Kommunismus in Lateinamerika. Kuba unter Fidel Castro


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
26 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung – Kuba und Fidel Castro sind seit der Revolution untrennbar

2 Der Kommunismus
2.1 Der Marxismus
2.2 Der Marxismus-Leninismus

3. Die verschiedenen Phasen der Wirtschaftspolitik unter Castro
3.1 Die idealistische Phase (1959-1969)
3.2 Die pragmatische Phase (1970-1985)
3.3 Die idealistische Phase (1986-1990)
3.4 Die „Sonderperiode in Friedenszeiten“ (ab 1990)
3.5 Die letzte idealistische Phase

4. Fazit: Fidel Castro ein idealistischer Pragmatiker

1. Einleitung – Kuba und Fidel Castro sind seit der Revolution untrennbar

Ende der 1950er Jahre dominierte das Geld der italoamerikanisch geprägten Unterwelt die Großstädte Kubas. Vor allem Havanna zählte zu den Metropolen der Korruption und Geschäftemacherei, die ein Kennzeichen der Ära Batista waren. Der Unmut der Bevölkerung wurde in diesen Jahren stärker und selbst der Mittelstand ging auf Distanz zu Batista. Im März 1957 griffen zum ersten Mal revolutionäre Studenten unter Führung von José Antonio Echeverría vergeblich den Präsidentenpalast an. Nur zwei Monate später am 26. Juli 1957 erfolgte ein weiterer Angriff einer Studentengruppe auf die Moncada-Kaserne. Viele der Studenten wurden getötet, ihr Führer geriet in Gefangenschaft und wurde später zum Líder Máximo. Fidel Castro wurde vorzeitig aus seiner 15 jährigen Haft entlassen und gründete die „Bewegung 26. Juli“, deren bewaffneter Kampf mit dem Batista Regime 25 Monate andauern sollte. Am 01. Januar 1959 floh Batista und seine Regierung. Am 08. Januar 1959 marschierte Fidel Castro mit seinen Getreuen in Havanna ein. (Fontaine 2004: 711–712)

Was für eine Art von Revolution am Neujahrestag über Kuba hereinbrach wusste keiner. Matthews schrieb dazu:

„None of the leaders of the Cuban Revolution was Communist in the Sierra Maestra or at the beginning of the revolution.“ (Matthews 1970: 172)

Wissenschaftler gehen davon aus, dass Kuba der sozialistischen Staatengemeinschaft in die Arme getrieben wurde. Es war von Lateinamerika politisch isoliert, von den USA militärisch bedroht und durch eine Wirtschaftsblockade von der westlichen Hemisphäre abgeschnitten. (Rhode 2014: 195) Dies unterstrich auch Armando Hart, Minister of Education1: „You [the USA] forcing us into policies for which we had no other choice.“ (Matthews 1970: 192) Anfangs verfolgte Kuba nur die eigene Revolution, wenn diese dem marxistischem Muster ähnelt, dann war dies Zufall. (193) Später enthüllte sich der Charakter der Revolution zusehends. Castro sagte dazu, „We began to construct socialism without knowing how socialism should be constructed“. (168) Es ist anzunehmen, dass die kubanische Revolution nicht von vornherein kommunistisch war, allerdings entwickelte sie sich als solche. Priestland schrieb in seinem Buch „Weltgeschichte des Kommunismus“, dass den fruchtbarsten Boden für eine marxistische Revolution gerade schwache, gescheiterte Staaten mit ihren repressiven Regimen und empörten Intellektuellen, städtischen Arbeitern und armen Bauern bilden. (Priestland 2010: 96) Kuba war dieser Beschreibung nach der ideelle Staat für eine marxistische Revolution.

