Indiens Frauen zwischen Gewalt, Tradition und Modernität. Führen sie den Wandel der Gesellschaft herbei?


Hausarbeit, 2013
21 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Indien - Ein Land geprägt von vielen Widersprüchen

2.Die Situation der Frau in Indien
2.1.Gesellschaftliche Stellung
2.2. Rechtliche Stellung

3. Frauenbewegung in Indien
3.1. Gulabi-Gang

4. Gesellschaftlicher Umbruch - weiterhin ein langer Weg

5. Literaturverzeichnis

1. Indien - Ein Land geprägt von vielen Widersprüchen

In vielerlei Hinsicht ist Indien ein faszinierendes, aber auch stark zerrissenes Land. So wird der Subkontinent häufig als aufstrebende Weltmacht und blühender Wirtschaftsriese gesehen, wobei auch das internationale Bild Indiens vor allem durch den Wirtschaftsboom und die technologische Entwicklung geprägt ist. Die größte Demokratie der Welt gehört inzwischen zu den zehntgrößten Industrienationen der Welt, welches etwa dreißig Prozent der weltweit tätigen Software-Ingenieure hervorbringt.[1] Dennoch leben immer noch 33% der Bevölkerung in extremer Armut (Stand:2010), d.h. sie haben pro Tag weniger als 1,25$.[2] Demnach gilt Indien als eine Nation voller Gegensätze und Extreme. Neben dem Reichtum, der aus der ökonomischen und technischen Modernisierung resultiert, koexistiert noch einfachste Landwirtschaft. Zudem ist die Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne geradezu hin- und hergerissen. Demnach finden sich in Indien Hightech-Städte wie Bangalore und Hyderabad ebenso wie winzige Dörfer in der Peripherie, in denen es scheint als würde die Zeit still stehen und die sich noch ganz der altindischen Tradition verschrieben haben. Vor allem durch die neuen ökonomischen und politischen Entwicklungen hat sich die indische gerade in den letzten Jahren stark verändert, jedoch nicht ausschließlich im positiven Sinne.[3]

Die Schwebe zwischen Moderne und Tradition birgt auch negative Effekte. So tragen beide Faktoren auf ihre eigenen Art und Weis zur prekären Situation der indischen Frau bei. Die Frauen des Subkontinents haben in ihrer Gesellschaft wahrlich einen sehr schweren Stand und müssen auch im 21. Jahrhundert noch Gewalt und Diskriminierungen über sich ergehen lassen. Während sie zwar größtenteils vom Gesetz geschützt sein sollten, gibt es jedoch erhebliche Defizite innerhalb der polizeilichen und justiziellen Arbeit zur Aufarbeitung der angezeigten Fälle. Die Folge ist ein verhängnisvoller Kreislauf von Gewalt gegen Frauen und Straflosigkeit. Während dieser Zustand über Jahrzehnte hinweg unange- fochten bestand, findet seit Kurzem ein Umdenken in Teilen der Gesellschaft statt, das durch einen besonders brutalen Übergriff auf eine junge Frau ausgelöst wurde. Mitte Dezember 2012 kam es zu einer Massenvergewaltigung einer 23-jährigen indischen Studentin in Neu Delhi. Diese war mit ihrem Freund in einen vermeintlich öffentlichen Bus mit sechs Männern gestiegen. Dort schlugen die Männer zuerst den Begleiter der Frau mit einer Eisenstange nieder und vergingen sich daraufhin an der Studentin. Anschließen schmissen sie das Paar aus dem Bus und ließen sie schwer verletzt auf der Straße zurück. Während der Mann schwerverletzt überleben konnte, erlag die Studentin einige Tage später ihren massiven inneren Verletzungen.[4] Dieser Vorfall erhielt hohe nationale und internationale Aufmerksamkeit, was nicht nur die gesamte Bevölkerung vor ein Umdenken stellte, sondern auch die indische Regierung geriet dadurch unter Zugzwang. Zusätzlich löste das Verbrechen landesweite Proteste gegen Gewalt an Frauen aus. Vor allem demonstrierten sie dagegen, dass in der Vergangenheit viel zu oft die Täter geschützt wurden. So fordern die Demonstranten aus allen Teilen der Gesellschaft Reformen des Rechts, der Polizeiarbeit, sowie einen allgemeinen Einstellungswechsel gegenüber Frauen und prangern die patriarchale Gesellschaft Indiens an, in der das weibliche Geschlecht wenig bis gar nichts zählt.

