„Er lauschte auf ihr Spiel und auf ihre Gespräche, und so geschah es, daß (…) er der Musik als einer außerordentlich ernsten, wichtigen und tiefsinnigen Sache gewahr wurde.“ Es ist die Rede von Hanno Buddenbrook. Ob wirklich nur das Lauschen die Ursache seiner Hinwendung zur Musik ist und was sich hinter der ‚ernsten und tiefsinnigen Sache‘ letztlich verbirgt, soll im Folgenden hinterfragt werden.
Zuvor soll die musikalische Entwicklung innerhalb der Familie Buddenbrook betrachtet werden. Daran an schließt eine Untersuchung der Figurenentwicklung des Hannes Buddenbrook innerhalb des Spannungsfeldes der Familie. Analysiert werden die an ihn gestellten Ansprüche und Hannos zunehmende Flucht vor der Realität.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Bedeutung der Musik in den Buddenbrooks
3. Hannos Hinwendung zur Musik
3.1. Hannos Erbe
3.2. Anforderungen des Vaters
3.3. Einfluss der Mutter
3.4. Prägung durch Edmund Pfühl
4. Hannos Phantasien und deren Charakter als Erlösung
4.1. Hannos Realität
4.1.1. Symptome mangelnder Vitalität
4.1.2. Zwang der Realität
4.1.3. Zunehmende Isolierung
4.1.4. Zwang der Repräsentation
4.2. Musik als Flucht vor der Realität
4.3. Musik als Todessehnsucht
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursachen und Hintergründe der Hinwendung Hannos zur Musik in Thomas Manns Roman "Buddenbrooks" und analysiert, inwiefern die Musik für ihn eine Form der Erlösung darstellt.
- Die musikalische Entwicklung innerhalb der Buddenbrook-Familie über vier Generationen
- Die psychische Veranlagung Hannos sowie die prägenden Einflüsse von Eltern und Lehrern
- Die Ambivalenz zwischen Hannos Lebensuntauglichkeit und der Flucht in die musikalische Ästhetik
- Die Funktion der Musik als Ausdruck von Todessehnsucht und Willensverneinung im Sinne Schopenhauers
Auszug aus dem Buch
3.2. Anforderungen des Vaters
„War er ein praktischer Mensch oder ein zärtlicher Träumer?“ (470)
Oberflächlich betrachtet, scheint Hannos Vater der Einfluss auf die musikalische Entwicklung seines Sohnes geradezu entzogen zu sein. Von der Musik – so Gerda – wird er „niemals etwas verstehen“ (509). Er empfindet sie als „feindliche(n) Macht“ (508), die seinen Sohn nicht nur ihm, sondern auch „dem praktischen Leben entfremdet(e)“ (522). Thomas erhofft sich dennoch im Sohn weiterleben zu können. Er erwartet, dass Hanno nach dem Bilde des Urgroßvaters die Firma und Familie zu neuem Glanz führt. Doch schon hier zeigen sich die ersten Widersprüche: Thomas legt ein Idealbild an seinen Sohn (vgl. 522), an dem er selbst gescheitert ist. Leidet Thomas nicht selbst unter der Brutalität des Geschäfts? Empfindet er nicht selbst geradezu Ekel vor dieser Wirklichkeit? (vgl. 470) Ist er es nicht, der unter der höchsten Anspannung seine Rolle aufrechterhalten muss? Gerade hier ergibt sich aber das entscheidende Problem: Der Vater kann seinem Sohn in keiner Weise Vorbild sein. Ihm ist es nicht möglich – auch nicht zum Schein – seinem Sohn, das „jovial[e], einfach[e], homuristisch[e] und stark[e]“ (522) Kaufmannsbild des Urgroßvaters vorzuführen. Vielmehr durschaut Hanno die verzerrte Maske seines Vaters und wird dadurch von dessen Beruf und Leben noch mehr abgeschreckt, als dies schon in seiner Veranlagung war. Er erkennt den Kampf des Vaters, den er gerade in dessen Schwäche liebt. Dies wird in dem einzigen Berührungspunkt der beiden deutlich, wenn sich Thomas in seiner Unsicherheit und Leidensfähigkeit zeigt. Aber genauso, wie Thomas brutal und grausam gegenüber dem „Christian in sich selbst“ ist, so erbarmungslos ist er gegen den Thomas in Hanno.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Fragestellung ein, inwieweit Hannos Hinwendung zur Musik lediglich durch das einfache Lauschen oder durch tiefgreifendere Ursachen motiviert ist.
