Der Einfluss innerethnischer Konflikte und natürlicher Ressourcen auf den Konflikt zwischen Südsudan und Sudan


Bachelorarbeit, 2013
36 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. ABBILDUNGSVERZEICHNIS

2. EINFÜHRUNG
2.1. THEMA
2.2. FRAGESTELLUNG

3. THEORETISCHER HINTERGRUND DER KONFLIKTANALYSE
3.1. ENTSTEHUNG DES FORSCHUNGSFELDES
3.2. MODELLÜBERSICHT

4. GESCHICHTLICHER ÜBERBLICK - VON DER UNABHÄNGIGKEIT DES SUDAN BIS ZUR GEGENWART
4.1. UNABHÄNGIGKEIT BIS 1983
4.2. ZWEITER BÜRGERKRIEG
4.3. DARFUR
4.4. WEITERE ENTWICKLUNGEN

5. KONFLIKTANALYSE SÜDSUDAN AB DER UNABHÄNGIGKEIT 2011
5.1. ZWISCHENSTAATLICHER KONFLIKT (SUDAN - SÜDSUDAN)
5.2. INNERSTAATLICHER KONFLIKT (BEVÖLKERUNGSGRUPPEN)
5.3. NATÜRLICHE RESSOURCEN UND DEREN EINFLUSS AUF KONFLIKTE

6. CONCLUSIO

7. ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

8. BIBLIOGRAPHIE

1. Abbildungsverzeichnis

ABBILDUNG 1: TRIANGLE MODEL NACH GALTUNG

ABBILDUNG 2: CONFLICT ESCALATION AND DE-ESCALATION MODEL

ABBILDUNG 3: HOURGLASS MODEL

ABBILDUNG 4: CONFLICT TREE

2. Einführung

2.1. Thema

Nach einem Referendum im Jänner 2011 konnte sich der Südsudan letztendlich am 09. Juli desselben Jahres als unabhängiger Staat erklären. Mit der Unabhängigkeit wurden viele Er- wartungen an den Staatschef Salva Kiir gerichtet. Die jahrzehntelang andauernden Ausei- nandersetzungen mit dem Sudan sollten der Vergangenheit angehören. Die positiven Aus- sichten für den jüngsten Staat der Erde wurden unter anderem damit begründet, dass Öllie- ferungen die Staatskassen füllen werden und somit die bislang rudimentäre Infrastruktur - Straßen, Gesundheits- und Bildungswesen - aufgebaut werden können. Durch die Unab- hängigkeit fielen rund 75% der Erdölvorkommen des Sudan auf das Gebiet des Südsudan womit wirtschaftlicher Aufschwung assoziiert wurde. (vgl. Koos 2011: 1ff)

Es gibt jedoch auch die Argumentation, dass das Vorhandensein von natürlichen Ressour- cen, wie etwa Erdölvorkommen, negative ökonomische und sozio-ökonomische Auswirkun- gen auf einen Staat haben kann. Ein Vertreter dieser Argumentation ist McNeish (2010) der von einem „resource curse“ spricht. Mit diesem Begriff bezeichnet er Länder die reich an natürlichen Ressourcen sind und dennoch nicht in der Lage sind ihre wirtschaftliche Leistung zu steigern. Im Gegenteil könnte es zu einer Verschlechterung der Wirtschaftsleistung kom- men. (vgl. „dutch disease“). In weiterer Folge können durch einen Rohstoffvorkommen Kon- flikte angeregt bzw. verlängert werden oder Korruption hervorrufen. Bezug nehmend auf die- se Argumentation wird der Anschein erweckt, dass der Konflikt zwischen Sudan und Südsu- dan seinen Ursprung in den 1970er Jahren, nach der Entdeckung der Erdölvorkommen, hat und sich 2011 erneut zuspitzte. Der Konflikt wäre demnach rein ökonomisch motiviert und beträfe nur die Kontrolle der Erdölvorkommen.

