Das Motiv der Sexualität in Utopie und Dystopie. Aldous Huxleys "Brave New World"


Hausarbeit, 2016

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fortpflanzung
2.1. Natürliche Fortpflanzung
2.1.1. Eine Schande in der modernen Gesellschaft
2.1.2. Die natürliche Fortpflanzung in den Reservate
2.2. Massenproduktion der Menschen

3. Partnerschaft und Liebe
3.1.1. Die offenen Beziehungen der “modernen Gesellschaft“
3.1.2. Die traditionellen Partnerschaften der „Wilden“

4. Das Motiv der Sexualität in weiteren Dystopien und Utopien
4.1. Thomas Morus - Utopia
4.2. Tommaso Campanella - Sonnenstaat
4.3. George Orwell - 1984

5. Zeitlicher Kontext und andere Einflüsse

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis
7.1. Primärliteratur
7.2. Sekundärliteratur
7.3. Internetquellen

1. Einleitung

Der Roman Brave New World wurde von Aldous Huxley verfasst und im Jahre 1932 zum ersten Mal veröffentlicht. Durch die futuristische Darstellung der Gesellschaft, der Fortpflanzung und schlichtweg durch die Lebensweise, der im Roman beschriebenen Figuren, erregte dieser schnell Aufmerksamkeit und wurde eines der meist diskutierten Werke unserer Zeit. Noch heute wird er häufig als Schullektüre behandelt. Dies liegt wohl auch daran, dass er selbst über 80 Jahre nach seiner Veröffentlichung immer noch sensible Fragen der Ethik behandelt: Wie weit darf die Gesellschaft oder der Staat seine Bürger kontrollieren? Ist die völlige Aufgabe der Individualität und der Selbstbestimmung vertretbar, wenn die Gesellschaft dadurch stabiler und glücklicher wird?

Auch die Frage, ob Huxley von vornherein eine Dystopie oder ursprünglich eine Utopie in seinem Roman beschreiben wollte, steht seither im Raum. Besonders präsent ist die durch die Gesellschaft geprägte Einstellung zur Sexualität bzw. zur Fortpflanzung in der Brave New World. Dort treffen zwei völlig unterschiedliche Moralvorstellungen aufeinander: Einerseits die moderne Gesellschaft, bei der Sexualität in Form von Polygamie ausgelebt wird und Menschen durch verschiedene wissenschaftliche Prozesse im Labor hergestellt werden, andererseits die Menschen in den Reservaten, die ihre Kinder auf natürliche Weise zur Welt bringen und in (meist) festen Partnerschaften leben. Aus diesem direkten Aufeinandertreffen der Kulturen ergeben sich einige Fragen: Was bedeutet die unterschiedliche Handhabung der Sexualität für den einzelnen Menschen und für die Gesellschaft? Warum spielt Sexualität generell eine derart große Rolle? Und wie passt dieses Bild von Sexualität in die heutige Zeit?

Dabei betrachte ich besonders die Unterschiede der zwei Gesellschaftsformen der Brave New World in Bezug auf die Sexualität und Fortpflanzung und deren Funktion.

Um einen genaueren Blick auf die Sexualität in verschiedenen Gesellschaftsformen, werfen zu können, betrachte ich weitere Dystopien/Utopien und arbeite heraus, wie dort mit Sexualität umgegangen wird. Außerdem betrachte ich das Leben des Aldous Huxley und die Zeit, in der der Roman verfasst wurde, um eventuelle Einflüsse auf das Werk heraus zu arbeiten.

2. Fortpflanzung

2.1. Natürliche Fortpflanzung

2.1.1. Eine Schande in der modernen Gesellschaft

Die natürliche Fortpflanzung wird in der modernen Gesellschaft der Brave New World als schmutzig und in gewisser Weise als „unnatürlich“ angesehen, da es seit vielen Generationen keine natürlichen Geburten mehr gibt und die Gesellschaft dahingehend indoktriniert wird. Obwohl die Sexualität im Alltag der Menschen eine große Rolle spielt und offen ausgelebt wird, hat die Geburt, die Vater- und Mutterschaft sowie alles Dazugehörige für die „modernen Menschen“ etwas Schmutziges und Beschämendes an sich. Deutlich wird dies in der Szene in der Linda und John auf den Direktor treffen. Er hatte vor langer Zeit eine Affäre mit Linda, aus der ihr gemeinsamer Sohn John entstanden ist.