2. Die Bedeutung der Musik in den Buddenbrooks: Dieses Kapitel beleuchtet die wachsende Musikalität der Familie als dialektisches Symbol des Verfalls, das mit dem Verlust bürgerlicher Lebenskraft einhergeht.
3. Hannos Hinwendung zur Musik: Der Abschnitt analysiert die familiären und sozialen Faktoren, wie das väterliche Erbe, die schulischen Anforderungen und den Einfluss von Mutter und Lehrer, die Hanno zur Musik führen.
4. Hannos Phantasien und deren Charakter als Erlösung: Hier wird untersucht, wie Hanno durch Krankheit, Isolierung und den Zwang der Repräsentation in eine musikalische Scheinwelt flüchtet, die für ihn zugleich Rausch und Todessehnsucht bedeutet.
5. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Hannos musikalische Hinwendung den Höhepunkt der Dekadenz und den zwangsläufigen Abschluss eines in der Familie angelegten Verfallsprozesses darstellt.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Buddenbrooks, Hanno Buddenbrook, Dekadenz, Musik, Schopenhauer, Verfall, Lebensuntauglichkeit, Todessehnsucht, Musikalität, Identitätskrise, Entbürgerlichung, Wagner, Künstlertum, Phantasie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Figur des Hanno Buddenbrook in Thomas Manns Roman und untersucht die psychologischen sowie familiären Hintergründe für seine Hinwendung zur Musik.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Analyse behandelt?
Im Zentrum stehen die Themen Verfall, Dekadenz, die Bürgerschaft im Wandel, der Einfluss der Schopenhauerschen Philosophie und die Bedeutung der Musik als psychologisches Ventil.
Was ist das primäre Forschungsziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, warum Hanno die Musik als einzige Erfüllung empfindet und wie diese Leidenschaft zwangsläufig mit seinem Untergang und der Verneinung des Lebens verknüpft ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse des Romantextes unter Einbeziehung relevanter Forschungsliteratur zur Motivik der Kindheit, Krankheit und dem Wagnerismus bei Thomas Mann.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Entwicklung der Buddenbrook-Familie, Hannos schwierigem Verhältnis zu den Anforderungen des Vaters und der Rolle von Gerda Buddenbrook sowie Edmund Pfühl bei der Ausbildung von Hannos Musikalität.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Dekadenz, Schopenhauersche Lebensverneinung, Künstlertum, Lebensuntauglichkeit und die Leitmotive von Krankheit und Tod.
Wie unterscheidet sich Hannos Einstellung zur Musik von der seiner Vorfahren?
Während für die Vorfahren Musik oft Repräsentation oder bloßer Zeitvertreib war, wird sie für Hanno zu einem existentiellen Medium, das seine gesamte Lebenskraft absorbiert und ihn in eine Welt jenseits der bürgerlichen Realität führt.
Inwiefern beeinflusst der Schopenhauer-Bezug die Interpretation von Hannos Ende?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Hanno Schopenhauers Lehre von der Verneinung des Willens unbewusst praktisch umsetzt; sein Tod wird somit als konsequente Auflösung in das Nichts und als Erlösung von der unerträglichen Realität interpretiert.
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- Anonym (Autor:in), 2012, Musik als Erlösung? Die Bedeutung der Musik für die Figur des Hannes Buddenbrook, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315264