Die Stellung des Erasmus von Rotterdam zu Martin Luther


Hausarbeit, 2002
26 Seiten, Note: 3+

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Erasmus´ Humanismus

2 Hauptteil
2.1 Erste Kontakte zwischen Erasmus und Luther
2.2 Die Stellung des Erasmus zu Luther bis zur Leipziger Disputation 1519
2.2.1Annährungen in den Jahren 1517 / 1518
2.2.2Erasmus` Reformwünsche und Kontroversen mit Luther im Jahre 1519
2.3 Erasmus` gescheiterte Vermittlungsversuche
2.4 Erasmus` Bruch mit Luther nach dem Wormser Reichstag

3 Schluss

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Die Aufgabe in dieser Arbeit besteht darin, die Stellung des Erasmus von Rotterdam, geboren zwischen 1466 und 1469, gestorben 1536, zu Martin Luther (1483-1546) und der Reformation darzulegen. Als bedeutendster Repräsentant des europäischen Humanismus und eine der höchsten Instanzen in Glaubensfragen, ist Erasmus von Rotterdam in der Reformationsfrage lange Zeit eine wichtige Autorität für beide Seiten. Deswegen haben sowohl Reformer als auch diejenigen, die der römischen Kirche und Ordnung treu geblieben sind, sich um seine Gunst bemüht und versucht, ihn auf ihre Seite zu ziehen.

Erasmus´ Verhältnis zur Reformation und zu Martin Luther darzustellen, ist das Ziel dieser Arbeit.

Die Stellung des Erasmus von Rotterdam zu Luther und der Reformation ist in der wissenschaftlichen Forschung bereits oft thematisiert worden. Die Einschätzung seiner Rolle, die er vor, während und nach der Reformation gespielt hat, ist dabei sehr verschieden ausgefallen.

Ein Grund dafür ist die Herangehensweise vieler Wissenschaftler aus einer theologischen Perspektive, die von der jeweiligen Konfession beeinflusst ist und eine objektive Analyse erschwert. Die Beeinflussung durch die jeweilige Konfession wird in Heinz Holeceks Essay Erasmische Reform und Reformation deutlich, wenn er schreibt, dass die Katholiken Erasmus vorwerfen, er habe „das Ei gelegt, welches Luther ausbrütete,"1 während die Protestanten, „die in ihrer Substanz alles aus seinen Schriften erlernt hatten,"2 ihn heftig angreifen, da er sich ihrer Sache letztendlich nicht anschließt. Aber dass Erasmus seinen eigenen Standpunkt vertritt und sich über den Interessenskonflikt stellt, würdigten lange Zeit weder Katholiken, noch Protestanten.

Viele Forschungsansätze stellen Erasmus als tragischen Helden dar. Dies wird auch in dem Beitrag „Erasmus von Rotterdam 1469-1536" von Goffe Jensma deutlich. Jensma schreibt, dass sich für Erasmus „zwischen 1517-1536 auf dem Hintergrund der Reformation eine persönliche Tragödie"3 abzeichne. Denn noch 1517 ist Erasmus „der gefeierte Humanist, der geistige Führer des Kontinents, die religiöse und moralische Autorität West-Europas,“4 doch in seinem letzten Lebensjahr 1536 „ein verbitterter, kranker, isolierter Gelehrter.“5 Diese Entwicklung vom populären Humanisten zum isolierten Gelehrten vollzieht sich mit Beginn der reformatorischen Bewegung und dem Auftreten Martin Luthers.

„Erasmus nahm eine für ihn persönlich tragische Rolle ein,"6 meint auch Heinz Holecek, denn es ist Erasmus, welcher der Reformation wichtige Ideen aus seiner humanistischen Lehre bereitstellt und dies sogar „so weit, daß man sagen kann, ohne den Humanismus wäre die Reformation nicht möglich gewesen."7

Stefan Zweig stellt ihn in seiner Erasmus-Biographie „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam" als tragischen Helden dar, berücksichtigt dabei aber vor allem immer Erasmus` Standpunkt der „neutralen Mitte," was er als das „Erasmische,"8 das bedeutet den Willen zur Verständigung, bezeichnet. Er bedauert, dass die Geschichte „an diesem stillen Diener des Humanen fast verächtlich vorbeigesehen"9 habe und lobt ihn als den „Mann der Mitte,"10 als einen Vermittler, der „in einen der wildesten Ausbrüche nationalreligiöser Massenleidenschaft herabgerissen wurde."11