Im Rückblick seines Lebens sagte Fidel Castro über sich selbst, dass er ein utopischer Kommunist sei, den der politische und ideologische Kampf gegen den Imperialismus und die Konterrevolution am meisten beschäftigt. (Castro & Ramonet 2008: 274) Für ihn war Lenin das Genie. Er mochte Lenins Idee, den Kapitalismus unter der Diktatur des Proletariats aufzubauen. Lenin war es nicht möglich. der Linie Marx zu folgen, er musste den Sozialismus in einem unterentwickelten Russland, mit einer Quote von achtzig Prozent Analphabeten aufbauen, in einer Zeit der permanenten Bedrohung. Stalin war für Fidel Castro ein Organisator, ein Verschwörer, er sah die Repressionen, die Säuberungen und viele andere Dinge des Stalinismus als Fehler an. (423) Castro2 gab selber offen und ehrlich zu radikal, „wenn einer nicht radikal ist, dann passiert auch nichts, man gründet eine Partei, hält zwanzig Wahlen ab, und nichts geschieht.“ (271) Er entschied sich für den Marxismus-Leninismus aufgrund der Möglichkeit, einen Revolutionsstaat zu errichten. Diese autoritäre Staatsform entsprach dem Charakter und den Vorstellungen Fidel Castros. Er sah in ihm auch die einzige Möglichkeit die Revolution zu verteidigen. (Matthews 1970: 183) Es stellt sich die Frage, hat Fidel Castro die Wirtschaftspolitik am Marxismus-Leninismus ausgerichtet, oder diente diese nur seinem Machterhalt?

Diese Hypothesen werden anhand der im nächsten Kapitel vorgestellten Theorie geprüft. Für diese wurden vor allem zwei Werke herangezogen. Für den Marxismus wurde das von Karl Marx und Friedrich Engels selbst verfasste „Manifest der kommunistischen Partei“ als Grundlage verwendet. Für den Marxismus-Leninismus wurde das von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene, von David Priestland verfasste Buch „Weltgeschichte des Kommunismus“ bemüht. Dieses ist umfangreich und politisch neutral. Für den empirischen Abschnitt der Arbeit wurde die Literatur sehr differenziert ausgewählt. Herbert Matthews wurde in seiner Rolle als US-amerikanischer Berichterstatter für die New York Times ausgewählt. Er kam früh mit der Revolution in Kontakt und galt als einer der bekanntesten internationalen Berichterstatter über Fidel Castro, der auch kritische Fragen nicht scheute. Roman Rhode stellt in seinem aktuellen Buch „Fidel Castro“ (2014) die Wirtschaftspolitik des Líder Máximo strukturiert und nachvollziehbar dar. Beim „Schwarzbuch des Kommunismus“ wurde davon ausgegangen, dass es sich um ein Standardwerk zu diesem Thema handelt. Diesem Anspruch wird Fontaine mit seinem Abschnitt „Lateinamerika: Heimsuchung des Kommunismus“ nicht gerecht. Für viele der angeprangerten Verbrechen und politischen Vorgänge sind keine Quellen genannt, auch im Internet sind seine Ausführungen nicht immer zu verifizieren. Ein Beispiel hierfür sind die „granjas“ und die „Arbeitsfront“. Aus diesem Grund wird es nur bei sehr sicherer Beweislage in die Arbeit eingeführt. Mit dem Buch „Mein Leben“ kommt Fidel Castro selbst zu Wort, er beschreibt im Interview mit Ignacio Ramonet seine Sicht auf die Revolution. Die Literatur für den empirischen Abschnitt besteht aus zwei objektiven Quellen, Rhode und Matthews sowie zwei subjektiven Ramonet und Fontaine.

2 Der Kommunismus

Das Wort „Kommunismus“3 wird häufig verwendet, ohne sich über die Bedeutung des Kommunismus bewusst zu sein. Mal ist es ein Begriff der Hoffnung und Sehnsucht ausgebeuteter Arbeiter, mal der Kampfbegriff gegen Formen des Kolonialismus, mal ist es die Drohung liberaler Kräfte. Für letztere bedeutet der Kommunismus die Aufhebung von Privatrechten und die Aufhebung einer pluralistischen Gesellschaft. Friedrich Engels gibt auf die Frage, „Was ist der Kommunismus?“ Die Antwort, „[d]er Kommunismus ist die Lehre von den Bedingungen der Befreiung des Proletariats“. (Marx & Engels 2010: 59–62) Wobei das Proletariat die arbeitende Klasse der Gesellschaft darstellt. Diese Klasse bezieht ihren Lebensunterhalt ausschließlich aus dem Verkauf der Arbeitskraft und nicht aus Kapitaleinkünften. Die Befreiung des Proletariats verläuft über die Aufhebung der Konkurrenz, des Privateigentums und aller Klassenunterschiede. (59–62)

Nachfolgend wird die Theorie des „Marxismus“ vorgestellt, anschließend wird der Begriff des „Marxismus-Leninismus“, dem sich viele Kommunisten verschrieben, erläutert. Als erstes der von Marx stammende „Marxismus“, dessen Ausführung im Manifest der kommunistischen Partei zu finden ist. Beim „Marxismus-Leninismus“, handelt es sich um den von Vladimir Iljitsch Lenin nach der russischen Oktoberrevolution umgesetzten Marxismus.

