Das Fremdsprachenlernen gilt heute als wesentlicher Bestandteil der europäischen Bildungspolitik. Im Aktionsplan 2004-2006 wurden explizit die Leitlinien für das lebenslange Sprachenlernen und den Erhalt der Sprachenvielfalt formuliert. Jeder europäische Bürger soll demnach neben seiner Muttersprache zwei weitere Gemeinschaftssprachen beherrschen. Im Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmen für Sprachen wird dabei vor allem die Gleichwertigkeit aller europäischen Sprachen betont, denn das ausdrückliche Ziel ist es:
"durch vermehrte Kenntnis nationaler und regionaler Sprachen - auch solcher, die nicht so häufig gelehrt werden - den Reichtum und die Vielfalt des kulturellen Lebens in Europa zu erhalten und weiterzuentwickeln".
Diese Position des Referenzrahmens macht deutlich, dass der moderner Fremdsprachenunterricht die mehrsprachige Kompetenz der Schüler entwickeln, d.h. Möglichkeiten zum sprachübergreifenden, vernetzenden Lernen schaffen muss. Dies gilt in besonderem Maße für den in der gymnasialen Oberstufe spät einsetzenden FU in den so genannten Tertiärsprachen. Das große Potenzial dieses Unterrichts liegt in der Anknüpfung an die Sprach(lern)erfahrungen der Schüler/innen, die Einbeziehung des positiven wie negativen Sprachtransfers als auch die Behandlung sprachübergreifender Lerntechniken und -strategien. Ziel der folgenden Arbeit ist es deshalb aufzuzeigen, wie das vernetzte und sprachübergreifende Lernen für den in der gymnasialen Oberstufe beginnenden Italienischunterricht nutzbar gemacht werden kann. Den Schlüssel hierfür liefert die Interkomprehensions- und Mehrsprachigkeitsdidaktik.
Im ersten Kapitel soll zunächst definiert werden, was in der Fremdsprachendidaktik unter dem Begriff Tertiärsprachen zu verstehen ist. Aufbauend dazu soll am Beispiel des Fachs Italienisch deutlich gemacht werden, welche Stellung die Tertiärsprachen derzeit innerhalb der Schulsprachenpolitik einnehmen. Im zweiten Kapitel werden schließlich die Charakteristika des schulischen Tertiärsprachenunterrichts näher beleuchtet. Besondere Berücksichtigung finden hierbei das fortgeschrittene Alter der Lernenden, ihre besonderen motivationalen Voraussetzungen sowie ihre heterogenen Vorkenntnisse. Im letzten Kapitel soll das Konzept der EuroComRom-Methode zunächst vorgestellt und weiterführend an einem konkreten Beispieltext aufgezeigt werden, wie die Förderung der rezeptiven Fähigkeiten im schulischen Tertiärsprachenunterricht genutzt werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Präliminarien: Die normative Gleichwertigkeit aller Sprachen
2 Bedeutung der Tertiärsprachen
2.1 Definition: Tertiärsprachen
2.2 Der Status des Italienischen als Tertiärsprache im Schulsystem
3 Spezifika des Italienischunterrichts als 3. Fremdsprache
3.1 Alter der Schüler
3.2 Einstellung und Erwartungshaltung
3.3 Heterogene Vorkenntnisse der Lerner
4 Förderung von funktionaler Mehrsprachigkeit im FSU
4.1 Die Methode EuroComRom
4.2 Ideen zur Implementation von EuroComRom im schulischen Kontext
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Potenzial und die didaktische Gestaltung des Italienischunterrichts als spät einsetzende dritte Fremdsprache (Tertiärsprache) am Gymnasium, mit dem Ziel, durch den Einsatz der EuroComRom-Methode die Mehrsprachigkeitskompetenz der Lernenden gezielt zu fördern.
- Didaktische Einordnung von Tertiärsprachen im schulischen Kontext
- Spezifika des Italienischunterrichts für fortgeschrittene Lerner
- Nutzung von Interkomprehension zur Förderung rezeptiver Fähigkeiten
- Implementierung der EuroComRom-Methode anhand authentischer Texte
Auszug aus dem Buch
3.1 Alter der Schüler
Eine der augenfälligsten Besonderheiten des Unterrichts in der 3. Fremdsprache, der zumeist erst in der Oberstufe, frühestens jedoch als Wahlpflichtangebot in der 8. oder 9. Klasse einsetzt, ist das fortgeschrittene Alter der Schüler, die in der Regel zwischen 14 und 19 Jahre alt sind. In Einklang mit der „Critical Period Hypothesis“ hielt sich dabei lange Zeit die Überzeugung, dass das Erlernen einer Fremdsprache in dieser Altersphase ungleich schwerer sei als in jüngeren Jahren. Diese These ist in der heutigen Forschung jedoch mehrheitlich der Auffassung gewichen, dass jedes Alter eben seine ganz spezifischen Lerntechniken erforderlich macht (vgl. Bausch, 2007: 85).
