Untersuchungen zur Semantik okkasioneller Nominalkomposita


Doktorarbeit / Dissertation, 2013

343 Seiten, Note: magna cum laude


Leseprobe

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DANKSAGUNG

Die vorliegende Arbeit entstand im Rahmen der Förderung der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne, an die mein herzlicher Dank geht. Danken möchte ich vor allem für drei bereichernde Jahre mit beeindruckenden Persönlichkeiten in einem interdisziplinären Kontext. Mein Dank für die Ausblicke und Einblicke in andere Disziplinen geht daher an Prof. Dr. Andreas Speer und alle a.r.t.e.s.-Kollegen in „210“.

Für die fachliche Unterstützung gilt mein Dank meinen Betreuerinnen. Prof. Dr. Claudia Maria Riehl danke ich besonders dafür, dass sie immer ein offenes Ohr und einen guten Rat für mich hatte und mich bei der Durchführung der Experimente sehr unterstützt hat. Prof. Dr. Beatrice Primus danke ich für den offenen Dialog und ihre hilfreichen Anregungen. Und Prof. Dr. Elisabeth Löbel danke ich für inspirierende fachliche Gespräche bereits zu meiner Studienzeit an der Universität Stuttgart.

Daneben möchte ich mich bei Dr. Lothar Lemnitzer bedanken, der so freundlich war, mir einige Rohlisten des Projekts „Wortwarte“ zur Verfügung zu stellen. In der ersten Phase der Arbeit waren diese Listen sehr hilfreich für das weitere Vorgehen.

Außerdem geht mein Dank an alle Studentinnen und Studenten der Universität zu Köln und der Universität Stuttgart, die an den Experimenten, die im Rahmen dieser Arbeit durchgeführt wurden, teilgenommen haben.

ABSTRACT

Die vorliegende Arbeit zeigt, dass einige okkasionelle Komposita – entgegen der traditionellen Forschungsmeinung – auch ohne Kontextinformationen eindeutig erschließbar sind. Der Faktor, der für diese eindeutige Erschließbarkeit angenommen wird, ist die Konvergenz der Konzepte. Konzeptkonvergenz beschreibt ein semantisches Beziehungsverhältnis der Kompositakonstituenten. Diese bildet sich durch rekurrentes Miteinanderauftreten sprachlicher Einheiten in ähnlichen Kontexten heraus.

Traditionell erklärt die Wortbildungsforschung die Präferenz einer bestimmten Interpretation für ein Kompositum in erster Linie mit dem Faktor der Usualisierung. Vereinfacht heißt das: Wird eine sprachliche Einheit in mehreren Gebrauchssituationen immer gleich interpretiert, wird diese Bedeutung abgespeichert. Zuvor sind diverse Interpretationen durch verschiedene Relationen zwischen den Konstituenten möglich. Die Wortbildungsforschung weist deshalb häufig auf die hohe Diversität der Interpretationen hin, die bei einigen okkasionellen Komposita zu beobachten ist.

Eine Vielzahl ähnlich guter Interpretationen für ein Kompositum würde jedoch einen enorm hohen kognitiven Aufwand bedeuten. Eine derart geringe Effizienz spräche daher gegen die sehr hohe Produktivität der Komposition in der deutschen Sprache. Leitend für die vorliegende Auseinandersetzung mit dem Wortbildungsmuster der Komposition ist deshalb: Korrespondiert die Transparenz der Struktur nicht mit der Transparenz der Semantik, müssen weitere Faktoren angenommen werden, die der Bedeutungserschließung dienen. Die Arbeit zeigt daher Aspekte auf, die zur Interpretationszuweisung eines Nominalkompositums beitragen.

Im Rahmen der durchgeführten Experimente wurden verschiedene Strategien und grundlegende Faktoren beobachtet, die in Interpretationsprozessen angewendet werden. Die vorliegende Arbeit formuliert auf der Basis dieser Beobachtungen ein Modell der präferierten Interpretationen (= PI-Modell). Dieses Modell veranschaulicht zum einen, warum ein Kompositum mit konvergenten Konzepten eine präferierte Interpretation auslösen kann und zum anderen, warum divergente Konzepte zu einem Dilemma mehrerer gleich guter Interpretationen führen. Dieses Dilemma kann nur durch weitere Faktoren gelöst werden.

Die vorliegende Arbeit stützt einige Beobachtungen der bisherigen Wortbildungsforschung, kann aber durch die Differenzierung der Konzepttypen aufzeigen, dass Komposita semantisch weit transparenter und effizienter sind, als bisher angenommen.

INHALTSVERZEICHNIS

Kapitel 1 Beobachtungen und Zielsetzung ... 1
1.1 Einleitung ... 1
1.2 Gegenstand der Arbeit ... 2
1.2.1 Präferierte Interpretationen – ein Selbstversuch ... 3
1.2.2 Präferierte Interpretationen und Konzeptkonvergenz ... 5
1.2.3 Konvergenz und Divergenz der Konzepte ... 9
1.3 Zielsetzung und Thesen ... 11
1.4 Aufbau der Arbeit ... 16

Kapitel 2 Die Analyseeinheit »Kompositum« ... 17
2.1 Einleitung ... 17
2.2 Konkurrenz zwischen Phrase, Kompositum und Suffix ... 18
2.2.1 Kompositum vs. Derivation ... 22
2.2.2 Kompositum vs. Phrase ... 26
2.3 Im Fokus: Eigenschaften des Kompositums ... 28
2.3.1 Strukturelle Beschaffenheit der Komposita ... 29
2.3.2 Verbindung der Konstituenten ... 38
2.3.3 Semantische Beziehungsverhältnisse der Konzepte ... 42
2.4 Komposita und ihre mentale Repräsentation ... 43
2.4.1 Mentale Repräsentation und Verarbeitung sprachlicher Einheiten ... 43
2.4.2 Mentale Repräsentation und Verarbeitung von Komposita ... 52
2.4.3 Aufschluss über Wissenstrukturen aus Texten ... 55
2.4.4 Kookkurrenzen als Analysetool konzeptueller Konvergenz ... 57
2.5 Zusammenfassung ... 65

Kapitel 3 Daten und Experimente ... 66
3.1 Überblick ... 66
3.2 Die These der Konzeptkonvergenz ... 67
3.3 Eigenschaften und Generierung der Testitems ... 69
3.3.1 Anforderungsprofil der Konstituenten ... 69
3.3.2 Anforderungsprofil der Testitems ... 73
3.4 Explorative Phase ... 76
3.5 Erstes Experiment ... 77
3.5.1 Design ... 77
3.5.2 Versuchspersonen ... 78
3.5.3 Erwartungen ... 78
3.5.4 Auswertung und Interpretation der Daten ... 78
3.6 Zweites Experiment ... 85
3.6.1 Design ... 86
3.6.2 Versuchspersonen ... 86
3.6.3 Erwartungen ... 86
3.6.4 Beobachtungen und Interpretation der Daten ... 87
3.7 Drittes Experiment ... 96
3.7.1 Design ... 96
3.7.2 Versuchspersonen ... 97
3.7.3 Erwartungen ... 97
3.7.4 Auswertung und Interpretation der Daten ... 97
3.8 Diskussion und Zusammenfassung der Ergebnisse ... 104

Kapitel 4 Präferierte Interpretationen ... 108
4.1 Überblick ... 108
4.2 Aspekte der Kompositainterpretation ... 109
4.3 Präferenz, Ökonomie und Konvenienz ... 113
4.4 PI-Modell ... 116
4.4.1 Hinführende Beobachtungen ... 117
4.4.2 Modellkomponenten ... 118
4.4.3 Konvergente Konzepte ... 121
4.4.5 Divergente Konzepte ... 123
4.4.6 Konzeptkonvergenz und Effizienz ... 125
4.5 Zusammenfassung ... 126

Kapitel 5 Zusammenfassung und Ausblick ... 128
5.1 Überblick ... 128
5.2 Erkenntnisse ... 130
5.2.1 Effizienz und Normalwerte ... 131
5.2.2 Ineffizienz und Abweichungen vom Normalwert ... 132
5.2.3 Rückschlüsse auf Wissensordnungen und das Mentale Lexikon ... 133
5.3 Ausblick ... 135

Anhang ... 137

A Experiment Ex.001 ... 137
A.1 Ergebnisse für Typ 1-Komposita ... 139
A.2 Ergebnisse für Typ 2-Komposita ... 144

B Experiment Ex.002 ... 154
B.1 Ergebnisse für Typ 1-Komposita ... 154
B.2 Ergebnisse für Typ 2-Komposita ... 201

C Experiment Ex.003 ... 276
C.1 Ergebnisse für Typ 1-Komposita ... 278
C.2 Ergebnisse für Typ 2-Komposita ... 290
C.3 Ergebnisse für usualisierte Komposita ... 310

D Item-Pool ... 318

Literaturverzeichnis ... 319

Analysequellen ... 330

Bildnachweise ... 331

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

Grafiken

Grafik 1: Subkategorien zu ‚Besteck’ ... 1
Grafik 2: Semantische Rollen und Relationen der aufgeführten ‚Besteck’-Beispiele ... 2
Grafik 3: Straßenverkehr als Oberthema von Ampel und Maut ... 5
Grafik 4: Ausbleiben eines Oberthemas für Apfel und Gehör ... 5
Grafik 5: Konzeptkonvergenz ... 6
Grafik 6: Konzeptdivergenz ... 6
Grafik 7: Kontinuum semantischer Konkretheit ... 10
Grafik 8: Typisierung durch den Faktor des semantischen Beziehungsverhältnisses ... 11
Grafik 9: Kontinuum der semantischen Beziehungsverhältnisse ... 11
Grafik 10: Kontinuum des semantischen Beziehungsverhältnisses ... 12
Grafik 11: Strukturelle Realisierungsoptionen gleichen oder ähnlichen Inhalts ... 17
Grafik 12: Strukturelle Konkurrenzbildungen ... 18
Grafik 13: Strukturelle Konkurrenzbildungen ... 19
Grafik 14: Konkurrenzbildung zu ‚Dampfschiff’ ... 20
Grafik 15: Semantische Explizitheit vs. strukturelle Ökonomie ... 21
Grafik 16: Faktor der semantischen Vagheit am Beispiel ‚Sprechmaschine’ vs. ‚Sprecher’ ... 22
Grafik 17: Konkrete Einheiten stehen nicht mit Suffixen in Konkurrenz ... 22
Grafik 18: Mögliche Benennungen für ‚Kassentrenner’ ... 23
Grafik 19: Accessibility Marking Scale (verkürzt) nach ARIEL (1990: 72) ... 27
Grafik 20: Anteil der Nominalkomposita der Stichprobe ... 30
Grafik 21: Verteilung der Nominalkompositaarten der Stichprobe ... 31
Grafik 22: Unterschiedliche Benennung bei selber Referenzzuweisung ... 33
Grafik 23: Token-Frequenz okkasioneller Nominalkomposita ... 34
Grafik 24: Abstufungen des Neuheitsgrades ... 36
Grafik 25: Semantische Relationen nach LEVI (1978) ... 41
Grafik 26: Lexikoneinheiten mit drei grammatischen Merkmalen ... 45
Grafik 27: Form-Bedeutungspaare zwischen Grammatik und Lexikon ... 46
Grafik 28: Assoziationsmuster nach AITCHISON (2012) mit eigenen Beispielen ... 47
Grafik 29: Konvergenz über Kookkurrenzbrücken erster und zweiter Ordnung ... 58
Grafik 30: Kookkurrenzbrücke erster Ordnung für Ampel und Maut ... 60
Grafik 31: Kookkurrenzbrücken erster und zweiter Ordnung für Ampel und Maut (Kookkurrenz- Auswahl) ... 60
Grafik 32: Keine Kookkurrenzbrücken bei Apfel und Gehör ... 63
Grafik 33: Geringfügige Überschneidungen der Kookkurrenzen zweiter Ordnung bei Apfel und Gehör ... 63
Grafik 34: Methodenpluralität der Experimente ... 66
Grafik 35: Systematisierung nominaler Einheiten nach MOTSCH (2004: 322) ... 70
Grafik 36: Anforderungsprofil der Testitems ... 73
Grafik 37: Fokus der untersuchten Komposita ... 109
Grafik 38: Komponenten zur Generierung der Ausdrucksbedeutung von Komposita ... 110
Grafik 39: Faktoren der Interpretationspräferenz ... 111
Grafik 40: Konzeptverbindungsstrategien ... 116
Grafik 41: PI-Modell: Konzeptverbindungstypen ... 118
Grafik 42: PI-Modell: Konzeptverbindungsstrategien ... 119
Grafik 43: PI-Modell: Normalfaktoren ... 120
Grafik 44: PI-Modell: Vergleichsmatrix für Typ 1-Komposita ... 121
Grafik 45: PI-Modell: Vergleichsmatrix für Typ 2-Komposita ... 123
Grafik 46: Semantische Verknüpfung über Kontextkonstanten ... 129
Grafik 47: Semantisches Beziehungsverhältnis als Faktor der Interpretationspräferenz ... 135

