In der Forschung über die mittelalterliche Betrachtungsweise des Verhältnisses von Kindern und Erwachsenen gibt es kontroverse Meinungen, was die Existenz von Erziehung und Bildung von Kindern betrifft. Wissenschaftler wie Philippe Ariès stellten die These auf, dass Kinder als „kleine Erwachsene“ wahrgenommen wurden, denen keine besondere Bedeutung zukam. Nach Koller sei Kindheit eine Errungenschaft der Neuzeit, die in Europa seit etwa 1500 allmählich aufkam. Erst im neunzehnten Jahrhundert hätte sie sich in allen Bevölkerungsschichten endgültig durchgesetzt. Roth beschreibt, dass es im Mittelalter kein Bild von Kindern gibt, an welchen erziehungstheoretische Inhalte angewendet worden wären.
Epochale Quellen aus dem Mittelalter zeigen durchaus ein mittelalterliches Verständnis von Kindheit und Erziehung, wie die Regel des Benedikt. Das Kloster nimmt hierbei eine zentrale Rolle der Bildung und Erziehung im Mittelalter ein, da die Gesellschaft sehr religiös war und das Kloster somit als zentrale Machtinstitution gesehen wurde. In dieser Hausarbeit geht es um den Zeitraum des Frühmittelalters bis zum Ende des Hochmittelalters. Diese Betrachtungsweise beschränkt sich dabei auf das 4. Jahrhundert bis zum 12. Jahrhundert.
Der Begriff der pueri oblati, also der Opferung des Kindes in die monastische Gemeinschaft des Klosters, ist hier Gegenstand des Verständnisses eines Bildes über Kindheit im Mittelalter. Die Kinder wurden standesunabhängig in die klösterliche Gemeinschaft aufgenommen und dies war durchaus üblich. Die Kinder besaßen für die monastische Gemeinschaft eine ‚engelsgleiche Reinheit‘ und hatten daher einen besonderen Stellenwert im Kloster.
In den nächsten Kapiteln werde ich mich zunächst mit der Auffassung des Wissenschaftlers Ariès beschäftigen, bezüglich der Einstellung des Verhältnisses von Kindern und Erwachsenen im Mittelalter, um so zunächst eine Grundbasis der Gegenseite im Diskurs darzustellen. Danach gehe ich auf die ambivalente Einstellung zur Kindheit ein, welche der Wissenschaftler Shahar aufzeigt, um so die Grundbasis der Befürworter eines Kindheitsbildes im Mittelalter darzustellen. Darüber hinaus wird eine Unterteilungen in verschiedene kindheitliche Entwicklungsphasen nach Shahar erfolgen und dargestellt. Im letzten Teil wird es dann darum gehen, welche Bedeutung die Erziehung im Kloster hatte, um so die These Ariès zu revidieren. Im Schlussteil fasse ich dann die Meinungen des Diskurses zusammen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Einstellungen zur Kindheit nach Ariès
III. Die Einstellung zur Zeugung und das Bild des Kindes- Eine Ambivalenz
IV. infantia, pueritia: Die ersten beiden Entwicklungsphasen des Kindes
IV.1 infantia
IV.2 pueritia
V. Das Verständnis von Erziehung und Bildung für das mittelalterliche Kloster
VI. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Kindern und Erwachsenen im Mittelalter, mit einem besonderen Fokus auf dem Zeitraum vom 4. bis zum 12. Jahrhundert. Ziel ist es, die kontroversen Thesen von Forschern wie Philippe Ariès zu hinterfragen, die behaupten, Kindheit sei als eigenständige Lebensphase im Mittelalter nicht existent gewesen, und stattdessen das komplexe, oft ambivalente Bild von Kindheit sowie die Bedeutung monastischer Erziehung herauszuarbeiten.
- Wissenschaftliche Debatte um das Kindheitsbild bei Ariès
- Ambivalenz zwischen negativen und positiven Kindheitsvorstellungen
- Entwicklungsphasen: infantia und pueritia
- Klösterliche Erziehungskonzepte und das Ideal der Heiligkeit
- Der Status der pueri oblati als "engelsgleiche" Kinder im Kloster
Auszug aus dem Buch
V. Das Verständnis von Erziehung und Bildung für das mittelalterliche Kloster
Das Kloster im Mittelalter war die zentrale Bildungs-und Erziehungsinstitution, welche das Ideal einer asketischen Lebensführung anstrebte. Die Gelehrten stammten meist aus den damaligen Klöstern und waren somit die intellektuelle Gruppierung der mittelalterlichen Gesellschaft des Früh-und Spätmittelalters. „Das Kloster, so die Theologen des 11. und 12. Jahrhunderts, war ein ‚zweites Paradies‘, eine ‚zweite Arche Noah‘, die vor der Sünde schütze.“ Die sündhafte Welt sei außerhalb der Klostermauern, in der die Menschen in Sünde lebten.