Ebenso ist zu erwähnen, dass der Sudan auch nach der Unabhängigkeit 1956 kein geeintes Land war. Die „[…] policy of Arabization and Islamization in the South […]“ (Johnson 2003: 30) manifestierte sich in zwei Bürgerkriegen die von 1955 - 1972 und 1983 - 2005 stattfan- den. Des Weiteren gab es immer wieder gegenseitige Angriffe unterschiedlicher Gruppierun- gen wie den Dinka oder Nuer (Frahm 2012; Koos 2011) bei denen es zahlreiche Tote gab und Viehherden gestohlen wurde. Hier ist anzumerken, dass Rinder im Südsudan ein bedeu- tungsvoller wirtschaftlicher Faktor bzw. Statussymbole sind. Im Jahr 2005 wurde das CPA (Comprehensive Peace Agreement) seitens der NCP (National Congress Party) und der SPLM/A (Sudan People´s Liberation Movement/Army) unterzeichnet. Dies sollte nicht nur den Bürgerkrieg beenden, sondern auch den Weg für politische Veränderungen ebnen. (vgl. Ahmed 2009: 133)

2.2. Fragestellung

Wie bereits in der Einführung erkennbar, ist der Konflikt zwischen Sudan und Südsudan eine komplexe Konstellation, welche sich auf verschiedene Ebenen auswirkt. Neben den zwi- schenstaatlichen Konflikten hat vor allem der Südsudan mit innerstaatlichen Auseinander- setzungen zu kämpfen die sich in weiterer Folge wieder auf die Makroebene auswirken. Kernbereich der nachfolgenden Konfliktanalyse soll das Aufzeigen der Ursachen des Konflik- tes, sowie deren Vernetzung mit und Auswirkungen auf die zwischen- und innerstaatliche Ebenen sein. Dabei sollen vor allem Gründe für die erneute Eskalation des Konfliktes seit der Abspaltung im Jahr 2011 aufgezeigt werden. Das Vorhandensein von Rohöl stellt einen wichtigen Aspekt des Konfliktes dar, da beide Seiten auf das Einkommen durch Ölexporte angewiesen sind. Es soll jedoch auch die Frage geklärt werden, ob die Eskalation rein auf diesen Aspekt reduziert werden kann bzw. ob dieser einer von vielen ist.

Weiters soll geklärt werden, welche Bevölkerungsgruppen in den Konflikt involviert sind und welche Position sie hinsichtlich der zwischenstaatlichen Auseinandersetzung einnehmen. Sind diese für die Makroebene von Bedeutung oder handelt es sich dabei um „kleine“ Kon- flikte die keinerlei Auswirkungen auf die zwei Staaten haben? Hierfür soll exemplarisch der Darfurkonflikt herangezogen werden. Für die Analyse wird auch die Rolle sogenannter Dritt- parteien näher betrachtet. Unter Drittparteien werden Organisationen wie die UNO (United Nations Organization), AU (African Union), aber auch Staaten mit wirtschaftlichem Interesse am Sudan bzw. Südsudan verstanden. Durch den Einfluss dieser Drittparteien wird die Aus- einandersetzung zu einem globalen Thema. Zu klären ist jedoch, ob andere Staaten eine Mediatorenfunktion einnehmen um den Konflikt auf diplomatischem Weg beizulegen, oder ob es hierbei auch um die Sicherung eines Zugangs zu Rohstoffen geht. Welche Rollen spielen dabei MNEs (Multinational Enterprises)?

Um diese Fragen beantworten zu können werden verschiedene Konfliktanalysemodelle herangezogen - u.a. Galtungs triangle model of conflict, violence and peace oder auch dem hourglass model nach Ramsbotham und Woodhouse. Wie diese Modelle anzuwenden sind, wird in Kapitel drei näher erläutert.

