Herausforderungen der mittleren Lebensphase. Welche Antworten kennt die Sexual- und Paarberatung auf sexualitätsbezogene Probleme der Paare?


Hausarbeit, 2015

33 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sexualitätsbezogene Problembereiche bei Paaren mittleren Alters
2.1 Störung der Libido
2.1.1 Erscheinungsbild
2.1.2 Ursachen
2.2 Pornographie
2.2.1 Pornographie und Partnerschaft
2.2.2 Pornographie und Untreue
2.2.3 Genitalisierung der Sexualität
2.3 Außenbeziehungen
2.3.1 Funktionen einer Außenbeziehung
2.3.2 Folgen einer Außenbeziehung
2.4 Identitätskrise des Paares
2.4.1 Identitätskrise der Frau
2.4.2 Identitätskrise des Mannes
2.4.3 Auswirkungen auf die Sexualität

3 Therapie- und Beratungsansätze
3.1 Libidostörungen
3.1.1 Verhaltenstherapeutisch/ Psychodynamisch
3.1.2 Sensate Focus
3.2 Pornographiesucht
3.2.1 Entzug 21
3.2.2 Klärung der Ursachen
3.3 Außenbeziehungen
3.3.1 Vergebung als Heilungsprozess
3.3.2 Museum der Verletzung und Treue
3.3.3 Das aktuelle Dreieck
3.4 Identitätskrisen
3.4.1 Stärkung von Selbstwert
3.4.2 Bewältigungsversuche
3.4.3 Bewahren von Sinnlichkeit und Zärtlichkeit
3.4.4 Zufriedenheit und Unterschied der Sexualität

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Innerhalb der familiären Beziehungen finden in der mittleren Lebensphase emotionale und soziale Veränderungen statt. Der Großteil der Menschen in dieser Lebensphase lebt in Familie, häufig mit einem Ehepartner, zusammen. Sie verfügen über mehr enge Beziehungen, als in den anderen Lebensphasen. Häufig verlassen die Kinder in diesem Lebensabschnitt das Zuhause und die Erwachsenen suchen nach Orientierung im Lebensalltag und nehmen häufig die Rollen der Schwieger- und Großeltern ein. Investieren sie ihre Zeit fast aus- schließlich in die Erziehung der Kinder, so können nach der aktiven Erziehungs- zeit, Gefühle der Leere und Bedauern entstehen. Ist das Paar mit ihrer Beziehung zufrieden, dann ist dies ein starker Prädiktor für ihr psychisches Wohlbefinden. Männer erleben ihren Beruf allein nicht mehr als befriedigend und Frauen streben nach einer Paarbeziehung, in denen beide Partner eine stärkere Bedürfnis- befriedigung erfahren. In dieser Lebensphase entscheiden sich Paare häufig, sich ihren Beziehungsproblemen zu stellen und ihre Partnerschaft zu verbessern. Geschiedene Frauen mittleren Lebensalters geben als Grund für Trennung u.a. Ehebruch und schleichende Entfremdung an. Männer beschreiben u.a. die unzureichende emotionale Aufmerksamkeit ihrer Partnerin gegenüber (Berk 2011, S.740-742). Die Lebendigkeit des Sexuallebens ist in diesem Lebensabschnitt abhängig von der ehelichen Zufriedenheit. Sieht ein Paar die Beziehung positiv, haben sie häufiger Geschlechtsverkehr. Aufgrund von Krankheit und körperlicher Veränderung nimmt die Intensität sexueller Reaktionen ab (Berk 2011, S.694 f.). Frauen empfinden in dieser Lebensphase zum Teil ein Schwinden der sexuellen Lust. Dieser Umstand beeinflusst das Sexualleben des Paares (Höhn/Berner 2013, S.105). Männer konsumieren in dieser Lebensphase pornographisches Material (Buddeberg 2005, S.147). Durch das Ansehen von Pornographie wird die Paarbeziehung gefährdet (Gottman/Silver 2014, S.99).