Abbildungen:

Abbildung 1: Ex.001 – Durchschnittswerte ... 79
Abbildung 2: Ex.001 – Typ 1-Kompoista ... 79
Abbildung 3: Ex.001 – Typ 2-Komposita ... 81
Abbildung 4: Ex.001 – Konzeptverbindungsstrategien ... 84

Tabellen:

Tabelle 1: Kookkurrenzprofile für Ampel und Maut inkl. der jeweiligen LLR-Werte ... 59
Tabelle 2: Übersicht der Kookkurrenzbrücken zweiter Ordnung für Ampel und Maut ... 61
Tabelle 3: Kookkurrenzprofile für Apfel und Gehör inkl. der jeweiligen LLR-Werte ... 62
Tabelle 4: Keine Kookkurrenzenbrücken zweiter Ordnung für Apfel und Gehör ... 64
Tabelle 5: Generierung der Typ 1-Items: Kookkurrenzen von Eichhörnchen und Fichte inkl. jeweiligem LLR-Wert ... 74
Tabelle 6: Generierung der Typ 2-Items: Kookkurrenzen von Kellner und Palme inkl. jeweiligem LLR-Wert ... 75
Tabelle 7: Ex.003 – Test der Homogenität der Varianzen für Typ 1-Items ... 98
Tabelle 8: Ex.003 – einfaktorielle ANOVA für Typ 1-Items ... 98
Tabelle 9: Ex.003 – beste Interpretationen für Eichhörnchentanne, Gänseblümchenhummel und Lamettatanne ... 99
Tabelle 10: Ex.003 – Konzeptverknüpfungsstrategien bei Typ 1-Items ... 100
Tabelle 11: Ex.003 – Test der Homogenität der Varianzen für Typ 2-Items ... 100
Tabelle 12: Ex.003 – einfaktorielle ANOVA für Typ 2-Items ... 101
Tabelle 13: Ex.003 – Ergebnisse Typ 2-Komposita ... 101
Tabelle 14: Ex.003 – Test zur Homogenität der Varianzen für Kontroll-Items ... 102
Tabelle 15: Ex.003 – einfaktorielle ANOVA für Kontroll-Items ... 102
Tabelle 16: Ex.003 – Test der Homogenität der Varianzen aller drei Item-Typen ... 103
Tabelle 17: Ex.003 – einfaktorielle ANOVA für alle drei Item-Typen ... 103
Tabelle 18: Ex.003 – Bonferroni Mehrfachvergleiche für alle drei Item-Typen ... 103

ABBKÜRZUNGSVERZEICHNIS

?? ... Sehr geringe Akzeptabilität
* ... Signifikanter Wert
Ahd. ... Althochdeutsch, bezeichnet die Zeitspanne zwischen 750 bis 1050 n. Chr.
AP ... Ampelpolizist, Typ 1-Item
AP ... Apothekertulpe, Typ 2-Item
BB ... Baguettebiber, Typ 2-Item
BS ... Brokkolischaf, Typ 2-Item
df1 ... Zählerfreiheitsgrade
df2 ... Nennerfreiheitsgrade
EF ... Eichhörnchenfichte, Typ 1-Item
EG ... Eiscremegiraffe, Typ 2-Item
EÜ ... Eigenschaftsübertragung (Konzeptverbindungsstrategie)
Ex.001 ... Erstes Experiment
Ex.002 ... Zweites Experiment
Ex.003 ... Drittes Experiment
FK ... Flamingokabel, Typ 2-Item
Fnhd. ... Frühneuhochdeutsch, bezeichnet die Zeitspanne zwischen 1350 bis 1650 n. Chr.
GF ... Glühwürmchenfackel, Typ 1-Item
GH ... Gänseblümchenhummel, Typ 1-Item
KA ... Konzeptanpassung (Konzeptverbindungsstrategie)
KK ... Kekskabel, Typ 2-Item
KP ... Kellnerpalme, Typ 2-Item
KS ... Keksschultüte, Typ 1-Item
LD-Protokoll ... Laut-Denken-Protokoll
LLR-Wert ... Log Likelihood Ratio, Einheit zur Bezeichnung der Kookkurrenzstärke
LT ... Lamettatanne, Typ 1-Item
MW ... Mittelwert
N ... Größe der Grundgesamtheit
Nhd. ... Neuhochdeutsch, bezeichnet die Zeitspanne ab 1650 n. Chr.
p ... Wahrscheinlichkeit
PA ... Placeboapotheker, Typ 1-Item
PF ... Paprikaflamingo, Typ 2-Item
PI ... Präferierte Interpretationen
PP ... Pinguinpopcorn, Typ 2-Item
RL ... Relationale Verlinkung (Konzeptverbindungsstrategie)
SB ... Solariumbikini, Typ 1-Item
SD ... Standardabweichung
SK ... Strohhalmkokosnuss, Typ 1-Item
SL ... Schnittlauchlametta, Typ 2-Item
SS ... Seegrasschnorchel, Typ 1-Item
Typ 1-Items ... Okkasionelle Komposita mit konvergenten Konzepten
Typ 2-Items ... Okkasionelle Komposita mit divergenten Konzepten

KAPITEL 1 BEOBACHTUNGEN UND ZIELSETZUNG

1.1 Einleitung

Nominale Komposita gehören zu den produktiv gebildeten komplexen Strukturen der deutschen Sprache. Komposita werden verwendet, um zu benennen, zu präzisieren, zusammenzufassen und hinzuweisen. Doch trotz des relativ häufigen Vorkommens in der deutschen Sprache ist das Kompositum diejenige Konstruktion, die in der Wortbildungsforschung die meisten Fragen aufwirft: Strukturell ist der Wortbildungstyp in den meisten Fällen zwar transparent, jedoch weisen die Interpretationen häufig keine Einheitlichkeit auf.

Ein Beispiel: Obwohl Silberbesteck, Fischbesteck oder Kinderbesteck über die Kopfkonstituente Besteck verfügen, bilden sie eine jeweils voneinander abweichende Relation und damit einhergehend eine unterschiedliche Bedeutung bzw. Interpretation aus.

Grafik 1: Subkategorien zu ‚Besteck’

Silberbesteck ist eine Art Besteck, das hinsichtlich seiner Materialität und Farbe spezifiziert ist, Fischbesteck hinsichtlich seiner Gebrauchsweise, also als Besteck, das für das Essen von Fischspeisen geeignet ist und Kinderbesteck ist hinsichtlich des Agens spezifiziert, das üblicherweise jenes Besteck verwendet.

Grafik 2: Semantische Rollen und Relationen der aufgeführten ‚Besteck’-Beispiele

Trotz der gemeinsamen Einheit Besteck lassen sich also keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Interpretation und Bedeutung der Gesamtkonstruktion ziehen. Die Wortbildungsforschung weist auf diese Diversität der möglichen Interpretationen der Kompositakonstruktionen hin (siehe u.a. HERINGER 1984) und beklagt, dass dieses hochproduktive Wortbildungsmuster des Deutschen zwar eine formale Transparenz aufweise, jedoch keine semantische Transparenz aufzeige (WILLEMS 2001: 150). Eine derart geringe Effizienz hinsichtlich der Rezeption (und auch der Produktion) spräche jedoch erheblich gegen die hohe Produktivität des Wortbildungsmusters.

Der leitende Gedankengang der vorliegenden Auseinandersetzung mit Kompositastrukturen lautet demnach: Korrespondiert die Transparenz der Struktur nicht mit der Transparenz der Semantik, muss ein weiterer Faktor angenommen werden, der über die strukturelle Beschaffenheit und die konstituentenverbindende Relation hinausgeht.

Die vorliegende Arbeit hat daher das Ziel aufzuzeigen, dass einige Kompositastrukturen ad hoc interpretiert werden können – und zwar auch dann, wenn sie nicht usualisiert sind und keine Kontextdaten zur Verfügung stehen. Hierfür wird ein Einflussfaktor angenommen, der im Folgenden »Konzeptkonvergenz« genannt wird.

1.2 Gegenstand der Arbeit

Die These der Konzeptkonvergenz resultiert aus der Beobachtung, dass einige neugebildete Komposita einheitlich – auch ohne einen Kontext, der zur Interpretationsgenerierung herangezogen werden könnte – interpretiert werden. Diese Beobachtung wurde in einem Selbstversuch mithilfe der Neologismensammlung ‚Wortwarte’1 untermauert: Während für einige Einheiten ad hoc eine eindeutige Interpretation möglich war, waren für andere Einheiten das Zurateziehen des jeweiligen Kontextes notwendig, um eine Interpretation eindeutig festzulegen.

Dieser Beobachtung schließt sich die Fragestellung an, die dieser Arbeit zugrunde liegt: Warum können manche Komposita ‚besser’ und ‚eindeutiger’ auch ohne einen Kontext interpretiert werden als andere?

Die traditionelle Wortbildungsforschung kann zur Beantwortung dieser Frage kaum helfen. Der Tenor der Standardwerke besagt, dass eine einheitliche und infolgedessen bessere oder eindeutigere Interpretation erst dann anzunehmen sei, wenn ein okkasionelles2 Kompositum in einen Kontext eingebettet wird. So schreibt HERINGER, dass viele Komposita „durch ihren Kontextbezug so voraussetzungs- und assoziationsgeladen“ seien, dass sie „außerhalb ihres Kontextes geradezu abgelehnt werden, zumindest aber, daß gewisse Deutungen ausgeschlossen werden“ (HERINGER 1984: 10). Auch nach GLÜCK folgen Neubildungen zwar den Wortbildungsregeln, seien jedoch nur aus der Situation heraus verständlich (GLÜCK 2005: 210). Nicht nur für deutsche Okkasionalismen wird dieser Sachverhalt nahegelegt, sondern auch für das Englische. So schreibt bspw. DOWNING: „Certain compounds [...] are usable only in the presence of substantial contextual support” (DOWNING 1977: 822). Aufgrund dessen seien Komposita trotz ihrer hohen Bildungs- und Erscheinungsfrequenz der Wortbildungstyp, der am meisten Fragen aufwerfe, denn „[...] obwohl die Komposition an [struktureller] Durchsichtigkeit nichts zu wünschen übrig lässt, nehmen [semantische] Transparenz und Vorhersagbarkeit offenbar doch proportional ab“ (WILLEMS 2001: 150). Daher wird häufig mithilfe von Usualisierungs- und Lexikalisierungsprozessen die Verfestigung der Bedeutung eines Kompositums im mentalen Lexikon beschrieben. Sind diese Verfestigungsprozesse noch nicht weit vorangeschritten, sei die Beziehung der beiden Konstituenten eines Kompositums offenbar nur mittels Kontextinformationen festlegbar. Eine transparente Bedeutung und eine damit einhergehende einheitliche Bedeutungsfindung scheint nur bei jenen nicht-usualisierten Komposita – vornehmlich Rektions- und Kopulativkomposita – gegeben zu sein, die eine Art strukturelle Interpretationshilfe mitliefern (LIEBER 2009: 89 ff., MOTSCH 2004: 293). So bildeten bei Rektionskomposita die „Glieder eines Kompositums [...] selbst die Grundlage für die Interpretation des Kompositums“ (MOTSCH 2004: 393), wenn eines der Konstituenten eine Argumentationsstelle der semantischen Repräsentation der Partnerkonstituente besetze. Eine einheitliche Bedeutung der Determinativkomposita hingegen werde erst durch eine frequente Verwendung herausgebildet, okkasionelle Bildungen seien bis zu ihrer Usualisierung meist kontextabhängig.

1.2.1 Präferierte Interpretationen – ein Selbstversuch

Dieser als Konsens geltende Befund der offenbar stets anzunehmenden Kontextabhängigkeit widerspricht der subjektiven Intuition, die im Folgenden an dem Okkasionalismus Ampelmaut illustriert werden soll. Auch ohne Kontextinformationen war die erste und einzige gebildete Interpretation für Ampelmaut ‚an einer Ampel zu zahlenden Mautgebühr‘ plausibel und naheliegend, ohne dass weitere ähnlich plausible Konkurrenzinterpretationen gebildet wurden. Diese Interpretation stimmt mit der Intention des Autors des Artikels überein, wie der Textausschnitt in (1) zeigt.

(1) „Mit einer innerstädtischen Ampelmaut ließen sich bei starkem Berufsverkehr Millionen verdienen, besonders wenn sich auch Fußgänger beteiligen: Wer über die Straße will, muss bezahlen.“
(Quelle: DIE ZEIT Nr. 50/2004 vom 2. Dezember 2004)

Anders, als man laut der gängigen Meinung der Wortbildungsforschung annehmen müsste, kamen in dieser subjektiven Analyse für das Kompositum keine verschiedenen, ähnlich guten Interpretationsmöglichkeiten in Betracht, die miteinander in Konkurrenz stehen. Stattdessen wurde eine präferierte Interpretation ausgebildet, die mit der vom Autor des Artikels intendierten Interpretation übereinstimmt. Das Beispiel Ampelmaut kann somit exemplarisch angeführt werden, um die Argumentation der präferierten Interpretation und die folgenden Untersuchungen zu untermauern.

