Ziel dieser Arbeit ist es, die Frage zu beantworten, welche Geschlechteridentitäten das Märe „Das Nonnenturnier“ produziert und wie diese wirken. Um diese Zielstellung zu erfüllen, ist die Arbeit folgendermaßen gegliedert. Zunächst sollen die Begriffe Märe und Priapeiisches Märe geklärt werden, um eine genauere Einordnung des Märes „Das Nonnenturnier“ innerhalb der mittelalterlichen Literatur zu gewährleisten.
Im darauffolgenden Kapitel dienen die Erkenntnisse über das Ein- und Zwei-Geschlecht-Modell Thomas Laqueurs als theoretische Grundlage, um diese im weiteren Verlauf der Arbeit auf den Text anwenden zu können. Das nächste Kapitel analysiert und interpretiert die konstruierten Geschlechterdefinitionen im Nonnenturnier unter Nutzung der Modelle Laqueurs, um die eingangs gestellte Frage zu beantworten. Abschließend fasst eine Schlussbetrachtung die wichtigsten Aspekte der Arbeit zusammen und dient zugleich der Rückführung zum Thema.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definitionen
2.1 Das Märe
2.2 Das priapeische Märe
3. Geschlechtsmodelle nach Laqueur
3.1 Das Ein-Geschlecht-Modell
3.2 Das Zwei-Geschlecht-Modell
4. Geschlechtsmodelle im Nonnenturnier
4.1 Analyse und Interpretation nach dem Ein-Geschlecht-Modell
4.2 Analyse und Interpretation nach dem Zwei-Geschlecht-Modell
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konstruktion von Geschlechtsidentitäten im mittelhochdeutschen Märe Das Nonnenturnier. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, welche spezifischen Geschlechterdefinitionen durch die Anwendung der von Thomas Laqueur entwickelten Ein- und Zwei-Geschlechts-Modelle auf den literarischen Text identifiziert werden können und welche Aussagen sich daraus über die im Text dargestellten sozialen Rollenbilder ergeben.
- Analyse mittelalterlicher Geschlechterkonstruktionen anhand des Märe Das Nonnenturnier
- Anwendung von Thomas Laqueurs medizinisch-philosophischen Geschlechtsmodellen
- Gegenüberstellung des Ein-Geschlecht-Modells und des Zwei-Geschlecht-Modells
- Interpretation der Rollenbilder von ritterlichen und klösterlichen Akteuren
- Kritische Reflexion höfischer Ideale und gesellschaftlicher Normen
Auszug aus dem Buch
4.1 Analyse und Interpretation nach dem Ein-Geschlecht-Modell
Handelnde Personen in dem Märe Das Nonnenturnier sind ein frecher ritter, eine edele frauwe (Nonnenturnier, V. 40), ein zagel (Nonnenturnier, V. 182) sowie fünfzig nunnen (Nonnenturnier, V. 246). Aus heutiger Sicht ist es nachvollziehbar, wenn behauptet wird, dass der Ritter – jeweils vor und nach der Kastration – männliche Mitglieder der Gesellschaft verkörpert, die Dame und die Nonnen dagegen für die weiblichen Mitglieder der Gesellschaft stehen.
Da das Ein-Geschlecht-Modell allerdings einen anderen Blickwinkel auf die Konstruktion von Geschlechtsidentität wirft, sind hier Abweichungen von der gegenwärtigen Perspektive zu erwarten. Ausgehend davon, dass sich in der Betrachtungsweise des Ein-Geschlecht-Modells mehrere Abstufungen von Geschlecht auf einer Art hierarchischer, vertikaler Skala eines einzigen Geschlechts ergeben können, werden im Text drei geschlechtliche Identitäten entworfen. Dementsprechend repräsentieren die Dame, die Nonnen sowie der Penis des Ritters das männliche Extrem, der Ritter nach der Kastration das weibliche Extrem und der Ritter vor der Kastration die männlich-weibliche Mitte der Skala. Durch die sozialen Verhaltensweisen, die den handelnden Figuren zukommen, ist diese Einteilung unter Anwendung des Ein-Geschlecht-Modells gerechtfertigt. So verhält sich die vornehme Dame äußerst lüstern, liebestoll und scheint unersättlich. Auch Hover merkt an, dass vor allem Frauen in der Märendichtung als unersättlich dargestellt werden, was „angesichts der den Frauen gebotenen Zurückhaltung eine Projektion männlicher Wunschvorstellungen“ sei. Ihr kommt somit eine recht aktive Rolle zu, wie es für vornehme Damen ungewöhnlich war.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Geschlechterkonstruktion im Mittelalter ein und definiert die Zielsetzung, das Märe Das Nonnenturnier mithilfe theoretischer Geschlechtsmodelle zu untersuchen.