1.1 Erasmus´ Humanismus

Obwohl Erasmus von Rotterdam im Kloster aufwächst, 1492 die Priesterweihe12 erhält und 1506 auch den Doktor der Theologie13 zugesprochen bekommt, hat er nicht das zurückgezogene Leben eines Mönches geführt. Seine Leidenschaft gehört den „ bonae littera", welche „die gesamte klassische Bildung, Literatur und Wissenschaft"14 umfassen. Die bonae litterae sind auch als die „Sieben freien Künste" (Rhetorik, Grammatik, Dialektik, Musik, Arithmetik, Geometrie und Astronomie) bekannt.

Schon hier wird deutlich, dass Humanismus und Theologie nur wenig miteinander gemein haben. Die Profession vieler Humanisten war die Philologie, sie waren ausgezeichnete Grammatiker und Rhetoriker – so wie Erasmus – und keine Theologen im üblichen Sinne. Jedoch „kann man aber nicht leugnen, daß viele Humanisten an theologischen Fragen interessiert waren und sich bemühten, ihr philologisches Interesse für die Theologie fruchtbar zu machen.“15 Diese Humanisten, zu denen auch Erasmus von Rotterdam gehört, bezeichnet Cornelius Augustijn in seinem Buch Erasmus – Der Humanist als Theologe und Kirchenreformer, als „Bibelhumanisten.“16

Erasmus` Auffassung von Humanismus wurzelt in Italien. Hier beginnen Gelehrte, Schriften klassischer Autoren zu sammeln. Diese Gelehrten suchten eine eigene Identität und „lehnten sich an eine neue Ethik, die sich nicht an Geistlichkeit oder Adel orientierte, sondern am Bürgertum, dem im Entstehen begriffenen dritten Stand."17 Für diese geistige Strömung wurde im 19. Jahrhundert der Begriff Humanismus eingeführt.18

Die Humanisten repräsentieren im 16. Jahrhundert eine Bildungselite in Europa. Sie sind oft Universalgelehrte, bewandert auf vielen Gebieten der Wissenschaft, die mit Hilfe der lateinischen Sprache und dem Medium des Briefes auch über die Landesgrenzen hinaus untereinander Kontakt pflegen. Sicher gab es unter ihnen große Unterschiede, „dennoch bildeten sie im zweiten Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts eine Einheit und fühlten sich als mehr oder weniger geschlossene Gruppe.“19 Auch die Einigkeit dieser Gruppe endet mit dem Auftreten Luthers.

Erasmus` eigenes Verständnis von Humanismus entwickelt sich langsam. Doch in einer seiner früheren Schriften, den „Antibarbari" sind bereits die wesentlichen Elemente enthalten, wie z.B. der „Idee der Perfektion des Menschen durch Bildung und Erziehung."20 Bildung und Erziehung des Menschen sind demnach Erasmus` wichtigste Anliegen. Deswegen gehe es in den Antibarbari „immer um den Feldzug der Humanisten gegen die Unwissenden."21 Zugleich dient ihm das Werk, um „seine Position als religiöser Humanist zu legitimieren.“22

Doch die Zeit des Erasmus ist auch eine Zeit von höchster kirchlicher Macht und Autorität und die Lehre der Antike und antikes Wissen werden von der römischen Kirche verworfen und als „heidnisch" angesehen. Erasmus` erstes Kloster beruft sich auf die Lehren des St. Hieronymus, einer der Kirchenväter bei dem eine Verbindung besteht zwischen „antiker Bildung und christlicher Lehre."23 Auf diese Weise kommt Erasmus früh mit den Lehren und dem Wissen der antiken Klassik in Berührung, lernt neben Latein auch Griechisch und Hebräisch.

