Merkmale und Funktionen der Textgattung "Todesanzeigen" im Wandel der Zeit


Seminararbeit, 2016

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

I Einleitung

II Historischer Hintergrund

III Todesanzeigen in der Theorie
III. 1 Klassifikation
III. 2 Merkmale
III. 2. 1 Äußerliche Gestaltung
III. 2. 2 Inhaltliche Gestaltung
III. 3 Funktion
III. 3. 1 Für den Leser
III. 3. 2 Für den Hinterbliebenen
III. 3. 3 Für den Verstorbenen

IV Wandel von Todesanzeigen in der Praxis
IV. 1 Beispiele
IV. 2 Unveränderlichkeit
IV. 3 Veränderlichkeit

V Fazit

VI Literaturverzeichnis
VI. 1 Literatur
VI. 2 Internet

I Einleitung

Obwohl der Tod immer noch zu den Tabuthemen unserer Gesellschaft gehört, erfreuen sich die mit ihm unvermeidlich verbundenen Todesanzeigen, trotz ihres meist traurigen Inhalts, immer größerer Beliebtheit.

Entsprechend häufig wurde diese Textsorte in der Vergangenheit bereits zum Gegen- stand wissenschaftlicher Untersuchungen. Hier wurden sie anhand der unzähligen Bei- spiele die in jeder Tageszeitung zu finden sind, systematisiert, klassifiziert und kategori- siert. Nicht selten entfällt hierbei jedoch der historische Überblick. Wie sah die erste To- desanzeige aus? Wo sind die Anfänge dieser Textsorte zu finden? Was hat sich verändert und/oder weiterentwickelt? Was macht einen Text in Form von einer Todesanzeige zu einer eigenen Textsorte?

Ziel dieser Arbeit soll es daher sein, Todesanzeigen im Wandel der Zeit darzustellen.

Dabei wird zunächst kurz der historische Hintergrund beleuchtet, gefolgt von der Zuweisung gattungsspezifischer Merkmale. Im Anschluss werden die unterschiedlichen Funktionen der Todesanzeige erläutert. Dem theoretischen Teil schließt sich ein praktischer Teil an. Hier sollen an Beispielen unterschiedlicher Epochen erst die erläuterten Merkmale nachgewiesen und dann verglichen werden. Herausgearbeitet werden dabei die diversen Aspekte des Wandels von Todesanzeigen.

Der theoretische Teil und folglich auch der Vergleich des praktischen Teils begründen sich dabei nicht wie üblich auf die Analysekategorien nach Brinker, sondern referieren auf das Werk Anna Stöhrs, die eine neue Form der Analyse, explizit für Todesanzeigen, entwickelt hat.

Die Textzeugnisse des praktischen Teils erstrecken sich über einen Zeitraum von mehr als 250 Jahren. Dabei wird Bezug auf die erste bekannte, veröffentlichte Todesanzeige aus dem Jahr 1753 genommen, auf eine frei gewählte Annonce von 1872 und, um ein möglich großes Spektrum aufmachen zu können, auf ein aktuelles Beispiel aus 2006.

II Historischer Hintergrund

Lange bevor sich die Todesanzeige, so wie wir sie heute kennen, durchsetzen konnte, übernahmen sogenannte Leichenbitter die Aufgabe das Ableben eines Menschen publik zu machen. Diese wurden von den Hinterbliebenen beauftragt, von Tür zu Tür zu gehen und die Mitmenschen über den jeweiligen Todesfall in Kenntnis zu setzen und zur Beer- digung zu laden. Vor allem in Zeiten des vorherrschenden Analphabetismus bestand die absolute Notwendigkeit eines Leichenbitters. Diese Tradition existierte, vor allem in den ländlichen Gegenden, bis in die 1970er Jahre. (Grümer/Helmrich 1994, S.68f) Noch vor der ersten Todesanzeige fand sich demnach eine Vorgehensweise der vergüteten Hilfe- stellung, die in der Theorie der heutigen Anzeigenfunktion gleich kommt.

Die Geburtsstunde der klassischen Todesanzeige hängt wiederum eng mit der Entstehung der Tageszeitung im Allgemeinen zusammen.

Die Geschichte der Tageszeitung beginnt 1727 in Preußen mit dem Aufkommen der so- genannten Intelligenzblätter. Dabei handelte es sich zunächst um eine wöchentliche Zu- sammenstellung der Adress- und Anzeigenkontore von Angeboten und Nachfragen. Die- se erfreuten sich enorm rasanter Beliebtheit, brachten dem Staat erheblichen Gewinn und bestimmten den Handel und das Gewerbe. Noch bevor sich in diesen Intelligenz- blättern, die Stadt gebunden waren, eine eigene Rubrik der Familienanzeigen etablieren konnte, fand sich unter Vermischte Nachrichten folgende Bekanntmachung:

„In der Nacht, unterm 14. huj. ist Totl. Herr Johann Albrecht Cramer, weiland des Raths, Zeugherr und Handelsmann allhier, in einem Alter von 70 Jahren an einem Schlagfuss gestorben.“ (Mader 1990, S. 18)

Diese 1753 im Ulmer Intelligenzblatt abgedruckte Annonce ist die älteste, bekannte, deutschsprachige Todesanzeige.

