Bis in die ersten Jahrzehnte des Zwanstigsten Jahrhunderts hielten sich hartnäckig zahlreiche Klischees über das Söldnerwesen des Dreißigjährigen Krieges, das gerne abschätzend als „Soldateska“ bezeichnet wird, als eine undisziplinierte soziale Gruppe am Rande der Gesellschaft, deren ganze Existenz aus Mord und Plünderungen besteht. Herausgebildet hat sich diese negative Sichtweise vor allem aufgrund von Grimmelshausens zeitgenössischem Roman Simplicissimus, der das von den Söldnerheeren über die Welt gebrachte Unheil in schillernden Farben beschreibt. Die Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts beruft sich größtenteils auf Quellen wie diese und festigt die Vorurteile. Eugen Frauenholz schreibt in seinem Werk über das Heerwesen des Dreißigjährigen Krieges, dass keiner der Truppenteile nicht diese Züge von Unmenschlichkeit aufgewiesen habe.
Die heutigen Wissenschaftler sind sich jedoch einig, dass die Aufbereitung der Quellen in den letzten Jahrhunderten zu unkritisch erfolgte und es nötig sei, bei einer Bewertung des Söldnertums den sozialgeschichtlichen Blickwinkel nicht aus den Augen zu verlieren. Welche Ursachen und Hintergründe hatten die immer wieder auftretenden Auswüchse und Verbrechen der Soldaten? Besonders Bernhard R. Kroener betont, dass die militärischen Unterschichten nicht nur als Täter, sondern auch selbst als Opfer des Krieges angesehen werden müssen.
Im Folgenden möchte ich zunächst genauer darstellen, wie das Soldatenbild in Grimmelshausens zeitgenössischem Werk beschrieben wird und anschließend die Forschungslage des 19. Jahrhunderts kurz skizzieren. Darüber hinaus werde ich mich damit beschäftigen, inwiefern das negative Bild des Söldners gerechtfertigt ist und dazu vor allem auf die Lebensumstände in den Armeen eingehen, denen Wissenschaftler in den letzten zwanzig Jahren eine erhöhte Bedeutung beigemessen haben.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Das Söldnerbild in den Quellen: Grimmelshausens Simplicissmus als Beispiel
II. 1. Beschreibung der Söldner
II. 2. Auswirkung der Erlebnisse auf den Protagonisten
II. 3. Problematik der Erzählung
III. Beurteilung der Söldner bei den Historikern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts
III. 1. Gewalt gegenüber der Zivilbevölkerung
III. 2. Mentalität der Söldner
III. 3. Der Tross
III. 4. Bewertung des Verhaltens der Offiziere
IV. Bewertung des Söldners in der aktuellen Forschung
IV. 1. Besoldung
IV. 2. Versorgungsmangel im Heer
IV. 3. Wohnverhältnisse
IV. 4. Die soziale Herkunft der Söldner
IV. 5. Mentalität und Gefühlswelt
IV. 6. Die Zerstörung Magdeburgs und Formen extremer Gewalt
V. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Söldnerwesen während des Dreißigjährigen Krieges und stellt die Frage, inwieweit das traditionell negative Bild des Söldners als rein undisziplinierte „Soldateska“ gerechtfertigt ist oder ob sozialgeschichtliche Faktoren zur Differenzierung beitragen.
- Kritische Analyse des Söldnerbildes in zeitgenössischen Quellen (Grimmelshausen)
- Untersuchung der historiographischen Sichtweise des 19. und frühen 20. Jahrhunderts
- Bewertung der ökonomischen und sozialen Hintergründe für militärisches Fehlverhalten
- Gegenüberstellung der Söldner als Täter und als Opfer von strukturellem Mangel
- Rekonstruktion der Lebensumstände (Besoldung, Versorgung, Wohnen)
Auszug aus dem Buch
II. 1. Beschreibung der Söldner
Der Autor lässt den Romanhelden Simplicius die Welt der Kriegsknechte in den dunkelsten Farben schildern. Kaum ein positives Wort vermag er an ihnen zu lassen und konfrontiert den Leser mit einem Grauen, das größer nicht sein könnte und schon in der Kindheit des Protagonisten beginnt. Als der heimische Bauernhof von einem Trupp Soldaten überfallen wird, wüten diese dort in einer unvorstellbaren Art und Weise. Die Beschreibung der Szenerie ist prägend für das Söldnerbild des Dreißigjährigen Krieges geworden, da sie in ein paar Zeilen alle möglichen Übel zusammenfasst, die der Landbevölkerung durch das Heer zugefügt wurden. Der folgende Ausschnitt macht sehr schön deutlich, wie sehr diese Darstellung spätere Wissenschaftler beeinflusst haben muss:
Das erste, das diese Reuter taten, war, daß sie ihre Pferd einstellten, hernach hatte jeglicher seine sonderbare Arbeit zu verrichten, deren jede lauter Untergang und Verderben anzeigte, denn obzwar etliche anfingen zu metzgen, zu sieden und zu braten, daß es sah, als sollte ein lustig Bankett gehalten werden, so waren hingegen andere, die durchstürmten das Haus unten und oben, ja das heimlich Gemach war nicht sicher, gleichsam ob wäre das gülden Fell von Kolchis darinnen verborgen; Andere machten von Tuch, Kleidungen und allerlei Hausrat große Päck zusammen, als ob sie irgends ein Krempelmarkt anrichten wollten, was sie aber nicht mitzunehmen gedachten, wurde zerschlagen, etliche durchstachen Heu und Stroh mit ihren Degen, als ob sie nicht Schaf und Schwein genug zu stechen gehabt hätten, etliche schütteten die Federn aus den Betten, und fülleten hingegen Speck, andere dürr Fleisch und sonst Gerät hinein, als ob alsdann besser darauf zu schlafen gewesen wäre; Andere schlugen Ofen und Fenster ein, gleichsam als hätten sie ein ewigen Sommer zu verkündigen, Kupfer und Zinnengeschirr schlugen sie zusammen, und packten die gebogenen und verderbten Stück ein, Bettladen, Tisch, Stühl und Bänk verbrannten sie, da doch viel Klafter dürr Holz im Hof lag.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Arbeit führt in die historische Problematik des Söldnerbildes ein und stellt die Forschungsfrage, ob die einseitige Sicht auf die „Soldateska“ durch eine sozialgeschichtliche Analyse revidiert werden kann.