Jedoch zeigten bereits die oben angeführten Beispiele, dass die Problematik der diversen Relationen, die zum oben dargelegten Tenor der Wortbildungsforschung führte, nicht gänzlich von der Hand zu weisen ist. Eine weitere subjektive Analyse hinsichtlich der Interpretationsfindung wurde für das Kompositum Apfelgehör durchgeführt. Anders als für das Kompositum Ampelmaut, konnten für Apfelgehör einige Parallelinterpretationen gebildet werden, ohne eine klare Präferenz für eine der Bedeutungsmöglichkeiten festzulegen. Gleichzeitig zeigten die ad hoc formulierten Paraphrasierungen von ‚Apfel, der hören kann‘ bis ‚Gehörgang, der an die Form eines Apfels erinnert‘ über ‚die Fähigkeit eines besonders entwickelten Gehörs, sichdurch- Äpfel-fressende Würmer zu hören und ungenießbare Äpfel zu enttarnen‘ eine Vielzahl an Interpretationen, die nicht auf eine einheitliche Relation oder Bedeutungsmuster zurückzuführen sind. Die tatsächliche Interpretation des Kolumnentextes, aus dem das Kompositum stammt, beabsichtigt eine andere:

(2) „Testen Sie Ihr absolutes Apfelgehör [...]. Hier können Sie ausprobieren, ob man vom Klang eines Apfels beim Reinbeißen auf die Sorte schließen kann. Machen Sie den Apfel-Hörtest.“
(Quelle: SPIEGEL ONLINE, aus der Kolumne ‚Werners Essecke’ vom 20. August 2007)

Anders als Ampelmaut, zeigt der Okkasionalismus Apfelgehör mehrere mögliche Interpretationen in einer hohen Diversität ohne eine Präferenzausbildung. In dieser kurzen Analyse zeigt sich, dass mit dem Beispiel Apfelgehör der Konsens der Wortbildungsforschung untermauert wird, mit dem Beispiel Ampelmaut hingegen nicht.

Die im Folgenden zu klärende Frage lautet daher: War die intuitiv „richtige“ (also die ad hoc und intuitiv wie vom Autor des Artikels intendierte) und einzig plausible Interpretation für das Kompositum Ampelmaut nur zufällig? Aufgrund einer GOOGLE-Suche mit acht Treffern für das Kompositum kann zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, dass Ampelmaut über einen hohen Bekanntheitswert verfügt. Somit liegt keine usualisierte oder lexikalisierte Einheit vor. Das Kompositum wurde folglich nicht aufgrund der Usualität der Konstruktion übereinstimmend mit der Autorintention interpretiert. Was ist es aber dann, was eine intuitiv „richtige“ Interpretation für Ampelmaut ermöglichte, während diese für Apfelgehör nicht gelang?

1.2.2 Präferierte Interpretationen und Konzeptkonvergenz

Auffällig – und für die folgende Auseinandersetzung leitend – ist die Feststellung, dass die Konstituenten von Ampelmaut einem gemeinsamen Feld, Thema oder Kontext zugeordnet werden können: Ampel und Maut lassen sich intuitiv zu einem Oberthema Straßenverkehr einordnen.

Grafik 3: Straßenverkehr als Oberthema von Ampel und Maut, Bildequellen: alle Wikimedia Commons Eine Zuordnung unter einem gemeinsamen Oberthema ist für Apfel und Gehör hingegen nicht möglich.

Grafik 4: Ausbleiben eines Oberthemas für Apfel und Gehör, Bildquellen: Wikimedia Commons, Flickr

Daraus folgt die Annahme, dass die Möglichkeit der semantischen Subsumierung der Kompositakonstituenten zu einer gemeinsamen übergeordneten Themas bzw. einer abstrakteren Ebene als ein Einflussfaktor hinsichtlich der Interpretationsfindung eines dem Rezipienten unbekannten Kompositums zu werten ist. Dieser Einflussfaktor wird in der vorliegenden Arbeit als »Konzeptkonvergenz« bezeichnet.

Auf der Grundlage dieser Beobachtung werden zwei Kompositatypen postuliert: Ein Typus, dessen Konzepte sich konvergent zueinander verhalten sowie ein weiterer Typus, dessen Konzepte sich divergent zueinander verhalten. Es wird angenommen, dass der erste Typus präferierte Interpretationen ausbildet.

Grafik 5: Konzeptkonvergenz

Komposita, die das Merkmal der Konzeptdivergenz aufweisen, entsprechen hingegen dem Tenor der Wortbildungsforschung, der besagt, dass die Relation von Komposita nicht inhärent auf der Grundlage der Struktur und/oder der Bedeutung der Konstituenten abzuleiten und eine einheitliche Interpretation zu generieren ist. Daraus ergibt sich die These, dass Komposita mit divergenten Konzepten, die innerhalb einer Kompositastruktur zueinander treten, keine präferierte Interpretation ausbilden.

Grafik 6: Konzeptdivergenz

Vor allem nominale Komposita mit divergenten Konzepten scheinen im Rahmen der Wortbildungsforschung vornehmlich in den Fokus gesetzt zu werden und prägen so die Analysen, die die Eigenschaft der Interpretationsdiversität von Kompositakonstruktionen herausstellen. Ob und inwiefern der Tenor der Wortbildungsforschung auf einer zu einseitigen Fokussierung der Analyseeinheiten beruht, wird eine weitere Frage der vorliegenden Arbeit sein.

Mithilfe der Beispiele Ampelmaut und Apfelgehör konnten zwei Extreme hinsichtlich der Interpretation von Kompositastrukturen aufgezeigt werden: Komposita, die eine präferierte Interpretation ausbilden, die mit der vom Sender intendierten Interpretation korrespondiert sowie Komposita, die eine Vielzahl an möglichen Interpretationen zulassen.

Konzeptkonvergenz kann als ein wichtiger einflussnehmender Faktor gelten, um eine präferierte Interpretation auszubilden. Es wird angenommen, dass diese der Effizienz des kognitiven Verarbeitungsaufwands zugutekommt. Eine Einheitlichkeit hinsichtlich der möglichen Relationen dient ebenfalls einer effizienten Verarbeitung. Eine weitere Frage, die für das Vorgehen geklärt werden muss, ist daher, inwiefern verschiedene Relationen mit der Divergenz der Konzepte in Zusammenhang stehen oder ob dies zwei verschiedene Erscheinungsformen eines Phänomens sind, die sich hier überschneiden. Im Folgenden gilt es zu analysieren, ob diese Diversität der möglichen Relationen als Folge konzeptueller Divergenz anzusehen ist sowie, ob und inwiefern Konzeptkonvergenz ein Faktor für eine einheitlichere Interpretation von Komposita ist.

Das Kompositum ist jener Wortbildungstyp, der im Vergleich zu anderen Wortbildungsmöglichkeiten eine breitere Diversität der möglichen Relationen zwischen den Konstituenten aufweist und daraus resultierend eine Diversität der verschiedenen möglichen Interpretationen ausbildet. Hierin unterscheidet sich die Komposition von einem ähnlich häufig angewendeten Wortbildungsmechanismus, der Derivation. Die Derivation gibt in ihrer Reihenbildung einen relativ festgelegten Aufschluss auf die Interpretation. Ein Beispiel: Die Suffigierung mit dem Suffix -lich wie in freundlich oder königlich folgt dem Schema ‚nach Art von x/wie ein x‘ und kann als freundlich ‚wie ein Freund‘ oder königlich ‚nach Art des Königs‘ paraphrasiert werden (NÜBLING ET AL. 2013: 73). Für Suffigierungen findet sich folglich jene Eigenschaft, die bei Kompositabildungen nicht festzustellen ist: Das Suffix -lich lässt einen Rückschluss auf die Interpretation zu, während bei dem eingangs aufgeführten Beispiel der ‚Besteck’-Komposita der Kopf der Kompositakonstruktion -besteck keine einheitliche Interpretation aufzeigt, die ausschließlich von Besteck abgeleitet werden kann.

Jedoch waren es Kompositastrukturen, die zur Herausbildung von Affixen führten. Diachron betrachtet, wandelten sich Suffixe zu gebundenen Elementen, die einst freistehend waren und sich durch Analogiebildung in verfestigten Kompositastrukturen zu gebundenen Affixen herausbildeten (siehe u.a. PAUL 1880). Dieser diachrone Prozess, der Affixe herausbildet, kann synchron durch Elemente verdeutlicht werden, die einen Zwischenstatus darstellen. Das »Affixoid« Bombe(n)- wie in Bombenwetter oder Bombenstimmung zeigt, dass es hier als verstärkendes Element mit der Semantik des freistehenden Pendants Bombe kaum mehr Übereinstimmungen hat. Diachrone Betrachtungen der Entstehungsgeschichte eines Affixes zeigen gleichfalls dieses semantische Ausbleichen, das mit der Stellung in einer komplexen Konstruktion und der Herausbildung einer gebundenen Einheit einhergeht. So wandelte sich bspw. das ahd. lih ‘Körper, Gestalt’ zum nhd. Affix -lich ‘nach Art von x/wie ein x‘ in Verbindung mit einer nominalen Basis (NÜBLING ET AL. 2013: 74). Aus solchen Beobachtungen folgt die Feststellung von DRESSLER (2008: 23): „[...] if a language has inflection, it also has derivation and compounding, and if a language has derivation, it also has compounding, but not vice versa“. Die Kompositabildung ist als Vorläuferkonstruktion notwendig, um Affixe auszubilden. Damit Suffixe herausgebildet werden können, ist eine relativ einheitliche Semantik der Kopfkonstituente und gleichfalls der Relation notwendig (PAUL 1880: 347), um hieraus ein Suffix3 wie -lich auszubilden. Für die diachrone Wortbildungsforschung resultiert hieraus, dass lediglich Kopfkonstituenten, die eine einheitliche Relation in einer Gesamtkonstruktion aufweisen, als Ausgangskonstruktion infrage kommen.

Es muss folglich Kompositakonstruktionen geben, die über verhältnismäßig gleichbleibende Relationen verfügen bzw. verfügt haben, da nur so ein Affix ausgebildet werden kann. Dem gegenüber steht die in der Literatur häufig benannte Feststellung, dass Kompositabildungen über eine Vielfalt an möglichen Relationen verfügen, durch welche die beiden innerhalb eines Kompositums in Verbindung gesetzten Elemente verknüpft werden können. Anschaulich wird dies an HERINGERs (1984: 4) prominentem Beispiel Fischfrau, für das er zwölf verschiedene Interpretationsmöglichkeiten wie beispielsweise ‚Meerjungfrau‘, ‚Frau, die Fische verkauft‘, ‚Frau mit dem Sternzeichen Fisch‘ oder ‚unterkühlte Frau‘ aufzählt.

Um dieser Diversität der möglichen Relationen auf den Grund zu gehen, könnte ähnlich wie für die Affixforschung ein Blick in die diachrone Wortbildungsforschung hilfreich sein. Die diachrone Forschung unterscheidet zwei verschiedene Typen der Komposita, »eigentliche Komposita« und »uneigentliche Komposita« (GRIMM 1878). Im Ahd. kommt das Erstglied eines Kompositums als reines Stammmorphem vor, das aus einer lexikalischen Wurzel und einem stammbildenden Affix besteht. So enthält bspw. das Erstglied taga- in taga+liocht ‚Tageslicht‘ die lexikalische Wurzel tag- ‚Tag‘ und das stammbildende Suffix -a. Stammbildende Suffixe wie -a füllen im Ahd. die sog. Kompositionsfuge, die zwischen zwei Kompositionsglieder auftritt. Diese werden jedoch bereits im Ahd. teilweise abgebaut, sodass ein einfacher nominaler Stamm wie in berg+fugeli ‚Bergvöglein‘ (GRÖGER 1911) möglich ist. GRIMM (1878) bezeichnet diese Art als »eigentliche Komposita«, da jenes Erstglied keine Flexionsendung enthält. Auf dem Weg zum Mhd. werden die ahd. Fugenvokale zentralisiert und schließlich getilgt, wie das folgende Beispiel aufzeigt: ahd. bota+scaf > mhd. bote+schaft > nhd. bot+schaft ‚Botschaft‘ (NÜBLING ET AL. 2013: 89). Daneben treten im Ahd. und Mhd. vereinzelt Komposita auf, deren erste Konstituente eine Genitivform aufweist. Diese Konstituenten entstehen aus einer syntaktischen Verbindung, in der ein Genitivattribut einem Nomen vorangeht. Da sie durch die Genitivform eine Flexionsendung aufweisen, werden sie als »uneigentliche Komposita« bezeichnet (GRIMM 1878). So existiert bereits im Ahd. neben dem eigentlichen Kompositum taglioht auch ein uneigentliches Kompositum tages lioht > tageslioht ‚Tageslicht‘. Durch einen syntaktischen Wandel im Fnhd. wird die Position der Genitivattribute wesentlich verändert: Stehen im Ahd. und im Mhd. diese Attribute vor dem Bezugsnomen wie in tages lioht, treten sie im Fnhd. hinter das Bezugsnomen wie im nhd. das Licht des Tages. Im Zuge dieses syntaktischen Wandels werden die festen syntaktischen Verbindungen als Komposita reanalysiert und durch Analogiebildung weiter ausgebaut (NÜBLING ET AL. 2013: 89 f.). Der Blick in die diachrone Wortbildungsforschung zeigt folglich zwei verschiedene Typen von Komposita auf. Doch sind diese beiden Typen ausschlaggebend für die Beobachtung, dass Komposita in der Lage sind, diverse Relationen zwischen den beiden Konstituenten eines Kompositums auszubilden?