Diese sexualitätsbezogenen Problembereiche sollen in Bezug auf die Partnerschaft des mittleren Alters betrachtet werden. Es wird dabei auf die ver- schiedenen Facetten eingegangen. Der erste Teil der Arbeit widmet sich der Libidostörung und deren Erscheinungsbild und Ursache. Das Thema Porno- graphie wird näher betrachtet. Es wird dargestellt, welche Bedeutung dieses Thema in der heutigen Zeit hat und welche Auswirkungen für den Konsumenten und die Paarbeziehung entstehen. Im Anschluss werden die Funktionen und Folgen von Außenbeziehungen betrachtet. Häufig erlebt das Paar in diesem Lebensabschnitt eine Identitätskrise. Diese belastet verschiedene Bereiche der Paarbeziehung. Da sie sich bei Mann und Frau zum Teil unterscheiden, werden sie geschlechtsspezifisch dargestellt.

Der zweite Abschnitt der Ausarbeitung beschäftigt sich mit den Möglichkeiten der Sexual- und Paarberatung, diesen Herausforderungen des Paares zu begegnen. Dabei werden zu jedem Problembereich mehrere Möglichkeiten zur Intervention vorgestellt. Abgeschlossenen wird die Arbeit mit einem Kapitel, welches die gewonnenen Erkenntnisse in Bezug auf das Thema zusammenfasst.

2 Sexualitätsbezogene Problembereiche bei Paaren mittleren Alters

Hier werden nun typische sexualitätsbezogene Problembereiche eines Paares im mittleren Lebensalter beschrieben. Zu Beginn wird die Libidostörung mit ihrem Erscheinungsbild und Ursachen betrachtet. Im Anschluss daran wird das Phänomen Pornographie näher beleuchtet und die Gründe und Folgen für Außen- beziehungen aufgezeigt. Zum Ende des Kapitels wird beschrieben, welche Auswirkungen eine Identitätskrise der Frau bzw. des Mannes haben können.

2.1 Störung der Libido

Die Anzahl derer, die in den letzten Jahren eine Sexualberatungsstelle wegen verminderter Libido aufgesucht haben, hat stetig zugenommen. (Buddeberg 2005, S.141). Vermindertes sexuelles Verlangen ist eine der am häufigsten auftretenden sexuellen Funktionsstörungen bei Frauen. Meist wird diese durch Erregungs- probleme begleitet. Die sexuelle Lustlosigkeit wird häufig von Frauen im höheren Lebensalter benannt. Jedoch führt sie in diesem Lebensalter selten zu einem Leidensdruck. Gründe dafür sind u.a. das der Stellenwert der Sexualität sich in dieser Lebensphase verschiebt. In einigen Fällen entwickelt auch der Partner eine sexuelle Funktionsstörung, wodurch das Paar eher auf Sexualität verzichtet. Tritt diese Störung bei Männern auf, wird sie häufig unterschätzt und tabuisiert. Es existieren bis heute kaum Studien zu diesem Phänomen. Jedoch wurde in einer deutschen Studie ermittelt, dass im Alter von 40 und 80 Jahren fast jeder zehnte Mann von diesem Problem betroffen ist (Höhn/Berner 2013, S.105f.). Weiterhin wird berichtet, dass vermindertes sexuelles Verlangen in der Praxis immer häufiger bei Männern auftritt. Eine Beratungsstelle berichtet, dass bei ihnen der Anteil der Männer die aufgrund von sexueller Lustlosigkeit Unterstützung aufsuchen, in den vergangenen Jahren von 4% auf 20% gestiegen ist. Bei der Interpretation des Wandels, dass zunehmend sexuelle Lustlosigkeit bei Männern und Frauen auftritt, ist zu beachten, dass verschiedene Faktoren dafür verantwortlich sind. Die Realität und Ansichten der Experten haben sich geändert, sowie die Sichtweise der Betroffenen (Hauch 2013, S.34).

2.1.1 Erscheinungsbild

Bei einer sexuellen Störung der Lust kommt es hauptsächlich zur Abnahme des sexuellen Verlangens. Damit verbunden ist häufig die Reduzierung oder Abwesenheit sexueller Fantasien. Von den Betroffenen gehen keine oder kaum sexuelle Handlungen aus. Dieses sexuelle Desinteresse bleibt konstant bestehen oder ist wiederkehrend. Bezeichnend für diese Störung ist eine mangelnde Motivation, sexuelle Wahrnehmungsreize erkennen zu wollen, um dadurch erneut sexuelle Lust erleben zu können (Höhn/Berner 2013, S.105). Ein weiteres Kriterium ist, das der Betroffenen unter dieser Situation leidet. Die diagnostische Erfassung der sexuellen Lustlosigkeit als sexuelle Funktionsstörung, die einer Behandlung bedarf, ist noch unzureichend geklärt. Weiterhin wurde kritisiert, dass zur Begrifflichkeit sexuelle Lust/Begehren (sexual desire) kein eindeutiges theoretisches Modell existiert (Hauch 2013, S.30).

