Stolen Generation. Australiens Assimilationspolitik 1910 - 1970


Seminararbeit, 2011

9 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entdeckung Australiens

3. Assimilations- / Separationspolitik
3.1. Ursachen und Hintergründe der Assimilationspolitik
3.2. Frühe Entwicklungen der Assimilationspolitik
3.3. Unvorhergesehenes Bevölkerungswachstum
3.4. Separationsgesetzgebung ab den 1930er Jahren

4. Das Leben in den Missionsstationen

5. Folgen und Wiedergutmachung
5.1. Folgen für die Kinder
5.2. Forderungen nach Wiedergutmachung

6. Schluss

Bibliographie

Filmographie

1. Einleitung

In der nachfolgenden wissenschaftlichen Abhandlung versuche ich folgende Forschungsfrage zu beantworten: „Welche Auswirkungen hatte die Assimilations- beziehungsweise Separationspolitik Australiens in den Jahren von 1910 bis 1970 auf die Kinder der Aborigines?“. Als Einsteig und zum besseren Verständnis möchte ich mit einem kurzen, groben geschichtlichen Überblick über die Entdeckung Australiens beginnen und anschließend auf die Hintergründe und Ursachen der Politik eingehen. Aufbauend auf dieser Grundlage, werde ich dann die Assimilationspolitik während dieser Zeit beleuchten und auf die Zustände und Geschehnisse in den Missionsstationen eingehen. Abschließend möchte ich mich mit den konkreten Folgen für die Aborigines Kinder auseinandersetzen.

Mein Interesse an diesem Thema resultiert aus einem monatelangen Aufenthalt in Australien. Während dieser Zeit habe ich viel über die Geschichte der Aborigines gelernt und möchte mich nun, nachdem ich mich bereits in einer anderen Arbeit intensiv mit der Traumzeit beschäftigt habe, auf die Assimilationspolitik und ihre Folgen konzentrieren (Vgl. Sailer 2010).

2. Entdeckung Australiens

Wie lange Australien vor der Ankunft der Europäern bereits von Aborigines besiedelt war, ist nicht genau bekannt. Es gibt viele verschiedene Angaben, doch man geht meist von einer Zeitspanne von 40.000 bis 60.000 Jahren aus (Vgl. Erckenbrecht 1998:11). Im späten 18. Jahrhundert entdeckte Captain James Cook während seiner ersten Pazifikreise (1768 - 1771) die Ostküste Australiens, bald darauf schickte man, aufgrund der positiven Berichterstattung Cook‘s, die erste Sträflingsflotte unter Captain Arthur Philip mit 778 Sträflingen an Bord nach Sydney (Vgl. Rademacher 2009:54). Damit begann eine folgenschwere Entwicklung für den neu entdeckten Kontinent und seine BewohnerInnen.

3. Assimilations- / Separationspolitik

Anfangs lebte man Seite an Seite, beziehungsweise interessierte man sich nicht sehr füreinander. Die Aborigines bildeten sich ihre Meinung über die Neuankömmlinge und vice versa. Da die Einwanderer keinen Namen für die indigene Bevölkerung kannten, benannten sie diese mit Hilfe des lateinischen Begriffes „ab origines“, was so viel bedeutet, wie „die, welche vom Ursprung an da waren“ (eigene Übersetzung A.S.). Die weißen Siedler beschlossen aufgrund von Beobachtungen den „Terra Nullius Act“, der besagte, dass die Erde Australiens wüst und leer sei und deshalb von den Europäern, ohne Rücksicht auf die Aborigines, eingenommen werden kann.[1]

3.1. Ursachen und Hintergründe der Assimilationspolitik

Australien wurde ab dem späten 18. Jahrhundert von Europa als Sträflingskolonie genützt. Bereits 1788, als die ersten Sträflingsschiffe in der Botany Bay (Sydney) ankamen, hatten diese die ersten Geistlichen an Bord. Am Anfang der Kolonialisierung gingen nur wenige christliche Geistliche einer missionarischen Tätigkeit nach, erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert wurde der Missionsgedanke immer wichtiger[2]. Die Aborigines wurden von den europäischen Siedler aus den heutigen Staaten New South Wales, Victoria und Tasmanien schnell ins Hinterland verdrängt. Anfang 1901 schlossen sich die eben genannten Staaten, sowie Queensland, Südaustralien und Westaustralien zu dem „Commonwealth of Australia“ zusammen. Aufgrund eingeschleppter Krankheiten und Alkohol schrumpfte die Anzahl der Aborigines rapide von, vor der Kolonialisierung ca. 300.000 (anderen Quellen zu Folge sogar 500.000 bis 600.000), im Jahre 1911 auf nur mehr 30.000. Weil man der Überzeugung war, dass es bald gar keine Aborigines mehr geben wird, da diese zwangsläufig aussterben würden, spielten sie im „neuen“ Australien für den Staat absolut keine Rolle mehr (Vgl. Erckenbrecht 1998:177ff).

