Facetten und Ursprung der Künstlerfigur in Christa Wolfs "Was bleibt"


Hausarbeit, 2002
14 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1.Inhalt

2. Einleitung

3. Hauptteil
3. 1. Charakterisierung der Künstlerfigur in „Was bleibt“
3. 2. Vergleich der Künstlerfiguren in „Was bleibt“ und „Kein Ort. Nirgends“
3. 3. Vergleich der Künstlerfiguren in „Was bleibt“ und „Nun ja! Das nächste Leben geht aber heute an- Ein Brief über die Bettine“

4. Schlussbemerkung

5. Literaturverzeichnis

2. Einleitung

Nach mehrjähriger und eingehender Beschäftigung mit der Romantik, vor allem mit Heinrich von Kleist, Karoline von Günderrode und Bettina von Arnim, erschien1979 Christa Wolfs Erzählung „Kein Ort. Nirgends“[1]. Leider wurde „der DDR- kritische Aspekt des Textes [...] nahezu vollständig ausgeblendet.“[2] Man sah in dem Text eine fiktive Romantikrezeption, die sich hauptsächlich mit der persönlichen Unzulänglichkeit der beiden Protagonisten beschäftigt. Die Auseinandersetzung mit der DDR innerhalb des Textes ist gegründet auf der Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976.

Nachdem „Kein Ort. Nirgends“ fast vollständig missverstanden wurde, schrieb Christa Wolf 1979 die erste Fassung der Erzählung „Was bleibt“. Natürlich konnte sie diese nicht schon zum Entstehungszeitpunkt auf den Markt bringen. Ausbürgerung war noch eines der schwächeren Mittel, mit denen in der DDR Umstürzler bestraft wurden und Christa Wolf war bereits in das Visier der Staatssicherheit geraten.

Frauke Meyer- Gosau schreibt in Text + Kritik 1994 „[...]nach einer Entwicklung, die 1961 mit der „Moskauer Novelle“ begann und mit der 1990 erschienenen Erzählung „Was bleibt“ ihr vorläufiges Ende gefunden hat.“[3] Ich halte es allerdings nicht für zutreffend „Was bleibt“ in dieser Reihenfolge anzusiedeln. Betrachtet man die Erzählung innerhalb der Entstehungsreihenfolge „Kein Ort. Nirgends“; „Was bleibt“ und „Nun ja! Das nächste Leben geht aber heute an- Ein Brief über die Bettine“ sehen die Werke plötzlich ganz anders aus. Es zeigen sich ungeahnte Parallelen, welche ich versuchen möchte, im Rahmen dieser Hausarbeit aufzuzeigen. Wichtig sind mir vor allem die Entsprechungen zwischen den Künstlerfiguren, allerdings kann ich hintergründige Analogien nicht außer Acht lassen.

Ich werde mich hauptsächlich auf die Texte „Kein Ort. Nirgends“ und „Nun ja! Das nächste Leben geht aber heute an“ stützen, kann aber leider aus Platzgründen nur die Hauptkünstlerfiguren der Erzählungen näher beleuchten, auch wenn die Parallelen zu den Nebenfiguren ebenfalls sehr interessant sind.

3. Hauptteil

3. 1. Charakterisierung der Künstlerfigur in „Was bleibt“

Angst und Entfremdung sind die dominierenden Gefühle in der Novelle „Was bleibt“. Die Schriftstellerin hat Angst vor dem Sprachverlust, Angst vor ihren Überwachern und Angst zu vergessen, wie es ist so zu leben. Sie versucht sich immer wieder selbst zu beruhigen, entweder durch Worte „Nur keine Angst.“[4] oder durch ihr Klammern an alltägliche Rituale. Sie ist gefangen in ihrer Lethargie und schafft es nur zeitweise diese zu durchbrechen. Zum Beispiel am Ende des Telephonates mit einem ihrer Freunde: „Da hörte ich mich auf einmal laut ins Telefon rufen: Du! Hör mal! Einmal werden wir alt sein, bedenkst du das!“[5] Auch das altbewährte Verdrängungsmittel Einkaufen soll ihr helfen. Sie versucht sich selbst zu zeigen, dass doch alles ganz normal ist. Während ihres Stadtbummels verstärkt sich allerdings ihr Gefühl der Fremdheit und des Ausgeschlossenseins. Doch hat ihr Außenseitertum nicht nur etwas mit der Observation zu tun. Es birgt schon einen gewissen Grad an Arroganz und Oberflächlichkeit in sich, wie sie die Frauen in der Kaufhalle betrachtet und sich über ihnen wähnt.

