Demenz und Autonomie. Ein Essay


Essay, 2013
10 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Laut Statistischem Bundesamt (2012) gehören nicht näher bezeichnete Demenzen mit zu den 10 häufigsten Todesursachen der ICD-10 bei den weiblichen Sterbefällen 2011. Bei Betrachtung der demographischen Entwicklung in Deutschland und in der Europäischen Union wird ersichtlich, dass aufgrund rückläufiger Geburtenraten und zunehmender Lebenserwartungen eine deutlich ältere Bevölkerung die gesellschaftliche Struktur prägt und prägen wird (vgl. Statistisches Bundesamt 2012). Mit der zunehmenden Lebenserwartung steigt zeitgleich das Risiko für Multimorbidität und ebenso das Risiko dafür, an einer Demenz zu erkranken. Dies ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass das Krankheitsbild der Demenz vornehmlich im fortgeschrittenen Alter auftritt (vgl. Payk 2010, S. 8). Dies bedeutet, dass Ärzte1, pflegendes und therapeutisches Personal sowie Angehörige auch in Zukunft immer häufiger mit an Demenz erkrankten Menschen konfrontiert sein werden. Je nach Art und Stadium der Erkrankung befinden sich Menschen, welche die Krankheit entwickeln, in stationären Einrichtungen, werden ambulant oder durch Angehörige versorgt. Doch mit welcher Problematik, in Hinsicht auf ethische Aspekte, sind die versorgenden Instanzen von Personen mit Demenz speziell konfrontiert? Rabe (vgl. 2009, S. 126) beschreibt als ein ethisches Prinzip für die Ethik in der Pflege die Autonomie als einen zunehmend wichtigen Grundsatz. Ebenso betont sie, dass diese wichtige Richtlinie jedoch kaum Beachtung in der pflegerischen Betreuung findet. Damit konstituiert sie gleichzeitig, dass in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen das Prinzip der Autonomie bedroht ist. Diese Feststellung begründet Rabe mit der Vormachtstellung der Medizin, welche besser wisse, was für Patienten gut sei oder nicht. Insbesondere Menschen mit Demenz sind von dieser Verletzung der Autonomie durch medizinisches und pflegerisches Personal bedroht. Aufgrund des zunehmenden Verlustes der kognitiven Leistungsfähigkeit werden diese Patienten – wie ich aus eigenen Erfahrungen berichten kann – häufig als nicht-autonome Klienten betrachtet und dadurch mehr als andere Patienten fremdbestimmt. Doch ist diese, anscheinend durch den progressiven Verlauf der Krankheit, hervorgerufene Fremdbestimmung gerechtfertigt? Haben diese Patienten kein Recht auf Autonomie, weil es der Verlauf ihrer Erkrankung offensichtlich nicht zulässt autonom zu handeln oder kann man innerhalb des Erkrankungsverlaufes Abstufungen treffen, welche den Patienten ein autonomes Handeln einräumen? Diesen Fragen wird in diesem Text nachzugehen sein.

Zunächst sollen die Begriffe Autonomie und Demenz näher erläutert werden, um Klarheit über die Inhalte der Begriffe zu schaffen. Dies soll als Grundlage dafür dienen, die Autonomie und das Krankheitsbild der Demenz in eine Symbiose zu bringen, um zu entscheiden, ob und wie Autonomie auf Menschen mit Demenz anzuwenden ist. Rabe (vgl. 2009, S. 125) entwickelt 6 Prinzipien für Ethik in der Pflege, wozu sie die Würde, den Dialog, die Autonomie, die Fürsorge, die Gerechtigkeit und die Verantwortung zählt. Dabei sind die Autonomie und die Fürsorge, insbesondere im Zusammenhang mit dem Krankheitsbild der Demenz, als die wohl bedeutendsten beiden Prinzipien zu betrachten, welche im Alltag bei der Betreuung von Erkrankten häufig in ein Ungleichgewicht geraten. Im Falle der Demenz wird oft das Prinzip der Fürsorge überbetont und das der Autonomie somit verletzt. Was unter Autonomie zu verstehen ist, wird bei Höffe unter dem Begriff der Freiheit zusammengefasst.

