Die Wunder Jesu und ihr didaktisches Potential. Neutestamentliche Wundergeschichten im modernen Religionsunterricht


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

19 Seiten

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 „Wunder gibt es immer wieder“? - Einleitung

2 „Jesus war ein guter Mann“ – Ethische Aspekte der Wundertexte

3 „Woran können wir glauben?“
3.1 „Die Zeit heilt alle Wunder“ – Das antike Weltbild
3.2 „Zeilen aus Gold“ – Das Anliegen der Evangelisten
3.3 „Wir dürfen nicht nur alles glauben, was wir sehen“

4 „Wovon sollen wir träumen, so wie wir sind?“

5 „Und du glaubst nicht an Wunder“? - Schluss

6 Literaturverzeichnis

1 „Wunder gibt es immer wieder“ ? - Einleitung

[1] Wunder sind in aller Munde. So setzen sich neben Katja Ebstein viele weitere Künstler musikalisch mit diesem Thema auseinander. Auch in anderen medialen Bereichen ist immer wieder von Wunderheilungen, sportlichen Wundern, der Hoffnung auf ein Wunder und Ähnlichem die Rede. In unserem alltäglichen Sprachgebrauch sind Wunder-Wörter omnipräsent. Doch gleichermaßen unbeschwert, wie wir mit Worten wie ‚wundersam‘, ‚wunderbar‘ und ‚wunderschön‘ umgehen, sind wir sprachlos angesichts der neutestamentlichen Wundergeschichten.

Dies gilt auch für viele ReligionslehrerInnen. Im Sinne eines schülerorientierten Unterrichts sollten die behandelten Themen für die SchülerInnen von Relevanz sein. Aufgabe der Lehrenden ist es, die Unterrichtsinhalte im Rahmen ihrer Vorbereitung daraufhin zu prüfen und sie anschließend auf eine Art und Weise im Unterricht zu behandeln, dass den Kindern und Jugendlichen die Bedeutung des Besprochenen für sie und ihr Leben bewusst werden kann. Bei der Behandlung von biblischen Texten sollte das religionsunterrichtliche Handeln darauf abzielen, „die Schülerinnen und Schüler mit ihrer Erfahrungswelt einerseits und die biblische Tradition […] andererseits in einen produktiven Dialog zu bringen“ (Englert, 2005, S. 195). Für viele LehrerInnen scheint dies hinsichtlich der neutestamentlichen Wundergeschichten eine kaum zu bewältigende Herausforderung darzustellen. Daraus resultiert vermutlich die von vielen AutorInnen konstatierte zunehmende unterrichtliche Vernachlässigung jener Texte (vgl. u. a. Bohne & Gerdes, 1971, S. 74; Dressler, 1999, S. 47; Englert, 2005, S. 184). Einigkeit besteht auch darüber, dass es sich bei den Wundererzählungen um eines der „anspruchsvollsten Themenfelder[] der Religionspädagogik“ (Kollmann, 2013, S. 202) handelt. Als hauptursächlich dafür darf der Umstand gelten, dass die Schilderungen der Wundertaten nicht mit unserem heutigen naturwissenschaftlichen, kausalen Denken vereinbar zu sein scheinen. Sowohl ReligionslehrerInnen als auch die SchülerInnen tun sich deshalb schwer im Umgang mit den geschilderten Wundertaten Jesu.

Doch gerade der Konflikt und das Ringen um Wahrheit, Wirklichkeit und Glaubwürdigkeit zwischen den Texten und gegenwärtigen Denkmustern stellt ein großes Potenzial für den Religionsunterricht dar. Die Grundlage für eine derartige Auseinandersetzung kann über die Vermittlung des Entstehungskontextes dieser Wundergeschichten gelegt werden, wie in Kapitel3 ersichtlich wird. Auch die in den Wundergeschichten enthaltenen ethischen Aspekte können einen Zugang und Transfermöglichkeiten schaffen, wie zuvor in Kapitel2 dargelegt wird. Dass die Wundererzählungen nicht nur irritieren und Widerstand hervorrufen, sondern auch als Hoffnungs-, Glaubens- und Mutmachgeschichten für die Lebens- und Erfahrungswelt der SchülerInnen von Bedeutung sind, zeigt Kapitel 4.

Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, muss, in der Hoffnung, den biblischen Texten dennoch gerecht werden zu können, auf die Differenzierung der einzelnen Wunderarten und die Benennung von exemplarischen Bibelstellen verzichtet werden. Es versteht sich von selbst, dass jede Wundergeschichte individuelle Akzentsetzungen beinhaltet, und dementsprechend didaktisch (vor allem auch unter Berücksichtigung der entwicklungspsychologischen Voraussetzungen der SchülerInnen) befragt und wohlüberlegt ausgewählt werden muss.

2 „Jesus war ein guter Mann“ – Ethische Aspekte der Wundertexte

[2] Die neutestamentlichen Wundergeschichten können als „die großen Liebesgeschichten“ (Köhnlein, 2010, S. 11) im Leben Jesu gelesen und verstanden werden. In vielen Wundererzählungen wendet er sich den Menschen zu, die aufgrund von Armut und Krankheit gesellschaftlich isoliert sind und in ihrer Hilfsbedürftigkeit allein gelassen werden. Anhand dieser Geschichten wird sichtbar, dass (christliche) Nächstenliebe keine Grenzen oder Bedingungen kennt.

Dieser ethische Aspekt vieler Wunder Jesu ist für SchülerInnen leicht zugänglich und verständlich (vgl. Rupp, 1994, S. 6). Auch in ihrem Umfeld gibt es ältere sowie geistig bzw. körperlich beeinträchtigte oder in Armut lebende Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Die Wundergeschichten sind deshalb „als auch heute noch aktuelle Handlungsanweisungen“ (Kollmann, 2013, S. 207) vermittelbar, „die in Nachahmung Jesu auf solidarische und kommunikative Praxis gegenüber Außenseitern zielen“ (ebd.). In diesem Zusammenhang könnte beispielsweise auf den schülerInnennahen Aspekt des Mobbings eingegangen werden. Die Kinder und Jugendlichen lernen die Wundertaten Jesu „als Motivation für christliches Handeln“ (Häußler & Rieder, 2010, S. 43) und als Aufforderung „selbst ‚Wunder‘ zu tun“ (Englert, 2005, S. 192), verstehen. Darüber hinaus „[spürt man] [i]n den Wundergeschichten […] einen intensiven Protest gegen alles Leid“ (Theißen, 2003, S. 143), das sich nicht nur in der Krankheit oder Behinderung selbst zeigt, sondern auch „eine psychische, soziale, ökonomische und religiöse Seite hat“ (Rupp, 1994, S. 6). Die Kinder sollten deshalb auch lernen, „sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen“ (ebd.), um das Leid in all seinen Dimensionen erfassen zu können.

Offensichtlich kann mithilfe der Fokussierung auf die moralischen Aspekte der Wundererzählungen das wundersame Tun Jesu unproblematisch als ethische Impulse in die Gegenwart und auf das Leben der SchülerInnen übertragen werden (vgl. Ritter & Albrecht, 2007, S. 279). Dennoch sollten die Wunder Jesu nicht allein aus dieser Perspektive im Religionsunterricht behandelt werden: Zum einen besteht die Gefahr, dass hilfsbedürftige Personen als Menschen zweiter Klasse betrachtet werden (vgl. Rupp, 1994, S. 6). In der derzeitigen Förderung inklusiver Prozesse sollten weniger die Handicaps hervorgehoben werden, als vielmehr die Tatsache, dass jeder Schwächen, aber auch Stärken hat, und, dass die ‚gesunden‘ Menschen ebenso etwas von ‚eingeschränkten‘ Personen lernen bzw. Hilfe von ihnen erfahren können, wie sie von den Nicht-behinderten Menschen. Zum anderen führt eine alleinige Fokussierung der moralischen Aspekte der Erzählungen zu einer Vernachlässigung ihrer theologischen Mitte (vgl. Kollmann, 2013, S. 207) und die Texte würden „bedenklich ethisch funktionalisiert und dadurch verengt“ werden, geben Ritter & Albrecht (2007, S. 279) zu bedenken.