Zunächst zeigt diese Entwicklung vormals zweier Parallelkonstruktionen lediglich die Herausbildung eines Wortbildungsmusters auf, das weniger beschränkt ist und so freier in der Zusammensetzung zweier Konstituenten agieren kann. Die heutige Kompositionsfreudigkeit des Deutschen sei laut NÜBLING folglich durch den syntaktischen Wandel im Fnhd. zu erklären (NÜBLING ET AL. 2013: 89). Der Blick in die Diachronie zeigt somit in erster Linie die Herausbildung einer produktiven Struktur auf, während sie hinsichtlich der Semantik, also der Relation zwischen den miteinander in Verbindung gesetzten Elementen, kaum Aufschluss bietet. Hinsichtlich der Semantik der Kompositastrukturen kann daraus lediglich die Erkenntnis gewonnen werden, dass einige Kompositastrukturen im Nhd. eine engere Verbindung zu Genitivkonstruktionen aufzeigen als andere. So kann bspw. Kinderbesteck in eine Genitivkonstruktion ‚der Kinder Besteck‘ oder ‚das Besteck der Kinder‘ bzw. ‚das Besteck des Kindes‘ paraphrasiert werden, während diese possessive Paraphrasierung für Fischbesteck und Silberbesteck nicht möglich ist. Für die Diversität der Relationen gibt die diachrone Forschung folglich nur einen marginalen Aufschluss über das Verhalten der hochproduktiven Struktur des Kompositums im Nhd. Die Lösung der möglichen diversen Relationen zwischen zwei Kompositakonstituenten kann folglich – anders, als bei der Analyse der Semantik von Affixen – nicht mithilfe einer diachronen Betrachtung zufriedenstellend hergeleitet werden.

Bietet eine diachrone Analyse offenbar keinen entscheidenden Hinweis für die semantische Analyse nominaler Komposita, muss die Betrachtung auf synchroner Ebene erfolgen. Der Exkurs in die diachrone Entwicklung von Suffixen zeigt jedoch, dass die strukturellen Eigenschaften immer im Zusammenhang mit semantischen Eigenschaften zu sehen ist.

1.2.3 Konvergenz und Divergenz der Konzepte

Findet eine strukturelle Analyse Eingang in nahezu alle Betrachtungen der Wortbildungsforschung, bleibt eine Analyse hinsichtlich des semantischen Beziehungsverhältnisses der Konstituenten oft unbeachtet. Dies hat zur Folge, dass in vielen Betrachtungen eine sehr heterogene Masse an Komposita zu finden ist. Es wird daher im Folgenden eine differenziertere Unterteilung von Kompositatypen vorgenommen. Diese Eingrenzung soll der Übersichtlichkeit der Diversität der verschiedenen Konstruktionstypen dienen, die nur bedingt in einem vereinheitlichtem Schema Platz finden. Es muss daher zwischen mindestens folgenden Untertypen unterschieden werden:

- Komposita, deren Kopfkonstituenten semantisch unterrepräsentiert und damit (relativ) vage sind und

- Komposita, deren Kopfkonstituenten semantisch reichhaltig und damit (relativ) konkret sind.

Daraus resultiert ein Kontinuum, das durch die genannten Pole begrenzt ist. Zwischen diesen beiden Polen sind Abstufungen der semantischen Fülle anzunehmen.

Grafik 7: Kontinuum semantischer Konkretheit

Diese Differenzierung bietet den Vorteil, den Grad der Kontextabhängigkeit eines Kompositums zu berücksichtigen. Ein Kompositum, dessen Kopfkonstituente semantisch unterrepräsentiert ist, erreicht durch diese Vagheit einen Einsatz in potenziell mehreren möglichen Kontexten. Nomen wie Maschine, Set oder Typ (und folglich ebenfalls die daraus gebildeten Komposita) sind aufgrund ihrer Vagheit potenziell für mehrere mögliche Kontexte geeignet als Nomen wie Ampel, Maut, Apfel und Gehör (und ihre daraus gebildeten Komposita). Der Einsatz in verschiedenen Kontexten bedeutet die Verbindung mit einer größeren Bandbreite an möglichen Konzepten in einer sequenziellen Abfolge, also in der Form einer syntaktischen Konstruktion und gleichfalls in der Verbindung im Rahmen einer Kompositakonstruktion. Daraus ergibt sich, dass Apfelmaschine eine weniger markierte Kompositakonstruktion darstellt als Apfelgehör. Markiert meint hier „auffällig“. Diese Auffälligkeit resultiert aus der Kombination zweier Konzepte, die gewöhnlich eher selten in demselben Kontext realisiert werden. Da sprachliche Einheiten wie Apfel semantisch weniger vage sind als Maschine, können sie in weniger vielen Kontexten realisiert werden. Daher sind Einheiten wie Apfel eingeschränkter in der potenziellen Verbindung mit anderen sprachlichen Einheiten innerhalb eines Kompositums.

Fokussiert man in einem nächsten Schritt den Blick auf die Einheiten des Typs [ [a] [b]konkret ] und nimmt an, dass zwei konkrete semantische Konzepte miteinander in Verbindung gesetzt werden, können auch hier wieder mindestens zwei verschiedene Typen festgelegt werden. In diesem Schritt kann verdeutlicht werden, warum ein Kompositum wie Ampelmaut – zunächst vage formuliert – vermutlich „besser“ oder „eindeutiger“ interpretiert werden kann als Apfelgehör: Ampel und Maut sind semantisch konkrete Konzepte, werden aber mit einer höheren Wahrscheinlichkeit in einem selben oder ähnlichen Kontext (also in einer linearen sequenziellen Abfolge) verwendet als Apfel und Gehör. Daraus ergibt sich die These, dass eine Kompositakonstruktion, in der zwei Konzepte miteinander verknüpft sind, besser und eindeutiger interpretiert werden kann, wenn die Konzepte in einem ähnlichen Kontext eingesetzt werden können. Das heißt, dass innerhalb der Eingrenzung von Komposita, die dem Typ Determinativkomposita angehören und aus zwei nominalen, semantisch konkreten Konzepten bestehen, zwischen mindestens zwei weiteren Typen unterschieden werden muss.

Grafik 8: Typisierung durch den Faktor des semantischen Beziehungsverhältnisses

Konvergente Konzepte werden im Folgenden als jene versprachlichte Einheiten definiert, die potenziell in demselben oder einem ähnlichen Kontexten verwendet werden, während der entgegengesetzte Typus aus Konzepten zusammengesetzt ist, die mit einer geringen Wahrscheinlichkeit in einer sequenziellen Abfolge eingesetzt werden. Daraus folgt wiederum ein Kontinuum der Kompositatypen, das durch die beiden genannten Pole begrenzt ist. Grafik 9: Kontinuum der semantischen Beziehungsverhältnisse Die Vermutung ist, dass Komposita, die sich aus konvergenten Konzepten konstituieren, eine präferierte Interpretation ausbilden, während eine solche präferierte Interpretation bei Komposita, deren Konstituenten divergente Konzepte darstellen, ausbleibt. Die folgende Abhandlung dient der Untersuchung dieser These.

1.3 Zielsetzung und Thesen

Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit ist die These, dass Komposita in Abhängigkeit ihrer Konzeptzusammensetzung eine präferierte Interpretation ausbilden können und in Folge dessen „besser“ und „eindeutiger“ interpretiert werden. Es wird dabei von mindestens zwei Kompositatypen ausgegangen, die trotz ihrer formalen Gleichheit unterschiedliche Grade der Eindeutigkeit der Interpretation ausbilden. Die Eindeutigkeit einer Interpretation ist abhängig von der Konzeptzusammensetzung in einer strukturell gleichbleibenden Form der Komposition. Daraus ergibt sich die These, die in der vorliegenden Arbeit untersucht werden soll: Es gibt mindestens zwei Kompositatypen, die sich hinsichtlich ihrer Konzeptzusammensetzung unterscheiden. Komposita, deren Konstituenten als konvergent zu bewerten sind, bilden eine präferierte Interpretation aus. Hingegen bleibt eine präferierte Interpretation bei Komposita, deren Konstituenten sich divergent zueinander verhalten, aus. Kompositakonstruktionen, die aus zwei konvergenten Konzepten zusammengesetzt sind, bilden präferierte Interpretationen aus, da sie Relationstypen ermöglichen, die wahrscheinlicher sind als andere. Gleichzeitig trägt die Analyse der Erkenntnis Rechnung, dass einige Kompositakonstruktionen eine hohe Diversität der Interpretation und Bedeutung aufzeigen. Diese Kompositakonstruktionen entsprechen dem Typus, der aus semantisch divergenten Konzepten zusammengesetzt ist. Damit verbindet die folgende Untersuchung zwei zentrale Aspekte und Thesen der bisherigen Wortbildungsforschung, die dabei nicht als entgegengesetzt und widersprüchlich verstanden werden, sondern als Eigenschaften zweier unterschiedlicher Konstruktionstypen.

Der begriffliche Ursprung des gewählten Terminus »Konvergenz« leitet sich von convergere ab und wird im heutigen Gebrauch als ‚zusammenlaufen’ oder ‚übereinstimmen’ definiert (vgl. KLUGE 2002: 526). Hieraus ergeben sich die in dieser Analyse gewählten Termini technici »Konvergenz« und »Divergenz«, die als Gegensatzpaar verwendet werden, um den zu analysierenden Umstand zu beschreiben.

Grafik 10: Kontinuum des semantischen Beziehungsverhältnisses

Divergenz beschreibt den Umstand, dass kein semantisches Beziehungsverhältnis vorliegt. Konvergenz ist als weitläufige Form der semantischen Verbundenheit anzusehen. Similarität kann als Weiterführung der Konvergenz angesehen werden und beschreibt eine engere semantische Verbundenheit als die der Konvergenz. Diese Beschreibung weist Ähnlichkeiten der Begriffsverwendung in anderen Kontexten auf. Ursprünglich beschreibt Konvergenz nach SPEER (2010: 15 f.) die gleichförmige Hinneigung aller Punkte auf einem Kreisumfang zum Zentrum, zum Kreismittelpunkt. Im moderneren Gebrauch sei in einem anderen Zusammenhang Konvergenz als Eigenschaft einer Folge bzw. Reihe bestimmt, die über einen Grenzwert verfüge. An diesen Grenzwert, der bereits implizit in der Definition einer konvergenten Folge enthalten sei, nähere sich eine Einheit in einer Reihe an – ohne diesen Grenzwert notwendigerweise zu erreichen (ebd.). Konvergenz beschreibt in der vorliegenden Arbeit eine Form des semantischen Beziehungsverhältnisses. Um das Feld der beschriebenen Konvergenz von anderen semantischen Beziehungen abzugrenzen, werden weitere Formen der semantischen Nähe untersucht.

Als Beispiel des beschriebenen Konzeptverhältnisses der Konvergenz dient noch einmal das bereits erwähnte Kompositum Ampelmaut. Die Einheiten Ampel und Maut können in einem gemeinsamen Kontext STRASSENVERKEHR subsumiert werden. Dieser im weitesten Sinne gemeinsame Kontext entspricht jedoch nicht einem engeren semantischen Ähnlichkeitsverhältnis (vgl. den Gebrauch von similarity nach WISNIEWSKY 1996, 1997). Das Ähnlichkeitsverhältnis von Ampel und Maut ist nicht im Sinne der Zugehörigkeit derselben ontologischen Kategorie o.ä. zu definieren, sondern weitläufiger zu verstehen. Für Einheiten wie zum Beispiel Apfel und Gehör treffen beide Verhältnisse, sowohl die der Similarität als auch die der Konvergenz, nicht zu.

Auch stehen Ampel und Maut nicht in einem assoziativen Verhältnis wie etwa homonyme, hyperonyme, hyponyme oder kohyponyme Beziehungsformen. Auch strukturell stehen sie in keinem syntagmatischen und paradigmatischen Beziehungsverhältnis. Jedoch können sie als sequenziell in Rekurrenz auftretenden Sinnzusammenhängen ausgebildet werden, wie es für paradigmatische Verhältnisse typisch ist. Um sich diesem Verhältnis zweier sprachlicher Einheiten wie Ampel und Maut zu nähern, sollen im Folgenden daher kurz die Eigenheiten syntagmatischer und paradigmatischer Relationen vorgestellt werden.