2.1 Der Marxismus

Die Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen, dies ist eine Grundannahme des Marxismus. In der letzten Periode stehen sich die Klassen der Bourgeoisie und des Proletariats gegenüber. Die Bourgeoisie bildet die Klasse derer, die die Produktionsmittel besitzen, während das Proletariat nichts außer seine Arbeitskraft besitzt. Dabei stellt das Proletariat zahlenmäßig die Mehrheit der Gesellschaft dar. Trotz ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit die Bourgeoisie eine Klassenmonopolstellung, die durch das Eigentum an produzierten Produktionsmitteln in der Hand der Kapitalisten konstituiert wird. Diese gesellschaftliche Struktur wird im Laufe der Geschichte aufgelöst. Das Proletariat wird sich den Produktionsmitteln bemächtigen, sie dem Kapital entreißen und der klassenlosen Gesellschaft nutzbar machen. (Ott 2012: 15)

Der Kommunismus ist genauso wenig wie der Kapitalismus auf der nationalen Ebene umsetzbar. Die Nation ist nur ein nötiges Gebilde im Übergang der einzelnen Entwicklungsstufen. Marx und Engels schreiben in ihrem Manifest der kommunistischen Partei, dass während der Herrschaft der Bourgeoisie die Bedürfnisse der Industrie sowie der Bevölkerung eines Landes nicht mehr durch dessen Erzeugnisse befriedigt werden können. Daraus folgt, dass sich die Nationen in Interdependenz befinden. (Marx & Engels 2010: 23) Die Notwendigkeit, neue Absatzmärkte für die produzierten Güter zu erschließen, lässt den Kapitalismus expandieren. Aufgrund der entwickelten Produktionsmittel können Länder mit geringerem technischen Fortschritt und rückständigeren Produktionsmethoden mit der kapitalistischen Avantgarde nicht konkurrieren. Um dies zu können, müssen sie sich die kapitalistische Produktionsweise aneignen. (23–24)

"[D]ie moderne Unterjochung unter das Kapital, dieselbe in England wie in Frankreich, in Amerika wie in Deutschland, hat ihm allen nationalen Charakter abgestreift." (31)

Die Industrialisierung vereinigte alle kleinen Lokalmärkte zu einem großen Weltmarkt. Durch den einen Markt verbreitet sich auch der Fortschritt global. Eine Revolution muss in einem der fortschrittlichsten Länder stattfinden, um Revolutionen in anderen Ländern nach sich zu ziehen. (63) Priestland sah den fruchtbarsten Boden für eine marxistische Revolution gerade in schwachen, gescheiterten Staaten mit ihren repressiven Regimen und empörten Intellektuellen, städtischen Arbeitern und armen Bauern. (Priestland 2010: 96) Der Kampf des Proletariats gegen die Bourgeoisie ist den Umständen nach ein nationaler, da das Proletariat die sich umgebende Bourgeoisie bekämpfen muss. Dem Inhalt nach ist der Kampf international und kennt keine Nationen. (Marx & Engels 2010: 32) Die vom Kapitalismus bereits fast beseitigten nationalen Unterschiede werden unter der Herrschaft des Proletariats weiter marginalisiert. Die Zusammenarbeit der „zivilisierten Länder" ist eine Bedingung der kommunistischen Revolution. Sind die Klassen innerhalb der Nationen aufgelöst, verschwindet auch die Feindseligkeit der Nationen gegeneinander. (40)

Die durch die Revolution hervortretende kommunistische Partei darf keine von den Interessen der Arbeiterklasse abweichenden Interessen besitzen. Sie nimmt den Geist der Arbeiterbewegung auf. Sie formt die Bewegung nicht nach besonderen Prinzipien. (33) Die Kommunisten haben den Auftrag, die „gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats [hervorzuheben] und zur Geltung zu bringen.“ (34) Dazu sollen Räte auf unterschiedlichen Stufen gebildet werden, die das Proletariat zu Wort kommen lassen. (Maćków 2005: 19)

