Die Autorin zeigt, dass eine Vielzahl okkasioneller Komposita – entgegen der traditionellen Forschungsmeinung – auch ohne Kontextinformationen eindeutig erschließbar sind. Den Faktor, den sie für diese eindeutige Erschließbarkeit annimmt, betrifft die Konvergenz der Konzepte. Konzeptkonvergenz beschreibt sie als ein semantisches Beziehungsverhältnis der Kompositakonstituenten. Dieses Beziehungsverhältnis bildet sich durch rekurrentes Miteinanderauftreten sprachlicher Einheiten in ähnlichen Kontexten heraus.
Traditionell erklärt die Wortbildungsforschung die Präferenz einer bestimmten Interpretation für ein Kompositum in erster Linie mit dem Faktor der Usualisierung. Vereinfacht heißt das: Wird eine sprachliche Einheit in mehreren Gebrauchssituationen immer gleich interpretiert, wird diese Bedeutung mental gespeichert. Zuvor sind diverse Interpretationen durch verschiedene Relationen zwischen den Konstituenten möglich. Die Wortbildungsforschung weist deshalb häufig auf die hohe Diversität der Interpretationen hin, die bei einigen okkasionellen Komposita zu beobachten ist. Eine Vielzahl ähnlich guter Interpretationen für ein Kompositum würde jedoch einen enorm hohen kognitiven Aufwand bedeuten. Eine derart geringe Effizienz spräche daher gegen die sehr hohe Produktivität der Komposition in der deutschen Sprache.
Durch die Differenzierung der Konzepttypen zeigt die Autorin auf, dass Komposita semantisch weit transparenter und effizienter sind, als bisher angenommen.
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 Beobachtungen und Zielsetzung
1.1 Einleitung
1.2 Gegenstand der Arbeit
1.2.1 Präferierte Interpretationen – ein Selbstversuch
1.2.2 Präferierte Interpretationen und Konzeptkonvergenz
1.2.3 Konvergenz und Divergenz der Konzepte
1.3 Zielsetzung und Thesen
1.4 Aufbau der Arbeit
Kapitel 2 Die Analyseeinheit »Kompositum«
2.1 Einleitung
2.2 Konkurrenz zwischen Phrase, Kompositum und Suffix
2.2.1 Kompositum vs. Derivation
2.2.2 Kompositum vs. Phrase
2.3 Eigenschaften des Kompositums
2.3.1 Strukturelle Beschaffenheit der Komposita
2.3.2 Verbindung der Konstituenten
2.3.3 Semantische Beziehungsverhältnisse der Konzepte
2.4 Komposita und ihre mentale Repräsentation
2.4.1 Mentale Repräsentation und Verarbeitung sprachlicher Einheiten
2.4.2 Mentale Repräsentation und Verarbeitung von Komposita
2.4.3 Aufschluss über Wissenstrukturen aus Texten
2.4.4 Kookkurrenzen als Analysetool konzeptueller Konvergenz
2.5 Zusammenfassung
Kapitel 3 Daten und Experimente
3.1 Überblick
3.2 Die These der Konzeptkonvergenz
3.3 Eigenschaften und Generierung der Testitems
3.3.1 Anforderungsprofil der Konstituenten
3.3.2 Anforderungsprofil der Testitems
3.4 Explorative Phase
3.5 Erstes Experiment
3.5.1 Design
3.5.2 Versuchspersonen
3.5.3 Erwartungen
3.5.4 Auswertung und Interpretation der Daten
3.6 Zweites Experiment
3.6.1 Design
3.6.2 Versuchspersonen
3.6.3 Erwartungen
3.6.4 Beobachtungen und Interpretation der Daten
3.7 Drittes Experiment
3.7.1 Design
3.7.2 Versuchspersonen
3.7.3 Erwartungen
3.7.4 Auswertung und Interpretation der Daten
3.8 Diskussion und Zusammenfassung der Ergebnisse
Kapitel 4 Präferierte Interpretationen
4.1 Überblick
4.2 Aspekte der Kompositainterpretation
4.3 Präferenz, Ökonomie und Konvenienz
4.4 PI-Modell
4.4.1 Hinführende Beobachtungen
4.4.2 Modellkomponenten
4.4.3 Konvergente Konzepte
4.4.5 Divergente Konzepte
4.4.6 Konzeptkonvergenz und Effizienz
4.5 Zusammenfassung
Kapitel 5 Zusammenfassung und Ausblick
5.1 Überblick
5.2 Erkenntnisse
5.2.1 Effizienz und Normalwerte
5.2.2 Ineffizienz und Abweichungen vom Normalwert
5.2.3 Rückschlüsse auf Wissensordnungen und das Mentale Lexikon
5.3 Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Faktoren, die zur präferierten Interpretation von okkasionellen Nominalkomposita führen, selbst wenn diese nicht usualisiert sind oder keine Kontextinformationen vorliegen. Dabei wird die These geprüft, dass die „Konzeptkonvergenz“ – das semantische Beziehungsverhältnis der Konstituenten aufgrund ihres rekurrenten Auftretens in ähnlichen Kontexten – eine effiziente Bedeutungserschließung ermöglicht.