Da Gewalt zum Alltag vieler Inderinnen gehört, werde ich zunächst die Situation der Frauen in Indien, sowohl in gesellschaftlicher, als auch in rechtlicher Hinsicht darstellen. Daraufhin werde ich die nationale Frauenbewegung, deren jüngste Entstehung, sowie ihre Vorstellungen und Ziele thematisieren und eine spezielle ÄFrauengang“ vorstellen. Zudem werde ich versuchen zu erörtern in wie weit ein gesellschaftlicher Aufschrei und Frauenbewegungen einen möglichen Umbruch in der Gesellschaft hervorrufen können.

2. Die Situation der Frau in Indien

Indien ist ein Land, das von vielen Widersprüchen geprägt ist, vor allem im Hinblick auf Frauenrechte und die Situation der Frau. Womöglich sind nirgendwo die Kontraste so sichtbar und so zu spüren wie in diesem Land. Wie schon erwähnt ist nicht nur die Armut in Indien allgegenwärtig, sondern der Wohlstand ist es mittlerweile auch. Aber nicht nur die Kluft zwischen Armut und Reichtum oder zwischen hohen und niedrigen Kasten wird immer breiter, auch die Kluft zwischen Mann und Frau ist davon betroffen. Der Journalist Rami Chhabra hob die widersprüchliche Situation der Frau gegenüber des Bayrischen Rundfunks gekonnt hervor:

‚“Genauso vielschichtig wie die Realität in allen indischen Lebensbereichen ist auch die Situation der indischen Frau, die von selbstverständlicher Autorität zu totaler Unterwürfigkeit, von höchstem Selbstbewußtsein zu trauriger Selbstverleugnung, von der verfassungsmäßigen Garantie absoluter Gleichberechtigung zu einer Realität reichen, in der ein ständiger Kampf um die verfassungsmäßigen Rechte geführt werden muss."‘[5]

Demnach stehen Indiens Frauen entweder ganz oben oder ganz unten. Die Unterschiede drücken sich sowohl in geographischer und sozialer Hinsicht, als auch in der Religion, Kaste, Klasse und in der ökonomischen Lage aus. Vor allem aufgrund des hinduistischen Kastenwesens ist die indische Gesellschaft stark hierarchisch strukturiert und das obwohl das 3000 Jahre alte System nach dem Gesetz nicht mehr existieren solle. Die Rolle der Frau hat sich dennoch gewandelt und ist durch starke Veränderungen geprägt. Während sich vor allem in den Metropolen ein neuer Trend, sowie ein neues Selbstbewusstseins entwickelt, sieht die Kehrseite jedoch deutlich schlechter aus. Bereits Mahatma Gandhi sagte: ÄEin Land ist so fortgeschritten wie seine Frauen“. Vor allem gut ausgebildeten Frauen aus der Mittelschicht sind in Indien gut aufgehoben, denn kaum irgendwo auf der Welt gibt es demokratische Entfaltungsmöglichkeiten, andauerndes Wirtschaftswachstum, erstklassige Bildungs-und Gesundheitseinrichtungen, sowie die Möglichkeit sich bis nach oben zu arbeiten. Demnach ist es keineswegs allen Frauen verwehrt zu studieren und einflussreiche Positionen in der Arbeitswelt einzunehmen, so sind sie heute sowohl in den indischen Zweigstellen multinationaler Konzerne[6] und als Softwarespezialistinnen tätig, als auch in traditionelle Ämtern, wie dem Amt der Ministerin, Richterin und Ärztin zahlreiche Frauen zu finden. Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass jahrelang eine Frau (Indira Gandhi) Premierministerin Indiens war. Darüber hinaus hat die größte Demokratie der Welt auch eine Vielzahl an weiteren hochrangigen Politikerinnen vorzuweisen, was womöglich zum größten Teil der Quotenregelung zu verdanken ist. Indiens Frauen kämpften 14 Jahre lang für diese Verfassungsänderung, seit 2010 müssen nach der Frauenquote nun 33 Prozent der Sitze im Unterhaus und in den Volksvertretungen der Unionsstaaten für sie reserviert sein, d.h. in den Parlamenten auf nationaler und regionaler Ebene. Bislang gilt dies als das ambitionierteste Frauenförderprogramm auf der Welt.[7] ÄÜber eine Million wichtige Positionen in Stadt-und Gemeindeverwaltungen konnten dadurch bereits von Frauen besetzt werden.“[8] Zudem ist auch Gleichberechtigung in einer Ehe nicht auszuschließen, dies gilt hauptsächlich jedoch nur für Frauen aus der gebildeten Mittel- und Oberschicht und aus den großen Städten. Die Mittelschicht, die aus 200-300 Millionen Menschen besteht, ist das Zentrum der Veränderungen in der Gesellschaft. Demnach sind es inzwischen auch die Väter, die sich an der Kindererziehung beteiligen und Frauen, die neben dem Großziehen ihres Nachwuchses, zusätzlich einen akademischen Bildungsgrad und schließlich eine gute Arbeit erwerben und somit ökonomische Abhängigkeit erreichen.[9]