Abschließend werden die zwei Möglichkeiten genannt, die Karl Marx in seinen Grundrissen der politischen Ökonomie beschrieben hat, die eine Regierung nach der Vergesellschaftung der Produktionsmittel wählen könne:

„Entweder [wäre sie] die despotische Regierung der Produktion und Verwalterin der Distribution, oder sie wäre [...] nichts weiter als ein board, was für die gemeinsam arbeitende Gesellschaft Buch und Rechnung führte.“ (Rhode 2014: 219)

2.2 Der Marxismus-Leninismus

Unter der Ideologie des „Marxismus-Leninismus“ wird eine Form des Marxismus verstanden, die von Lenin geprägt wurde. In dieser Gesellschaftsordnung gäbe es zum ersten Mal keine Klassengegensätze. Als ersten Schritt errichtete nach der erfolgreichen Revolution die kommunistische Partei die sozialistische Ordnung. Diese sah vor das Privateigentum an Produktionsmitteln aufzuheben und die ökonomische Grundlage einer Gesellschaft ohne Klassenwidersprüche zu schaffen. Ist dieser elementare Schritt gegangen und die Produktionsmittel sozialisiert, galt es nun die sozialistische Gesellschaft zu vervollkommnen bis sie das Stadium des Kommunismus erreichen konnte. (Maćków 2005: 24)

Um den Marxismus auf ein rückständiges Land wie Russland anzupassen, kombinierte Lenin den radikalen und den modernistischen Marxismus. Er verband das verbreitete Verlangen nach Gleichheit mit einem Plan zur Überwindung der Rückständigkeit. Ein wesentliches Element des Leninismus war die Partei, die als militante Vorhut der Träger von Revolution und Modernität sein sollte. (Priestland 2010: 97) Ideen wie die liberale Demokratie und den Rechtsstaat lehnte er als „bourgeoise“ Ideen ab. (111)

Der Marxismus-Leninismus konstituierte sich in vielen Schritten und war dabei nicht stringent. Kurz nach der Revolution forderte Lenin, dass die Macht von der provisorischen Regierung an die Sowjets (Räte) übergehen müsse. (124) Um die Revolution zu stabilisieren ging Lenin auf die Forderungen der Massen ein und wich von der marxistischen Forderung der großen Kollektivwirtschaft (Kolchosen) ab. Das Dekret über den Boden erlaubte den Bauern ihre kleinen Höfe und ihre Subsistenzwirtschaft zu erhalten. (128) Des Weiteren wurde unter der Losung „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ das Privateigentum der Reichen von den Bolschewiki konfisziert. (128)

Lenin erkannte bald, dass die Kontrolle der Arbeiter und Bauern über die Fabriken und Felder den Fortbestand des Regimes gefährdeten. Dieser Zustand führte geradewegs in ein Wirtschaftschaos und in eine Nahrungsmittelknappheit. Lenin schlug einen neuen Kurs der „harmonischen“ Wirtschaftsmaschinerie ein, die auf den Prinzipien der neuesten Technologie von Fachleuten geleitet werden sollte. (130–131) Den von Lenin propagierten Staatszentralismus mit Kontrolle über die Wirtschaft rechtfertigte er damit, dass die Zeit noch nicht reif für die Abschaffung des Staates sei. Diese Zeit sei erst im voll entwickelten Kommunismus gekommen. Er änderte die Vision von Marx in einem entscheidenden Punkt, "die Modernität würde von einer elitären Vorhutpartei geschaffen werden, die jetzt von der Revolution zum Staatsaufbau übergehen musste." Die Aufgabe der Partei war es nun die Macht in ihren Händen zu zentralisieren. Modernität war dabei ein umfassender Begriff der nicht nur industrielle Modernisierung und Arbeit, sondern auch Massenbildung, Sozialfürsorge, die Emanzipation der Frau und die Abschaffung der Religion umfasste. (132–133) Die Bolschewiki führten hohe Abgabequoten ein und unterbanden den privaten Handel und rationierten die Lebensmittel. (134)

