"Penthesilea" von Heinrich von Kleist. Eine Spurensuche anhand Immanuel Kants Souveränitätsbegriff


Bachelorarbeit, 2013
26 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Der entworfene Mensch

2 Souveränität

3 Moralisches Handeln und sinnliche Neigung

4 Der geschaffene Mensch

5 Kern oder Knoten?

6 Entgrenztes Handeln. Überwindung der Norm.

7 Schmelzen und Schmieden

8 Erz und Begehren

9 Küsse. Bisse. (V 2981) Totküssen

10 Fluchtgewog (V 251).

11 Aphrodisiakum

12 In starken Armen hebt er mich empor, und jeder Griff nach diesem Dolch versagt mir, (V 1569)

13 Hinweg die Luft trinkt lechzend, die sie hemmt! (V 398) Paradoxe Souveränität!

14 Nackt unter den Worten: „ War je ein Traum so bunt, als was hier wahr ist? “ (V 986)

15 Bogenschluss

Forschungsliteratur

Denn eine andre Kette denk ich noch, /

Wie Blumen leicht und fester doch, als Erz, /...

Pentheselia (V 385)[1]

Sind wir nicht Flammen, welche rastlos brennen

Und Alles, Alles, was sie auch umwinden,

Verzehren nur, doch Nichts umarmen können?

Friedrich Hebbel (1845) (http://www.aphorismen.de/zitat/152518)

Die Vernunft des Traums fürchtet die Vernunft der Liebe,

die Vernunft der Gewalt, die Vernunft des Todes, um der

reinen Vernunft willen, die niemand beherrscht.

Thomas Bernhard (1931) (http://www.conjunctions.com/webcon/bern5g.htm)

1 Der entworfene Mensch

Wenn du nicht kannst, nicht willst – seis!

Weine nicht. / Ich bleibe bei dir. Was nicht möglich ist, /

Nicht ist, in deiner Kräfte Kreis nicht liegt, / Was du nicht leisten kannst:

die Götter hüten, / Daß ich es von dir fordre!

(Prothoe, „Penthesilea“[2], 9. Auftritt, V 1271)

"Entsetzlich" nannte Thomas Mann das Stück und sprach damit nur das Offensichtlichste aus. Schon Kleist selber schrieb in einem Brief, dass es zwangsläufig Entsetzen hervorrufen müsse und genau dies ist auch das Wort, das die Oberpriesterin ausruft als sie vom kannibalistischen Blutrausch der Amazonenkönigin Penthesilea erfährt.

Entsetzen ist also nicht nur das Leitmotiv der Rezeption des Stückes, angefangen bei Goethe, dem es Kleist zu Füßen legte und der sich schaudernd abwandte, es ist auch ein immanentes Motiv des Stückes selbst.

Doch was geht da vor? Was ist das für eine Dynamik, die hier in Gang gesetzt wird und solch Entsetzen auslöst?

Kleists 1806/1807 entstandenes Drama ist ein gesellschaftskritisches Stück. Er zeigt exemplarisch anhand der Protagonistin Penthesilea, wie unvereinbar staatliches Pflichtbewusstsein mit Individualität sein kann. Penthesileas ausbrechender persönlicher innerer Konflikt wird durch das System ihres Amazonenstaates ausgelöst. Aus der Konfrontation der natürlichen Gefühle mit der kollektiven Ordnung entsteht das Tragische.

Bis heute ist rätselhaft, ob der Trojanische Krieg so stattfand, wie ihn Homer schildert oder ob es das Volk der Amazonen tatsächlich gegeben hat. Wahrscheinlich ist, dass es sich dabei um eine Essenz aus Geschichten und Konstellationen handelt, die so oder so ähnlich tatsächlich zu verschiedenen Zeiten und sich gewissermaßen zu mythischen Geschichten kristallisiert haben.

Schon im 1.Auftritt ist man mittels einer Teichoskopie[3], einer Unterhaltung der Griechenkönige Odysseus, Diomedes und Antilochus, mitten im Geschehen.