Die Frauen, die an der Kasse anstanden, waren fast alle zu dick und hielten sich schlecht. Ich suchte gewohnheitsmäßig das eine Gesicht, das sich mir auf Anruf zuwenden würde, fand es nicht, bis eine jüngere Frau, die nach gar nichts aussah, einer anderen, älteren, den Vortritt ließ, weil sie nicht mehr stehen konnte.[6]

Gewisser Maßen schwebt sie über den Dingen. Sie nimmt sich und ihre Umwelt klarer wahr als je zuvor.

Aus der Fassung gerät sie wieder, als sie in der Post den Philosophen Jürgen M. sieht. Sie geht nicht auf ihn zu. Sie weiß, dass sie ihre Offenheit gegenüber alten Bekannten eingebüßt hat. Sie glaubt des weiteren zu wissen, dass Jürgen M. für die „anderen“ arbeitet. Die Gedankengänge, die dieser Begegnung folgen, suchen die Wahrheit, werden nach und nach allerdings paranoid. Im Laufe der Erzählung kommt ihr immer häufiger der Gedanke, wie Jürgen M. sich voller Eifer hauptsächlich um ihren Fall kümmert und ihre Akte immer wieder parat hat um die neusten Berichte zu lesen. Ihr Selbstzensor warnt sie des öfteren davor, sich selbst zu wichtig zu nehmen. Aber sie ist nun mal ein „Luxusgeschöpf“[7], das sich nur schwer von seinen Privilegien lösen kann.

Durch den Umsturz in ihrem Leben sieht sie sich plötzlich genötigt über sich, ihr Leben und ihr Schaffen nachzudenken. Sie ist geplagt von Selbstzweifeln. Immer mehr stellt sie fest, wie stark sie bereits in die Maschinerie des Staates eingebunden ist

Ich selbst. Über die zwei Worte kam ich lange nicht hinweg. Ich selbst. Wer war das. Welches der multiplen Wesen, aus denen „ich selbst“ mich zusammensetzte. Das, das ich kennen wollte? Das, das ich schonen wollte? Oder jenes dritte, das immer noch versucht war, nach der selben Pfeife zu tanzen wie die jungen Herren da draußen vor meiner Tür?[8]

Über diese Spaltung ihrer Identität denkt sie nach, nachdem sie wieder Gedichte eines „Sehr jungen Dichters“[9] erhalten hat. Sie erkennt, wie sehr er unter dem System leidet und sich durch seine literarische Arbeit zur Wehr setzt. All das schürt ihre Selbstzweifel. Sie wehrt sich nicht gegen das System. Sie sieht, wie er sich in Gefahr bringt und kann ihm nicht helfen. Die Wut, die sie dabei auf sich selbst verspürt, kompensiert sie, indem sie wütend auf ihn ist.

Nahezu dasselbe Gefühl vermittelt ihr das junge Mädchen, das an diesem Märztag bei ihr vor der Tür steht. Wegen einer Affäre an der Universität wurde sie vor ein paar Jahren vom Studium ausgeschlossen, danach brachte sie eine weitere Affäre für ein Jahr ins Gefängnis.

Nun hat sie einen Text geschrieben, den sie der Schriftstellerin zur Beurteilung vorlegt.

Es war mir nicht gegeben, einen guten Text für schlecht zu erklären oder die Autorin eines guten Textes nicht zu ermutigen. Ich sagte, was sie da geschrieben habe, sei gut. Es stimme. Jeder Satz sei wahr. Sie solle es niemandem zeigen. Diese paar Seiten könnten sie wieder ins Gefängnis bringen.[10]

Sie versucht mit diesen Sätzen nicht einfach das Mädchen vor der eigenen Courage zu bewahren, sondern auch ihre eigene Feigheit zu rechtfertigen. Wieder wird ihr gezeigt, dass sie egoistisch handelt, indem sie sich nicht gegen das System wehrt und sich damit selbst in Gefahr bringen würde.

[...]


[1] Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

[2] Papenfuß, Monika „Die Literaturkritik zu Christa Wolfs Werk im Feuilleton“ S. 114.

[3] Meyer- Gosau, Frauke „Lebensform Prosa“; Text + Kritik XI/94 S.23.

[4] Wolf, Christa „Was bleibt“ S. 5.

[5] ebd. S. 25.

[6] ebd. S. 37ff..

[7] ebd. S. 59.

[8] ebd. S. 56.

[9] ebd. S. 54.

[10] ebd. S. 76.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Facetten und Ursprung der Künstlerfigur in Christa Wolfs "Was bleibt"
Hochschule
Bergische Universität Wuppertal
Note
1,3
Autor
Jahr
2002
Seiten
14
Katalognummer
V31514
ISBN (eBook)
9783638324960
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Facetten, Ursprung, Künstlerfigur, Christa, Wolfs
Arbeit zitieren
Jenny Maus (Autor), 2002, Facetten und Ursprung der Künstlerfigur in Christa Wolfs "Was bleibt", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31514

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