3. Theoretischer Hintergrund der Konfliktanalyse

In diesem Kapitel wird das Thema Konfliktanalyse als Theoriegegenstand näher erläutert. Dieses gilt als eine „neuere“ Disziplin die ihren Ursprung in unterschiedlichen wissenschaftlichen Fachrichtungen begründet. Im zweiten Abschnitt des Kapitels werden die Modelle und deren Anwendung, mit denen der zwischen- und innerstaatliche Konflikt von Sudan bzw. Südsudan analysiert wird, genauer beschrieben.

3.1. Entstehung des Forschungsfeldes

Die Entwicklung der Konfliktanalyse als eine wissenschaftliche Disziplin wird von Rams- botham und seinen Mitautoren in vier verschiedene Generationen eingeteilt. Diese kenn- zeichnen die bisherigen Entwicklungsstufen (vgl. Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2011: 35ff) Die erste Generation wird in den zeitlichen Rahmen von 1918 - 1945 eingebettet und deckt damit einen sehr geschichtsträchtigen Zeitraum ab. Bis kurz vor Ende des ersten Weltkrie- ges wurden erste Ansätze der Friedens- und Konfliktforschung - die Konfliktanalyse stellt einen Teilbereich dieser Disziplin dar - als Pazifismus abgetan. Von 1919 bis zum Beginn des zweiten Weltkrieges wurden die ersten großen Meilensteine, die zur Entwicklung der Konfliktforschung beitrugen, gesetzt. Hierzu zählen unter anderem die Errichtung der Inter- national University Federation in Prag, die Deutsche Friedensakademie sowie die Einrich- tung des ersten Lehrstuhls für Friedensforschung an der Universität Lyon im Jahr 1931. Da- malige VertreterInnen waren davon überzeugt, dass die Komplexität und der Umfang von Konflikten nur mittels eines multidisziplinären Ansatzes zu erklären sei. Der Einfluss aus den Disziplinen Psychologie, Soziologie, Politikwissenschaften und diversen internationalen Stu- dien im Forschungsfeld sind daher zu erkennen.

Die zweite Generation der Friedens- und Konfliktforschung wird maßgeblich von der Arbeit von Johan Galtung geprägt. Seine Ansätze und Modelle sind weiterhin von großer Wichtig- keit. So würdigen auch die Autoren des Buches Contemporary Conflict Resolution Galtungs Arbeit: „His output since the early 1960s has been phenomenal his influence on the instituti- onalization and ideas of peace research seminal.“ (Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2011: 44) Galtung war Begründer des triangle model, welches im nächsten Abschnitt näher beschrie- ben wird.

Die dritte Generation von 1965 bis 1985 bemühte sich vor allem um die Formulierung eines theoretischen Verständnisses der Disziplin. Friedens- und Konfliktforschung wurde zu jener Zeit in drei Ebenen unterteilt. Die beiden ersten setzen sich mit der zwischenstaatlichen bzw. innerstaatlichen Ebene auseinander. Die dritte Ebene fokussiert sich auf den Aspekt der „good governance“ - also der guten Staatsführung. Vereinfacht ausgedrückt könnte man sagen, dass sich diese Ebene inhaltlich damit beschäftigt, wie die Politik mit zwischen- und innerstaatlichen Konflikten umgeht bzw. was sie dazu beiträgt, diese zu lösen. In dem Zeit- raum, den die dritte Generation abdeckt, wurden auch Organisationen wie die OSZE (Orga- nisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) oder die OAU (Organization of Afri- can Unity) - die heutige AU - gegründet, die zum heutigen Zeitpunkt bedeutende Institutio- nen der Friedens- und Konfliktforschung sind.