Erasmus muss seinen Anspruch auf das Wissen der Antike vor der Kirche legitimieren. Er stellte sich „in eine Tradition innerhalb des Christentums, die der aus der Klassik überlieferten Ethik offener gegenüberstand,"24 und seine Schrift „Antibarbari" „kann man ein Manifest nennen, eine Positionsbeschreibung des religiösen Humanismus, dessen unbestrittener Vorkämpfer Erasmus war."25 Weitere Argumente für Erasmus sind, dass sowohl das Alphabet als auch die offizielle Kirchensprache Latein aus der Klassik stammen, welche von der Kirche auch nicht als heidnisch angesehen werden, sowie auch alle Künste und Wissenschaften.26

Erasmus glaubt also an eine Erziehung des Menschen durch Bildung. Ziel seiner Arbeit „war der Fortschritt der Bildung, die langsame Umformung der Barbarei zu einer gebildeten Gesellschaft. Mittel dazu ist Humanisierung (und das umfasst auch Individualisierung) der Erziehung."27

Doch die Institution der römischen Kirche ist zu Erasmus´ Wirkungszeit von Veräußerlichung des Glaubens (z.B. in Form der Reliquienverehrung), ungebildeten Geistlichen und deren Wahrheitsanspruch geprägt. Aus diesen Gründen will Erasmus Reformen in der Kirche. Im Unterschied zu Luther will er jedoch die Einheit der Kirche mit dem Papst als Oberhaupt beibehalten und eine friedliche Reform durchführen.

Besonders im Anfangsstadium der reformatorischen Bewegung lässt sich Erasmus´ Verhältnis zu Luther und der Reformation erkennen. Deswegen soll im Folgenden auf die Jahre 1516 - vom ersten Kontakt zwischen Erasmus und Luther - bis 1524, wo sich Erasmus mit der Herausgabe der „Diatribe de libero arbitrio“ endgültig von Luther abwendet, besonders eingegangen werden. Weitere Ereignisse, die Erasmus weiter von Luther entfremden, sind die Leipziger Disputation im Jahre 1519 und der Wormser Reichstag 1521. Es wird sich zeigen, dass Erasmus` Verhältnis zu Luther und der Reformation vor allem von Zwiespalt geprägt ist, einer Kontroverse zwischen „Pietas“ und „Humanitas“.

2 Hauptteil

2.1 Erste Kontakte zwischen Erasmus und Luther

Der erste schriftlich belegte Kontakt zwischen Erasmus von Rotterdam und Martin Luther findet Ende des Jahres 1516 statt. Es ist ein Brief, in welchem Luther Kritik an Erasmus` Bevorzugung der Lehren des Kirchenvaters Hieronymus äußert, während er selbst die Lehre des Augustinus höher schätze. Es handelt sich also um eine theologische Fragestellung.

Da Luther 1516 in Gelehrtenkreisen jedoch unbekannt ist, kann er nicht damit rechnen, dass der berühmte Erasmus sein Schreiben lesen werde. Aber es steht ihm in Spalatin, dem Sekretär des Kurfürsten Friedrich des Weisen, eine Person zur Verfügung, die durch ihre Dienste beim Fürsten über genügend Einfluss verfügt. Spalatin fügt dem Brief ein „höfliches Begleitschreiben“28 hinzu, übernimmt aber Luthers Brief in fast allen Punkten, wobei er jedoch den Namen Luthers als Verfasser der kritischen Sätze des Briefes nicht erwähnt, sondern von einem kleinen, unbekannten Mönch redet.

In diesem Brief berichtet Spalatin über Luthers Kritik an Erasmus` Lehren: „Although therefore he both expects and wishes that you should carry world-wide authority, he is afraid that you will encourage people to rush to the defence of the dead, that is, the literal interpretation, which has filled almost everyone since Augustine.”29 In diesen Zeilen wird deutlich, dass der namentlich unerwähnte Mönch fürchtet, dass durch das weitverbreitete Ansehen des Erasmus die falsche Heilslehre gefördert werde.

Der Brief ist bedeutend, denn die Inhalte dieses ersten Schreibens berühren nach Paul Kalkoff „bereits jetzt das Zentralproblem, in dem sich später die beiden gegenüberstehen werden.“30 Dieses Zentralproblem ist der spätere Streit zwischen Luther und Erasmus über die Freiheit oder Unfreiheit des menschlichen Willens. Außerdem zeigt er, wie wichtig Luther die Religion ist, und dass er die römische Kirche auf einem falschen Weg sieht. Die „Pietas“, die Gläubigkeit, ist Luthers wichtigstes Anliegen.