Aus Hungersnot und Unzufriedenheit rührende Aufstände brachten Lenin und die Bolschewiki in Bedrängnis. Aus diesem Grund gab Lenin den Forderungen der Bauern nach und verkündete die "Neue Ökonomische Politik" (NEP). Diese erlaubte den Bauern Getreide auf dem offenen Markt zu verkaufen. Lenin gestand, dass seine Einschätzung falsch gewesen sei, zu diesem Zeitpunkt den Markt abschaffen zu können. Es ginge vielmehr darum einen „Staatskapitalismus“ aufzubauen, wobei die Schwerindustrie in staatlicher Hand bleiben solle. Mit der NEP wurde der freie Handel wieder zugelassen und Fabriken die Konsumprodukte herstellten wurden reprivatisiert. Um die Inflation einzudämmen wurden staatliche Subventionen zurückgefahren. Während der NEP verschlechterte sich die Stellung der Arbeiter, die Löhne sanken, die Arbeitslosigkeit nahm zu. (138–139) Im Jahr 1921 erklärte Lenin resigniert, dass der Sozialismus erst zu verwirklichen sei, wenn die Arbeiterklasse gebildeter ist und eine neue Arbeitsethik angenommen habe. (140) Das leninistische Parteimodell wirkte auf viele zukünftige Kommunisten eine große Anziehungskraft aus. Sie sahen darin die Kraft die es ermöglicht eine Revolution durchzuführen und die Gesellschaft in die Modernität zu führen. (141)

3. Die verschiedenen Phasen der Wirtschaftspolitik unter Castro

Beim Sturm auf die Moncada Kaserne im Jahr 1953 hatte die Bewegung vor allem die Unabhängigkeit Kubas zum Ziel. Die sozialistische Revolution hatte in Kuba keine Eile, sie sollte Castro zufolge „langsam und progressiv aufgebaut werden, dafür solide und unaufhaltsam.“ (Castro & Ramonet 2008: 184) Der Líder Máximo sah Kubas wirtschaftliche Unterentwicklung als vom Kolonialismus und Imperialismus verschuldet an. Es war eines seiner größten Probleme diese zu überwinden. (Rhode 2014: 213) Viele kommunistische Länder beriefen sich bei ihren Reformen auf Marx, aber handelten nicht nach dessen Theorie. (Drachkovitch 1965: xii–xiii) In diesem empirischen Abschnitt wird untersucht, welche Maxime Castros Wirtschaftspolitik leiteten.

Unter Castro wurde Marktwirtschaft entweder partiell zugelassen, oder strikt abgelehnt. Dies wechselte je nach Phase. Diese Phasen werden unterteilt in „idealistische“ und „pragmatische“ Phasen. (Rhode 2014: 217) Die Regierungszeit Castros (1959-2008) wird in fünf Phasen eingeteilt, die idealistische Phase (1959-1970), die pragmatische Phase (1970-1985), die idealistische Phase (1986-1990), die Sonderpolitik während Friedenszeiten (1990-2004) und die letzte idealistische Phase. Diese letzte Phase ist zeitlich schwer einzugrenzen, sie hat ihren Beginn in der Phase der Sonderpolitik und kein zu benennendes Ende.

3.1 Die idealistische Phase (1959-1969)

Die erste idealistische Phase begann mit dem Sieg der Revolution und brachte die Landreform sowie Miet- und Preissenkungen mit sich. Dies führte in den 1960er Jahren zu Kollektivierungen, zur Auflösung der Marktwirtschaft, zur Verstaatlichung von US-Eigentun und zum Wegfall ausländischer Investitionen. (217)

Nach der Revolution übernahm das INRA (Nationales Institut für Agrarreform) alle Ländereien. In der INRA gab es anfangs keine klaren Weisungsbefugnisse und Aufgabenverteilungen, dies führte zu anarchistischen Tendenzen. Ein Beispiel dafür war die eigenmächtig, von einem Chef eines landwirtschaftlichen Entwicklungsgebietes, durchgeführte Verstaatlichung eines sich noch im Bau befindlichen US-amerikanischen Nickelunternehmens. Fidel Castro duldete die autonome Vorgehensweise der INRA nicht und übergab seinem vertrauten Che Guevara4 die Leitung. (Castro & Ramonet 2008: 272)