Die vierte und bislang letzte Generation setze sich in den Jahren von 1985 - 2005 mit dem Thema der „new world order“ auseinander. Davor galten die USA und Russland als die mächtigsten Länder der Erde. Aufgrund diverser Entwicklung hat sich dieses ungleiche Mächteverhältnis zugunsten anderer Länder - wie etwa China - geändert. Aus heutiger Sicht sind auch Finanzinstitutionen wie der IMF (International Monetary Fund) oder die Weltbank mit sicherheitspolitischen Themen vertraut und spielen auf den politischen Bühnen der Welt eine bedeutungsvolle Rolle. Ein erwähnenswerter Punkt der vierten Generation ist, dass sie diejenige ist, während der die Disziplin die stärksten Rückschläge zu verzeichnen hatte. Hierzu zählen unter anderem die Schwierigkeiten mit denen internationale Organisationen etwa in Bosnien von 1992 - 1995 oder in Somalia von 1992 - 1993 konfrontiert waren. Ebenso fiel das Oslo-Friedensabkommen, welches zwischen Israel und Palästina geschlossen wurde (vgl. Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2011: 6)

3.2. Modellübersicht

Nachfolgend werden diverse Konfliktanalysemodelle näher beschrieben, die in den Kapiteln vier und fünf zur Anwendung kommen. Grundsätzlich gibt es viele Analysemodelle, jedoch konnten während der Recherchearbeiten keine, die speziell für den untersuchten Konflikt anzuwenden wären, gefunden werden. Die nachfolgenden Modelle beziehen sich auf das Buch Contemporary Conflict Resolution, da es zur Zeit als eines der umfassendsten und aktuellsten Informationsquellen der Friedens- und Konfliktforschung gilt.

Eines der ersten angeführten Modelle wurde von Johan Galtung, welcher bereits im Kapital zuvor erwähnt wurde, eingeführt. Es handelt sich dabei um die sogenannten triangle model

Quelle: Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2011: 10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Triangle Model nach Galtung

Galtung argumentiert, dass sich Konflikte in einem Dreieck widerspiegeln. Dabei stehen sich die drei Ebenen Widerspruch/Gegensatz, Einstellung und Verhalten gegenüber. Erstgenann- te bezieht sich auf die Konfliktsituation und die Unvereinbarkeit von Zielen der Konfliktpartei- en. Die Einstellung nimmt Bezug auf die (Fehl-) Wahrnehmungen der Konfliktparteien. Grundsätzlich können die Wahrnehmungen sowohl positiv als auch negativ sein. Im Falle von Konflikten spricht man jedoch meist von negativen und stereotypisierenden Wahrneh- mungen („die Anderen“). Ein entscheidender Punkt bei den Wahrnehmungen ist, dass diese oft durch persönliche Emotionen wie etwa Angst, Hass o.ä. beeinflusst werden. Das bedeu- tet dem Fremden und Unbekannten steht man vorwiegend skeptisch und zurückhaltend ge- genüber. Die letzte Ebene dieses Modells, das Verhalten, involviert Gesten und Signale die Versöhnung oder Feindseligkeiten äußern. Im Falle von gewalttätigen Konflikten sind sie oft durch verbale Androhungen oder auch destruktiven Angriffen gekennzeichnet. Sind alle drei Ebenen gegeben, spricht Galtung von Konflikt. Ferner spricht er sich für die Theorie aus, dass Konflikte keine statischen Konstrukte, sondern dynamische Prozesse sind. Insbesonde- re die Ebenen Verhalten und Einstellung unterliegen laufenden Veränderungen bzw. beein- flussen sich wechselseitig. Konfliktparteien beispielsweise adaptieren deren Einstellungen um ihre Interessen verfolgen zu können und halten gleichzeitig die feindliche Einstellung ih- rem Gegenüber ein. Durch die laufende Adaptierung und Neuausrichtung können sich Kon- flikte intensivieren und ausbreiten, gegebenenfalls auch weitere Parteien miteinbeziehen.

Das nächste Modell welches für die Konfliktanalyse Südsudan - Sudan herangezogen wird ist das Conflict escalation and de-escalation model nach Ramsbotham und Woodhouse.