„The word (for ‚father‘ was not so much obscene as – with its connotation of something at one remove from the loathsomeness and moral obliquity of child-bearing – merely gross, a scatological rather than a pornographic impropriety); the comically smutty word relieved what had become a quite intolerable tension. Laughter broke out, enormous, almost hysterical, peal after peal, as though it would never stop. My father – and it was the Director! My father! Oh Ford, oh Ford! That was really too good. The whooping and the roaring renewed themselves, faces seemed on the point of disintegration, tears were streaming. Six more test-tubes of spermatozoa were upset. My father! Pale, wild-eyed, the Director glared about him in an agony of bewildered humiliation.”[1]

Das Zitat verdeutlicht, welche Schande und Demütigung ein leibliches Kind für einen Menschen der modernen Gesellschaft darstellt. Diese Demütigung ist mit der Geburt eines unehelichen Kindes in früheren Zeiten zu vergleichen. Aus heutiger Sicht ist dies alltäglich, vor nicht langer Zeit galt die Geburt eines unehelichen Kindes jedoch als Schande und beschmutzte das Ansehen der gesamten Familie.

Doch warum ist ein leibliches Kind eine derartige Schande? Huxleys „Moderne Gesellschaft“ soll durch strenge Kontrollen und Reglementierungen weitestgehend stabil gehalten werden. Das wichtigste Element zur Gewährleistung dieser Stabilität stellt die kontrollierte Produktion von Menschen dar, weil natürliche Geburten alle Faktoren durcheinander bringen würden mit der Konsequenz, dass die Gesellschaft und deren Zugehörige nicht mehr berechenbar wären. Da die Menschen von Geburt an in verschiedene Kasten mit verschiedenen Funktionen eingeteilt und der Arbeit körperlich (und geistig) angepasst werden, wären natürliche Geburten sehr nachteilig. Es würde beispielsweise zur Vermischung der Klassen kommen, wenn ein Alpha und ein Beta gemeinsam ein Kind bekommen würden. Man könnte bei einer natürlichen Geburt auch nicht mehr beeinflussen, wie intelligent oder groß ein Kind sein wird, um für die Arbeit der nun auch nicht mehr klar zuzuordnenden Klasse perfekt angepasst zu sein. Außerdem wären die Eltern letztendlich mit der Erziehung ihres Kindes beschäftigt, was zum einen die Produktivität beeinträchtigen, zum anderen aber auch zur „Individualisierung“ des Kindes führen würde. Das Kind wäre nicht mehr Teil einer Gesamtheit mit vielen gleichen Kindern/Menschen, sondern ein Individuum, was zu abweichenden Charakterzügen und Moralvorstellungen führen würde. All diese Umstände würden die Gesellschaft instabil machen. Deswegen wird den Menschen beigebracht, dass Mutterschaft und natürliche Geburten eine Schande sind. Auf diese Weise wird von Vornherein der Wunsch unterdrückt, sich auf natürliche Weise fortzupflanzen. Das Motiv der Mutter gilt oft als Symbol für die Natur und Natürlichkeit, die in der Brave New World jedoch völlig verbannt wird. Auch die Liebe spielt dabei eine Rolle, vgl. hierzu die Ausführungen unter Punkt 3 Partnerschaft und Liebe.

2.1.2. Die natürliche Fortpflanzung in den Reservate

Die Reservate sind Gebiete außerhalb der modernen Städte und der modernen Gesellschaft, in denen die sogenannten „Wilden“ leben. Dort leben die Menschen noch „wie früher“, also, wie zu den Zeiten vor der modernen Gesellschaft und der zum Teil künstlichen Entstehung der Menschen. Die Menschen in den Reservaten beten noch zu Göttern, werden auf natürlichem Wege geboren, altern und sterben. Es werden keine Prozesse vorgenommen, um gesellschaftliche Klassen zu bilden oder die Menschen vor Alter und Krankheit zu bewahren. In der schönen neuen Welt sind die „Wilden“ Aussätzige und Hinterwäldler und damit der genaue Gegensatz zum „modernen Menschen“.