Die angestrebte Agrarreform Fidel Castros war radikal und ging über die Vorschläge der Partido Comunista de Cuba (PSP)5 hinaus. (Matthews 1970: 177) Ursprünglich sollte die Agrarreform unter Zuhilfenahme der Landverteilung mittelständischen Grundbesitz schaffen. (Fontaine 2004: 713) Stattdessen hatte die am 17. Mai 1959 beschlossene Agrarreform das Ziel, Landwirtschaftskooperativen zu entwickeln. Die revolutionäre Führung stand vor dem Problem die riesigen Liegenschaften, die teilweise für Land- und Viehwirtschaft erschlossen waren, in Hunderte von Kleinparzellen umzuwandeln. Es gab in Kuba einen Großgrundbesitz von 200.000 Hektar, der ausländischen Unternehmen gehörte. Der Großteil der Menschen in den ländlichen Gebieten besaß überhaupt kein Land oder hatte kein Eigentum daran. Da das ganze kubanische Land verteilt war, sah die revolutionäre Führung nur eine Möglichkeit, den Bauern das Land zu übereignen, welches sie bereits bestellten. Der Großteil der essenziellen Unternehmen, beispielsweise Zuckerrohrfabriken, befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in privater, zumeist auch in US-amerikanischer Hand. Castro sah die Verstaatlichung dieser Unternehmen als alternativlos an. Die Zuckerunternehmen wurden in kollektive Staatsbetriebe verwandelt. Daraus resultierte zwangsläufig ein Konflikt mit den USA, deren Bürger die Eigentümer der Unternehmen waren. Darüber war sich Castro bewusst, denn keine Reform wäre für ein Land, das die besten Ländereien für Zuckerrohranbau in Kuba besaß, akzeptabel gewesen. Nach der Agrarreform war es nicht erlaubt mehr als 1340 Hektar Land zu besitzen. (Castro & Ramonet 2008: 266–267) Castro zufolge gab es in der kubanischen Landwirtschaft „immer mehr als 100 000 individuelle Kleinbauern“. (424) Operativ wurde die Landreform von den „Fuerzas Armadas Revolucionarias“ (FAR) umgesetzt. Die FAR übernahm auch die Aufgabe, zwischen Gewerkschaften und Landbesitzern zu vermitteln. Das Handeln des INRA entsprach dem „Dekret für Boden“ im postrevolutionären Russland. (Priestland 2010: 128)

Für Castro war es wichtig, dass die Entwicklung der Kooperativen auf dem freien Willen der Landbevölkerung beruhte.

„Die Kubanische Revolution hat vom ersten Tag an den freien Willen der Landbevölkerung respektiert. Nie ist ein Bauer gezwungen worden, sein Land mit einem benachbarten Stück Land zu vereinen, um größere landwirtschaftliche Einheiten zu bilden, [...] [denn] wie alles, was man mit Gewalt durchsetzt, [hätte] auch [dies] traumatische Folgen gehabt.“ (Castro & Ramonet 2008: 270)

Dem widerspricht Pascal Fontaine, es gab eine Gruppe von Bauern, die sich der Zwangskollektivierung des Bodens widersetzte und nach erfolglosem Kampfe mit samt ihren Familien auf die Tabakpflanzungen bei Pinar del Río deportiert wurden. Dies sei die einzige Deportation von Bevölkerungsgruppen unter Castro gewesen. (Fontaine 2004: 717)

Dazu passend sagte Castro, „der Aufbau des Sozialismus ist die Aufgabe von freien Menschen, die eine neue Gesellschaft aufbauen möchten.“ (Castro & Ramonet 2008: 393) Die Schlussfolgerung daraus kann lauten, die Menschen, die keine neue Gesellschaft aufbauen möchten, sind eben nicht frei. Dazu passend wurden im Mai 1961 binnen eines Tages die sechs größten kubanischen Zeitungen enteignet oder unter gewerkschaftliche Führung gestellt. (Rhode 2014: 198) Wobei die Einheitsgewerkschaft Centrales de Trabajadores de Cuba (CTC) auch in ihren Rechten beschnitten wurde. Im Jahr 1962 wurde die CTC dazu gebracht, die Abschaffung des Streikrechts zu fordern. Die Begründung dafür war, dass die Gewerkschaft kein Organ zur Durchsetzung von Forderungen sei. (Fontaine 2004: 714) Dieser Schritt kann auf die Forderung der CTC, die Arbeitszeit der Zuckerarbeiter zu verkürzen, zurückgeführt werden. Diese Forderung konnte sie gegen die politische Führung nicht durchsetzen. (Castro & Ramonet 2008: 266–267)