Während dies hauptsächlich auf das Leben in den Großstädten zutrifft, könnten sich die Verhältnisse auf dem Land davon nicht deutlicher unterscheiden. Vor allem Frauen aus der Peripherie und aus ärmeren Schichten, müssen auch heute noch massive Diskriminierungen und Gewalt ertragen. Sie gelten weiterhin als zweitklassig und sind von Geburt an nicht so viel wert wie das andere Geschlecht. Viele indische Dörfer und kleine Städte sind weiterhin stark durch Tradition geprägt, woraus die unterschiedlichen Lebensweisen der Frauen resultie- ren.[10] Während die Metropolen immer stärker dem westlichen Einfluss unter- liegen, wird den Gesetzestexten des Manu vor allem in den ländlichen Gebieten noch eine große Bedeutung zugeschrieben. Diese Art von Normenkatalog so heißt es, war entscheidend für die Entstehung der hinduistischen Gesellschaftsordnung und ist somit die wichtigste Textquelle zum Kastensystem. Darin ist klar und deutlich festgelegt, welche soziale Stellung die Frau einzunehmen hat: als Kind unterstehe die Frau dem Vater, als Jugendliche den Brüden, später bestimme der Ehemann über sie und als Witwe, übernehme ihr Sohn schlussendlich das Kommando. Somit wird die Frau als komplett abhängig beschrieben und ist lediglich der Untertan des Mannes, dem sie absolute Gehorsamkeit zukommen lassen muss. Diese uneingeschränkte Verehrung des Mannes wird als Gattentreue bezeichnet und wird als Ädas höchste Ideal der Weiblichkeit im Hinduismus“[11] verehrt. Da diese traditionellen Ansichten noch heute weit verbreitet sind, ist es kaum verwunderlich, dass der Mann das soziale Leben dominiert.

2.1. Gesellschaftliche Stellung

Der Subkontinent hat ein massives Problem vorzuweisen, wenn es um den Stand und die Anerkennung der Frau geht. Ein möglicher Grund dafür ist, dass die Gewalt für viele der indischen Männer die einzige Möglichkeit zu sein scheint, ihre Macht zu demonstrieren und Kontrolle auszuüben. Dabei leiden vor allem Frauen aus ärmeren Schichten, aus Slums, aus unteren Kasten und vom Lande, wo sie praktisch als schutzlos gelten, aber auch Frauen in den Großstädten bleiben nicht verschont. Die Realität wird von der Studie der Thomson Reuters Foundation aus dem Jahre 2012 wiedergespiegelt. Diese belegt, dass Indien das frauenfeindlichste Land unter den 20 großen Nationen der Welt ist und somit noch hinter Saudi-Arabien liegt.[12] Was ein Frauenleben in Indien wert ist, wird in einem alten indischer Spruch deutlich: ÄEin Freund ist die Gattin, ein Jammer die Tochter, Licht in der höchsten Himmelswelt ist der Sohn für den Vater.“[13]

[...]