Ein Syntagma wird als sequenzielle Abfolge sprachlicher Einheiten beschrieben. Es ist als eine Aneinanderreihung sprachlicher Einheiten zu verstehen, die linear aufeinander folgen und in syntagmatischer Beziehung zueinander stehen. Diese Einheiten sind jedoch keine willkürlichen Aneinanderreihungen. Die Konstituenten innerhalb eines Syntagmas sind auf bestimmte Weise aufeinander bezogen: In einer Nominalphrase im Deutschen, bestehend aus Artikel, Adjektiv und Nomen, gehen Artikel und Adjektiv typischerweise dem Nomen voran, der Artikel wiederum dem Adjektiv. Zudem kongruieren Artikel und Adjektiv mit dem Nomen in Kasus, Genus und Numerus und bilden eine weitere syntagmatische Beziehung aus. Aufgrund solcher syntagmatischen Beziehungen lassen sich bestimmte Einheiten syntagmatische Eigenschaften zuschreiben. So werden bspw. attributiv gebrauchte Adjektive typischerweise dem Nomen vorangestellt (LÖBNER 2003: 196). Ein Paradigma hingegen wird als Menge aller Alternativen beschrieben, die für die Besetzung einer Position innerhalb eines Syntagmas in Frage kommen. Beispielsweise können Farbadjektive oder Materialadjektive wie braun oder ledern in die Leerstelle des Syntagmas in (3) eingefügt werden.

(3) Der [ ________ ]X Koffer.

Innerhalb des resultierenden Paradigmas, das für die Leerstelle X eingesetzt werden kann, lassen sich Beziehungsverhältnisse zwischen den Einheiten bestimmen. Diese Bedeutungsbeziehungen lassen sich durch Merkmalkonstellationen beschreiben. Unterscheiden sich zwei sprachliche Einheiten in (nur) einem Merkmal [α], stehen sie in einem engen Beziehungsverhältnis zueinander. So unterscheiden sich bspw. Mädchen und Junge im Wert [WEIBLICH] und sind demnach logisch und semantisch als komplementär aufzufassen, da der übereinstimmende Rest ihrer Bedeutungen einen Bereich definiert, innerhalb dessen eine sprachliche Einheit als eine Art Negation des anderen fungiert. Mädchen und Junge bilden daher Kohyponyme aus. Wenn zwei Einheiten A und B dieselbe Bedeutung haben bis auf ein Merkmal, das für A spezifiziert ist, für B jedoch nicht, wie bspw. Mädchen und Kind, dann ist A hyponym zu B. Beide Beispiele beschreiben ein Beziehungsverhältnis und sind logisch kompatibel. Zwei Einheiten mit entgegengesetzten Werten für ein Merkmal [α] wie Mädchen und Hahn sind inkompatibel, da diese Merkmalkonstellation keiner einheitlichen Bedeutungsbeziehung entspricht (LÖBNER 2015: 203).

Die sprachlichen Einheiten Ampel und Maut sind jedoch in einem »Dazwischen« von logischer Kompatibilität und Inkompatibilität anzusiedeln. Die Anwendbarkeit der oben aufgezeigten Merkmalssemantik ist durch ihre Beschränkung auf die einzige Art der Bedeutungskomponente, die binären Merkmale, sehr stark begrenzt. Die semantische Ähnlichkeit, die hier als Konvergenz angenommen wird, geht daher über die traditionell beschriebenen semantischen Ähnlichkeitsrelationen hinaus. Die Konvergenz von Ampel und Maut ist daher zwar paradigmatisch, umfasst aber keine Bedeutungsbeziehung, wie sie typischerweise für paradigmatische Beziehungen herangezogen werden. Die Einordnung der Einheiten von Ampel und Maut zu einem übergeordneten Begriff STRASSENVERKEHR ist folglich nicht mit logischen Mitteln möglich. Dennoch stehen sie in einer Form der Ähnlichkeitsbeziehung zueinander. Diese Relation entsteht aufgrund ihres Auftretens in einem ähnlichen thematischen Umfeld STRASSENVERKEHR. Gleichzeitig unterscheiden sie sich in mehr als nur einem Merkmal [α], sodass logische Beschreibungen der Bedeutungsbeziehung nicht ausreichen.

Das Ähnlichkeitsverhältnis von Ampel und Maut kann dadurch hergestellt werden, dass sie häufig in einer ähnlichen thematischen Umgebung STRASSENVERKEHR vorkommen. Diese Intuition einer Verortung unter einem gemeinsamen Oberbegriff ist bislang relativ vage geblieben. Wir assoziieren mit einer bestimmten sprachlichen Einheit andere sprachliche Einheiten, aber auch übergeordnete Gefüge, die man als Situationen, Szenen oder Settings beschreiben könnte und die wiederum in Zusammenhang mit jenen assoziierten sprachlichen Einheiten stehen. FILLMORE formulierte den Gedankengang, „that a language-learning child first learns labels for whole situations, and only later learns labels for individual objects“ FILLMORE (1977: 62). Er nennt als Beispiel, dass ein Kind eine sprachliche Einheit wie Bleistift zunächst mit dem erlebten Situationsrahmen verknüpft, in dem es bspw. mit der Mutter in einem Raum sitzend Kreise auf das Papier zeichnet. Später identifiziert und labelt es die Teilaspekte jener Situation, wie den Bleistift, das Papier, den Akt des Zeichnens etc., um dann verschiedene Bezeichnungen der Teilaspekte unterschiedlicher, aber ähnlicher Situationen, wie malen, drucken, schreiben, Füller, Buntstift, Kreide, Tafel etc., zu lernen.

„[...] and in the end he finds himself with a mature repertory of syntagmatic, paradigmatic and hierarchical frames for experiences of both greater degrees of abstractness and greater degrees of precision and boundedness than the original experience in which he first encountered the word pencil” (FILLMORE 1977: 62).

Beim Erwerb einer sprachlichen Einheit wird diese also nicht isoliert erlernt, sondern in Verbindung mit anderen Teilaspekten sowie situativen Settings, in denen sie auftreten bzw. aufgetreten sind. Die sprachliche Einheit Bleistift verstehe ein Kind also vor dem Hintergrund einer aktivierten schematischen Szene, die mit einigen Einzelheiten einer solchen Situation kognitiv präsent sei. In seiner obigen aufgeführten Ausführung zeigt sich jedoch bereits, dass FILLMORE mit dem Begriff »Szene« nicht nur auf außersprachliche, situative Faktoren abzielt, sondern vielmehr auf konzeptuell-schematische Kognitionsstrukturen (ZIEM 2008: 222). Dieser Aspekt des Wissenserwerbs, der Aktivierung von Hintergrundwissen beim Sprachgebrauch etc., spielt im Zusammenhang mit der angenommenen Konvergenz eine Rolle. Wie das oben beschriebene Beispiel mit dem mit einem Bleistift auf Papier Kreise zeichnenden Kind zeigt, beziehen sich Bleistift, Papier, Kreise und zeichnen auf eine Szene in einer Situation. Diese Rahmenumgebung ist in einem thematischen Umfeld anzusiedeln, das ein Konzept für die sprachliche Einheit Bleistift konstituiert. Die Teilaspekte Bleistift, Papier, Kreise und zeichnen stehen in einer syntagmatischen Beziehung zueinander, während zwischen Bleistift und Buntstift ein paradigmatisches Verhältnis besteht, da sie sich in wenigen Merkmalen unterscheiden und im Syntagma gegeneinander ausgetauscht werden können. Jedoch stehen ebenfalls Einheiten wie Tafel und Buntstift in einer Beziehung zueinander, da sie in ähnlichen Situationen erlernt wurden. Assoziativ verbindet Tafel und Buntstift zwar kein direktes Verhältnis, keine syntagmatische, paradigmatische oder hierarchische Relation. Jedoch gelingt es, beide Konzepte in ein gemeinsames Setting zu integrieren, weil beide Konzepte in ähnlichen Situationen erlernt wurden.

Fokussiert auf die sprachliche Struktur, die mit Wissensstrukturen und kognitiven Faktoren einhergeht, bilden sich solche einzelnen und viele ähnlichen Situationen in Satzstrukturen und Sequenzen, also in Syntagmen, ab. Die paradigmatischen Konstanten bilden in der Überlegung zur Konvergenz jedoch nicht die einzelnen sprachlichen Einheiten wie Tafel und Buntstift oder Ampel und Maut, sondern jene Einheiten, von denen sie umgeben sind. Diese Überlegung soll anhand zweier möglicher Syntagmen von Ampel und Maut dargestellt werden.

(4) „Am Ende der Camberger Straße halten wir an einer roten AMPEL vor den wartenden Autos in einem weiß markierten Rechteck, einem sogenannten Auffangstreifen für Radfahrer.“
(Quelle: DIE ZEIT 06/2011 vom 3. Februar 2011)

(5) „[...], sehen die Experten in der Pkw-MAUT auch die Möglichkeit, den rasant zunehmenden Verkehr auf der Straße besser steuern zu können“
(Quelle: DER STERN 35/2009 vom 27. August 2009)

Die Beispiele zeigen, dass Ampel und Maut eine Art Paradigma bilden, indem sie über dieselben Konstanten miteinander verbunden sind, also in ähnlichen Kontexten auftreten. Diese ähnlichen Kontexte können dadurch ausgemacht werden, dass sprachliche Einheiten mit einer semantischen Ähnlichkeitsrelation in beiden Beispielen auftreten. Das heißt, Ampel und Maut stehen nicht in einem direkten Verhältnis zueinander, in welchem sie paradigmatisch äquivalent und somit austauschbar sind. Sie stehen jedoch insofern in einer Art paradigmatischem Verhältnis zueinander, als sie beide in Syntagmen geäußert werden, die dieselben sprachlichen Einheiten wie Straße oder Auto aufweisen, die demselben thematischen Kontext zugewiesen werden können. Sprachliche Einheiten, die im Kontext Ampel sowie im Kontext Maut auftreten, bilden somit eine Brücke zu den Einheiten Ampel und Maut.

Um dieses Vorkommen in ähnlichen Kontexten zu analysieren, wird auf die Methode der Kookkurrenzanalyse zurückgegriffen und diese für die Analyse der Konzeptkonvergenz sowie der Konzeptdivergenz angewandt. Dieses Verfahren wird in Abschnitt 2.4.4 vorgestellt. Die Kookkurrenzanalyse ermöglicht es statistisch signifikante Aussagen über das Auftreten sprachlicher Einheiten in ähnlichen Kontexten zu machen. Kookkurrenzen sind statistisch 16 signifikante Wortverbindungen, die in Textkorpora häufig auftreten. Durch die Methode der Kookkurrenzanalyse können der Kohäsionsgrad von Wortverbindungen und damit rekurrent auftretende syntagmatische Muster aufgezeigt werden. Kookkurrenzanalysen zeigen, ob bestimmte Wörter in ähnlichen sequenziellen Abfolgen rekurrent verwendet werden. Kommen sprachliche Einheiten in gleichen Umgebungen vor, liegt eine Form der semantischen Verbindung vor. Diese Form der semantischen Verbindung wird im Folgenden als Konvergenz verstanden.

1.4 Aufbau der Arbeit

Resultat der vorliegenden Arbeit soll ein Modell sein, das analytisch beschreibt, inwiefern Konzeptkonvergenz bzw. -divergenz die Interpretation von Nominalkomposita beeinflusst.

Im zweiten Kapitel werden dafür die Grundlagen erläutert und die Eigenschaften der Analyseeinheit »Kompositum« dargestellt. Zugleich gibt das Kapitel einen Überblick über die bisherigen Erkenntnisse in der Forschungsliteratur. In diesem Kapitel wird zudem ein Vergleich mit onomasiologisch ähnlichen Strukturen – wie der attributiven Phrase und der Suffigierung – vorgenommen. Weiterhin werden die strukturellen wie semantischen Eigenschaften der Komposition aufgezeigt. Neben diesen Eigenschaften der Analyseeinheit wird zudem ein Abriss hinsichtlich der mentalen Repräsentation von Komposita und ihren Konstituenten gegeben.

Das dritte Kapitel ist das argumentative Kernstück der Arbeit. Mit drei Experimenten wird die These der Konzeptkonvergenz überprüft. Die Ergebnisse der Tests und die Beobachtungen, die während der Experimente gemacht wurden, sind Basis für die Modellgenerierung.

Auf der Grundlage der erhobenen Daten werden im vierten Kapitel die zentralen Erkenntnisse zusammengefasst. Es wird ein Modell hergeleitet, um zu untermauern, dass Konvergenz ein Aspekt darstellt, der erstens zu präferierten Interpretationen führt und zweitens einen Faktor hinsichtlich der effizienten Verarbeitung von Kompositastrukturen darstellt.

Das fünfte Kapitel führt die wesentlichen Aspekte der Arbeit noch einmal auf und bietet einen groben Ausblick.