Aufgrund der vorherrschenden Repressionen gingen in den Jahren nach der Revolution viele gut ausgebildete Kubaner ins Exil, dies schwächte die kubanische Gesellschaft auf längere Zeit. (Fontaine 2004: 714) Eine partielle Kompensation wurde durch den Wechsel höherer Militärs in den zivilen Bereich als Ökonomen und Manager erreicht. (Rhode 2014: 201) Die kubanischen Streitkräfte spielten, im Vergleich zu anderen sozialistischen Staaten, eine große Rolle in der Gestaltung des Landes. (203)

Im April 19616 war die Revolution laut Castro noch keine mit sozialistischem Charakter. Zu diesem Zeitpunkt war erst die Agrarreform umgesetzt, die großen Unternehmen aus Industrie, Handel und Bankwesen verstaatlicht. Gleichzeitig wurde eine Vielzahl sozialer Reformen angestoßen, die Alphabetisierung der Bevölkerung, die Senkung der Strom- und Telekommunikationspreise, die Stadtentwicklung und das Mietgesetz. Diese Reformen wurden durchgeführt, ohne den Sozialismus zu proklamieren.7 Fidel Castro sah das Vorgehen der USA gegen sein Land als Katalysator des revolutionären Prozesses an.8 (Castro & Ramonet 2008: 296)

Castro benötige einen institutionellen Rahmen und politische Mittel, um das neue System zu stabilisieren. Er vollzog die Institutionalisierung der Revolution unter Zuhilfenahme des Sozialismus. (Matthews 1970: 191) Im Jahr 1961 wurde unter dem Industrieminister Che Guevara die Planwirtschaft aufgestellt. (Rhode 2014: 217) Dieser sah den Staat nicht nur in der Rolle der Vermittlungsinstanz im Wettbewerb kollektiv betriebener Unternehmen, er sah die Rolle des Staates in der despotischen Regierung der Produktion und als Verwalter der Distribution.9 Er war ein radikaler Anhänger des Zentralismus für ihn waren alle Betriebe Teil eines einzig großen Unternehmens, welches der Staat ist. Der Staat bestimmte die Finanzierung der Betriebe und teilte ihnen die vom Plan ausgewiesenen Mittel zu. (219–220) Ein Vergleich des Vorgehens Guevaras10 mit dem Marxismus-Leninismus zeigt, dass das Vorgehen dem "sowjetischen Modell" entspricht. (Fontaine 2004: 716)

Im darauffolgenden Jahr kam es zu einer weiteren Maßnahme, die bereits aus der Zeit Lenins bekannt ist, der Rationierung der Güter. (Priestland 2010: 134) Diese führte im Juli 1963 zur „libreta“. Die libreta ist ein Zuteilungsheft für diverse vom Staat als wichtig erachtete Waren. Che Guevara sprach 1962 bezüglich der Güterrationierung von einer „gleichmäßigen Verteilung unserer Armut“. Hinter dieser Aussage verbarg sich das despotische Modell des Egalitarismus. Durch die Festsetzung der individuellen Grenznachfrage wurde nicht Gleichheit sondern eine neue Form der Ungleichheit geschaffen. Die Ungleichheit zwischen den Verteilern und den Zugeteilten. So wurde 1968 Kopfsalat ein Luxusartikel für Diplomaten und andere Privilegierte. Die Festlegung der Grenznachfrage, bzw. auch des Angebots schloss einen durch Konsum dargestellten Individualismus aus. Warenfülle und -vielfalt waren als Attribute des Kapitalismus verachtet. (Rhode 2014: 218–219; 225) Die libreta gehört seit 1963 zu Kuba. Die Kubaner können nicht nur von der libreta leben, aber viele können vor allem nicht ohne sie leben.

[...]