2.1.2 Ursachen

Biologische Faktoren - Ein gravierender Faktor ist ein hoher Altersunterschied zwischen dem Paar bzw. eine unterschiedliche körperliche Verfassung. In diesen Fällen stößt die Sexualberatung häufig an ihre Grenzen, da sich biologische Gegebenheiten oft kaum verändern lassen. Weiterhin werden die biologischen Faktoren durch psychosoziale Faktoren verstärkt. Zu den biologischen Faktoren zählen verstümmelnde Unfälle oder Operationen, Medikamente, Hormone und schwere körperliche Krankheiten (Buddeberg 2005, S.141f.). Als weiterer bio- logischer Faktor kann eine eingeschränkte Furchtbarkeit der Frau angeführt werden. Im Rahmen einer reproduktionsmedizinischen Behandlung wird in manchen Fällen das sexuelle Zusammensein stark reguliert, was zur sexuellen Lustlosigkeit führen kann (Hauch 2013, S.33).

Zu den psychischen Faktoren zählen häufig Enttäuschungen, die durch Beziehungen bedingt sind. Diese können bis in die frühe Kindheit reichen. Der Libidomangel wird verstärkt, wenn der Betroffene sich in seinem eigenen Körper unwohl fühlt oder Unzufriedenheit mit seinem Aussehen zeigt. Häufig spielt auch die fehlende Anerkennung und Wertschätzung des Partners eine Rolle (Buddeberg 2005, S.142f.). Bleibt der Kinderwunsch unerfüllt, kann sich ein Gefühl einstellen versagt zu haben. Dies kann sich wiederum negativ auf den Libido auswirken. Nahezu ausschließlich bei Frauen kommt es zu dieser Störung, wenn sie nach der Geburt eines Kindes ihre Arbeitsstelle bis auf Weiteres aufgeben (Hauch 2013, S.33).

Partnerschaftliche Faktoren - Hier wird von Paaren am häufigsten eine mangelnde Kommunikation in der Beziehung genannt. Die Wünsche in Bezug auf das Alltagsleben, Nähe, Intimität und Sexualität können dem Partner nicht vermittelt werden. Dies kann an mangelndem Vertrauen liegen oder auch an dem Gefühl vom Partner nicht gehört zu werden. Daraus folgt die Vermeidung körperlicher Nähe (Gnirss-Bormet zit. n. Buddeberg 2005, S.143). Erlebt ein Paar Fehlgeburten, Schwangerschaftsabbrüche oder Ambivalenzen in Bezug auf den Kinderwunsch, kann auch dies eine Lustlosigkeitssymptomatik zur Folge haben (Hauch 2013, S.33). Weitere Faktoren können die unterschiedlichen Vorstellungen von Hygiene (z.B. abendlicher Nikotinkonsum), Partner mit Erektionsstörung oder chronischem vorzeitigem Orgasmus und ein kontinuierliches Drängen des Mannes zum Geschlechtsverkehr sein (Buddeberg 2005, S.143).

Zu den soziokulturellen Faktoren zählen u.a. voneinander abweichende sexuelle Normen, traditionsbedingte Rollenmuster, sexuelle Leistungsmentalität und die Brutalisierung der Pornographie (Buddeberg 2005, S.142).

