Nirgends, Bettina von Arnim, Heinrich von Kleist, Staatsüberwachung, Selbstzweifel, Utopie, Sprachverlust.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Darstellung und Entwicklung der Künstlerfigur in Christa Wolfs Erzählung „Was bleibt“ im Vergleich zu anderen Werken der Autorin.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Themen Entfremdung, Identitätsspaltung, staatliche Überwachung und die Suche nach einer authentischen Ausdruckssprache in einem restriktiven politischen System.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, ungeahnte Parallelen zwischen der Protagonistin in „Was bleibt“ und den Künstlerfiguren in „Kein Ort. Nirgends“ sowie im „Brief über die Bettine“ aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Verfasserin nutzt eine komparative Literaturanalyse, um Analogien zwischen den Werken herauszuarbeiten und die literarische Auseinandersetzung der Autorin mit ihrer Gegenwart zu ergründen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Charakterisierung der Figur in „Was bleibt“ und vergleicht diese detailliert mit den historischen Künstlerfiguren Heinrich von Kleist, Karoline von Günderrode und Bettina von Arnim.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Entfremdung, Künstlerfigur, Identitätssuche, totalitäre Überwachung und literarische Utopie.
Welche Bedeutung kommt dem Bild des „Zerrspiegels“ in der Analyse zu?
Die Arbeit identifiziert die Schriftstellerin als „Zerrspiegel“ für den Staat, da ihr literarisches Wirken und ihr bloßes Dasein dem System ein wahres, für dieses unerträgliches Gesicht vorhalten.
Wie wird das Ende der Geschichte „Was bleibt“ interpretiert?
Die Arbeit sieht den Schluss der Erzählung als hoffnungsvollen Ausblick, in dem die Protagonistin den Willen fasst, durch das Schreiben eine neue Sprache zu finden und ihr Leben aktiv neu zu gestalten.
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- Jenny Maus (Author), 2002, Facetten und Ursprung der Künstlerfigur in Christa Wolfs "Was bleibt", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31514