KAPITEL 2 DIE ANALYSEEINHEIT »KOMPOSITUM«

2.1 Einleitung

Im Folgenden werden einige wichtige Eigenschaften und Aspekte aufgezeigt, welche für Komposita als Analyseeinheit sowie hinsichtlich der These der Konzeptkonvergenz relevant sind. Die Komposition als Wortbildungsmechanismus und dessen Endprodukt, das Kompositum, stehen im Fokus der Analyse. Das Deutsche verfügt neben Komposita jedoch über weitere Strukturen, die zur Versprachlichung eines gleichen Inhalts dienen. Aus onomasiologischer Sicht können Komposita mit Phrasen und Suffigierungen strukturell in Konkurrenz treten.

Grafik 11: Strukturelle Realisierungsoptionen gleichen oder ähnlichen Inhalts

So kann bspw. ein Gerät, das zur Fütterung von Tieren verwendet wird und das Futter automatisch nachfüllt, mit einer Phrase wie Automat zur Fütterung versprachlicht, aber ebenso mit einem Kompositum wie Futterautomat oder einer Suffigierung Fütterer benannt werden (vgl. ŠTEKAUER 2009: 281 mit den englischen Beispielen feeder und feedmaschine zur Benennung von ‚a device designed to feed (machine with components)’).

Grafik 12: Strukturelle Konkurrenzbildungen, Bildquelle: Wikipedia Commons

Das Beispiel veranschaulicht, dass mehrere strukturelle Umsetzungen für einen Inhalt möglich sind. Grundsätzlich sind nicht alle diese Strukturoptionen für einen Inhalt anzunehmen und variieren je nach auszudrückendem Inhalt. Neben diesen weiteren strukturellen Realisierungsoptionen werden im folgenden Kapitel die Eigenschaften und Besonderheiten der Komposition dargelegt.

Abschließend wird ein kurzer Überblick darüber gegeben, wie verstehensrelevantes Wissen abgerufen wird und am Interpretationsprozess beteiligt ist. Hierfür werden einige Ansätze diskutiert, die das Mentale Lexikon beschreiben sowie die mentale Verarbeitung und Speicherung von Komposita untersuchen. Im Rahmen dessen wird ebenfalls diskutiert, wie Wissensstrukturen über Sprachgebrauchsmuster aus Texten abgeleitet werden können. Hierzu wird die korpuslinguistische Kookkurrenzanalyse vorgestellt. Um die These der Konzeptkonvergenz greifbar und mit Daten belegbar zu machen, wird mithilfe von Kookkurrenzdaten ein Analysemittel entworfen. Auf der Grundlage von Korpusdaten wird es so ermöglicht, Konvergenz sowie Divergenz herzuleiten.

2.2 Konkurrenz zwischen Phrase, Kompositum und Suffix

Komposita stellen eine mögliche strukturelle Form dar, um zwei oder mehr Konzepte miteinander in Verbindung zu setzen. Während Komposita jedoch zwei Konzepte verbinden, ohne die sie verbindende Beziehung zwischen den Konzepten strukturell offenzulegen, schafft die Phrase eine transparente Struktur, indem sie das verbindende Element versprachlicht. Präpositionen, Adjektive oder Verben werden in Phrasen offengelegt und stellen explizit die Relation zwischen den Strukturkomponenten dar. Phrasen und Komposita können daher als Konkurrenzbildungen betrachtet werden, wenngleich für die jeweilige strukturelle Akzentuierung auch ein Unterschied in der Funktion und Semantik beobachtet werden kann. Neben der Phrase kann die Suffigierung ein Wortbildungsmechanismus sein, der äquivalente Konstruktionen zu Komposita ausbilden kann. Wie das im Vorfeld aufgeführte Beispiel für die Konkurrenzstrukturen zu ‚Futtermaschine’ zeigt, wird der Kopf der Konstruktion in einer Phrase und im Kompositum als wortfähiges Lexem ‚Maschine’ realisiert und durch eine weitere Konstituente determiniert. In der strukturellen Umsetzung als Derivation wird das Suffix -er eingesetzt, um die semantische Kategorie Instrument zu versprachlichen4.

Grafik 13: Strukturelle Konkurrenzbildungen

In Anlehnung an ŠTEKAUER (2009) veranschaulicht die Thetarollen-Zuweisung der Konstituenten die verschiedenen sprachlichen Strukturen, die miteinander in Konkurrenz treten können. Die Phrase, das Kompositum und die Suffigierung stellen verschiedene Möglichkeiten dar, um die onomasiologische Struktur (onomasiological structure, ŠTEKAUER 2009) umzusetzen. Inhaltlich stehen die aufgeführten sprachlichen Strukturen in Konkurrenz zueinander. Wenn eine Sprache verschiedene Strukturen unterscheidet, so liegt die Annahme nahe, dass diese Strukturen zwar denselben Inhalt ausdrücken können, darüber hinaus jedoch einen jeweiligen Mehrwert oder eine Akzentuierung leisten, die auf ihre jeweilige Struktur zurückzuführen ist. Um sich dieser Annahme zu nähern, wird im Folgenden ein weiteres Beispiel für eine strukturelle Konkurrenzbildung herangezogen.

Das Beispiel ‚Dampfschiff’ illustriert die verschiedenen strukturellen Optionen der Versprachlichung, um auf ein Objekt zu referieren oder dieses zu benennen. So kann anstatt des Kompositums Dampfschiff auch mit der Suffigierung Dampfer eine Benennung oder Referenzzuweisung erfolgen. Dies gelingt ebenso mit verschiedenen phrasalen Strukturen wie dampfendes Schiff oder Schiff, das dampft. Weitere Paraphrasierungen entsprechen fachsprachlichen Beschreibungen wie mit Dampf angetriebenes Schiff oder Schiff mit Dampfmaschine. Diese Bildungen sind analog zu anderen Antriebsformen eines Schiffs wie ‚Schiff mit Dieselmotor’ oder ‚Schiff, das mithilfe eines Segels durch Wind angetrieben wird’.

Grafik 14: Konkurrenzbildung zu 'Dampfschiff', Bildquelle: Wikipedia Commons

Dampfer und Dampfschiff sind weitgehend synonym. Sowohl die Suffigierung als auch die Komposition kann folglich denselben Inhalt transportieren, denselben Gegenstand benennen und auf diesen referieren. Diese Synonymität ist vor allem dem hohen Grad der Usualisierung beider Bildungen geschuldet, die durch die Kombination mit dampfen verdeutlicht und getestet werden kann.

(6) ein dampfender Dampfer

(7) ein dampfendes Dampfschiff

Die Beispiele verdeutlichen, dass ein Dampfschiff oder Dampfer im Moment der Äußerung bzw. des Vorgangs der Kategorisierung als die Subkategorie von Schiff nicht zwingend dampfen muss, um als solches kategorisiert werden zu können. Hierin ist eine der grundlegenden Eigenschaften beschrieben, die der Wortbildung zukommen: als Mittel der Benennung (Naming) zu fungieren (zur Diskussion siehe bspw. HOHENHAUS 1996). Während beide Konstruktionen Dampf als ersten Bestandteil aufführen, weichen die Konstruktionen hinsichtlich des zweiten Bestandteiles, -er oder Schiff, voneinander ab. Die Konstruktionen Dampfer und Dampfschiff unterscheiden sich damit in ihrer Explizitheit und sind lediglich aufgrund der Usualisierung als synonym anzusehen. Denn das Suffix -er kann grundsätzlich nicht nur eine Instrumentlesart ausweisen, sondern auch ein Agens betiteln. Es kann folglich für die beiden Merkmale [+ belebt] und [- belebt] herangezogen werden. Jemand der, metaphorisch gesprochen, bspw. eine Treppe „hochdampft“, könnte demnach ebenfalls als Dampfer bezeichnet werden. Selbiges gilt für die oben aufgeführte Suffigierung Fütterer, die einerseits ein Gerät benennen kann, jedoch ebenso einen Mensch bezeichnen kann, der die Aktion des Fütterns ausübt. So kommt der Komposition im Vergleich zur Derivation ein höherer Grad der Explizitheit zu. Die Paraphrasierung ermöglicht dahingegen eine noch explizitere Ausgestaltung der Rede.

Die Gegenüberstellung der verschiedenen Strukturen, die miteinander in Konkurrenz treten können, zeigt, dass die verschiedenen strukturellen Optionen, die der Versprachlichung eines Inhalts dienen, sich in einigen Punkten überschneiden. Sie unterscheiden sich jedoch vor allem im Grad der semantischen Explizitheit. So kommt einer Phrase am ehesten die Möglichkeit zu, sehr detailliert und feingliedrig einen Umstand, Sachverhalt oder ein Ding zu benennen oder zu beschreiben. Hierfür wird jedoch ein höherer artikulatorischer Aufwand betrieben, als dies für die meist kürzeren, hinsichtlich des Sprecheraufwands ökonomischeren Strukturen des Kompositums und der Suffigierung der Fall ist.

Grafik 15: Semantische Explizitheit vs. strukturelle Ökonomie

Während die semantische Explizitheit bei Phrasen höher ist als bei konkurrierenden Strukturen durch Wortbildungen, bieten die Komposition und die Derivation eine Möglichkeit der kürzeren und ökonomischeren Struktur. Ergänzend muss jedoch eingeschränkt werden, dass die semantische Explizitheit bei Suffigierungen dann gegeben ist, wenn Suffixe verschiedene Bedeutungen realisieren, wie dies für das Suffix -er der Fall ist, das sowohl eine Agens- als auch eine Instrumentlesart aufweisen kann.

Für die dargelegten Konkurrenzbildungen müssen weitere Beschränkungen angenommen werden. Diese betreffen indirekt die These der Konzeptkonvergenz bzw. -divergenz. Konzeptkonvergenz und Konzeptdivergenz sind dann zu beobachten, wenn Konzepte einen bestimmten Grad der semantischen Vagheit überschreiten. Vagheit beschreibt unterrepräsentierte Konzepte, die aufgrund dieser Eigenschaft in potenziell mehr Kontexte gesetzt werden können, als dies für semantisch konkrete Konzepte anzunehmen ist. Diese Vagheit ist bei Einheiten wie bspw. Maschine anzunehmen und tritt eher in Konkurrenz mit Suffixen, die ebenfalls ein Instrument bezeichnen können.

Grafik 16: Faktor der semantischen Vagheit am Beispiel ‚Sprechmaschine’ vs. ‚Sprecher’

Einheiten, die semantisch umfassender und konkreter sind als bspw. Handy oder Auto, sind weniger wahrscheinlich äquivalent zu Suffixen, wie das folgende Beispiel aufzeigt.

Grafik 17: Konkrete Einheiten stehen nicht mit Suffixen in Konkurrenz

Semantisch konkrete Einheiten stehen nicht mit Suffixen in Konkurrenz. Diese konkreten Einheiten sind es jedoch, die erst durch ihr Assoziationspotenzial ein Verhältnis der Konvergenz bzw. Divergenz ausbilden können. Diese Einheiten stehen im folgenden Abschnitt im Fokus der Betrachtung.

2.2.1 Kompositum vs. Derivation

Mithilfe der Wortbildungsprodukte der Komposition und Derivation kann ein Inhalt auf unterschiedliche Weise versprachlicht werden. Dies soll anhand des folgenden Benennungsbeispiels verdeutlicht werden. Das Benennungsspiel gibt das Bild eines Kassentrenners, ein Gegenstand, das in Supermärkten die Einkäufe der Kunden voneinander auf dem Laufband an der Kasse trennt, vor. Die Besonderheit an diesem Benennungsbeispiel ist, dass es sich um einen Gegenstand handelt, den viele Menschen aus ihrem Alltag kennen, jedoch selten benennen und hierfür ein Wort gebrauchen. Im aktiven Wortschatz vieler Menschen findet sich keine Benennung, die als einheitliche Bezeichnung im Gesamtwortschatz des Deutschen aufführen lässt. Benennungsbeispiele wie dieses, die in einigen Medien und Internetforen als Benennungsspiel geführt werden, greift somit bekannte Gegenstände auf, deren Bezeichnung vom Gros der Gesellschaft selten angewandt wird. Solche Benennungsspiele können als Quelle für ad hoc-Bildungen herangezogen werden. Die aufgezeigten ad hoc-Bildungen veranschaulichen, dass unterschiedliche sprachliche Strukturen für die Benennung eines Kassentrenners5 möglich sind.

Grafik 18: Mögliche Benennungen für ‚Kassentrenner’, Bildquelle: Wikimedia Commons

Bemerkenswert ist, dass die meisten Benennungen mittels einer Kompositastruktur gebildet wurden. Diese sind jedoch unterschiedlich strukturiert. Die vorliegenden Komposita sind mehrheitlich dreigliedrig. Sie beinhalten ein verbales Element, eine verbale Ableitung zum Nomen, konstituieren sich durch ausschließlich nominale Einheiten oder zeigen eine Phrase als Erstkonstituente auf. Daneben werden verbale Ableitungen für die Benennung aufgeführt.