2.2 Pornographie

Das Internet umfasst eine halbe Milliarde Seiten mit pornographischen Inhalten. Die Adressaten sind dabei häufig Männer. Die Pornoindustrie erhält jährlich einen Umsatz von über 97 Milliarden Dollar (Gottman/Silver 2014, S.99). Es ist belegt worden, dass der übermäßige Konsum von Pornografie zu einem Suchtverhalten führen kann. Betroffene setzen sich nicht weiter Wirklichkeit aus und flüchten oft stundenlang in eine Art Traumwelt. Findet der Pornokonsum bereits in einer frühen Lebensphase statt, ist mit Schwierigkeiten des Erwachsen Werdens und unreifem Denken konfrontiert. Die Vorstellungen über Sexualität können nicht in die Realität umgesetzt werden. Der Mediziner Victor B. Cline hat die Entstehung der Sucht zu Pornografie in fünf Stadien eingeteilt: 1. Zu Beginn stellt der Betroffene fest, dass er den Konsum nicht mehr unterbinden kann. 2. Die Zeit, die damit zugebracht wird pornographisches Material zu betrachten, wird ständig häufiger und umfangreicher. 3. Es kommt zu einem Eskalations-Effekt. Wird Pornographie in großem Maße konsumiert, stellt sich dennoch nicht mehr die gewünschte Wirkung ein. 4. Beim Betroffenen kommt es zu einer immer größer werdenden Abstumpfung und Desensibilisierung gegenüber fragwürdigen Inhalten und Handlungen. 5. Der Konsument empfindet einen Zwang die pornographischen Inhalte um jeden Preis umzusetzen (Meves/Schirrmacher 2000, S. 43f.).

2.2.1 Pornographie und Partnerschaft

Anhand der oben genannten Zahlen ist es naheliegend, dass der Konsum von Pornos in Zusammenhang mit Sexsucht steht und somit Paarbeziehungen gefährdet. Dies ist auch der Fall, wenn Bilder und Videos mit pornographischen Inhalten nicht zwanghaft konsumiert werden. Durch Masturbation werden Hormone wie Oxytocin bzw. Vasopressin ausgeschüttet. Sie werden mit Bindung in Verbindung gebracht. Daher entsteht die Gefahr, bei Pornokonsum eine Bindung zu einem Fetisch und unpersönlichen Sex aufzubauen. Das Risiko einer Gefahr zur Abhängigkeit verringert sich, wenn Paare Pornos gemeinsam schauen um ihre Lust und gegenseitiges Begehren beim Sex zu erhöhen. Pornographische Inhalte sind zum Großteil unpersönlich und auf den Körper zentriert. Es geht um Gelegenheitssex, der frei von Romantik und Emotion ist. Pornofilme folgen dabei einem bestimmten Muster: ein fremdes Paar trifft sich, hat Sex und sieht sich anschließend nie wieder. Problematisch ist die Vorstellung, dass ehelicher Sex nach ähnlichem Muster wie in den Filmen verläuft (Gottman/Silver 2014, S.99f.). Pornographie suggeriert dem Konsumenten, dass Sex in der jeder Lage ein euphorisches Erlebnis darstellt. Dies entspricht nicht der Realität. Daraus resultieren zum einen zu wiederkehrenden Schuldzuweisungen oder zum anderen zur maßlosen Enttäuschung (Meves/Schirrmacher 2000, S. 40). Mitunter verlangt ein Partner Sexpraktiken, die der Partner nicht unterstützen will. Jedoch ist der konsumierende Partner oft abhängig von den Praktiken um sexuelle Erregung zu verspüren, da er häufig zu ihnen masturbierte (Gottman/Silver 2014, S.100). Die Partnerschaft wird stark beeinträchtigt, wenn Dritte für den Mann als Maßstab eines Schönheitsideals dienen (Meves/Schirrmacher 2000, S. 26.). Erfolgt der Konsum von Pornographie in einem übermäßigen Ausmaß, kann eine emotionale Abkopplung vom Partner die Folge sein. Studien haben gezeigt, dass bei 70% der Paare bei denen ein Partner abhängig von Internetpornographie ist, mindestens auch einer der Beiden ein Desinteresse am gemeinsamen Sexleben entwickelt hat (Gottman/Silver 2014, S.100).

Oft wird der Konsum von Pornographie gegenüber dem Partner geheim gehalten. Dies schafft Distanz zum Partner und reduziert das Vertrauen, wodurch ein vermehrter Pornokonsum gefördert wird. Wie zuvor erwähnt werden bei einem Orgasmus Hormone freigesetzt die Bindung bewirken. Je intensiver der Orgasmus empfunden wird, desto mehr Hormone werden ausgeschüttet. Der Konsument entwickelt eine Bindung zu den Bildern und nicht zu dem Partner. Dadurch wird die erotische Anziehungskraft zum Partner verringert.