Quelle: Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2011: 13

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Conflict escalation and de-escalation model

Eine Konfliktsituation ist, egal auf welcher Ebene diese stattfindet, komplex und auch unvor- hersehbar. Neue Konfliktparteien können auftreten, interne Machtkämpfe können Konflikte beilegen oder weiter anfachen. Weiters können sogenannte Sekundärkonflikte die ursprüng- liche Auseinandersetzung weiter komplizieren. Auch hier ist zu erkennen, dass Konflikte dy- namischen Prozessen unterliegen und stützt somit die Theorie von Johan Galtung (siehe triangle model). Bei diesem Modell werden unterschiedliche Eskalationsphasen auf einer Zeitachse verteilt. Beginnend mit Unterschieden die in jeder Gesellschaft vorkommen und nicht zwangsläufig zu Auseinandersetzungen führen, über Widerspruch und Polarisierung bis hin zum Krieg. Auf der gegenüberliegenden Seite sind die einzelnen Phasen zu erkennen, die eine Abschwächung von Konflikten markieren. Durch den klaren Aufbau des Modells kann es einfach für die Analyse eines Konfliktes herangezogen werden und die einzelnen Phasen näher erläutern.

Das hourglass model stellt eine Kombination aus den Ansätzen Galtungs von Konflikt und Gewalt mit dem conflict escalation and de-escalation model dar.

Quelle: Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2011: 14

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Hourglass Model

Hiermit wird der politische Spielraum während eines Konfliktes veranschaulicht. Eine Verkleinerung der diplomatischen Möglichkeiten wird in der oberen Hälfte des Modells dargestellt, in dem sich ein Konflikt zuspitzt. Eine erneute Ausweitung ist im unteren Bereich zu erkennen nachdem ein Konflikt an Intensität verliert und sich die Konfliktparteien hinsichtlich einer Beilegung der Auseinandersetzungen weiter annähern. Fisher und Keashly sprechen dabei von Eventualität und Komplementarität. „[T]his is a contingency and complementarity model in which ´contingency´ refers to the nature and phase of the conflict and ´complementarity´ to the combination of appropriate responses that need to be worked together […]” (Ramsbotham/ /Woodhouse/Miall 2011: 13)

Abschließend wird der conflict tree des Conflict Programme in Birmingham erwähnt. Mittels dieses Baumes sollen die verschiedenen Ebenen, die einen Konflikt beeinflussen, aufgezeigt werden. Darüber hinaus lässt die Analyse über den conflict tree Vermutungen auf die Kern- ursachen eines Konfliktes zu. Vermutungen deshalb, weil eine umfangreiche Analyse des Konfliktes sowie eine detaillierte Ursachenuntersuchung im Rahmen der Bachelorarbeit nicht möglich waren.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Ramsbotham/Woodhouse/Miall 2011: 15 Abbildung 4: Conflict Tree

4. Geschichtlicher Überblick - Von der Unabhängigkeit des Sudan bis zur Ge- genwart

4.1. Unabhängigkeit bis 1983

Um den Konflikt zwischen Südsudan und Sudan analysieren zu können, bedarf es ebenso einen Blick in die Vergangenheit. Um den zeitlichen Rahmen nicht zu weit auszudehnen, wurde der Beginn der Analyse mit der Unabhängigkeit des Sudan am 01.01.1956 festgelegt. Doch schon während der Kolonialzeit war eine Zweiteilung des Landes zu erkennen, auch wenn diese nur die Administration betraf und nicht durch Grenzen gekennzeichnet wurde. Der arabisch geprägte Norden unterlag einer ägyptisch-britischen Kontrolle, wohingegen der Süden alleinig durch Großbritannien verwaltet wurde.