Nicht nur strukturell, auch semantisch lassen sich die Beispiele grob in zwei Gruppen unterscheiden: Wortbildungen, die eine möglichst genaue Beschreibung des Gegenstands liefern und vor allem die Art des Gebrauchs beschreiben und Wortbildungen, die eine kreative Benennung in den Fokus rücken. Letztere Gruppe zeichnet sich durch Bildungen aus, die vergleichsweise selten angewandte Strukturen wie die Phrasenkomposition anwenden oder divergente Konzepte zusammensetzen, wie dies bspw. bei Kassentoblerone der Fall ist. Toblerone als Eigenname wird in dieser Bildung lediglich gebraucht, um auf die Form des Gegenstands hinzuweisen. Obwohl die Konzepte als divergent bezeichnet werden können und der kognitive Mehraufwand zur Interpretation des Kompositums zweifelsohne höher ist als bei Bildungen wie Warentrenner, ist Toblerone eine präzise Beschreibung der Form. Denn der benannte Gegenstand in seiner häufigen Erscheinungsform entspricht in der Länge und Breite, der Größe sowie der Form eines gleichschenkligen Dreiecks relativ exakt der Verpackung des Produkts Toblerone. Wird folglich für die Benennung nicht der Gebrauch, sondern die äußere Gestalt des Gegenstands in den Fokus gerückt, ist die Bildung Kassentoblerone eine Bildung, die mit strukturell geringem Aufwand eine semantisch explizite Beschreibung leistet. Allerdings kann die Bildung als ‚auffällig’ eingestuft werden, da angenommen werden kann, dass vom Rezipienten ein hoher kognitiver Mehraufwand betrieben werden muss, um sich zu vergegenwärtigen, dass die Verpackung des genannten Produktnamens der Form des zu benennen Gegenstands entspricht. Hinzu kommt, dass das Wort Toblerone in diesem Zusammenhang vermutlich nicht erwartet wird und zudem eine vergleichsweise niedrige Resting Activation (siehe Abschnitt 2.4.2) angenommen werden kann, die sich durch den seltenen Gebrauch des Wortes ergibt.

Die Beispiele zeigen zudem, dass die Bildungen häufig einen verbalen Bestandteil beinhalten. Dies kann darauf zurückgeführt werden, dass die Verwendung des Gegenstands und somit eine Art der Handlung zentral für einen Kassentrenner sind. Dies wird mittels der Verwendung eines Verbs zum Ausdruck gebracht. Hierbei ist eine Realisierung durch eine Ableitung wie Abtrenner oder Separator oder durch ein Kompositum wie Trennstab, Trennbalken sowie Separationselement möglich. Bemerkenswert ist, dass sowohl Stab, Balken als auch Element einen vergleichsweise geringen konzeptuellen Spezifikationsgrad aufweisen. Dies legt nahe, dass vor allem Nomen mit einem geringen konzeptuellen Spezifikationsgrad in Konkurrenz mit Suffixen stehen. Suffixe verfügen über einen ähnlich geringen Spezifikationsgrad und scheinen daher relativ austauschbar mit Nomina wie Element zu sein. HOHENHAUS (1996, 2000) weist auf die konzeptuelle Unterrepräsentation einiger Kopfelemente von Komposita hin, die er »Dummy Compounds« nennt. Dieser Typus sei dadurch charakterisiert, dass der Kopf der Konstruktion als Platzhalter für eine dem Sprecher ad hoc nicht verfügbare Kategoriebeschreibung verwendet werde (HOHENHAUS 2000: 250). Durch die semantische Unterrepräsentation einiger Nomina wird eine weniger eingeschränkte Kombinierung möglich, als es bei Nomina der Fall ist, die einen hohen konzeptuellen Spezifizierungsgrad aufweisen.

Mit dieser Feststellung wird die Relevanz der These der Konzeptkonvergenz und -divergenz deutlich: Ein Kompositum mit einer konzeptuell vagen Konstituente zeigt durch ihre semantisch hohe Anpassungsfähigkeit keine Divergenzerscheinungen. Eine Konstituente mit einem hohen konzeptuellen Spezifizierungsgrad integriert den semantischen Beitrag der Partnerkonstiuente in ihr Konzept. Um dies zu verdeutlichen, werden im Folgenden einige Beispiele aus der Stichprobenerhebung einer WORTWARTE-Rohliste aufgeführt, die diesem Kriterium entsprechen.

(8) Komposita mit einer konzeptuell gering spezifizierten Konstituente

a) Affärenzeit
b) Restaurantaktion
c) Forstteam

Die Auswahl listet drei Komposita auf, die eine Kopfkonstituente aufweisen, welche konzeptuell gering spezifiziert ist. Zeit fungiert als Zeitpunkt- oder Zeitspannenmarker, Aktion verweist auf eine Handlung, die zeitlich begrenzt ist und Team beschreibt ein Kollektiv von Akteuren. Sowohl Zeit, Aktion als auch Team stehen keiner direkten Konkurrenzbildung mithilfe eines Affixes gegenüber, jedoch verfügen sie über einen vergleichsweise ähnlichen Grad der semantischen Unterspezifizierung.

Nach MARCHAND (1969: 209) ist ein Suffix „[...] a bound morpheme which in a syntagma AB occupies the position B. It thus is the determinatum of a syntagma whose determinant is a simple or composite free morpheme”. Nach seinen Ausführungen komme einem Suffix der gewichtigere Aspekt innerhalb der Wortbildung zu, da es die Gesamtkonstruktion definiere. Zwischen Vaterschaft und väterlich sei die unterschiedliche Bedeutung der Wörter den Affixen zuzuschreiben. Strukturell ist dies nicht von der Hand zu weisen und durch das Hinzufügen des jeweiligen Suffixes bilden sich zwei unterschiedliche Wörter heraus. Jedoch trägt Vater in beiden Bildungen den essentiellen semantischen Gehalt zur Wortbildung bei. Wie oben bereits erwähnt, resultiert aus diesem Aspekt die Fragestellung, die vor allem in der Generativen Grammatik diskutiert wird, ob dem Suffix die Position als Kopf der Konstruktion zukommt. Auch wenn auf diese Diskussion hier nicht näher eingegangen werden soll, sei darauf hingewiesen, dass dieser Gedankengang insofern naheliegt, als Suffixe diachron aus Kompositakonstituenten entstanden sind. Folglich können die Grenzen zwischen Affix und Kompositakonstituenten als fließend betrachtet werden (vgl. auch 1.2.2).

Sowohl Affixe als auch dieser Typus der Nomen zeichnen sich aufgrund ihrer semantischen Vagheit durch die Schwierigkeit der Objekteindeutigkeit aus. Für Zeit, Aktion oder Team stehen daher potenziell mehrere mögliche Referenten zur Verfügung, als dies für Nomen der Fall ist, die einen hohen Grad konzeptueller Spezifizität aufweisen. Diesen Bildungen stehen folglich Komposita gegenüber, die sich aus umfangreich spezifizierten Konzepten generieren.

(9) Komposita mit konzeptuell umfangreich spezifizierten Konstituenten

a) Bartvogel
b) Betroffenheitspalme
c) Elchbratwurst

Sowohl Vogel, Palme als auch Bratwurst sind Konzepte, die sich durch eine hohe semantische Spezifizierung auszeichnen. Denn es handelt sich bei allen drei Beispielen um Konkreta, die sichtbare Dinge oder Lebewesen bezeichnen. Hierdurch sind sie hinsichtlich ihrer Um- und Beschreibbarkeit besser zu fassen, als dies für Abstrakta der Fall ist.

Hinsichtlich des Aspekts der Konzeptkonvergenz bzw. -divergenz ist diese Ausführung relevant, da hierdurch deutlich wird, dass nicht jede Konzeptzusammensetzung für die Analyse in Betracht kommt. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die semantische Spezifiziertheit nominaler Konzepte bezüglich ihrer Konzeptzusammensetzung eine Rolle spielt. Konzepte, die eine geringe semantische Spezifizierung aufweisen, können mit potenziell mehr Konzepten innerhalb eines Kompositums verbunden werden und sind gleichfalls in ihrem Gebrauch im Kontext variabler einsetzbar, da sie durch ihre Unterspezifiziertheit in potenziell mehr Kontexten auftreten können. Konzepte, die einen höheren Grad der semantischen Spezifiziertheit aufweisen, sind in ihrem Gebrauch eingeschränkter. Es kann vermutet werden, dass hier die Konvergenz mit anderen Konzepten von Relevanz ist, während dies bei Konzepten wie Team oder Zeit kaum von Bedeutung ist. Außerdem kann angenommen werden, dass Konzepte wie Vogel oder Palme in divergenten Konzeptverbindungen semantisch angepasst werden müssen und dies zu einer Metaphernbildung führt, während dies bei Konzepten wie Team oder Zeit nicht der Fall ist.

2.2.2 Kompositum vs. Phrase

Sowohl Komposita als auch Phrasen spezifizieren eine Kopfeinheit näher und begrenzen durch diese Spezifizierung die Referenzmenge. Einheiten, auf welche die Attributierung durch die modifizierende Einheit nicht zutrifft, werden ausgegrenzt. Diese Modifizierung dient der Unterscheidungsleistung, der Kategorisierung und der Referenzzuweisung. Kompositastrukturen teilen die Eigenschaft der semantischen Spezifizierung mit phrasalen Konstruktionen wie dem Attributsatz (10), der attributiven Erweiterung durch ein Adjektiv (11) oder mit einer Genitivphrase (12), die aus diachroner Sicht Pate für Kompositastrukturen stand.

(10) Das Kleid, das im Schrank hängt.
(11) das blaue Kleid
(12) das Kleid der First Lady

Diese Phrasenstrukturen können als Kompositastruktur umgesetzt werden.(13) das Schrankkleid
(14) ??das Blaukleid
(15) das First Lady-Kleid

Abgesehen von (14) gelingt es, die phrasalen Konkurrenzkonstruktionen des Attributivsatzes und der Genitivphrase in die Struktur eines Kompositums zu übermitteln. Hieraus ergibt sich die grundlegende Eigenschaft der Komposition, wiederum paraphrasiert werden zu können und die Relation der beiden Komponenten offenzulegen. Diese Eigenschaft kann experimentell genutzt werden, um die Interpretation von Komposita zu erfragen und zu erklären. Darüber hinaus führte diese Eigenschaft in Ansätzen der Generativen Grammatik und vor allem im Rahmen der Transformationsgrammatik zu der Annahme, Kompositastrukturen seien reduzierte syntaktische Strukturen und aus diesen abzuleiten. Durch die häufige Äquivalenz zwischen den Strukturen ist diese Schlussfolgerung nachzuvollziehen, jedoch aus verschiedenen Gründen weitgehend widerlegt (siehe Abschnitt 2.3.2).

Durch die Komposition kann eine komplexe phrasale Struktur zu einer reduzierten Einheit verkürzt werden und bietet so eine strukturell ökonomische Alternative zur Phrase. Hieraus ergibt sich neben der Funktion der Unterscheidungsleistung eine weitere, die textlinguistisch von Bedeutung ist. Aufgrund der erfolgreichen Referenzzuweisung kann bei mehrmaliger Bezugnahme die strukturelle Spezifizierung zugunsten einer ökonomischeren Konstruktion abnehmen, wenn diese kognitiv aktiviert bzw. eingeführt wurde. Wurde innerhalb eines Diskurses der Referent eindeutig festgelegt, kann die sprachliche Einheit hinsichtlich ihres strukturellen Umfanges abnehmen bzw. sich verändern und dennoch denselben Inhalt denotieren. So kann angenommen werden, dass der Informativitätsgehalt eines sprachlichen Ausdrucks vor allem hinsichtlich seiner strukturellen Explizitheit mit seiner mentalen Verfügbarkeit (mental accessibility, ARIEL 1988, 1990) abnimmt (für einen Überblick siehe ABBOTT 2010: §10). Diese verschiedenen sprachlichen Einheiten, die in ihrer Explizitheit divergieren, denotieren auf denselben Referenten und schaffen innerhalb eines Diskurses Kohärenz, indem sie Antezedenz und Anapher miteinander in Beziehung setzen. Der anaphorische Term referiert auf eine verfügbare Einheit, die zuvor durch einen Antezendenz eingeführt oder aktiviert wurde. Gewöhnlich erfolgt die Einführung oder Aktivierung einer Einheit über eine komplexere Einheit und ist damit semantisch spezifischer als die Anapher, die hierauf referiert. Aufgrund dieser Komplexität der sprachlichen Einheiten kann eine Abstufung der mentalen Verfügbarkeitshierarchien (accessibility marking scale ARIEL 1990) angenommen werden.