1 Vgl. Zingel, Wolfang -Zingel: Indien zwischen Analphabetismus und Software-Entwicklung. Abgerufen unter http://www.sai.uni-heidelberg.de/abt/intwep/zingel/dga2001.htm (Stand: 20.08.13)

2 Süddeutsche Zeitung: Armut in Indien. Sind 35 Cent am Tag genug?.30.07.2013. Abgerufen unter http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/armut-in-indien-sind-cent-am-tag-genug-1.1734140 (Stand: 20.08.13)

3 Vgl. Omvedt, Gail: Women´s Movement: Some Ideological Debates. In: Chaudhuri, Maitrayee (Hg.): Feminism in India, Women Unlimited/Kail for Women, New Delhi 2004, 177-186, hier S.177ff.

4 Vgl. Spiegel Online: Gruppenvergewaltigung in Indien. Jüngster Beschuldigter soll besonders brutal gewesen sein. 04.01.2013. Abgerufen unter http://www.spiegel.de/panorama/justiz/vergewaltigung- minderjaehriger-war-laut-polizei-besonders-brutal-a-875791.html (Stand: 20.08.13)

5 Bayrischer Rundfunk: Frauenbild in Indien. Widersprüche prägen den Alltag. 16.03.2013. Abgerufen unter http://www.br.de/nachrichten/frauenbild-indien-100.html (Stand: 21.08.13)

6 Vgl. Butalia, Urvashi: Neues Selbstbewusstsein und anhaltende Unterdrückung. Frauen in Indien. 26.01.2007. Abgerufen unter: http://www.bpb.de/themen/4GR5P8 (Stand: 21.08.13)

7 Vgl. Rudolph, Henri: Indiens Ja zur Quotenregelung für Frauen. 09.03.2010. Abgerufen unter http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Indien/frauen3.html (Stand: 21.08.13)

8 Butalia: Neues Selbstbewusstsein und anhaltende Unterdrückung. 26.01.2007. Abgerufen unter http://www.bpb.de/themen/4GR5P8 (Stand: 21.08.13)

9 Vgl. Patengemeinschaft für hungernde Kinder e.V.: Die Situation der Frauen in Indien. Abgerufen unter http://www.patengemeinschaft.de/seiten/indien/frauen.html (Stand: 21.08.13)

10 Vgl. Butalia: Neues Selbstbewusstsein und anhaltende Unterdrückung. 26.01.2007. Abgerufen unter http://www.bpb.de/themen/4GR5P8 (Stand: 21.08.13)

11 Vgl. Glaubacker, ndrea: Frauen in Indien, in: Indien͙ Von Buddha bis Bollywood, Kaarst 2009, S. 7485, hier: S.74f.

12 Vgl. Baldwin, Katherine: The worst and the best G20 countries for women. 13.5.2010. Abgerufen unter http://www.trust.org/item/20120613010100-sk134/?source=spotlight (Stand: 11.09.13)

13 Vgl. Glaubacker: Frauen in Indien, Kaarst 2009, S. 74-85, hier: S.77ff.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Indiens Frauen zwischen Gewalt, Tradition und Modernität. Führen sie den Wandel der Gesellschaft herbei?
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V316201
ISBN (eBook)
9783668151352
ISBN (Buch)
9783668151369
Dateigröße
849 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Indien, Frauen, indische Frauen, Gewalt gegen Frauen, Menschenrechte, Feminismus, Gulabi Gang, Frauen in pink, Frauenrechte
Arbeit zitieren
Jessica Döres (Autor), 2013, Indiens Frauen zwischen Gewalt, Tradition und Modernität. Führen sie den Wandel der Gesellschaft herbei?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316201

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