So ist es für Lenina eine schockierende Erfahrung, als sie mit Bernhard das Reservat besucht. Die Menschen dort gleichen den heutigen Vorstellungen der Urvölker, gekleidet in Felle mit bemalten Körpern und traditionellen Riten. Mit Leninas und Bernhards Besuch treffen zwei grundverschiedene Welten mit ebenso unterschiedlichen Normen und Werten aufeinander. Dinge die in der modernen Gesellschaft als obszön angesehen werden, sind hier alltäglich. Ein Beispiel dafür ist Leninas Entdeckung zweier Frauen, die ihre Kinder stillen.

The spectacle of two young women giving breast to their babies made her blush and turn away her face. She had never seen anything so indecent in her life.[2]

Für Lenina, die die Normen und Werte der “modernen Gesellschaft” repräsentiert, ist dieser Anblick beschämend und fremd. Nie hatte sie sich mit solchen natürlichen Prozessen auseinandergesetzt. Die Gesellschaft hat sie dahingehend beeinflusst/manipuliert, dass die natürliche Geburt und damit auch die zwischenmenschliche Liebe und Verbundenheit unnötig, wenn nicht sogar schädlich für die Gesellschaft ist. Bernhard, der sich bereits mit dem Leben der „Wilden“ auseinandergesetzt hat, scheint von diesem Ereignis fasziniert zu sein.

“What a wonderfully intimate relationship,“ he said, deliberately outrageous. „And what an intensity of feeling it must generate! I often think one may have missed something in not having had a mother. And perhaps you’ve missed something in not being a mother, Lenina. Imagine yourself sitting there with a little baby of your own.”[3]

Bernhard sträubt sich gegen die Ansichten der „modernen Gesellschaft“. Er hat bereits die Position des Außenseiters eingenommen und versucht sich in dieser Rolle nun zu bewähren. Er versucht, Menschen wie Lenina eine andere Sichtweise näher zu bringen und vertritt in dieser Szene die Werte der „Wilden“. Und diese haben offensichtlich keine Hemmungen, ihre Kinder in der Öffentlichkeit zu stillen und ihre entblößten Brüste zu zeigen. Alle Prozesse, die in der „modernen Gesellschaft“ angewendet werden, um die Menschen anzugleichen und anzupassen, sind hier nicht nötig bzw. nicht erwünscht. Interessant ist hierbei, dass die „modernen Menschen“ einerseits zwar kein Schamgefühl besitzen, wenn es um Sex und Orgien geht, aber dafür andererseits bei körperlicher Nähe, die mit Gefühlen in Verbindung gesetzt wird, sehr beschämt sind. Man hat den Eindruck, dass das Schamgefühl der „Wilden“ und der „modernen Menschen“ umgekehrt wurde und nun gänzlich verschieden ist. Dieses (indoktrinierte) Schamgefühl nutzt die „moderne Gesellschaft“ zu ihrem Vorteil und verhindert so natürliche und unkontrollierte Geburten (siehe Punkt l 2.1.1 - Eine Schande in der modernen Gesellschaft).

[...]


[1] Huxley, Aldous. Brave New World. Berlin: Cornelsen Verlag, 2007, S. 130-131.

[2] S. Huxley, 2007, S.95.

[3] S. Huxley, 2007, S.96.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Sexualität in Utopie und Dystopie. Aldous Huxleys "Brave New World"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V315564
ISBN (eBook)
9783668152687
ISBN (Buch)
9783668152694
Dateigröße
647 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brave New World, Huxley, Aldous, Aldous Huxley, Sexualität, Klon, Sex, Utopie, Dystopie
Arbeit zitieren
Anika Wiese (Autor:in), 2016, Das Motiv der Sexualität in Utopie und Dystopie. Aldous Huxleys "Brave New World", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315564

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