Rezension zu Colin Crouchs "Postdemokratie"


Rezension / Literaturbericht, 2008
4 Seiten, Note: ohne Bewertung
Anonym

Leseprobe

Rezension: Crouch, Colin (2008): Postdemokratie. Frankfurt a. Main.

Der Essay Postdemokratie des britischen Politikwissenschaftlers Colin Crouch erschien in der deutschen Übersetzung 2008, vier Jahre nach der englischen Erstveröffentlichung. Seine politische Gegenwartsdiagnose beschreibt ein System, in dem zwar Wahlen abgehalten, diese aber von Eliten kontrolliert werden und in dem die Bürger eine zunehmend passive bzw. apathische Rolle einnehmen.

Zu Beginn erläutert Crouch die Wahl des Begriffs „Postdemokratie“ für seine Diagnose. Die Quantität demokratischer Systeme stieg zwar seit 1988, allerdings sank deren Qualität, sodass von einer Krise der Demokratie gesprochen werden muss. Die Demokratie hat ihren Höhenpunkt überschritten und zeigt Symptome prädemokratischer Systeme, sichtbar in der Abkehr vom wohlfahrtsstaatlichen Modell, in deren Folge politische Apathie einsetzt und der Staat unter Kontrolle der Wirtschaft steht. Neue Soziale Bewegungen sind nicht unbedingt ein Zeichen von Demokratie, da sie versuchen die Lücken zu füllen, welche durch das Ende des Wohlfahrtsstaats entstanden sind. Im Vergleich zu Wirtschaftslobbys und deren finanziellen Mitteln haben diese oftmals keine Chance ihren Interessen Geltung zu verschaffen. Ein weiteres Symptom der Postdemokratie ist der Verfall politischer Kommunikation. Politiker sprechen in Satzbausteinen, Wahlen werden personalisiert und Parteiprogramme vermarktet statt diskutiert. Crouch kommt zu dem Zwischenergebnis, dass die Demokratie mit dem globalisierten Kapitalismus nicht Schritt halten konnte.

Die größte Macht der postdemokratischen Welt liegt in den Händen einiger CEOs (chief executive officers), deren Unternehmen eine ungleich höhere politische Macht gegenüber der Regierung als der Rest der Bevölkerung haben. Dies trotz der Tatsache, dass wenn die letztendliche Entscheidungsfindung, z.B. über Steuersenkungen für Unternehmen oder den Abbau von Arbeitnehmerrechten, auf demokratischem Wege zu Stande kommt.

Die Entwicklung der Unternehmen zu Phantomunternehmen ohne wirkliches Kerngeschäft, deren einzige Aufgabe in der Entscheidung über Unternehmensstrategie und Investition liegt, hat diese Entwicklung begünstigt, da hiermit ein großes Maß an Flexibilität einherging. Durch Privatisierungen verliert der Staat Fachkenntnisse über jene privatisierte Bereiche und geht Verpflichtungen gegenüber der Privatwirtschaft ein, um die Versorgung sicherzustellen. Die Vermittlung eines positiven Images wird zum bestimmenden Element der Regierung. Unternehmen und vor allem deren CEOs bilden die herrschende Klasse, in deren Händen sich Reichtum und somit Macht konzentriert. Sie entscheiden durch Sponsoring über die Förderung verschiedener Projekte, z.B. in der universitären Forschung, wobei in diesem Bereich die staatliche Förderung zusätzlich von der Attraktivität für die privatwirtschaftliche Förderung abhängig gemacht wird. Somit entscheidet diese Klasse auch über die Verteilung öffentlicher Mittel. Die Medienunternehmen werden ihrer, in einer Demokratie unerlässlichen, Rolle der Information und Bildung nicht gerecht, sondern bewirken das Gegenteil. Sie sind in der Hand weniger reicher Individuen und somit keineswegs vielfältig. Öffentliche Medien passen sich privaten im Kampf um Einschaltquoten zunehmend an. CEOs werden somit zur neuen politischen und ökonomisch dominierenden Klasse.