Schauplatz ist das Schlachtfeld bei Troja, auf dem sich Griechen und Trojaner bekämpfen. Die Amazonen, angeführt von ihrer Königin Penthesilea, stürzen sich ebenfalls in den Kampf. Sie greifen sowohl die Griechen, als auch die Trojaner an. Auf ein klares Freund - Feind - Denken eingestellt, entzieht sich das für Odysseus als „sinnentblößt“[4] bezeichnete Schlachtgetümmel jeder Logik, denn den Grund für das Eingreifen der Amazonen kennt er nicht. Diese haben das alleinige Ziel sich „Samenspender“ für ihren Fortbestand zu sichern. Besonders unbegreiflich ist für die Griechen das androgyne Auftreten der Amazonenkönigin. Ihre Wildheit, ihre Kampfbereitschaft und ihre Energie passen nicht in das Rollenverständnis der griechischen Feldherren.

Sie wollen sich Penthesilea jedoch erklären, sie wollen das „Dritte“, welches weder „Kraft“ noch „Widerstand“[5] ist, enträtseln. Die Paradoxie des Willens. Was nicht rational erklärbar ist, muss wohl übernatürlich sein; und mittels dieser Naturgewaltmetaphorik wird Penthesileas Auftreten von den Griechen beschrieben, und dessen Affektbeladenheit somit verstärkt: „Staub aufqualmend, wie Gewitterwolken:/ Und, wie der Blitz vorzuckt-/ [...] Penthesilea.“[6]

Was dem aufmerksamen Beobachter an dieser "Liebesgeschichte", wenn man sie wirklich so nennen will, eher jedoch dieser Obduktion der Liebe, auffällt, ist die merkwürdig gleichgeschaltete Konstellation der Hauptgestalten, denn sowohl Penthesilea als auch Achilles sind die größten Krieger ihres Volkes.

2 Souveränität

Der Mensch sucht sich ein Bild zu machen[7], von sich selbst, von seinen Möglichkeiten und Grenzen im Sinn der delphischen Forderung „Erkenne dich selbst!“, die als Anfangsmythos der abendländischen Philosophie gilt: Der Mensch reflektiert sich! In seinem Sein und Handeln. Zwischen menschlichem Selbstbegriff und Menschenkunde ist der ursächliche Zusammenhang dabei der Kontext, in dem sich alle Entwürfe von Menschen situieren: was wir selbst als Grenzen und Möglichkeiten unseres Handelns erkennen und akzeptieren, hängt ab von dem jeweiligen Menschenbild, das wir als zutreffend, als wahrheitsgemäß anerkennen und unserem Selbstverständnis zu Grunde legen. Die Frage nach dem richtigen Entscheiden und Handeln, die uns alle bestimmt, erfolgt auf der Grundlage der Frage nach dem Menschen. Dabei ist zu anzumerken, dass neuerlangte Handlungsfreiheit sich mit Angst verbindet.

Für die Philosophie der Neuzeit werden diese beiden Felder explizit von Immanuel Kant [8] zusammengebracht. Kant weist die zentrale Frage „Was soll ich tun?“ der grundlegenden Fragestellung seiner Philosophie zu: „Was ist der Mensch?“ Im Zuge seiner Ethik formuliert er das Bild des seiner Anlage zur Freiheit verpflichteten Menschen... Bei Kant erscheint der vernünftige Mensch als Herr seiner selbst und seines Handelns, der sich in Überwindung aller egoistischen, triebhaften, physischen und an der eigenen Neigung orientierten Elemente seiner Handlungsmotive verwirklicht.“ Seine Idee vom souveränen Menschen! „Damit steht Kant Pate für das menschliche Bestreben, sich auch jenseits der Ordnungen von gesetzlichen und sozialen Richtlinien durch sein richtiges Handeln aus sich selbst heraus zu verwirklichen. Kant sucht zu beweisen: daß das Wesen des Menschen, sozusagen seine Natur, ihn zur Freiheit nicht nur befähigt sondern bestimmt“ (nach Tim Müller: Der souveräne Mensch, S 11).

3 Moralisches Handeln und sinnliche Neigung

Die politische Philosophie Immanuel Kants ist nicht nur mit der Intervention aus humanitären Gründen vereinbar; genau genommen fordert sie den Eingriff von außen, wenn ein Staat die elementaren Rechte verletzt und bereits damit den Frieden auf der dicht besiedelten Erde bedroht.[9]

Schon hier zeigen sich grundlegende Probleme seiner Konstruktion: das Ineinander von Freiheit und Notwendigkeit, die Orientierung des Einzelnen am Wollen des anderen, wie sie sich im Absolutheitsanspruch des Kantischen Imperativs[10] äußert.

