"Entsetzlich" nannte Thomas Mann das Stück "Penthesilea" und sprach damit nur das Offensichtlichste aus. Schon Kleist selber schrieb in einem Brief, dass es zwangsläufig Entsetzen hervorrufen müsse und genau dies ist auch das Wort, das die Oberpriesterin ausruft, als sie vom kannibalistischen Blutrausch der Amazonenkönigin Penthesilea erfährt.
Entsetzen ist also nicht nur das Leitmotiv der Rezeption des Stückes, angefangen bei Goethe, dem es Kleist zu Füßen legte und der sich schaudernd abwandte, es ist auch ein immanentes Motiv des Stückes selbst.
Doch was geht da vor? Was ist das für eine Dynamik, die hier in Gang gesetzt wird und solch Entsetzen auslöst?
Kleists 1806/1807 entstandenes Drama ist ein gesellschaftskritisches Stück. Er zeigt exemplarisch anhand der Protagonistin Penthesilea, wie unvereinbar staatliches Pflichtbewusstsein mit Individualität sein kann. Penthesileas ausbrechender persönlicher innerer Konflikt wird durch das System ihres Amazonenstaates ausgelöst. Aus der Konfrontation der natürlichen Gefühle mit der kollektiven Ordnung entsteht das Tragische.
Bis heute ist rätselhaft, ob der Trojanische Krieg so stattfand, wie ihn Homer schildert oder ob es das Volk der Amazonen tatsächlich gegeben hat. Wahrscheinlich ist, dass es sich dabei um eine Essenz aus Geschichten und Konstellationen handelt, die so oder so ähnlich tatsächlich zu verschiedenen Zeiten und sich gewissermaßen zu mythischen Geschichten kristallisiert haben.
Inhaltsverzeichnis
1 Der entworfene Mensch
2 Souveränität
3 Moralisches Handeln und sinnliche Neigung
4 Der geschaffene Mensch
5 Kern oder Knoten?
6 Entgrenztes Handeln. Überwindung der Norm.
7 Schmelzen und Schmieden
8 Erz und Begehren
9 Küsse. Bisse. (V 2981) Totküssen
10 Fluchtgewog (V 251)
11 Aphrodisiakum
12 In starken Armen hebt er mich empor, und jeder Griff nach diesem Dolch versagt mir, (V 1569)
13 Hinweg die Luft trinkt lechzend, die sie hemmt! (V 398) Paradoxe Souveränität!
14 Nackt unter den Worten: „War je ein Traum so bunt, als was hier wahr ist?“ (V 986)
15 Bogenschluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Heinrich von Kleists Drama „Penthesilea“ als eine integrative Literaturanalyse, die das tragische Spannungsfeld zwischen staatlicher Ordnung und individueller Freiheit anhand von Kants Souveränitätsbegriff dekonstruiert.
- Analyse des Konflikts zwischen Pflichtbewusstsein und persönlichen Gefühlen.
- Untersuchung von Metaphern wie Erz, Schmelzen und Schmieden im Text.
- Diskussion des Sprachgebrauchs und des Worts als Mittel zur Selbstauslöschung.
- Beleuchtung des Spannungsverhältnisses zwischen Ordnung und entgrenztem Handeln.
- Reflektion der Rezeptionsgeschichte des Werks.
Auszug aus dem Buch
8 Erz und Begehren
Zunächst begegnet uns das Bild des Erzes an mehreren Stellen. Im zweiten Kampf gegen Achilles ist Penthesilea „umrasselt“ von ihrer „erznen Rüstung“ (V 1560). Ihr Körper ist in diesem Sinn Objekt der Rüstung, die ihn zunächst unveränderlich in der Materie des Erzes nachzeichnet.
In der Begegnung beider Hauptfiguren geht der genannten Stelle im 15. Auftritt eine Passage voraus in der Penthesilea den Stoff des Erzes in Zusammenhang mit ihrer Neigung zu Achilles erwähnt. Diese Kopplung von Erz und Begehren führt in dem von Penthesilea verwendeten Bild zu einem Vorgang des Schmelzens und Schmiedens:
Denn eine andre Kette denk ich noch, / wie Blumen leicht, und fester doch, als Erz, / Die dich mir fest verknüpft, ums Herz zu schlagen. / Doch bis sie zärtlich, Ring um Ring, geprägt, / In der Gefühle Glut, und ausgeschmiedet, / der Zeit nicht, und dem Zufall, mehr zerstörbar, / Kehrst du, weil es die Pflicht erheischt, mir wieder, (V 1832)
Ihr Gefühl ist es, welches das Erz gleichzeitig schmilzt und zu etwas Neuem (und Unzerstörbarem) umbildet. Penthesileas Begierde lässt sich nicht in den Rahmen der gesellschaftlichen Normen zwingen. Die Bilder, die Liebe als fesselnd malen, in denen sich nichts Lebhaftes regt, sowie die ganz anderen der verführerischen Begegnungen des Kampfes und der Jagd, auch das letzte blutige Treffen bleiben unverstanden, wenn sie unter dem Rubrum Liebe zwischen Mann und Frau, speziell enttäuschte Liebe, gefasst werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Der entworfene Mensch: Einführung in die tragische Dynamik von Kleists Drama und die Unvereinbarkeit von staatlicher Pflicht und Individualität.