- Konzeptkonvergenz vs. Konzeptdivergenz
- Mentale Repräsentation und Verarbeitung von Komposita
- Methoden der Kookkurrenzanalyse zur Untersuchung semantischer Felder
- Entwicklung des „PI-Modells“ für präferierte Interpretationen
- Experimentelle Überprüfung der Interpretationspräferenz
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Präferierte Interpretationen – ein Selbstversuch
Dieser als Konsens geltende Befund der offenbar stets anzunehmenden Kontextabhängigkeit widerspricht der subjektiven Intuition, die im Folgenden an dem Okkasionalismus Ampelmaut illustriert werden soll. Auch ohne Kontextinformationen war die erste und einzige gebildete Interpretation für Ampelmaut ‚an einer Ampel zu zahlenden Mautgebühr‘ plausibel und naheliegend, ohne dass weitere ähnlich plausible Konkurrenzinterpretationen gebildet wurden. Diese Interpretation stimmt mit der Intention des Autors des Artikels überein, wie der Textausschnitt in (1) zeigt.
(1) „Mit einer innerstädtischen Ampelmaut ließen sich bei starkem Berufsverkehr Millionen verdienen, besonders wenn sich auch Fußgänger beteiligen: Wer über die Straße will, muss bezahlen.“ (Quelle: DIE ZEIT Nr. 50/2004 vom 2. Dezember 2004)
Anders, als man laut der gängigen Meinung der Wortbildungsforschung annehmen müsste, kamen in dieser subjektiven Analyse für das Kompositum keine verschiedenen, ähnlich guten Interpretationsmöglichkeiten in Betracht, die miteinander in Konkurrenz stehen. Stattdessen wurde eine präferierte Interpretation ausgebildet, die mit der vom Autor des Artikels intendierten Interpretation übereinstimmt. Das Beispiel Ampelmaut kann somit exemplarisch angeführt werden, um die Argumentation der präferierten Interpretation und die folgenden Untersuchungen zu untermauern.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel 1 Beobachtungen und Zielsetzung: Dieses Kapitel führt in die Problematik der Interpretation von Nominalkomposita ein und postuliert die These, dass Konzeptkonvergenz eine einheitliche Interpretation ermöglicht.
Kapitel 2 Die Analyseeinheit »Kompositum«: Hier werden die linguistischen Grundlagen des Kompositums sowie dessen Abgrenzung zu Phrasen und Derivationen dargelegt, ergänzt durch einen Überblick über mentale Repräsentationsmodelle.
Kapitel 3 Daten und Experimente: Das Kernstück der Arbeit umfasst drei Experimente, in denen Probanden die Bedeutung unbekannter Komposita interpretieren, um die Thesen zu Konzeptkonvergenz und Interpretationspräferenz zu prüfen.
Kapitel 4 Präferierte Interpretationen: Auf Basis der experimentellen Daten wird das „PI-Modell“ hergeleitet, das beschreibt, wie Normalfaktoren wie Primärbedeutung und Primärkontext zur effizienten Verarbeitung beitragen.
Kapitel 5 Zusammenfassung und Ausblick: Das abschließende Kapitel resümiert die Erkenntnisse zur Rolle der Konzeptkonvergenz für die Kognition und skizziert Möglichkeiten für weiterführende Forschung.
Schlüsselwörter
Nominalkomposita, Konzeptkonvergenz, Konzeptdivergenz, Wortbildungsforschung, mentale Repräsentation, Kookkurrenzanalyse, PI-Modell, Sprachökonomie, Semantik, Interpretationspräferenz, Usualisierung, Psycholinguistik, Kontext, Konstruktionsgrammatik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Dissertation erforscht, wie Menschen die Bedeutung von neu gebildeten („okkasionellen“) Nominalkomposita verstehen, obwohl diese oft nicht im Lexikon stehen und kein direkter Kontext vorliegt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Arbeit verknüpft kognitive Linguistik mit korpuslinguistischen Methoden, um die mentale Verarbeitung von Wortbildungen, die Rolle von semantischen Konzeptfeldern und die kognitive Effizienz beim Sprachgebrauch zu analysieren.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den Einfluss der „Konzeptkonvergenz“ nachzuweisen – also die Annahme, dass Komposita einfacher interpretiert werden, wenn ihre Bestandteile aus thematisch eng verwandten Bereichen stammen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin kombiniert theoretische Analysen der Wortbildungsforschung mit einer korpuslinguistischen Kookkurrenzanalyse sowie drei empirischen psycholinguistischen Experimenten (freie Assoziation, Laut-Denken-Protokolle, Skalenbewertung).
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil analysiert, warum bestimmte Komposita wie „Ampelmaut“ intuitiv sofort verstanden werden, während andere wie „Apfelgehör“ zu einer Vielzahl divergierender Interpretationen führen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Konzeptkonvergenz, Konzeptdivergenz, Interpretationspräferenz, Usualisierung, Mentales Lexikon und Sprachökonomie.
Wie unterscheidet sich das PI-Modell von anderen Ansätzen?
Das PI-Modell integriert linguistische Fakten über die Struktur von Komposita mit kognitiven Annahmen über die Vorhersagbarkeit von Bedeutungen (Normalwerte), um zu erklären, wie Kommunikation effizient abläuft.
Welche Rolle spielt die Kookkurrenzanalyse in den Experimenten?
Sie dient als Analysemittel, um objektiv zu messen, ob Konzepte tatsächlich in ähnlichen Kontexten verwendet werden, und liefert damit die empirische Datenbasis zur Überprüfung der These der Konzeptkonvergenz.
Was ist das Hauptergebnis bezüglich des „Neuheitseffekts“?
Die Arbeit stellt fest, dass der oft als „Neuheitseffekt“ bezeichnete Verarbeitungsaufwand bei Komposita stark variiert und von der konzeptuellen Nähe der Bestandteile abhängt, statt nur von der bloßen formalen Neubildung.
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- Constanze Zürn (Author), 2013, Untersuchungen zur Semantik okkasioneller Nominalkomposita, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315486