Der Norden erlangte durch Baumwollanbau einen bescheidenen Wohlstand und konnte ver- glichen mit dem Süden, ein gutes Bildungswesen vorweisen. Islamische Sekten erlangten ab den 1930er Jahren vermehrt politischen Einfluss. Die bekanntesten waren die Ansar und Khatmiyya, welche schließlich als die politischen Parteien Umma und NUP (National Unionist Party) hervorgingen. Im Gegensatz zu den nördlichen Gebieten des ehemaligen Gebietes des Sudan, waren die Südprovinzen (Upper Nile, Equatoria und Bahr al Ghazal) nicht auf die Unabhängigkeit vorbereitet. Hinzu kam ein fehlendes Schulsystem sowie der Mangel einer Bildungsschicht, welche die Interessen der Menschen auf politischer Ebene vertreten hätte können. Aus diesem Grund befürchtete man auch eine dauerhafte wirtschaftliche und gesell- schaftliche Marginalisierung gegenüber dem Norden. (vgl. Mückusch 2008: 39f) Bezug neh- mend auf das conflict escalation and de-escalation model von Ramsbotham und Woodhouse könnte man diesen Zeitraum bereits in die erste Phase des Modells - „difference“ - einordnen. Die unterschiedlichen Ausgangssituation die durch Kolonialmächte konstruiert wurden, stellen auch unterschiedliche Ausgangslagen hinsichtlich Unabhängigkeit dar. Der Süden war aufgrund wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Marginalisierung weniger auf die eigenständige Verwaltung vorbereitet als der Norden. Bereits diese Unterschiede zwischen Norden und Süden erzeugten erste „Spannungen“.

Diese Annahme bestätigt sich durch die Tatsache, dass die Besetzung von politischen Äm- tern unter dem damaligen Ministerpräsidenten al-Azhari, der NUP angehörig, nicht ausgegli- chen war. So wurde etwa nur jeder hundertste Posten mit Personen aus Südprovinzen be- setzt. Vermehrt wurden auch kulturelle, sprachliche und ethnische Unterschiede als negative Aspekte hervorgehoben. Politische VertreterInnen der südsudanesischen Seiten versteiften sich verstärkt auf diese Unterschiede und strebten eine Abspaltung der südlichen Provinzen vom Rest des Sudan an. Die Regierung in Khartum hingegen fokussierte sich jedoch auf den Aspekt der Gesamtheit eines islamischen Staates. Diese Zuspitzung gegnerischer Ansichten kann bereits in die zweite Phase des conflict escalation and de-escalation models eingeord- net werden.

Neben den innerstaatlichen Schwierigkeiten war der Sudan auch dem Preisverfall der Baumwolle ausgesetzt. Aufgrund der Abhängigkeit des Exports dieses Gutes wurde das Land sehr schwer von diesem Preisverfall getroffen und führte zu einer Wirtschaftskrise die in Hunger und Armut resultierte. Da die Regierung nicht im Stande war Gegenmaßnahmen einzuleiten wurden die Regierungsgeschäfte im Oktober 1958 an den Militärrat unter Ibrahim Abboud, übergeben. Dieser verbot kurzum alle politischen Parteien und setzte somit allen diplomatischen Möglichkeiten, auf eine Lösung der Nord-Süd-Auseinandersetzung, ein En- de. (vgl. Mückusch 2008: 42) Wenn diese Situation auf die Konfliktanalyse Modelle wieder umgelegt wird, befinden wir uns zwischen den Phasen „Contradiction“ und „Polarization“. Das hourglass model bestätigt hierbei, dass sich der politische Spielraum den die Konflikt- parteien anfangs hatten, immer weiter verkleinerte. Die Ebenen werden subsummiert im Be- reich des „Conflict settlements“ welche „[…] corresponds to […] ´elite peacemaking´ - in oth- er words, negotiation or mediation among the main protagonists […]“ (Rams- botham/Woodhouse/Miall 2011: 14)