2. Definitionen: In diesem Kapitel werden die literarischen Gattungsbegriffe Märe und priapeisches Märe erläutert, um eine genaue Einordnung des Untersuchungstextes zu ermöglichen.
3. Geschlechtsmodelle nach Laqueur: Dieses Kapitel stellt die theoretische Grundlage von Thomas Laqueur vor, indem es das Ein-Geschlecht-Modell und das Zwei-Geschlecht-Modell sowie deren historische Bedeutung darlegt.
4. Geschlechtsmodelle im Nonnenturnier: Hier erfolgt die eigentliche Analyse des literarischen Textes unter Anwendung der beiden zuvor eingeführten Geschlechtsmodelle auf die handelnden Figuren und deren Handlungsweisen.
5. Schlussbetrachtung: Dieses Kapitel fasst die Ergebnisse der Analyse zusammen und reflektiert, wie das Märe Das Nonnenturnier höfische Gesellschaftsideale kritisch hinterfragt.
Schlüsselwörter
Das Nonnenturnier, Geschlechterkonstruktion, Märe, Thomas Laqueur, Ein-Geschlecht-Modell, Zwei-Geschlecht-Modell, Geschlechtsidentität, Mittelalter, höfische Literatur, ritterliche Tugend, priapeisches Märe, Geschlechterdifferenz, soziale Rollenbilder
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Konstruktion von Geschlechtsidentitäten im mittelalterlichen Märe Das Nonnenturnier unter Einbeziehung wissenschaftlicher theoretischer Modelle.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind mittelalterliche Literatur, Geschlechterforschung, die Geschichte medizinischer und philosophischer Geschlechtertheorien sowie die Analyse gesellschaftlicher Rollenbilder im Mittelalter.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das Märe Das Nonnenturnier Geschlechtsidentitäten produziert und welche Rollenbilder sich bei Anwendung unterschiedlicher Geschlechtsmodelle ergeben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine textanalytische Methode angewandt, bei der der literarische Text unter Anwendung der theoretischen Modelle von Thomas Laqueur untersucht und interpretiert wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Begriffe definiert und die theoretischen Modelle Laqueurs vorgestellt, woraufhin eine detaillierte Analyse der Figuren des Nonnenturniers nach dem Ein- und Zwei-Geschlecht-Modell erfolgt.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Geschlechterkonstruktion, Laqueur, Märe, Das Nonnenturnier, Geschlechtsmodelle und höfische Literatur beschreiben.
Wie unterscheidet sich die Rolle des Ritters vor und nach der Kastration im Modell?
Nach dem Ein-Geschlecht-Modell repräsentiert der Ritter vor der Kastration die „männlich-weibliche Mitte“ der Skala, während er nach der Kastration dem weiblichen Extrem der Skala zugeordnet wird.
Welche Rolle spielt der Penis („zagel“) bei der Geschlechtskonstruktion im Text?
Im Zwei-Geschlecht-Modell fungiert der Penis als determinierendes anatomisches Merkmal, welches das biologische Geschlecht und damit die Geschlechtsidentität definiert.
Inwiefern hinterfragt das Märe höfische Gesellschaftsideale?
Das Werk stellt eine Art Gegenentwurf zur höfischen Kultur dar, indem es durch die „vagierende Sexualität“ und die Geschlechterrollen gesellschaftliche Normen und Tugenden, wie die höfische Mäßigung, ironisiert oder kritisiert.
- Arbeit zitieren
- Henriette Bartusch (Autor:in), 2012, Geschlechterkonstruktion in dem Märe "Das Nonnenturnier", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315226