Die Macht der Arbeiterklasse, die mit steigendem Einkommen Einfluss als politischer Faktor gewann, ist im Niedergang begriffen. Die Zahl klassischer Arbeiter nimmt durch Automatisierung beständig ab, dafür werden administrative Tätigkeiten und Dienstleistungen ausgebaut. Gewerkschaften schafften es nicht Freiberufler, Angestellte, Beamte und Arbeiter unter einem Interesse zu vereinigen, sodass sie nur noch Defensivkämpfe führen. Anhand der Frauenbewegung macht Crouch deutlich, wie Widerstand gegen postdemokratische Verhältnisse aussehen kann. Ausgehend von einer kleinen Gruppe Intellektueller und Extremisten entdeckt eine große Gruppe von Menschen eine gemeinsame Identität und definiert Interessen. Sozialdemokratische Parteien sind auf diesem Wege zwar entstanden, der Trend zur Volkspartei ohne spezifisches Klasseninteresse führt aber zu einem Interessensvakuum, welches von der Privatwirtschaft gefüllt wird.

In den heute existierenden (sozialdemokratischen) Parteien herrscht eine Parteielite, die eng mit Unternehmen vernetzt ist. Zur Finanzierung von Meinungsumfragen, Beratung und Wahlkampagnen begeben sich die Parteien zunehmend in die Abhängigkeit von Unternehmen. Die Parteibasis verliert durch mediale Steuerungsmöglichkeiten an Bedeutung. Ein vollkommener Verzicht auf diese Basis ist jedoch noch keine reale Möglichkeit, wie an der italienischen Forza Italia deutlich wurde, welche sich nachträglich um eine Basis bemühte.

Der Kampf um Demokratie war im 20. Jahrhundert mit dem Kampf um wohlfahrtsstaatliche Elemente eng verbunden. Die Ungleichheit, welche der Kapitalismus zwangsläufig hervorbringen muss, sollte durch den Staat möglichst ausgeglichen werden. Die jetzige Situation ist eine andere. Das Kapital dringt in neue Sphären ein und mit der Welthandelsorganisation (WTO) wurde konsequenterweise eine Organisation gegründet, deren Hauptaufgabe in der Unterstützung dieses Prozesses besteht. Den freien Markt zu einem absoluten Prinzip zu erheben, ist nicht sinnvoll. Zwar führte dieser zu Wohlstand, musste aber auch reguliert werden um nicht schädigend zu wirken. Der freie Markt sollte als Diener und nicht als Herr verstanden werden. Die Gefahr von letzterem liegt darin begründet, dass das Prinzip der Gerechtigkeit nicht Teil betriebswirtschaftlicher Logik ist. Auch kann der freie Markt nicht von Konsumenten gesteuert werden, da sich zuerst der Anbieter seine Zielgruppe aussucht und nicht der Konsument seinen Anbieter. Es existiert keine perfekte Wettbewerbssituation, in der ein Staat die Bedingungen des Marktes festlegt oder Korruption und Kartellbildung verhindert. Unternehmen greifen selbst ein, um die für sich günstigsten Bedingungen zu arrangieren und sind somit Teil der Politik und damit auch Teil der Institution, welche nach liberaler Logik ihr eigenes Mitwirken verhindern soll. Ob die Privatwirtschaft durch eine echte Privatisierung oder eine Auslagerung in Form von Public-Private-Partnerships beteiligt wird, ist dabei unerheblich, da der Bürger in beiden Fällen massiv an Einfluss verliert. Im Gegensatz zum öffentlichen Dienst kann sich das private Unternehmen jedoch perfekt präsentieren, weshalb Ersterer als antiquiert und ineffizient angesehen wird. Die wichtigste Ursache postdemokratischer Zustände liegt laut Crouch im Ungleichgewicht zwischen den Interessen der Unternehmen und denen aller Anderen. Regeln zu Geld- und Personalbewegungen zwischen Parteien, Beratergremien und Lobbys müssen eingeführt werden, sofern sich solche Bewegungen nicht komplett verhindern lassen. Das Ansehen des öffentlichen Dienstes muss erneuert werden und der Bürger darf sich nicht mit einer Parteimitgliedschaft oder mit der Teilhabe an sozialen Bewegungen begnügen. Es gilt diese beiden Bereiche zu verbinden, um die Kontrolle der Partei zu gewährleisten, da diese auch künftig der bestimmende demokratische Faktor sein wird.