In den darauffolgenden Jahren wurde politischer Druck auf die Südprovinzen ausgeübt, mit der Hoffnung, dass diese nachgeben werden. Im Jahr 1963 setzten diese jedoch ein Zei- chen, dass man sich diese Politik nicht weiter bieten lasse und formierte die Widerstands- gruppe Anya Nya, die der Regierung in Khartum den Kampf ansagte. Diese konnten mit ih- ren Angriffen immer wieder Erfolge erzielen aber trug gleichzeitig zur Destabilisierung des Südens bei. Die Regierung ihrerseits reagierte mit einem Armeeeinsatz der zu zahlreichen Verlusten in der Zivilbevölkerung führte und Flüchtlingsströme auslöste. Abboud konnte den Aufstand nicht unter Kontrolle bringen. Letztlich leiteten Proteste von Studierenden 1964, das Ende der Ära Abboud´s ein. (vgl. Mückusch 2008: 43) Der Zeitraum in dem der Militärrat unter Abboud die Regierungsgeschäfte übernommen hatte, kann in die Phase „Violence“ eingestuft werden. Gleichzeitig verringerte sich der Verhandlungsspielraum, sodass eine politische Debatte keine Option für die Konfliktlösung mehr darstellte. Kämpferische Auseinandersetzungen auf beiden Seiten kennzeichneten die vierjährige Amtszeit von Abboud und trugen maßgeblich zu einer Verhärtung der Fronten bei.

Die UNF (United National Front) übernahm nach Abboud´s Amtszeit die Regierungsgeschäf- te. An der Parteispitze war al-Khalifah welcher auch die Notwendigkeit einer baldigen Kon- fliktlösung erkannte. Dieser wurde jedoch bereits ein Jahr später vom konservativen Umma Politiker Mahgoub als Ministerpräsident abgelöst. Dessen Politik stand im Gegensatz zu ei- ner Konfliktlösung da er sich für die „Islamisierung“ des Südens einsetze und die geforderte Selbstverwaltung der Südprovinzen ablehnte. Durch diesen Ansatz wurde das Zugehörig- keitsgefühl der Südsudanesen zueinander gestärkt und das Distanzverhältnis beider Lager verhärtete sich weiter. Ende 1965 wurde die ALF (Azania Liberation Front) als politischer Arm der Anya Nya Gruppe gegründet. Diese Konstellation kann ähnlich der IRA (Irish Re- publican Army) und der Sinn Féin gesehen werden. Aufgrund interner Uneinigkeiten konnte sich die Organisation jedoch nie richtig weiter entwickeln oder politisch etablieren.

Zwei Jahre darauf weitete sich der Konflikt auf eine internationale Ebene aus. Die sudanesi- sche Regierung unterstützte Ägypten während des Sechs Tage Krieges gegen Israel und vertrat somit die Position muslimischer Länder gemeinsam mit Jordanien und Syrien. Im Ge- genzug erhielt der Sudan Rüstungslieferungen von Ägypten und Libyen. Nicht überraschend daher Israels Unterstützung von der Anya Nya. Diese erhielt über Äthiopien bzw. Uganda Waffen und militärisches Knowhow. Die Unterstützungen waren für die Weiterentwicklung der Anya Nya von großer Bedeutung und führten Anfang der 1970er Jahre auch zu einer Umbenennung der Organisation in SSLM (South Sudan Liberation Movement). (vgl. Mückusch 2008: 44f)

[...]

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss innerethnischer Konflikte und natürlicher Ressourcen auf den Konflikt zwischen Südsudan und Sudan
Hochschule
Universität Wien  (Afrikanistik)
Note
2
Autor
Jahr
2013
Seiten
36
Katalognummer
V315372
ISBN (eBook)
9783668147577
ISBN (Buch)
9783668147584
Dateigröße
991 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Südsudan, Rohöl, innerethnische Konflikte, Sudan, Abspaltung Südsudan 2011, natürliche Ressourcen
Arbeit zitieren
Florian Reitbauer (Autor), 2013, Der Einfluss innerethnischer Konflikte und natürlicher Ressourcen auf den Konflikt zwischen Südsudan und Sudan, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315372

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