Einige Forscher gehen sogar davon aus, dass in dieser postpubertären Phase die entscheidenden „Weichen für jedwedes spätere Fremdsprachenlernverhalten, und zwar insbesondere für den Bereich der Lernstrategien, gestellt werden (Bausch, 447). Der spät einsetzende Fremdsprachenunterricht legt somit die Grundlagen für eine individuelle Mehrsprachigkeit. Dieser Erkenntnis wird im aktuellen Lehrplan für Italienisch als 3. Fremdsprache in Baden- Württemberg bereits Rechnung getragen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Präliminarien: Die normative Gleichwertigkeit aller Sprachen: Das Kapitel führt in die europäische Bildungspolitik ein und betont die Notwendigkeit, im modernen Fremdsprachenunterricht mehrsprachige Kompetenzen durch vernetztes Lernen zu fördern.
2 Bedeutung der Tertiärsprachen: Es erfolgt eine Definition des Begriffs Tertiärsprache und eine Analyse des Status des Italienischen im deutschen Schulsystem, wobei auf die Entwicklung der Schulsprachenpolitik eingegangen wird.
3 Spezifika des Italienischunterrichts als 3. Fremdsprache: Hier werden die Besonderheiten wie das höhere Alter der Lerner, ihre spezifischen Erwartungshaltungen sowie die Herausforderungen durch heterogene Vorkenntnisse diskutiert.
4 Förderung von funktionaler Mehrsprachigkeit im FSU: Das Kapitel stellt die Methode EuroComRom vor und zeigt an Praxisbeispielen auf, wie Lernende durch Interkomprehension ihre rezeptiven Fähigkeiten entwickeln können.
5 Fazit: Die Arbeit resümiert die Notwendigkeit einer an die Vorkenntnisse der Lerner angepassten Didaktik und plädiert für eine stärkere Berücksichtigung sprachübergreifender Lernmethoden in der Lehrerausbildung.
Schlüsselwörter
Tertiärsprachen, Italienischunterricht, Mehrsprachigkeit, EuroComRom, Interkomprehension, Fremdsprachendidaktik, Sprachbewusstsein, Lernstrategien, Schulsprachenpolitik, Transferleistungen, Lernerautonomie, gymnasiale Oberstufe, romanische Sprachen, Hypothesengrammatik, rezeptive Kompetenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit behandelt die didaktischen Herausforderungen und Chancen des Italienischunterrichts, wenn dieser als dritte Fremdsprache in der gymnasialen Oberstufe eingeführt wird.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Schwerpunkte sind die Definition von Tertiärsprachen, der Umgang mit sprachlichen Vorkenntnissen der Schüler und die Förderung funktionaler Mehrsprachigkeit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie das vorhandene Sprachwissen der Lernenden durch interkomprehensive Ansätze für den Italienischunterricht nutzbar gemacht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse didaktischer Konzepte und stellt die Anwendung der EuroComRom-Methode als Praxisbeispiel dar.
Was behandelt der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Verortung der Tertiärsprachen, die Analyse der Lernervoraussetzungen (Alter, Motivation, Vorkenntnisse) und die praktische Umsetzung der EuroComRom-Didaktik.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Die wichtigsten Begriffe sind Tertiärsprachen, Interkomprehension, Mehrsprachigkeitsdidaktik und die EuroComRom-Methode.
Wie beeinflussen die Vorkenntnisse der Schüler den Lernprozess laut der Autorin?
Vorkenntnisse in anderen Sprachen wirken sich unterschiedlich auf den Lernerfolg aus; sie können sowohl als Brücke dienen als auch durch zu hohe Erwartungshaltungen oder Interferenzen neue Herausforderungen schaffen.
Welche Rolle spielt die EuroComRom-Methode für den Italienischunterricht?
Sie ermöglicht es, durch die „sieben Siebe“ den Zugang zu authentischen Texten zu erleichtern, indem bereits vorhandene romanische Sprachkenntnisse aktiv zur Erschließung genutzt werden.
- Quote paper
- Francesca Cavaliere (Author), 2014, Tertiärsprachen. Zur Bedeutung der dritten Fremdsprache am Gymnasium am Beispiel des Italienischen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315223