„Freiheit meint Selbstbestimmung (Herv. des Verfassers). Der philosophische u. sittl.-politische Begriff vor allem der Neuzeit bedeutet negativ die Unabhängigkeit von Fremdbestimmung (Herv. des Verfassers) (naturaler, sozialer oder politischer Art) u. positiv, daß man selbst seinem Tun den bestimmten Inhalt gibt.“ (Höffe 2008, S. 82)

Durch diese allgemeine Definition wird klar, dass der Gedanke von Autonomie eng mit dem Begriff der Freiheit verbunden ist. Autonomie bedeutet demnach, dass eine Person selbst entscheiden kann, was sie für sich als sinnvoll empfindet und folglich Entscheidungen trifft, die wiederum bestimmte Handlungen mit sich bringen. Weiterhin zeigt diese Definition auf, dass Selbstbestimmung frei ist von von außen auferlegten Zwängen.

Fölsch (vgl. 2008, S. 39) gibt dem Konstrukt der Autonomie ein differenzierteres Gesicht und widmet dabei den Ausführungen Bobberts (vgl. 2002, S. 130-133) in ihrem Buch ein ganzes Unterkapitel. Demnach unterscheidet Bobbert zwischen drei Zweigen der Autonomie: der Autonomie als allgemeiner Fähigkeit von Personen, der Autonomie als Merkmal von Handlungen bzw. Entscheidungen und der Autonomie als moralisch ausgerichtete Selbstbestimmung. Dabei verlangt die Autonomie als Fähigkeit von Personen, dass eine Person selbstbestimmt handeln kann. Voraussetzungen für die Selbstbestimmung wiederrum sind zum einen, dass ein Subjekt sich bewusst ist, dass es Wünsche und Ziele hat, welchen es nachgehen möchte. Zum anderen müssen diese Personen in der Lage sein, sich selbst in ein Beziehung zu den tatsächlichen Gegebenheiten und Voraussetzungen ihres Lebens und zu ihrem eigenen Streben und Handeln zu setzen. Durch diese Einschätzungen wird angedeutet, dass eine Selbstbestimmung nicht davon abhängig ist, ob ein Subjekt in den Augen anderer sachlich handelt sondern vielmehr davon, ob das Subjekt selbst davon überzeugt ist, vernünftig zu handeln. Zu der Autonomie als Merkmal von Handlungen bzw. Entscheidungen führt Fölsch (vgl. 2008, S. 40) aus, dass abermals zwei Bedingungen zutreffen müssen. Einerseits muss die Handlung, mit welcher eine Person ein bestimmtes selbst gewähltes Ziel verfolgt, von der selbigen willentlich und bewusst vollzogen werden. Andererseits muss die Handlung unabhängig von äußeren Zwängen erfolgen und es muss eine alternative Handlung existieren. Hierbei wird der Fokus auf die vorsätzliche Handlung gelegt, welche unbeeinflusst von Autoritäten sein soll. Autonomie als moralisch ausgerichtete Selbstbestimmung ist zu verstehen als Fähigkeit, eine moralische Einstellung zu haben.

Stellt man sich einmal selbst die Frage, was unter Autonomie zu verstehen ist, fallen einem zahlreiche prägnante Begriffe ein, die auch den Ausführungen der oben genannten Autoren gerecht werden. Äußerungen und Schlagworte wie die Fähigkeit selbstständig Entscheidungen treffen zu können und zu dürfen, die Möglichkeit handeln zu können und zu dürfen wie man es selber für richtig hält, die Möglichkeit hingehen zu können und zu dürfen, wo es einen gerade hinzieht, die Möglichkeit alles denken und sagen zu können und zu dürfen, Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und Selbstverwaltung sind nur einige, offensichtlich alltägliche, selbstverständliche Beschreibungen, die Autonomie ausdrücken.

Doch was ist nun unter Demenz zu verstehen? Folgende Definition gibt zunächst einen groben Überblick, was sich hinter einer Demenz verbirgt.