3 „Woran können wir glauben?“

[3] Viele, auch christlich sozialisierte, Menschen tun sich schwer im Umgang mit den Wundergeschichten Jesu, da sie unserem Weltbild so diametral zu widersprechen scheinen (vgl. Englert, 2005, S. 184). Während Grundschulkinder fantastischen und wunderhaften Geschichten noch sehr aufgeschlossen gegenüberstehen, nehmen ältere SchülerInnen zunehmend Anstoß daran (Kollmann, 2013, S. 202). Die von ihnen wahrgenommene „Unvereinbarkeit von Wunderglauben und einer von Wissenschaft und Technik geprägten modernen Lebenswelt“ (Märkt, Schnabel-Henke & Schweitzer, 2014, S. 61) äußert sich in Skepsis, möglicherweise verbunden mit einem Zweifeln „an der Bedeutung und Glaubwürdigkeit der Bibel insgesamt“ (ebd.). Albrecht (2008) beschreibt ein Überlegenheitsgefühl der Jugendlichen gegenüber den antiken Autoren und ihren Texten, welches dazu führe, dass die biblischen Schilderungen „entweder als bewusste Manipulationsversuche von Jesus-Anhängern oder naive Augenzeugenberichte ohne Realitätsbezug abgetan“ (ebd., S. 126) werden. In Anbetracht der zu erwartenden abwehrenden bzw. kritischen Haltung der SchülerInnen, erscheint es vielen LehrerInnen „einfacher, die Wunder fallen zu lassen“, vermutet Dressler (1999, S. 47). Dabei bietet diese Ausgangslage spannende Auseinandersetzungsmöglichkeiten für den Religionsunterricht. Es stellt eine große Chance dar, wenn die Jugendlichen, während sie sonst vielem desinteressiert oder meinungslos gegenüberstehen, in Bezug auf die Wundergeschichten von vornherein eine Haltung einnehmen und Stellung beziehen. Insofern sollten die Wunder Jesu als Herausforderung angesehen werden: Sie verlangen den Lehrenden ab, Zugänge zu Wundern „als fremde[n] Lebenswelten“ (Kollmann, 2013, S. 205) zu schaffen, mithilfe derer neue Deutungshorizonte aufgezeigt werden können, und fordern die Lernenden heraus, sich trotz (oder gerade wegen) aufkommender Widerstände darauf einzulassen.

Im Rahmen der modernen Kompetenzdebatte hat es den Anschein, dass dem Sachwissen eine zunehmend verminderte Bedeutung in Bildungsprozessen zugeschrieben wird. Im Zuge der outcome-Orientierung sollte jedoch nicht vernachlässigt werden, dass die Auseinandersetzung mit einem Gegenstand in Form von u. a. Verständnis, Anwendung, Analyse, Synthese und Bewertung auf Fachwissen angewiesen ist. Auch der Religionsunterricht und die in seinem Rahmen stattfindende Auseinandersetzung mit den neutestamentlichen Wundergeschichten bedarf der Vermittlung „essentielle[r] Perspektiven aus der theologischen Fachwissenschaft“ (Ritter & Albrecht, 2007, S. 285), um „weiterführende[] religiöse[] Denk- und Lernprozesse“ (ebd.) der SchülerInnen anzuregen. Bei biblischen Geschichten sind es vor allem ihre historischen Hintergründe sowie ihr Entstehungskontext, auf deren Grundlage eine Auslegung und ein Verständnis in der Gegenwart für die Gegenwart möglich wird (vgl. Lachmann, 1999, S. 212). Deshalb sollten das antike Weltbild sowie die Intention der Evangelisten im Rahmen der unterrichtlichen Auseinandersetzung mit den Wundergeschichten thematisiert werden.

[...]


[1] Katja Ebstein (1970). Wunder gibt es immer wieder. Songtext verfügbar unter: http://www.songtexte.com/ songtext/katja-ebstein/wunder-gibt-es-immer-wieder-43de47c3.html [7.12.15].

[2] Die Doofen (1995). Jesus. Songtext verfügbar unter: http://www.songtexte.com/songtext/die-doofen/jesus-53c20b71.html [6.12.15].

[3] Frida Gold (2011). Wovon sollen wir träumen. Songtext verfügbar unter: http://www.songtexte.com/ songtext/frida-gold/wovon-sollen-wir-traumen-6be912d6.html [6.12.15].

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Details

Titel
Die Wunder Jesu und ihr didaktisches Potential. Neutestamentliche Wundergeschichten im modernen Religionsunterricht
Hochschule
Universität Rostock
Jahr
2015
Seiten
19
Katalognummer
V315863
ISBN (eBook)
9783668154827
ISBN (Buch)
9783668154834
Dateigröße
650 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wundergeschichten, Neues Testament, Bibel, Jesus, Christus, Fachdidaktik, Religionsdidaktik, Religionspädagogik, Wunder Jesu
Arbeit zitieren
Anonym, 2015, Die Wunder Jesu und ihr didaktisches Potential. Neutestamentliche Wundergeschichten im modernen Religionsunterricht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/315863

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