Spalatin schreibt weiter: „My friend, then, simply cannot suppose that justification under the Law or by works refers merely to ceremonies; it consists rather in the keeping of the whole Ten Commandments.“31 Luther ist demnach der Meinung, dass der Mensch nur dann erlöst werden kann, wenn er sich an die Zehn Gebote hält, aber nicht durch oberflächliche Zeremonien und er kritisiert die Veräußerlichung des Glaubens. In diesem Punkt haben Erasmus und Luther ähnliche Ansichten, da auch Erasmus in vielen seiner Schriften, wie z.B. in den Colloquia, solche Missstände in der Kirche tadelt.

Die weitere Kritik, die Spalatin für Luther an Erasmus übermittelt, ist folgende: „His view is that we do not become just by performing just actions, as Aristotle supposed, except in an manner of speaking, but that we become just first and then act justly. For the person must first be changed, and then his works.”32 In diesen beiden Aspekten kommt Luthers streng deterministische Lebensauffassung zum Ausdruck: Entweder ist ein Mensch „gut“, oder er ist „schlecht“, doch Einfluss hat er darauf nicht, sondern ist der Willkür Gottes ausgeliefert. Dies wirft die Frage über die Freiheit oder Unfreiheit des menschlichen Willens auf, welche schließlich 1524 zur Kernfrage des Streits zwischen Erasmus und Luther wird und der bezeichnend für die Unterschiede in der Auffassung des Erasmus und der Auffassung Luthers ist.

Die Wichtigkeit dieses ersten Briefes besteht laut Kalkoff darin, dass „in diesen wenigen Zeilen, die Grundzüge für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung“33 mit Luther gegeben werden. Außerdem kommt darin Luthers Glaubensauffassung und seine Kritik an der römischen Kirche zum Ausdruck. Der Humanist Erasmus glaubte nicht an die streng deterministische Auffassung Luthers, auch aus dem Grund, „weil die Bildungstheorie des Humanismus darauf beruhte, dass der Mensch frei“34 wäre.

Denn für Erasmus wird „der Mensch nicht geboren, sondern erzogen“35 und erwirbt durch Bildung Vernunft und Verstand. Dadurch sei es dem Menschen auch möglich, sein Handeln und Schicksal zu gestalten. Erasmus lässt den Brief unbeantwortet und stellt „bei den späteren Versuchen der Wittenberger für seine Parteinahme in Abrede, diesen Brief erhalten zu haben.“36 Diese Behauptung von Kalkoff bestätigt ein Brief von Erasmus an Spalatin, datiert auf den 29. Mai 1519, den er mit diesen Worten einleitet: „Bisher habe ich keine Briefe von Dir bekommen, weder von Dir persönlich noch im Namen des erlauchten Fürsten.“37

2.2 Die Stellung des Erasmus zu Luther bis zur Leipziger Disputation 1519

2.2.1 Annährungen in den Jahren 1517 / 1518

Wirkliches Interesse an Martin Luther wird bei Erasmus von Rotterdam sowie allen Gelehrten, durch die Veröffentlichung seiner 95 Thesen am 31.10.1517 erweckt. Luther zieht dadurch vor allem den Zorn der päpstlichen Kirche auf sich, die ihre Lehren in Gefahr sieht. Besonders Luthers Kritik am Ablass findet vor allem beim einfachen Volk Gehör, doch bei der Kurie, die nach Kalkoff „aus dieser Lehre die besten Einnahmen zieht,“38 muss Luther mit erbittertem Widerstand rechnen, vor allem aus Reihen der Bettelorden der Dominikaner und Franziskaner, deren wichtigste finanzielle Einnahmequelle der Ablasshandel ist.

Die katholische Kirche, die in Luthers Thesen Ketzerei sieht, drängt auf eine schnelle Verurteilung Luthers, der sich jedoch unter dem Schutz Friedrich des Weisen von Sachsen befindet und so schwer aufzugreifen ist. Schließlich wird die Auslieferung Luthers oder seine Vertreibung gefordert, worauf sich Luther in einem Schreiben vom 19. November 1518 dazu bereit erklärt, sich „dem schiedsrichterlichen Urteil der vier angesehensten Universitäten“39 zu unterwerfen.

Friedrich der Weise ist ebenfalls der Meinung, denn „da Luthers Sache noch nicht hinlänglich untersucht sei, so dürfe seine Lehre … nicht als unchristlich verworfen werden.“40 Durch dieses Begehren, das Friedrich am 18. Dezember 1518 in einem Schreiben zum Ausdruck bringt, wird vor allem Zeit gewonnen, um sich auf einen wissenschaftlichen Disput vorzubereiten.