„Organisch bedingter, fortschreitender Verlust zuvor vorhandener geistiger Fähigkeiten. Komplexes Symptombild eines chronischen Verwirrtheitszustands (Herv. der Verfasser) [...] mit Gedächtnis-, Wahrnehmungs- und Denkstörungen [...], Desorientiertheit, Persönlichkeitsveränderungen und in der Folge auch körperlichem Abbau.“ (Lektorat Pflege; Menche 2007, S. 1319)

Es wird ersichtlich, dass sich eine Demenz zunächst in einem breiten Spektrum auf die kognitiven Fähigkeiten negativ auswirkt. Die Internationale Klassifikation psychischer Störungen der WHO (vgl. bei Payk 2010, 22) gibt an, dass sich eine Demenz auf die Bereiche Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen auswirkt. Hier wird bereits ersichtlich, dass viele Bereiche beeinträchtigt sind, die auch in einem engen Zusammenhang mit der Fähigkeit zu selbstbestimmten Handeln stehen. Wie oben erwähnt, drückt sich Autonomie zum Beispiel auch in der Fähigkeit aus, selbstständig Entscheidungen treffen zu können. Um Entscheidungen treffen zu können, ist es in unserem Verständnis klar, dass man sich darüber bewusst ist, welche Konsequenzen eine Entscheidung hat. Jedoch ist bei Demenzpatienten das Denken und Urteilsvermögen so beeinflusst, dass Entscheidungen so ausfallen, dass sie für Außenstehende nicht vernünftig und durchdacht erscheinen. An diesem Beispiel zeigt sich, dass die Autonomie der erkrankten Patienten durch die Erkrankung tangiert wird.

Payk (vgl. 2010, S. 23-26) beschreibt, dass es aufgrund verschiedener Ursachen unterschiedliche Typen, Formen und Verläufe von Demenzerkrankungen gibt. Dabei differenziert er zwischen einem Anfangsstadium, fortgeschrittenen und späten Stadium. Im Anfangsstadium der Erkrankung dominiert Vergesslichkeit, welche die Erkrankten selbst wahrnehmen und als unangenehm empfinden und somit versuchen, erste Symptome der Erkrankung zu kaschieren. Vor allem bei anspruchsvollen Tätigkeiten sind die Patienten nicht in der Lage, alle Aufgaben einwandfrei zu meistern. In ihrer gewohnten Umgebung finden sich Patienten jedoch bei der Verrichtung von Alltagstätigkeiten noch gut zurecht. Der noch leichten Symptomatik des Anfangsstadiums folgen zunehmend andere Beschränkungen. Die Gedächtnisleistung nimmt nun immer mehr ab, was sich auf das Merken neuer Informationen, die örtliche und zeitliche Orientierung sowie das Verrichten weniger komplexer Tätigkeiten auswirkt. Dabei droht die Komplikation, dass sich die Patienten bei alltäglichen Verrichtungen wie zum Beispiel im Straßenverkehr in Gefahr bringen. Payk verweist weiterhin darauf, dass aufgrund der gestörten verbalen und nonverbalen Ausdrucksfähigkeit nur noch schwer festgestellt werden kann, was in den Patienten vorgeht, was er bemerkt, verspürt und denkt. Auch Bedeutung und Ziel ihrer Entscheidungen und Handlungen sind den Erkrankten nicht mehr klar und sie können sich selbst nicht mehr in eine Beziehung mit ihrem eigenen Leben und Handeln setzen. Im fortgeschrittenen Stadium nehmen nun auch die Gefühle und die Fähigkeit zu abgestufter Wahrnehmung, Beurteilung und Anteilnahme immer mehr ab. Weiterhin können einfachste Aufgaben nicht mehr bewältigt werden, die Bewegungsabläufe sind gestört, eine sprachliche Kommunikation ist nicht mehr möglich und es kommt zu Aggressivität und körperlichen Übergriffen. Im späten Stadium zeigen die erkrankten Patienten kindliche Verhaltensmuster und vernünftige Entscheidungen und Handlungen sind nicht mehr möglich. Das Bewusstsein nimmt rapide ab und der zunehmende körperliche Abbau führt bis zum Tod.

[...]


1 Im Folgenden werden sowohl das weibliche als auch das männliche Geschlecht bei Personengruppen in der Bezeichnung zusammengefasst.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Demenz und Autonomie. Ein Essay
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Medizin- und Pflegeethik
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
10
Katalognummer
V315368
ISBN (eBook)
9783668139022
ISBN (Buch)
9783668139039
Dateigröße
401 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Demenz und Autonomie
Arbeit zitieren
M.Ed. Henriette Bartusch (Autor), 2013, Demenz und Autonomie. Ein Essay, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315368

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