2 Souveränität: Darstellung des menschlichen Strebens nach Selbstbestimmung im Kontext philosophischer Menschenbilder.
3 Moralisches Handeln und sinnliche Neigung: Reflexion über Kants Ethik und die kritische Auseinandersetzung von Zeitgenossen wie Schiller und Kleist.
4 Der geschaffene Mensch: Analyse der religiösen und philosophischen Einflüsse auf die Vorstellung vom Menschen als abhängigem Geschöpf.
5 Kern oder Knoten?: Betrachtung der ästhetischen Konzeption des Dramas, insbesondere unter dem Einfluss von Musik und Ekstase.
6 Entgrenztes Handeln. Überwindung der Norm.: Erörterung des Handlungspotenzials, das aus Affekt und dem Bruch mit Konventionen entsteht.
7 Schmelzen und Schmieden: Analyse des Erz-Motivs als Prozess der existenziellen Wandlung und Zerstörung.
8 Erz und Begehren: Untersuchung der Verbindung von materieller Rüstung, Begierde und der Metaphorik des geschmolzenen Erzes.
9 Küsse. Bisse. (V 2981) Totküssen: Analyse der Erotik und des linguistischen Selbstmords als Grenzerfahrung der Sprache.
10 Fluchtgewog (V 251): Zusammenfassende Betrachtung der existentiellen Krise und der Unzugänglichkeit von Kleists Werk.
11 Aphrodisiakum: Untersuchung des Holundermotivs als Ort unerlaubter Begierde und emotionaler Ausnahmezustände.
12 In starken Armen hebt er mich empor, und jeder Griff nach diesem Dolch versagt mir, (V 1569): Reflexion über den Tod als Triumph durch das Wort und das Ende der physischen Existenz.
13 Hinweg die Luft trinkt lechzend, die sie hemmt! (V 398) Paradoxe Souveränität!: Vertiefung des Souveränitätsbegriffs im Kontext der Verweigerung gesellschaftlicher Maßstäbe.
14 Nackt unter den Worten: „War je ein Traum so bunt, als was hier wahr ist?“ (V 986): Analyse der Rezeptionsgeschichte und der moralischen Verwirrung, die Kleists Werk auslöst.
15 Bogenschluss: Abschlussbetrachtung über das architektonische Prinzip des Bogens als Sinnbild für Kleists „Erschütterungskunst“.
Schlüsselwörter
Penthesilea, Heinrich von Kleist, Souveränität, Kant, Erz-Metaphorik, Liebe, Selbstmord, Sprache, Begehren, Amazonenstaat, Tragödie, Individuum, Pflichtethik, Selbstschöpfung, Existenz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Heinrich von Kleists „Penthesilea“ und untersucht, wie die Protagonistin durch die Verweigerung gesellschaftlicher und moralischer Normen eine eigene, wenn auch tragische, Form der Souveränität findet.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Felder umfassen die Spannung zwischen staatlicher Pflicht und individueller Neigung, die Rolle der Sprache als konstitutives Element der Subjektivität sowie die Metaphorik von Erz, Schmelzen und Schmieden.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Kleist durch die dramatische Gestaltung der Penthesilea Kants Souveränitätsbegriff hinterfragt und durch eine literarisch-philosophische Auseinandersetzung das Bild des Menschen in Extremsituationen neu definiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine integrative Literaturanalyse, die philosophische (Kants Souveränitätsbegriff) und psychologische Ansätze mit einer detaillierten Textinterpretation verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Aspekte des Dramas: von der Rolle der Amazonenkönigin über die Metaphorik des Erzes bis hin zur Bedeutung der Sprache und der Rezeptionsgeschichte des Werks.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Penthesilea, Kleist, Souveränität, Pflichtethik, Selbstmord und das Motiv des Erzes.
Welche Bedeutung hat das Erz-Motiv für Penthesilea?
Das Erz-Motiv steht für die starre Ordnung und das Gesetz; das Schmelzen des Erzes symbolisiert den Zusammenbruch dieser Ordnung durch die individuelle Begierde und die damit einhergehende katastrophale Krise.
Warum ist die Sprache in Penthesilea so entscheidend?
Sprache wird bei Kleist zum „Dolch“, der die physische Existenz ersetzt. Penthesilea findet ihre eigene Identität erst im Verstummen oder in einem Tod durch die Sprache, was die Macht des Wortes gegenüber der Realität verdeutlicht.
Was bedeutet der „Bogenschluss“ im Kontext der Arbeit?
Der Bogenschluss dient als architektonische Metapher für die Paradoxie: Die Steine fallen, bilden aber durch den Schlussstein eine stabile Einheit. Dies spiegelt Kleists Dramatik wider, in der der Zusammenbruch der Ordnung gleichzeitig deren formale Fixierung ist.
- Arbeit zitieren
- Mechthild Lütjen-Podzeit (Autor:in), 2013, "Penthesilea" von Heinrich von Kleist. Eine Spurensuche anhand Immanuel Kants Souveränitätsbegriff, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315618