Grafik 19: Accessibility Marking Scale (verkürzt) nach ARIEL (1990: 72)

Ist die intendierte Einheit schnell und einfach verfügbar, genügt ein anaphorischer Ausdruck mit einer relativ geringen Informativität (z.B. ein Pronomen). Eine schlecht verfügbare Einheit hingegen benötigt einen umfangreicheren Grad an Informativität (z.B. eine Nominalphrase). Wird ein Referent eingeführt, wird dieser daher im Normalfall umfangreicher benannt wie bspw. durch Bundeskanzlerin Angela Merkel und kann über Zwischenstufen wie die Kanzlerin bis hin zu sie abnehmen. Gleiches gilt für die Referenz auf Dinge und Sachverhalte, wie das folgende Textbeispiel aufzeigt.

(16) Mit dem Kauf der neuen Daten-CD torpediert das SPD-geführte NRW das Steuerabkommen mit der Schweiz und brüskiert Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble. Das bereits verabschiedete Abkommen zwischen Bern und Berlin soll im Januar 2013 in Kraft treten. Ein Teil des Abkommens ist der Verzicht Deutschlands, Daten-CDs der Eidgenossen zu erwerben.
(Quelle: Financial Times Deutschland vom 14. Juli 2012)

Die Einführung des Referenten erfolgt umfangreich durch das Kompositum Steuerabkommen mit dem Zusatz durch eine Präpositionalphrase mit der Schweiz und wird dann verkürzt mit das Abkommen zur Referenz verwendet. Innerhalb eines Diskurses können folglich Phrasen, Komposita, Derivate, Pronomen etc. verwendet werden, um auf eine Person, einen Gegenstand oder Sachverhalt zu referieren. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Explizitheit der Umschreibung und können abhängig von ihrem Grad der mentalen Verfügbarkeit des Referenten gewählt werden. Phrasen, Komposita und Derivate können als Konkurrenzstrukturen betrachtet werden, bilden jedoch hinsichtlich des Grades der Explizitheit Äquivalente zueinander aus, die im aktuellen Sprachgebrauch eine aufeinander abgestimmte Rolle einnehmen.

2.3 Im Fokus: Eigenschaften des Kompositums

Der vorherige Abschnitt zeigt auf, dass das Deutsche neben Komposita über strukturelle weitere Möglichkeiten verfügt, um zu referieren, auf etwas hinzuweisen oder zu benennen. Dem jeweiligen Ausprägungsgrad des Umfangs der Struktur kann eine entsprechende Rolle zugeordnet werden, die mit dem Sprachgebrauch (z.B. durch die mentale Verfügbarkeit) zu erklären ist. Grundsätzlich ergibt sich hieraus die Möglichkeit, verschiedene Strukturen miteinander in den Vergleich zu setzen, die es ermöglichen, auf einen außersprachlichen Gegenstand, Sachverhalt oder Person zu denotieren.

Im Folgenden wird der Fokus auf die Analyseeinheit Komposita gesetzt und deren Eigenschaften dargelegt. Um die These der Konzeptkonvergenz methodisch zu untersuchen, werden die Bestandteile sowie die Eigenschaften und Besonderheiten der Analyseeinheit »Kompositum« in den Mittelpunkt der nachfolgenden Betrachtung gerückt. Die Auseinandersetzung mit Komposita setzt nicht nur die Kenntnisse der Struktur der Gesamtkonstruktion, sondern ebenso über die sie konstituierenden Komponenten, deren semantische Relationen und ihr semantisches Beziehungsverhältnis voraus. Sprachlich komplexe Einheiten weisen strukturelle sowie semantische Eigenschaften auf, die im Folgenden getrennt voneinander untersucht und bestimmt werden. Diese fokussierte und damit einhergehend getrennte Analyse der Einzelkomponenten dient lediglich dem besseren Überblick. Es wird kein Ebenenmodell angenommen, das von einer Reihenfolge dieser Komponenten während des Interpretationsprozesses ausgeht. Strukturelle und semantische Eigenschaften sind zwei Seiten der Medaille einer sprachlichen Einheit, die gleichermaßen von Relevanz sind (AITCHISON 2012: §17).

2.3.1 Strukturelle Beschaffenheit der Komposita

Der Wortbildungsmechanismus der Komposition kann hinsichtlich seiner strukturellen Einordnung als „the new formation of a new lexem by adjoining two or more lexemes“ (BAUER 2003: 40) definiert werden. Die Komposition ist folglich ein Wortbildungsprozess, durch den zwei oder mehrere sprachliche Einheiten zusammengefügt werden und eine komplexe Einheit ausgebildet wird. BAUER verwendet für seine Definition den Terminus technicus »Lexem«, da er spezifisch genug sei, um Affixe auszuschließen und weit genug sei, um Wurzeln, Stämme und freie Wörter zu vereinheitlichen. Für die Betrachtung des Deutschen kann diese Definition übernommen werden. Diese Schwierigkeiten der Abgrenzung der Komposita von Phrasen und anderen Wortbildungsprodukten sind dabei im Deutschen weitaus weniger problematisch als in anderen Sprachen (siehe u.a. GUEVARA & SACALISE 2009, GEATA & RICCA 2009).

Das Kompositum ist im Wesentlichen durch die Zusammensetzung zweier oder mehrerer Lexeme definiert, die graphematisch im Deutschen im Regelfall ohne Spatium aneinandergereiht werden (für eine Diskussion von Varianten in der Schreibung siehe SCHERER 2012). Ein Kompositum ist im Regelfall binär strukturiert. Die Komponenten eines Kompositums können einfach oder komplex sein, gehen sie unabhängig von ihrem Komplexitätsgrad als Konstituente in die Kompositakonstruktion ein. Diese Eigenschaft der formal uneingeschränkten Rekursivität wird häufig als Spezifikum des Deutschen angesehen. Diese synchron beobachtbare Eigenschaft hat sich diachron entwickelt (für einen Überblick vgl. NÜBLING ET AL. 2013: 89 ff.). Die Möglichkeit zur Komposition besteht bereits in älteren Sprachstufen. Die deutsche Sprache verdankt ihre besondere Kompositionsfreudigkeit sowie das Merkmal der formal uneingeschränkten Rekursivität jedoch einem syntaktischen Wandel während des Fnhd. Steht im Ahd. und Mhd. das Genitivattribut noch vor dem Bezugsnomen, treten sie im Fnhd. hinter das Nomen, auf das es sich bezieht. Während nun die Genitivattribute hinter dem Nomen realisiert werden, existieren weiterhin lexikalisierte Nominalphrasen des alten Musters, die als Komposita reanalysiert werden. Die Herausbildung des bestimmten Artikels im Mhd. unterstützt dies zusätzlich, da nun freie syntaktische Verbindungen und Genitivkomposita besser unterschieden werden können (vgl. NÜBLING ET AL. 2013: 89 f.). Dadurch und durch die Herausbildung zweier Muster wurde die Verwendung der Komposition im Deutschen deutlich verstärkt und führte außerdem dazu, dass das Deutsche wie kaum eine andere Sprache sehr langkettige Konstruktionen bilden kann. Solche Wortstrukturen sind rekursiv, das heißt eine Regel kann auf ihr eigenes Produkt wiederholt angewendet werden, wobei die Konstituenten des Kompositums im Regelfall binär gruppiert werden. Der Einbettungsgrad der Rekursion ist beliebig und dem Regelschema, das für die Erzeugung und Analyse von Komposita verantwortlich ist, wird weder in der Länge noch in der Komplexität durch die Grammatik Grenzen gesetzt. Lediglich Performanzfaktoren können dies erschweren und haben einen gewissen Einfluss auf die Akzeptabilität komplexer Strukturen (OLSEN 1986: 55). ORTHNER ET AL. (1991) zeigen durch eine Korpusanalyse auf, dass sich der Normalwert für eine Komposition im Deutschen auf zwei Lexeme beschränkt. Hinsichtlich der Wortartenzugehörigkeit der Einzelkomponenten bestehe nach ORTHNER ET AL. der deutsche Wortschatz zu etwa zwei Dritteln aus Nominalkomposita, also Konstruktionen mit einem nominalen Kopf, wobei 83,6 Prozent der Bildungen zwei nominale Bestanteile ausmachen. 8,6 Prozent seien Bildungen mit einem adjektivischen Erstelement und 7,8 Prozent Partizipialbildungen, wobei 5 Prozent mit dem Typus Partizip II und 2,8 Prozent mit einem Partizip I gebildet seien (ORTHNER ET AL. 1991: 3). Nominalkomposita mit zwei nominalen Konstituenten können folglich als die häufigste Kompositastruktur angenommen werden. Da diese Werte von ORTHNER ET AL. auch lexikalisierte Einheiten in der Analyse berücksichtigen, wurde eigens eine Stichprobenerhebung6 auf der Grundlage einer WORTWARTE-Rohliste erhoben. Es wurden für die Erhebung ausschließlich Komposita ausgewertet, die in keinem Lexikon verzeichnet sind. Dies kann nicht ausschließen, dass einige der Konstruktionen usualisiert sind, grenzt jedoch sehr etablierte Konstruktionen (die als Wörterbucheintrag verzeichnet sind) aus.

Grafik 20: Anteil der Nominalkomposita der Stichprobe

Die Stichprobe ergibt, dass 85 Prozent der ausgewerteten okkasionelle Komposita, also Komposita mit nominalen Konstituenten, sind.

Diese 85 Prozent der Stichprobe wurden noch einmal unterteilt und auf ihre Gliedrigkeit hin untersucht. Folgende Beispiele aus der Stichprobe werden exemplarisch aufgeführt:

- zweigliedrige Komposita: Indianerpflaster und Weidenknüppel
- dreigliedrige Komposita: Hundeschädelattrappe und Teeniekomödienkram
- viergliedrige Komposita: Salatölfeuerspucker und Sommerferienspielaktion

87 Prozent der Komposita stellen zweigliedrige Nominalkomposita dar (vgl. Grafik 21). Dieser Typus stellt somit die klare Mehrheit der Stichprobe dar.

[…]


1 Die Wortwarte basiert auf einem computerlinguistischen Programm, das sämtliche journalistischen Texte in elektronischer Form tagesaktuell mit lexikalisierten Items abgleicht und jene Items herausfiltert, die keinen Eintrag ins Lexikon vorweisen können. Regelmäßig werden aus diesen Rohlisten der übriggebliebenen Items etwa zehn bis zwanzig Items händisch herausgesucht und auf der Website wortwarte.de präsentiert. Mit einem Klick gelangt man von den isoliert präsentierten Items auf das Item im dazugehörigen Kontextumfeld.
2 Die Termini Neubildung, Okkasionalismus, Augenblicksbildung und Ad hoc-Bildung werden im Folgenden synonym verstanden.
3 Hier sei angemerkt, dass die Entstehung von Suffixen in der Forschung weitgehend geklärt ist, während für den diachronen Prozess, der für die Herausbildung von Präfixen verantwortlich ist, noch kein Konsens in der bisherigen Wortbildungsliteratur herrscht.
4 Aus diesem Umstand resultiert die Diskussion im Rahmen der Generativen Grammatik, ob Affixe als Kopfelemente angesehen werden sollen oder nicht. Für einen Überblick der Diskussion sei hierfür auf OLSEN (1986) verwiesen.
5 Beispiele stammen von der Website fudder.de (URL: “http://fudder.de/artikel/2009/05/25/was-ist-das-11”)
6 Die Stichprobe beruht auf Daten einer Rohliste des Neologismenprojekts „Wortwarte“ (www.wortwarte.de), die freundlicherweise von Dr. Jürgen Lemnitzer zur Verfügung gestellt wurde. Diese Rohliste ergibt sich als Endprodukt eines Datenabgleichs der Onlinetexte von Spiegel Online, Die Zeit, Handelsblatt, Financial Times Deutschland, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel, Rheinische Post sowie den Onlineangeboten Heise und Perlentaucher eines Tages, die mit den Daten des DEUTSCHEN REFERENZKORPUS (DEREKO) – das 120 Millionen Tokens und rund 2,3 Millionen verschiedene Types umfasst – abgeglichen werden. Alle Einheiten, die im DEREKO gelistet sind, werden aussortiert. Die übrigbleibenden Einheiten werden täglich auf einer Rohliste gesammelt. Diese Einheiten bilden neben den zur Untersuchung verwendeten Daten auch URL-Angaben, Orthographiefehler, Schreibvarianten, Pluralformen, die für die Stichprobenerhebung aussortiert wurden. Die Stichprobe basiert auf den oben genannten Quellen vom 29. Juni 2009.

Ende der Leseprobe aus 343 Seiten

Details

Titel
Untersuchungen zur Semantik okkasioneller Nominalkomposita
Hochschule
Universität zu Köln  (a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne)
Note
magna cum laude
Autor
Jahr
2013
Seiten
343
Katalognummer
V315486
ISBN (eBook)
9783668138285
ISBN (Buch)
9783668138292
Dateigröße
9815 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Komposita, Nominalkomposita, Semantik, Morphologie, Korpuslinguistik, Kookkurrenzen, Kognitive Linguistik, PI-Modell, Präferierte Interpretationen, Frames
Arbeit zitieren
Constanze Zürn (Autor), 2013, Untersuchungen zur Semantik okkasioneller Nominalkomposita, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315486

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