Mit dieser Forderung nehmen Luther und Friedrich den Standpunkt Erasmus` an, der durch einen Informanten, den Erfurter Augustiner Johann Lang, bestens über die Vorgänge im Lutherstreit unterrichtet ist. Bereits am 17. Oktober 1518 teilt Erasmus in einem Brief seine Meinung Johann Lang mit, also einen Monat vor Luthers und zwei Monate vor Friedrichs Stellungnahme. In diesem Brief schreibt Erasmus, dass er „höre, daß Eleutherius bei allen Guten Beifall findet,“41 womit er andeutet, dass viele Humanisten („die Guten“) Luthers Auftreten positiv bewerten. Eleutherius ist Luthers Decknahme, als er sich auf der Wartburg versteckt. Zu diesem Zeitpunkt glauben Erasmus und viele andere Humanisten noch, Luther gehöre zu ihnen.

Zu der Vorgehensweise des römischen Verantwortlichen in der Luthersache schreibt Erasmus an Lang: „Ich habe die fade Antwort des Prierias gesehen. Ich sehe, daß die Monarchie des römischen Oberpriesters, so wie sie jetzt ist, eine Pest der Christenheit bedeutet.“42 Mit dieser Aussage missbilligt Erasmus die Aktionen des Prierias und der Gegner Luthers, die sich nach Kalkoff den Beweis der Ketzerei „sehr leicht gemacht haben, indem sie ... jeden Widerspruch gegen den Papst, den unfehlbaren Richter in Glaubensfragen, als ... Abfall von der allgemeinen Kirche“43 bezeichnen.

Erasmus verteidigt damit Luther gegen die skrupellose Vorgehensweise seiner Gegner, die ihrerseits Erasmus` Ansicht sogleich als eine Befürwortung Luthers auslegen und an ein Bündnis der beiden glauben. Auch Erasmus verlangt wie Luther Reformen in der Kirche, die zu dieser Zeit an Veräußerlichung des Glaubens krankt. Diese Veräußerlichung erkennt man besonders im Ablasshandel, wo man sich mit Geld, aber ohne Buße zu tun oder Verfehlungen zu bereuen, von seinen Sünden freikaufen konnte.

Er befürwortet eine Reform von innen, eine langsame Heilung und hält es nicht für ratsam, „dieses Geschwür offen zu berühren,“44 sondern wünscht, dass sich die Diskussion unter Gelehrten abspielen solle, um nicht auf die Volksmassen überzugreifen. Dies könne in einem Aufstand enden, den Erasmus vermeiden will.

Ob Friedrich und Luther das Schreiben von Erasmus an Lang gelesen haben, ist nicht bekannt. Trotzdem ist erstaunlich, dass sie sich das Argument des Erasmus zu eigen machen, dass Luthers Schuld erst hinreichend erwiesen sein müsse, bevor ein Urteil gefällt werden könne. Wahrscheinlich ist, dass Lang die Inhalte von Erasmus` Brief mit Luther oder Friedrich zumindest besprochen hat.

Das Vorgehen von Friedrich und Luther gleicht einer Widersetzung gegen die kirchliche Autorität. Die Befürworter in Luthers Sache suchen nun nach Bundesgenossen, die auf die Entscheidung in einem Disput oder Prozess gegen Luther Einfluss haben. So drängen, schreibt Stefan Zweig, „die Menschen um Luther, unter ihnen Melanchthon, Spalatin, Fürsten und Adelsherren auf Kontaktaufnahme mit Erasmus,“45 denn „immer ist der parteilose Mensch für die Parteimenschen die wichtigste und beste Flagge.“46

Zu diesem Zeitpunkt ist Erasmus gegenüber Luther noch aufgeschlossen. Er sieht einen „Leidensgenossen“ in ihm, da auch er ähnliche Konflikte mit der Kirche auszutragen hatte, als er seine wissenschaftliche Forschung legitimieren musste. Er ist dagegen, Luther als Ketzer zu verurteilen. Doch übersieht er, dass für Luther einzig die „Pietas“ von Bedeutung ist und ihr Luther fanatisch anhängt. Erasmus wollte sein Recht auf Bildung durchsetzen, aber Luther stellt die gesamte kirchliche Institution in Frage. Erasmus` Briefe sind in einem sehr freundlichen Ton verfasst und er nimmt Luther in vielen Briefen in Schutz.