Der Mitteilungsaspekt erfüllte zunächst vor allem die Funktion, die Geschäftswelt1 über das Ableben der jeweiligen Person zu informieren. Die Geschäftspartner wussten da- durch, dass sie sich mit allen Belangen von nun an die Erben und Nachbesitzer zu wen- den hatten. Frey macht diesbezüglich darauf aufmerksam, dass „die Verbindung von To- desmitteilungen und geschäftlicher Veränderung“ (Frey 1939, S. 52) älter sind als die ei - gentliche Todesanzeige selbst. Demzufolge verwiesen die ersten gedruckten Annoncen fast ausschließlich auf den Tod von Geschäftsleuten. Bevor das Schalten von Anzeigen dann allgemein üblich wurde, weitete es sich um 1800 zunächst von der Geschäftswelt auf die Oberschicht aus.

Im Verlauf stetig anwachsender Urbanisierung verlor die Tradition des Leichenbitters folglich zunehmend an Bedeutung „und musste einem neuen Medium Platz machen, das den neuen Bedingungen besser gewachsen war. Als dieses Medium erwies sich die Zei- tung (…).“ (Grümer/Helmrich 1994, S. 68) Die persönliche Nachrichtenvermittlung durch den Leichenbitter wich somit einer unpersönlicheren Form, die allerdings den Vorteil aufweisen konnte mehr Adressaten zeitgleich zu erreichen (Hosselmann 2001, S. 13). Ariès spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „Veränderung der Trauer- kultur“ (Ariès 1999, S. 715).

„Anfänglich war das Aufgeben einer Todesanzeige mit Hemmungen besetzt, denn es galt als unschicklich, Persönliches und Privates auf diese Weise der Öffentlichkeit kundzutun.“ (Möller 2009, S. 14)

Folglich sind Todesanzeigen erst seit 1890 unverkennbarer Bestandteil von Tageszeitun- gen.

„Zu diesem Zeitpunkt setzten dann auch bereits erste Versuche ein, Todesanzeigen mittels Mustervorlagen und Anweisungen zu vereinheitlichen (…). Da Todesanzeigen mehr und mehr nicht nur für örtliche Honoratioren aufgegeben werden, sondern allgemeine Verbreitung finden, ist eine solche »Standardisierung« (…) notwendig.“ (Grümer/Helmrich 1994, S. 69)

Anhand empirischer Studien konnte Hosselmann nachweisen, dass in der heutigen Zeit „mindestens 50 Prozent der tatsächlich Verstorbenen eine Todesanzeige“ (Hosselmann 2001, S. 34) erhalten. Dieser Umstand lässt auf die besondere gesellschaftliche Bedeutung der Todesanzeige schließen.

III Todesanzeigen in der Theorie

III. 1 Klassifikation

Todesanzeigen sind formal der Kategorie Familienanzeigen zuzuordnen. Mit der Zeit bildeten sich auch hier verschiedene Typen unter dieser Hauptkategorie heraus, die im Folgenden kurz erläutert werden sollen, um die Abgrenzung zu den eigentlichen Todesanzeigen deutlich machen zu können.2

Neben den Todesanzeigen gehören zur Kategorie der Familienanzeigen der Nachruf, die Gedenkanzeige und die Danksagung. Dabei unterscheiden sich vorrangig Gedenkanzei- gen und Danksagungen vom Mitteilungsaspekt der Todesannoncen. Der Nachruf wird bisweilen auch als Kondolenzanzeige bezeichnet und wird publiziert, wenn Bekannte, Kollegen, Vorgesetzte u.a. vom Tod der jeweiligen Person erfahren. Genutzt wird diese Form am häufigsten von Firmen, „die sich, gemäß gesellschaftlicher Erwartungen, verpflichtet fühlen, eine entsprechende Würdigung des einstigen Kollegen und Mitarbeiters zu inserieren.“ (Stöhr 2014, S. 39) Nicht unüblich sind auch Beileids- und Beistandsbekundungen durch Mitschüler und Freunde. In jedem Fall dient der Nachruf dazu, der Trauer Ausdruck zu verleihen. Die Kernaussage ist allerdings ähnlich der der Todesanzeige - es handelt sich um eine Nachricht über das Ableben eines Men- schen. Im Laufe der Zeit hat sich der Nachruf „als eine elegant-höfliche Variante schrift - licher Kondolenz herausgebildet.“ (Stöhr 2014, S. 43)