II. Das Söldnerbild in den Quellen: Grimmelshausens Simplicissmus als Beispiel: Dieses Kapitel analysiert Grimmelshausens Roman als prägende Quelle für das negative Söldnerbild und untersucht die Auswirkungen der Gewalterfahrung auf den Protagonisten.
III. Beurteilung der Söldner bei den Historikern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts: Es wird dargelegt, wie frühere Historiker die Söldner unkritisch als Täter einstuften und die zeitgenössischen Quellen ohne Rücksicht auf deren sozioökonomische Situation interpretierten.
IV. Bewertung des Söldners in der aktuellen Forschung: Dieser Hauptteil beleuchtet durchleuchtet Besoldung, Versorgungsmängel und soziale Herkunft, um die Hintergründe der Gewalt als Resultat von Not und strukturellem Versagen zu entlarven.
V. Schlussfolgerung: Das Fazit fasst zusammen, dass Söldner des Dreißigjährigen Krieges nicht nur als Täter, sondern ebenso als Opfer der Umstände betrachtet werden müssen.
Schlüsselwörter
Dreißigjähriger Krieg, Söldnerwesen, Soldateska, Grimmelshausen, Sozialgeschichte, Militär, Plünderungen, Gewalt, Versorgungsengpässe, Offiziere, Täter-Opfer-Verhältnis, Lebensumstände, historische Forschung, Soldzahlungen, Magdeburg
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Bild des Söldners im Dreißigjährigen Krieg und hinterfragt, ob die historische Darstellung als undisziplinierte „Soldateska“ durch eine sozialgeschichtliche Perspektive differenziert werden muss.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen zählen die Auswertung zeitgenössischer Literatur, die historiographische Analyse des 19. und 20. Jahrhunderts sowie die Untersuchung ökonomischer Faktoren wie Soldatenauszahlung und Versorgungslage.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, den Söldner vom einseitigen Stigma des Täters zu befreien und aufzuzeigen, dass strukturelle Bedingungen maßgeblich zu den exzessiven Verhaltensweisen beitrugen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse von Primärquellen (Literatur) und die Einordnung aktueller sozialgeschichtlicher Forschungsergebnisse, um historische Narrative zu hinterfragen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die Besoldung, der Nahrungsmittelmangel, die Wohnverhältnisse, die soziale Herkunft und die Mentalität der Soldaten detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Söldnerwesen, Sozialgeschichte, Dreißigjähriger Krieg, Soldateska, strukturelle Gewalt und Überlebensstrategien.
Warum wird Grimmelshausens „Simplicissimus“ als Ausgangspunkt gewählt?
Das Werk gilt als der anschaulichste Zeitzeugenbericht, der das Bild der Söldner über Jahrhunderte maßgeblich geprägt und die Sichtweise der späteren Geschichtsschreibung mit beeinflusst hat.
Welche Rolle spielten die Offiziere bei den Gewalttaten?
Die Arbeit argumentiert, dass Offiziere oft durch Profitsucht und Vorenthaltung von Sold und Nahrung die Söldner in eine Lage brachten, in der Plünderung und Gewalt als einzige Überlebensmöglichkeit erschienen.
Was zeichnet die aktuelle Forschung gegenüber der des 19. Jahrhunderts aus?
Die moderne Forschung betrachtet den Söldner verstärkt aus einer sozialgeschichtlichen Perspektive und analysiert die systemischen Ursachen für Fehlverhalten, anstatt ihn lediglich als „Abschaum der Gesellschaft“ zu verurteilen.
Warum war die Zerstörung Magdeburgs ein Sonderfall?
Obwohl es ein unentschuldbares Massaker darstellt, wird Magdeburg als Extremsituation nach monatelanger Belagerung und Versorgungsnot betrachtet, die nicht pauschal auf den gesamten Krieg projiziert werden darf.
- Quote paper
- Carolin Rasche (Author), 2007, Das negative Bild des Söldners. Forschungsüberblick über das Söldnerwesen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315376