3.2. Frühe Entwicklungen der Assimilationspolitik

Bereist 1897 verabschiedete man in Queensland das Gesetz „The Aboriginals Protection and Restriction of the Sale of Opium Act“ um das vorausgesagte Aussterben „so sanft wie möglich zu gestalten“ (Duelke 1998:66). Dieses Gesetz beeinflusste die anderen, zu dieser Zeit noch von der britischen Kolonie geführten, Staaten maßgebend. Aborigines wurden „zusammengesammelt“ und in Institutionen beziehungsweise (Arbeits-)Reservaten untergebracht. Im Jahr 1910, kurz vor dem Zusammenschluss zum „Commonwealth of Australia“, trat im südaustralischen Parlament, welches damals für das Northern Territory zuständig war, der „Northern Territory Aborigines Act“ in Kraft. Dieses Gesetz sah vor, dass es einen allgemeinen Rechtsvormund (Chief Protector of the Aborigines) für alle Aborigines, sowohl Erwachsene, als auch Kinder, geben muss. Da diese Aufgabe eine Person alleine unmöglich bewältigen konnte, war unter diesem die örtliche Polizei oder die Leiter von Missionen als Vormund für die Aborigines zuständig. Die erste Gesetzgebung im neuen „Commonwealth“ war die „Aboriginals Ordinance“. Diese wurde 1911 beschlossen. Dieses Gesetz sah vor, dass man „full bloods“, so wie bereits üblich, in Reservate brachte, doch neu war, dass man die so genannten „half castes“, also ein Elternteil Aborigine, der andere weiß, in spezielle Heime unterbringen sollte (Vgl. Duelke 1998:67). Diese Entwicklung war, meiner Meinung nach, der Anfang der späteren Separationspolitik.

3.3. Unvorhergesehenes Bevölkerungswachstum

Zum großen Erstaunen aller Europäer, starben die Aborigines nicht aus. Ab den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts kam es sogar zu einem unerwarteten Bevölkerungswachstum. Damit hatte keiner gerechnet, denn man vergass auf die so genannten „Mischlingskinder“[3], die „half castes“ (Vgl. Erckenbrecht 1998:179). Diese Kinder hatten, wie oben bereits erwähnt, meist eine schwarze Mutter und einen weißen Vater. Oft waren diese Beziehungen nur einseitig, viele Kinder waren das Ergebnis einer Vergewaltigung. In seltenen Fällen gingen Aborigine Frauen ein mehr oder weniger freiwilliges Verhältnis mit europäischen Männern ein, um an Tabak, Alkohol oder Opium zu gelangen (Vgl. Duelke 1998:61): „The Aborigines realized too, that the settlers [...] were dependant on them for labour and, in some cases for sexual partners. Here then was an opportunity to obtain by peaceful means some of the white man‘s goods“ (Elkin 1954:324). Für den weißen Vater war es jedoch eine Schande ein Kind mit einer Aborigine Frau zu haben, per Gesetz waren so genannte Mischehen verboten.

3.4. Separationsgesetzgebung ab den 1930er Jahren

Die damalige australische Regierung musste handeln, damit das erneute Bevölkerungswachstum nicht außer Kontrolle geraten konnte. Aufgrund der Meinung von Forschern, dass „die überlegenen Erbanlagen der Weißen stets die Oberhand gewinnen werden“ (Albig 2009:144) führte man die Idee der Gesetzgebung von 1911 („Aboriginal Ordinance“) weiter aus. Das neue Ziel dieser Politik war , die „half castes“ zu Weißen umzuformen und sie so zu billigen Arbeitskräften zu machen (Dienstmädchen und Farmarbeiter). Zu diesem Zwecke mussten sie von den rein schwarzen Aborigines möglichst früh getrennt werden, damit sie keinerlei Chance haben, die alten Traditionen von ihren Ahnen zu lernen. Eine weitere Grundlage war außerdem das Vorhaben „die Farbe herauszuzüchten“ (Albig 2009:143). Der „Chief Protector of Aborigines“ in Westaustralien, Auber O. Neville, war sogar der Ansicht, dass „binnen 100 Jahren wird der reine Schwarze ausgestorben sein“ (ebd.). Die Nachkommen der ersten Generation von „Mischlingskindern“ sollten immer weißer und weißer werden, indem man „half castes“ mit Weißen „kreuzt“. Ein weiterer Grund, warum man sich von diesem Zeitpunkt an auf Kinder konzentrierte, war der, dass die anfänglichen Missionierungsversuche sehr oft kläglich scheiterten, weil die erwachsenen Aborigines nicht bereit waren den christlichen Glauben anzunehmen: „The missionaries quickly realised that the adults were probably lost causes [...] therefore they concentrated their efforts on children“ (Broome 1994:105).

[...]


[1] Der „Terra Nullius Act“ wurde erst 1992 wieder aufgehoben (Vgl. Erckenbrecht 1998:16).

[2] Aufgrund der Größe Australiens und den teilweise lebensfeindlichen Räumen war die Missionierung zeitlich gesehen nicht einheitlich: zuerst versuchte man Gruppen, die nahe bei den Europäern lebten zu missionieren, „erst mit dem langsamen Voranschreiten der europäischen Besiedlung drangen auch die Missionare weiter ins Landesinnere vor“ (Erckenbrecht 1998:164). In Süd- beziehungsweise Westaustralien begann die Missionierung um einiges später, da dort das Land sehr trocken und unfruchtbar ist, brauchten die Siedler länger um dorthin zu gelangen. Im Laufe der Zeit entstanden mehr und mehr Missionsstationen.

[3] Ich verwende den Begriff „Mischling“ höchst ungern, weil er häufig herabsetzend gebraucht wird. Da aber alle anderen Bezeichnungen für die Kinder gemischtfarbiger Eltern noch unpassender sind, habe ich mich dazu entschlossen, bei diesem alten Begriff zu bleiben.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Stolen Generation. Australiens Assimilationspolitik 1910 - 1970
Hochschule
Universität Wien  (Kultur- und Sozialanthropologie)
Veranstaltung
PS Kultur- und Sozialanthropologisches Schreiben
Note
1
Autor
Jahr
2011
Seiten
9
Katalognummer
V315197
ISBN (eBook)
9783668148871
ISBN (Buch)
9783668148888
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Australien, Stolen Generation, Aborigines
Arbeit zitieren
BA Anna Sailer (Autor), 2011, Stolen Generation. Australiens Assimilationspolitik 1910 - 1970, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315197

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