Gedenkanzeigen bilden die jüngste Form der Familienanzeigen, da sie erst seit 1965 pu- bliziert werden. (Bronisch 1984, S. 593) Sie erscheinen vornehmlich am alljährlichen Todestag des Verstorbenen, finden ihre Veröffentlichung aber auch an besonderen An- lässen wie Hochzeitstag oder Geburtstag des Toten. Der Ursprung für diese Form findet sich in der katholischen Kirche, die unter ähnlichem Kontext der Toten in der Totenmes- se gedenkt. Sprachlich wie formal bilden Gedenkanzeigen das deutlichste Komplemen- tär zu den klassischen Todesanzeigen. Die Grundintention ist hier völlig differenziert, da nicht der Tod eines Menschen im Mittelpunkt steht, sondern die Aufrechterhaltung sei- nes Gedenkens.

Letzte Form der Kategorie Familienanzeigen bilden die Danksagungen. Sie erscheinen meist kurz nach den eigentlichen Trauerfeierlichkeiten. Adressaten sind hierbei all dieje - nigen, die der Familie zur Seite standen. Der Adressatenkreis ist hier sehr weit gefasst, da es sich sowohl auf Sach- und Geldspenden beziehen kann, als auch dem Pfarrer, Trauerredner, Beerdigungsinstitut, Krankenhaus und Pflegedienst gewidmet sein kann. Für die Hinterbliebenen handelt es sich hierbei um eine zeitliche Optimierung, da mit der Aufgabe einer Danksagung die Bekundung persönlich oder in Briefform entfällt. Stöhr verweist in diesem Kontext darauf, dass sich die „Vorgehensweise [der Danksa- gungen] (…) nach und nach zu einer obsoleten Höflichkeitsform [entwickelt].“ (Stöhr 2014, S. 41)

III. 2 Merkmale

III. 2. 1 Äußerliche Gestaltung

Das prägnanteste Mittel der äußerlichen Gestaltung von Todesanzeigen ist der schwarze Rahmen. Dieser wird bisweilen auch als Trauerrand bezeichnet. Er lässt den Adressaten zweifelsfrei zu dem Schluss kommen, dass es sich um eine Todesannonce handelt. Ge- wählt wurde er jedoch nicht zufällig - er implementiert etwas Abgeschlossenes, etwas Eingegrenztes. Schwarz bildet dabei ganz bewusst das Pendant zu weiß: Hier wird der interpretatorische Rahmen aufgemacht und meint Gut gegen Böse, hell gegen dunkel und letzten Endes Leben gegen Tod.3 Laut Möller kommt dem Trauerrand auch die Auf- gabe zu, den Leser über die Konfession des Toten zu informieren. Blau, dunkelviolett und schwarz stehen für das Christentum. Grün symbolisiert den Islam. Des weiteren verweist er darauf, dass der Trauerrand nicht in ganz Europa verbreitet ist: in Frankreich und England gibt es bspw. bis heute keinen solchen. (Möller 2009, S. 89f)

Weiterhin lassen sich Todesanzeigen durch Absätze und Freiflächen personalisieren. Da- bei „ergibt sich ein, durch Aussparungen und Absätze bedingtes Kontingent an unbeschriebener Fläche. Die Funktion dieses Weißanteils besteht darin, den Leser zu lei - ten, Sinnabschnitte voneinander zu trennen und die Annonce stilvoll und harmonisch erscheinen zu lassen.“ (Stöhr 2014, S. 46)

Durch diese Form des Layouts wird dem Adressaten auch eine Form der Ruhe vermit-telt.

[...]


1 Gemeint sind in diesem Zusammenhang vorrangig Kunden, Geschäftspartner und Gläubiger.

2 Zu den Familienanzeigen gehören ebenso Geburtsanzeigen und Anzeigen über Verlobung, Hochzeit,Jubiläum, Jugendweihe u.ä. Allerdings wird im Kontext dieser Arbeit nur ein bestimmter Typ von Fa- milienanzeigen beleuchtet, daher entfällt die weitere Erwähnung der aufgezählten Varianten hier und im Folgenden.

3 http://www.farbeundleben.de/kultur/religion_kultur.htm

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Merkmale und Funktionen der Textgattung "Todesanzeigen" im Wandel der Zeit
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
Textsorten im Wandel
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
21
Katalognummer
V315253
ISBN (eBook)
9783668147379
ISBN (Buch)
9783668147386
Dateigröße
1457 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Textsorte, Todesanzeige, Textsortenwandel, Textsortenanalyse, Textsortenvergleich
Arbeit zitieren
Maxi Pötzsch (Autor), 2016, Merkmale und Funktionen der Textgattung "Todesanzeigen" im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315253

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