Die Neugeborenen waren ab ihrer Taufe die Reinheit in einer sündigen Welt, welcher sie mit fortschreitender Zeit zum Opfer fielen. Die Benedektiner nahmen bevorzugt junge Kinder im Alter von fünf bis sechs Jahren auf, manchmal auch jüngere Kinder. Die Reinheit der Kinder war hier im Fokus, daher war es sehr begehrt die Kinder in Form einer puer oblatis in die klösterliche Gemeinschaft der vita communis aufzunehmen. „[…] da die Kinder durch ihre Reinheit schon von Natur aus über das Ideal der vita angelica, des Lebens aus und für Gott, verfügten." Die Darbringung von Kindern an das klösterliche Leben war mit einer Entbindung jeglicher Rechte und Pflichten der Eltern bezüglich des Kindes verbunden.
War die feierliche Übergabe erst einmal abgeschlossen, gab es keine Rückkehrmöglichkeiten in das alte Familienleben. Die Familie war nun der Orden der Mönche und somit war die vita communis die neue Familie des Kindes auf Lebenszeit.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung stellt die kontroverse Forschungsdebatte über die Existenz von Kindheit im Mittelalter vor und definiert den zeitlichen Rahmen der Untersuchung vom 4. bis zum 12. Jahrhundert.
II. Die Einstellungen zur Kindheit nach Ariès: Dieses Kapitel analysiert die These von Philippe Ariès, der anhand historischer Illustrationen argumentiert, dass Kinder im Mittelalter lediglich als "kleine Erwachsene" wahrgenommen wurden.
III. Die Einstellung zur Zeugung und das Bild des Kindes- Eine Ambivalenz: Hier wird die christlich geprägte Ambivalenz beleuchtet, in der Kinder einerseits als sündhaft, andererseits als unschuldige Wesen nach der Taufe betrachtet wurden.
IV. infantia, pueritia: Die ersten beiden Entwicklungsphasen des Kindes: Das Kapitel erläutert die medizinischen und sozialen Einteilungen der kindlichen Entwicklung in die Phasen infantia und pueritia.
V. Das Verständnis von Erziehung und Bildung für das mittelalterliche Kloster: Dieser Abschnitt beschreibt die Rolle des Klosters als pädagogische Institution und das Ziel der monastischen Erziehung der pueri oblati.
VI. Schlussbetrachtung: Die Schlussbetrachtung fasst die verschiedenen Argumente zusammen und revidiert das pauschale Urteil, dass Kindheit im Mittelalter keine Beachtung fand.
Schlüsselwörter
Mittelalter, Kindheit, Erziehung, Bildung, Ariès, Klöster, monastische Pädagogik, Kindheitsgeschichte, pueri oblati, Kindheitsphasen, Askese, Sozialgeschichte, Christentum, Mittelalterforschung, Kindheitsbild
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die historische Wahrnehmung von Kindern und das Verhältnis von Erwachsenen zu Kindern im Zeitraum vom Frühmittelalter bis zum Hochmittelalter.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die theoretischen Debatten zur Kindheitsgeschichte (insbesondere Ariès), das religiöse Bild des Kindes, die Einteilung in Entwicklungsphasen und die monastische Erziehung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die häufig vertretene Ansicht zu widerlegen, dass das Mittelalter kein Bewusstsein für Kindheit besaß, und stattdessen die spezifischen mittelalterlichen Erziehungskonzepte aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Quellenanalyse, die verschiedene historische Perspektiven auf die Kindheit gegenüberstellt und bewertet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Thesen von Ariès und Shahar, beschreibt die Phasen infantia und pueritia und untersucht die Praxis der Kindesoblation im klösterlichen Umfeld.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Begriffe wie monastische Pädagogik, pueri oblati, Kindheitsbild, Askese und das mittelalterliche Kloster sind für das Verständnis der Arbeit essentiell.
Was versteht man unter dem Begriff "pueri oblati"?
Es handelt sich um Kinder, die von ihren Familien dem Kloster übergeben wurden, um dort ein Leben in Askese zu führen und die klösterliche Gemeinschaft zu verstärken.
Warum war das Kloster im Mittelalter so prägend für die Erziehung?
Das Kloster galt als "zweites Paradies" und zentrale Machtinstitution, die durch ihre Erziehungsmethoden versuchte, Kinder von den sündhaften Einflüssen der Außenwelt zu bewahren.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Ariès von der in der Arbeit entwickelten Perspektive?
Während Ariès behauptet, das Mittelalter hätte Kinder nur als "kleine Erwachsene" gesehen, belegt die Arbeit, dass es sehr wohl differenzierte Vorstellungen von Kindheit und gezielte pädagogische Strategien gab.
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- Norman Groth (Author), 2013, Kleine Erwachsene oder engelsgleiche Wesen? Das Kindheitsbild im Mittelalter, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315736