Der größte Kritikpunkt an Crouchs Essay ist eben jene Textart, die überspitzt und pointiert ein zu komplexes Thema zu bearbeiten versucht. Er bleibt oft vage und er mangelt an wirklichen Belegen, die bei diesem Thema erforderlich wären. Zudem ist die Argumentation an einigen Stellen nicht schlüssig, insbesondere zum Thema Frauenbewegung. Diese sei auch maßgeblich deshalb erfolgreich gewesen, da die Unternehmen ein Interesse an Teilzeitarbeiterinnen hatten. Allerdings versäumt er zu erläutern, weshalb sie auch aus anderen Gründen erfolgreich war. Im abschließenden Kapitel, welches Lösungsvorschläge verspricht, wird der Leser zum wiederholten Male mit einer Kritik der bestehenden Verhältnisse konfrontiert und auffindbare Lösungsvorschläge sind weniger Handlungsanweisungen als vielmehr Appelle. Er bedient sich teilweise denselben Satzbausteinen, die er bei Politikern kritisiert. Gegen Ende seines Essays spricht er selbst von der Effizienz freier Märkte als Selbstverständlichkeit in diversen Bereichen aufgrund deren Dynamik, wobei er genau dieses Paradigma in Bezug auf die komplette Wirtschaft für ungültig erklärt. Crouch sieht seine Thesen der inneren Aushöhlung der Demokratie laut einem Interview mit der TAZ[1] durch die Wahl Obamas als widerlegt an. Das ist auf Grundlage seines Essays nicht nachvollziehbar. Selten war ein Wahlkampf dermaßen personalisiert wie bei Barack Obama, dessen Kommunikation zum großen Teil aus „Change, we can believe in“ bestand, und somit keinesfalls mit seinen Anforderungen an demokratische Verhältnisse übereinstimmt.

Die Gegenwartsdiagnose des Essays hingegen ist logisch aufgebaut und wirkt überzeugend, zumindest auf Menschen, die sich als Egalitaristen verstehen. Es wird klar, weshalb ein einseitiges Engagement, also nur in einer Partei oder nur in sozialen Bewegungen, wenig erfolgreich sein wird bzw. warum strikte Regulierungsmechanismen eingeführt werden müssen, um sich dem Ideal demokratischer Verhältnisse wieder anzunähern, statt sich von diesem weiter zu entfernen. Das Buch richtet sich an Egalitaristen und kann diese auch erreichen. Um auf den politischen Gegner überzeugend wirken zu können, hätte es jedoch einer wissenschaftlichen Betrachtung bedurft.

[...]


[1] Misik, Robert: Colin Crouch über Postdemokratie. „Ein schizophrener Moment“. 2009. Online unter: <http://www.taz.de/1/debatte/theorie/artikel/1/ein-schizophrener-moment/>, Zugriff am 19.12.2011

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Rezension zu Colin Crouchs "Postdemokratie"
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die Politikwissenschaft
Note
ohne Bewertung
Jahr
2008
Seiten
4
Katalognummer
V315170
ISBN (eBook)
9783668141827
Dateigröße
440 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rezension, colin, crouchs, postdemokratie
Arbeit zitieren
Anonym, 2008, Rezension zu Colin Crouchs "Postdemokratie", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315170

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