1 Im August 1960

2 Wenn von „Castro“ geschrieben wird, ist immer Fidel Castro gemeint. Sein Bruder Raúl wird mit seinem Vornamen genannt.

3 Mit dem Begriff Kommunismus geht gleichzeitig ein Streit über die korrekte Verwendung der unterschiedlichen Termini einher. In dieser Arbeit werden bestimmte Termini wie folgt verwendet, der Sozialismus ist die Vorstufe einer Gesellschaft auf dem Weg zum Kommunismus. Der Kommunismus ist das Ziel des Sozialismus. Alfred E. Ott bringt den Unterschied zwischen Kommunismus und Sozialismus gut zum Vorschein: „Die Diktatur des Proletariats gilt [...] nur für die Übergangszeit des Sozialismus; der Endzustand ist der des Kommunismus als eine [...] klassenlosen Gesellschaft.“ (Ott 2012: 34) Der Kommunismus wurde nie verwirklicht. Da sich die Parteien der sozialistischen Staaten oft kommunistische Parteien nannten und selbst keine Stringenz in der Verwendung der Termini aufwiesen, wird Sozialismus und Kommunismus in dieser Arbeit aufgrund der Übersichtlichkeit synonym verwendet. Maćków (2005: 21–22) Dies beeinträchtigt nicht die Beantwortung der Forschungsfrage.

4 Fidel Castro sagt über Che, „ [er] war ein Revolutionär, er war ein wahrhaftiger Kommunist, und er war ein exzellenter Ökonom“. (Castro & Ramonet 2008: 272)

5 Die Kommunisten waren für Fidel nach der Revolution eine natürliche Allianz. Sie waren sowohl nützlich als auch kontrollierbar. Dazu kam noch, dass sie nach der Flucht Batistas die einzig verbliebene politische Partei waren. (Matthews 1970: 178)

6 Zu diesem Zeitpunkt fand die Invasion in der Schweinebucht statt.

7 Wann sich Fidel Castro zum ersten Mal zum Sozialismus bekennt ist fraglich. Es kursieren mehre Daten dazu. Es gilt als wahrscheinlich, dass dies im Jahr 1961 geschah. Am 01.05.1961 soll er folgende Aussage getätigt haben; „ Jawohl, dies hier ist eine sozialistische Regierungsform.“ Rhode 2014: 193 Für ihn persönlich war der Marxismus, oder Sozialismus nicht klar definiert. (Castro & Ramonet 2008: 422)

8 Kuba bekam zwei Millionen Dollar Auslöse in bar für die in der Schweinebucht gefangengenommenen Söldner. Dieses Geld wurde laut laut Castro für Brutapparate für die Geflügelzucht ausgegeben wurden. Des Weiteren gab es eine Lieferung von Kindernahrung und Medizin in Höhe von fünfzig Millionen Dollar. (Castro & Ramonet 2008: 290)

9 Marx schrieb, dass Regierungen zwei Möglichkeiten haben zwischen denen sie nach der Vergesellschaftung der Produktionsmittel wählen könne; Che entschied sich für die despotische Regierung der Produktion und sah die Regierung als Verwalterin der Distribution. Vgl. S. 5

10 Che Guevara berief sich immer wieder auf Karl Marx, dessen Werke er allerdings nur auszugsweise gelesen hatte. (Rhode 2014: 219)

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Details

Titel
Kommunismus in Lateinamerika. Kuba unter Fidel Castro
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Volkes Stimme oder antidemokratische Kraft? Populismus in westlichen Regierungssystemen
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V315305
ISBN (eBook)
9783668137004
ISBN (Buch)
9783668137011
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Hypothesen werden anhand der im zweiten Kapitel vorgestellten Theorie geprüft. Für diese wurden vor allem zwei Werke herangezogen. Für den Marxismus wurde das von Karl Marx und Friedrich Engels selbst verfasste „Manifest der kommunistischen Partei“ als Grundlage verwendet. Für den Marxismus-Leninismus wurde das von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene, von David Priestland verfasste Buch „Weltgeschichte des Kommunismus“ bemüht. Dieses ist umfangreich und politisch neutral. Für den empirischen Abschnitt der Arbeit wurde die Literatur sehr differenziert ausgewählt.
Schlagworte
Kuba, Cuba, Fidel Castro, Kommunismus, Populismus, Südamerika, Sozialismus, Castro, Revolution, Handelsembargo, Wirtschaftssanktionen, Imperialismus
Arbeit zitieren
B.A. Martin Birkner (Autor), 2016, Kommunismus in Lateinamerika. Kuba unter Fidel Castro, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315305

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