Zeitgenossen, wie Friedrich Schiller, reagieren kritisch. In seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1795) wendet sich dieser gegen Kants Abwertung der sinnlichen Qualitäten des Menschen, seiner Gefühle und Neigungen, die das Gebot imperativischen Handelns als Handlungsmotive rigoros ausklammert. Für Schiller kann im Bereich der Ästhetik Freiheit durch die Harmonisierung der natürlich - sinnlichen Neigung, mit dem ethischen Bereich der Pflicht gewonnen werden. In diesem Zusammenhang spricht er von einer „schöneren Notwendigkeit“, womit er gegen Kants Verknüpfung von Freiheit und Gesetz abzielt.[11]

Heinrich von Kleist reflektiert Kant vor allem in seinen frühen Briefen. Im Gegensatz zu Schiller bezieht Kleist sich nicht explizit auf Kants Systematik und Terminologie. Trotzdem lässt sich zeigen, dass er in seiner Kant - Lektüre erste Grundzüge eines alternativen Menschenbilds entwickelt, welches er dann dichterisch durchspielt.

Die zeitgenössische Kantrezeption greift auf Adornos Kant – Kritik zurück.[12]

Kants Handlungs- und Seinsansprüche werden als eine Form „ethischer Gewalt“ kritisiert, wird der Begriff der Souveränität ins Spiel gebracht. Souveränität, als Überlegenheit, Übermacht, Herrschaft verstanden, wird hier abgewertet und als Hindernis in Form von Unfreiheit und Unterwerfung verstanden. Butler: „Man (muß) nicht souverän sein, um moralisch zu handeln; vielmehr muß man seine Souveränität einbüßen, um menschlich zu werden.“

Adorno weist die für Kants Pflichtethik grundlegende Kategorie der Moral als Begriff aus, der für universale, allgemeinverbindliche Maßstäbe steht.

Das Problem, ob es (...) nicht möglich wäre, daß zwischen einem solchen Gesetz , daß zwischen der Idee des guten und des richtigen Handelns und der Möglichkeit ihm nachzukommen ein wirklicher Widerspruch herrscht, daß also diese Möglichkeit unter Umständen nicht gegeben sein kann, dieser Horizont (...) erscheint in der Kantischen Theorie überhaupt nicht. Es erscheint nicht die Möglichkeit des Absurden: daß es zwar die Idee des Guten und die Verpflichtung, das Gute zu tun und das Gesetz zu erfüllen, etwa durch die Totalität des gesellschaftlichen Zusammenhangs, in den sie eingespannt sind, verweigert ist.[13]

Hier könnte von Kleists Reaktion auf Kant entwickeltes Menschenbild ansetzen. Wie er in seiner Dichtung Ansätze verarbeitet, die sich in der philosophischen Kant - Rezeption des 20. Jahrhunderts wiederfinden.

Ob sich Kleist erschließen lässt, seine Anthropologie über die Souveränitätsidee, und zwar gerade in deren Ineinander von anthropologischen und politischen Komponenten? Kleist reflektiert den Menschen vor allem in Herrschaftsverhältnissen, als Mensch bedingt durch äußere Faktoren der Staatsmacht, des Gesetzes, der Gesellschaft, aber auch durch sich selbst, durch das Bild, das er sich macht von seinen Grenzen und Möglichkeiten. Kleists Werk, den Menschen philosophisch literarisch zu erfassen.

„Penthesilea agiert als Königin und vertritt damit als Einzelne das Gesetz, das die Gemeinschaft, das Volk „der Amazonen oder Brustlosen“, bis hin zur physischen Beschaffenheit bedingt. Penthesilea, die als Königin das konzentriert verkörpert, was alle anderen sein sollen, sie, die sich wie alle Amazonen der Amputation ihrer rechten Brust unterziehen muß. Penthesilea verwirft diese Verpflichtung zum Amazonengesetz, handelt konträr ihrem Status. Die Königin steht für das Gesetz und ist diesem vor allen anderen verpflichtet. Die Spannung zwischen dem Sollen und ihrem Können bzw. Nicht - Können ist nicht nur mit ihrer Stellung als Königin verbunden, sondern weist auch grundlegend auf das Gebot richtigen Handelns als Kategorie hin...“(nach Tim Müller: Der entworfene Mensch, S 16).