Die Inhalte pornographischer Seiten werden zunehmend extremer. Sex wird häufig in Verbindung mit Gewalt und Erniedrigung gegenüber Frauen dargestellt (Gottman/Silver 2014, S.101.). Verschiedene Studien konnten belegen, dass Pornographie unter gewissen Umständen aggressives Verhalten fördert. Es wurde gezeigt, „dass das Anschauen von Gewaltpornographie zu gesteigerten gewalt- bereiten und aggressiven Verhalten gegenüber Frauen führt“ (Meves /Schirr- macher 2000, S. 50). Oft geht es darum Macht und Kontrolle über den Partner auszuüben, um dem Mann sexuelle Befriedigung zu verschaffen. Lässt die Frau erniedrigende Handlungen über sich ergehen, kann das eine Traumatisierung zur Folge haben. Weigert sich die Frau und fühlt sich von den Fantasien des Partners abgestoßen, ist oft eine Entfremdung die Folge. In beiden Fällen ist die Beziehung gefährdet (Gottman/Silver 2014, S.101).

2.2.2 Pornographie und Untreue

Pornographie vermittelt den Gedanken, dass Treue in einer Beziehung überflüssig ist (Meves/Schirrmacher 2000, S. 27). Sie vermittelt zu gewissen Handlungen, die das Fremdgehen eines Partners zur Folge haben können. Internetseiten mit voyeuristischen Inhalten, Chatrooms oder Telefonsex Angebote gehen über bestehende Verbote und Regeln hinaus. So entsteht Kontakt zu professionellen Sexarbeitern oder Menschen in der Umgebung, die gleiche Interessen zeigen (Gottman/Silver 2014, S.101f.). Weiterhin vermittelt Pornographie den Gedanken, dass jede sexuelle Handlung berechtigt ist, wenn eine Person zum ersten Mal getroffen wird. Es wird der Wunsch nach ständigem Partnerwechsel gefördert, die nach bestimmten Kriterien wie in einem Kaufhaus ausgewählt werden (Meves /Schirrmacher 2000, S. 40). Im Folgenden soll schemenhaft ein typischer Weg vom Pornokonsum zum Fremdgehen aufgezeigt werden: Zu Beginn werden Fotos angeschaut und anschließend Videos. Der Konsument sucht Darstellungen, die ihn schnell und intensiv sexuell anregen z.B. ein bestimmtes Alter oder Rollenspiel. Im nächsten Schritt tritt der Konsument über Chatrooms mit Gleichgesinnten in den Kontakt und stellt sich vor diese zu treffen. Letztendlich kommt es zu einem tatsächlichen Treffen und Grenze, für Grenze wird überschritten (Gottman/Silver 2014, S.102). Einige Frauen akzeptieren den Konsum von Pornographie ihrer Männer, da sie die Beziehung erhalten möchten und somit ein Fremdgehen nicht stattfindet.

2.2.3 Genitalisierung der Sexualität

Der Umlauf von pornographischen Artikeln nimmt stetig zu. Die Sex-Shops sind heute darauf ausgerichtet Imitate von Geschlechtsorganen zu verkaufen, die immer und überall einsatzbereit sind. Die Zunahme von pornographischem Material hat erheblich dazu beigetragen, dass sexuelle Phantasien und Wünsche, insbesondere bei Männern, auf die Genitalien fixiert sind (Buddeberg 2005, S.139). Frauen werden in den pornographischen Materialien mit ihrem Verhalten und Erleben so dargestellt, dass sie den ständig sexuell aktiven Mann befriedigen wollen. Sie gelten als Sexualobjekte, die schnell und jederzeit verfügbar sind. Dabei gerät der Mann häufig bewusst oder unbewusst in die Situation, seine Partnerin mit den Schauspielern der Pornofilme zu vergleichen. Dies führt zu unrealistischen Vorstellungen der weiblichen Attraktivität und ihrer Bereitschaft auf Sex (Meves/Schirrmacher 2000, S. 39). Gerät ein Paar in der mittleren Lebens- phase in eine Beziehungskrise, ist ihr Sexualleben häufig von Eintönigkeit be- stimmt. Geschlechtsverkehr findet meist nur einmal in der Woche, vorzugsweise am Wochenende statt. Dabei folgt das Paar einer klaren Rollenverteilung, welches sich jede Woche ohne jegliche Variation wiederholt. Buddeberg (2005, S.139) spricht hier von „koitale Masturbation“, wobei der Mann seine sexuelle Lust schnell auslebt und die Frau sein Handeln duldet. Es geht dabei um eine kurze Begegnung der Geschlechtsorgane, wo Küssen und zärtliche Berührungen keinen Platz haben. Lediglich geht es um das schnelle Eindringen des Gliedes, bis es durch die Bewegung des Mannes zur Ejakulation kommt. Die daraus resultierende Unzufriedenheit der Partner ist somit vorhersehbar (Buddeberg 2005, S.139).