[...]


1 Heinz Holecek: Erasmische Reform und Reformation. In: Erasmus von Rotterdam. Vorkämpfer für Frieden und Toleranz. Ausstellung zum 450. Todestag des Erasmus von Rotterdam. Basel 1986; S.58

2 Heinz Holecek: Erasmische Reform und Reformation; S.58

3 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536. In: Erasmus von Rotterdam. Aktualität seines Denkens; hrsg. von Jan-Sperna Weiland. Hamburg : Wittig 1988; S.45

4 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.45

5 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.45

6 Heinz Holecek: Erasmische Reform und Reformation; S.58

7 Heinz Holecek: Erasmische Reform und Reformation; S.58

8 Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam; Berlin 1986; S.14

9 Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam; S.18 f.

10 Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam; S.16

11 Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam; S.15

12 Uwe Schultz: Erasmus von Rotterdam. Der Fürst der Humanisten. Ein biographisches Lesebuch, München 1998; Zeittafel

13 Uwe Schultz: Erasmus von Rotterdam. Der Fürst der Humanisten; Zeittafel

14 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.14

15 Cornelis Augustijn: Erasmus – Der Humanist als Theologe und Kirchenreformer; Leiden 1996; S.141

16 Cornelis Augustijn: Erasmus – Der Humanist als Theologe und Kirchenreformen; S.141

17 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.14

18 vgl. Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.14

19 Cornelis Augustijn: Erasmus- Der Humanist als Theologe und Kirchenreformer; S.142

20 Walther Killy: Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache; München 1989; Band 3; S.275

21 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.19

22 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.19

23 Walther Killy: Literatur Lexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache, Bd.3; S.275

24 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.20

25 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.19

26 vgl. Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S. 20

27 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.20

28 Paul Kalkoff: Erasmus, Luther, und Friedrich der Weise. Eine reformationsgeschichtliche Studie; Leipzig 1919; S.10

29 R.A.B. Mynors, D.F.S. Thomson: The Correspondence of Erasmus; University of Toronto 1977; Bd. 4; S.168, Z. 72-76

30 Paul Kalkoff: Erasmus, Luther, und Friedrich der Weise; S.85

31 R.A.B. Mynors, D.F.S. Thomson: The Correspondence of Erasmus; S.168, Z.62

32 R.A.B. Mynors, D.F.S. Thomson: The Correspondence of Eramsus; S.168, Z.68-72

33 Paul Kalkoff: Erasmus, Luther und Friedrich der Weise; S.10

34 Wim Blockmans: Die politische Theorie des Erasmus und die Praxis in seiner Zeit. In: Erasmus von Rotterdam. Vorkämpfer für Frieden und Toleranz; S.60

35 Goffe Jensma: Erasmus von Rotterdam 1469-1536; S.20

36 Paul Kalkoff: Erasmus, Luther und Friedrich der Weise; S.19

37 Walther Köhler: Erasmus Briefe, Carl Schünemann Verlag, Bremen 1938; erweiterte Neuausgabe, Hrsg. Andreas Flitner 1956; S.244

38 Paul Kalkoff: Erasmus, Luther und Friedrich der Weise; S.24

39 Paul Kalkoff: Erasmus, Luther und Friedrich der Weise; S.21 f.

40 Paul Kalkoff: Erasmus, Luther und Friedrich der Weise; S.22

41 Walther Köhler: Erasmus Briefe; S.219

42 Walther Köhler: Erasmus Briefe; S.219/220

43 Paul Kalkoff: Erasmus, Luther und Friedrich der Weise; S.24

44 Walther Köhler: Erasmus Briefe; S.220

45 Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam; S.96

46 Stefan Zweig: Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam; S.97

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die Stellung des Erasmus von Rotterdam zu Martin Luther
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Erasmus von Rotterdam - Briefe und Schriften
Note
3+
Autor
Jahr
2002
Seiten
26
Katalognummer
V31566
ISBN (eBook)
9783638325301
ISBN (Buch)
9783638651363
Dateigröße
634 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stellung, Erasmus, Rotterdam, Martin, Luther, Briefe, Schriften
Arbeit zitieren
Nils Priewe (Autor), 2002, Die Stellung des Erasmus von Rotterdam zu Martin Luther, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31566

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