Der von den Amazonen geforderten Einhaltung der Königinnenpflicht liegt nämlich die Forderung nach der individuellen Selbstbeherrschung Penthesileas zugrunde. Sie soll entgegen ihrem Gefühl, ihrem Begehren nach Achilles handeln und damit ihr Wollen überwinden. Das Nicht - Können, das die Amazonen einklagen, meint in diesem Sinn Penthesileas Unfähigkeit zur Handlungskontrolle, zur Beherrschung und Regulierung ihres Handelns im Zeichen von Gesetz und daraus abgeleiteter Amazonenexistenz. In Relation zu diesem Sollen wird Penthesileas Handeln für die anderen zu einem Vergehen, ihre Existenzweise damit illegitim, sie selbst wird zur „Unseligen“ erklärt (V 1113).

Die positive Deutung dieses vermeintlichen Handlungsdefizits, die Prothoe in dem des 1. Kapitels vorangestellten Motto gibt, deutet einen abweichenden Souveränitätsbegriff[14] an.

[...]


[1] Zitat aus der Ausgabe: Penthesilea, Seite 249 – 342, aus: Heinrich von Kleist: Werke in einem Band. Hrsg. v. Helmut Sembdner. Carl Hanser Verlag., München. 1965.

[2] Penthesilea, auch Penthesileia und Penthesilia (griech. Πενθεσίλεια)

[3] griechisch, Stadtmauer beobachten oder Mauerschau wird im Schauspiel der mündliche Bericht einer Figur bezeichnet, welche von erhöhter Position aus, Vorgänge schildert, die aus künstlerischen oder praktischen Gründen nicht dargestellt werden können (z.B. Bühne). Monolog oder Dialog im Gegensatz zu Botenbericht erlaubt T. zeitgleiches Erzählen. Vom Kunstgriff in Homers Ilias/ 3. Gesang V 121-244.

[4] V 211

[5] vgl. V 126

[6] V 388

[7] Friedrich Schiller nannte es Erhabenheit: Vom Erhabenen (Zur weitern Ausführung einiger Kant’schen Ideen), ed. Alt/ Meier/ Riedel V/ 489.

[8] „Kritik der reinen Vernunft“ 1795

[9] Volker Gerhard (Prof. f. Phil. – Humboldt - Universität Berlin) in: Souveränität nach Immanuel Kant. Wer den Philosophen ernst nimmt, muss Frieden und Menschenrechte auch mit Gewalt sichern.

[10] Imperativ, von Latein imperare: befehlen; einer der drei Modi des Verbs im Deutschen (die anderen sind Indikativ, Konjunktiv). Kant’s kategorischer Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

[11] Vgl. Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen, S. 124; des weiteren der 19. Brief (S. 75 -80).

[12] Judith Butler: Kritik der ethischen Gewalt

[13] Adorno: Probleme der Moralphilosophie. S. 113/14

[14] Souveränität (frz. Souverainete’, aus lat. Superanus, „darüber befindlich, überlegen“). Jean Bodin (1529/1530-1596): „Sechs Bücher über den Staat“, Begriff S. als die höchste Letztentscheidungsbefugnis im Staat. Nach Bodins Konzeption der absoluten Herrschaft sollte diese Befugnis stets nur der Person des Königs zukommen, unteilbar sein und es dem Herrscher ermöglichen, Recht auch gegen den Willen der Untertanen verbindlich setzen zu können. Bodins Forderung nach einer höchsten und letztverantwortlichen Herrschergewalt stand in direktem Zusammenhang mit den konfessionellen Bürgerkriegen in Frankreich. In Bezug auf die Staatsgewalt des frühneuzeitlichen deutschen Reichs sprach man in Gelehrtenkreisen, in Abwandlung Bodins Thesen, zeitweilig von einer doppelten oder dualen Souveränität, wobei dann die irgend geartete Aufteilbarkeit der höchsten Gewalt angenommen werden musste.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
"Penthesilea" von Heinrich von Kleist. Eine Spurensuche anhand Immanuel Kants Souveränitätsbegriff
Hochschule
Universität Wien  (Deutsche Philologie)
Veranstaltung
BA SEMINAR
Note
1
Autor
Jahr
2013
Seiten
26
Katalognummer
V315618
ISBN (eBook)
9783668150058
ISBN (Buch)
9783668150065
Dateigröße
768 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
penthesilea, heinrich, kleist, eine, spurensuche, immanuel, kants, souveränitätsbegriff
Arbeit zitieren
Mechthild Lütjen-Podzeit (Autor), 2013, "Penthesilea" von Heinrich von Kleist. Eine Spurensuche anhand Immanuel Kants Souveränitätsbegriff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315618

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