2.3 Außenbeziehungen

Es existieren verschiedene Forschungen zur Häufigkeit von Außenbeziehungen. Levine (1998) ermittelte, dass ein knappes Viertel der amerikanischen Männer und ca. 10 bis 15 Prozent der amerikanischen Frauen zu einem unbestimmten Zeitpunkt in ihrer Ehe, Geschlechtsverkehr mit einem anderen Partner hatten. Eine repräsentative Studie von Michael et al. (1994) ergab, das Paare die verheiratet sind tendenziell seltener als unverheiratete Paare fremdgehen. Bei Männern beinhaltet die Außenbeziehung häufig körperliche Aspekte, wie z.B. Petting und Geschlechtsverkehr. Frauen geben häufiger an Zeit mit der anderen Person verbracht zu haben und dabei eine emotionale Verbundenheit gespürt zu haben. Die europäischen Studien schwanken bei dem Anteil der fremdgehenden Partner in der Ehe zwischen 5 und 15 Prozent. Jedoch gilt es bei den Ergebnissen zu beachten, dass die Studien nicht immer mit Sorgfalt durchgeführt werden. Zeichnet sich die Stichprobe nicht durch Repräsentativität für die gesamte Bevölkerung aus, können die Ergebnisse nicht auf die Allgemeinheit übertragen werden (Luyens/Vansteenwegen 2006, S.33f.).

2.3.1 Funktionen einer Außenbeziehung

Partner, mit denen eine Außenbeziehung eingegangen wird, können verschiedene Funktionen einnehmen. Ist eine Paarbeziehung von häufigen Streitereien und Lügen gekennzeichnet, kann die Außenbeziehung dazu dienen, die Spannungen zu überdecken. Bei Männern mit unsicherer Persönlichkeit kann die Außenbeziehung als Statussymbol gelten, um ihr Selbstwertgefühl aufzuwerten (Buddeberg 2005, S.146f.). Zum Teil werden Menschen den Anforderungen an sich selbst nicht gerecht, lieben sich nicht, tragen eine Leere in sich und fühlen sich durch Seitensprünge aufgewertet, da sie von einem anderen Menschen begehrt werden (Krüger 2010, S.59f.). Leidet ein Partner an der starken Nähe seines Gegenübers, kann eine Affäre dazu dienen, den Partner auf Distanz zu bringen (Buddeberg 2005, S.146f.). Gründe für die Angst vor Nähe liegen z.B. häufig in traumatischen Trennungssituationen in der Kindheit, wie beim Sterben der Mutter oder die Trennung der Eltern. Es besteht eine Angst, erneut enttäuscht zu werden. Der Seitensprung dient dazu, die innere Abhängigkeit zu einem Menschen zu bekämpfen (Krüger 2010, S.69).

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Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Herausforderungen der mittleren Lebensphase. Welche Antworten kennt die Sexual- und Paarberatung auf sexualitätsbezogene Probleme der Paare?
Hochschule
Theologische Hochschule Friedensau
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
33
Katalognummer
V315385
ISBN (eBook)
9783668138261
ISBN (Buch)
9783668138278
Dateigröße
564 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Paarberatung, Sexualberatung
Arbeit zitieren
Udo Brünner (Autor), 2015, Herausforderungen der mittleren Lebensphase. Welche Antworten kennt die Sexual- und Paarberatung auf sexualitätsbezogene Probleme der Paare?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315385

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