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Vom Soziologieverständnis des Norbert Elias

Title: Vom Soziologieverständnis des Norbert Elias

Presentation (Elaboration) , 2004 , 27 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Joachim Klenk (Author)

Sociology - General and Theoretical Directions
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Am 1. August 1990 stirbt der in Breslau geborene Soziologe Norbert Elias 93- jährig in Amsterdam. Sein langes Leben deckt sich beinahe mit der ganzen Geschichte der Soziologie als noch relativ junger akademischer Fachdisziplin. Als Soziologe analysierte er das Entstehen der kulturellen Eigentümlichkeiten großer gesellschaftlicher Gruppen, sein wissenschaftliches Werk jedoch zielte auf interdisziplinäre Synthesen, auf eine Verbindung verschiedener „Menschenwissenschaften“. Bis ins hohe Alter mußte der 1933 ins Exil getriebene Elias auf ihm angemessene Arbeits- und Forschungs möglichkeiten und auf die Breitenwirkung seines Werkes warten. Die Grundlegung seiner Forschungsperspektive findet sich bereits 1939 erstmals erschienenen, aber erst seit den siebziger Jahren breite Anerkennung findendem Hauptwerk „Über den Prozeß der Zivilisation“ 1 . Darin wurde auch so etwas wie eine „historische Anthropologie bzw. Psychologie“ 2 angeregt, in der es um den Zusammenhang der Herausbildung des modernen Staates und tiefgreifende Verhaltensänderungen der Menschen geht. Gesellschaftliche Wirklichkeiten wollte Elias mit Blick auf langfristige Prozeßzusammenhänge untersuchen, soziale Strukturen und Verhaltensweisen der Menschen also nie ohne deren Einlagerung in eine fortwirkende Geschichte behandeln.

Doch seine Gedanken paßten lange nicht in den „soziologischen Mainstream“ 3 , auch nicht in die erklärten Gegenrichtungen, sein Werk lag neben den oder quer zu den Linien der etablierten Schulen. 4 Noch 1984 beklagt Norbert Elias, daß die Soziologie „bis heute in ihrer vorwissenschaftlichen Phase“ stecke 5 ¸ sie sei, so schreibt er in seinen „Notizen zum Lebenslauf“, unterentwickelt. Die Struktur der menschlichen Gesellschaft werde noch immer nicht „mit derjenigen Klarheit herausgearbeitet (...), mit der sich soziologische Probleme darstellen und lösen lassen.“ 6 Von der Soziologie selbst ist Elias überzeugt. „Sie hat eine große Zukunft und ich helfe ein bißchen dabei.“ 7 Denn: Wenn die Menschen „ihr Leben besser regeln wollen, als es heute der Fall ist, dann müssen sie wissen, wie die Dinge zusammenhängen.“ Und er fügt hinzu: „ Ich meine das ganz praktisch, denn andernfalls handeln wir falsch. Es ist das Elend der gegenwärtigen Menschheit, daß sie sich so oft durch unrealistische Ideen leiten läßt.“ 8

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 August Comte

2.1 Philosophischer Positivismus als Interdependenz von Beobachtung und Theorie

2.2 Bruch mit philosophischer Tradition

2.3 Relative Autonomie der Soziologie

3 Methodologie und Methodik

3.1 Prämissen

3.1.1 Anthropologie

3.1.2 Allgemeine soziologische Herausforderung

3.1.2.1 Figurationen

3.1.2.2 Prozesse

3.2 Methode

3.2.1 Historische vergleichende Analyse

3.2.2 Engagement und Distanzierung

4 Zusammenfassung und Fazit

Zielsetzung und Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, den soziologischen Erkenntnisbeitrag von Norbert Elias methodologisch und methodisch darzustellen, wobei ein besonderer Fokus auf den Bedingungen seiner Theoriebildung sowie den Kriterien für eine wissenschaftliche Soziologie liegt.

  • Grundlegung einer soziologischen Erkenntnistheorie unter Einbeziehung des Figurationen-Konzepts
  • Methodische Notwendigkeit der historischen vergleichenden Analyse
  • Überwindung der Trennung zwischen Individuum und Gesellschaft
  • Die Balance zwischen Engagement und Distanzierung im wissenschaftlichen Prozess

Auszug aus dem Buch

3.1.2.1 Figurationen

Die von Elias geforderte Umorientierung zu soziologischen Modellen und Begriffen wird möglich, „wenn man Menschen und nicht zuletzt auch sich selbst, also alle Personen, die von sich „ich“ oder „wir“ sagen können, als semi- autonome Einheiten unter anderen, nicht als absolut autonome Einheiten wahrnimmt ...“ An Stelle eines egozentrischen Gesellschaftsbildes tritt das Modell einer Gesellschaft, bestehend aus einer Figuration interdependenter Individuen.

Individuelles und gesellschaftliches Sein sind nicht mehr getrennt zu betrachten, als vielmehr durch ihr Interdependenzgeflechte definiert. An Stelle von Dipolaritäten treten Figurationen, an Stelle autonomer Individuen oder Gruppen treten „semi- autonome Einheiten“. Sozio - und Psychogenese bedingen sich, sind Ursache und Wirkung der gesellschaftlichen Evolution. Mit anderen Worten sind in der Terminologie des Elias´schen Figurationsparadigmas „Sozialisierung und Individualisierung eines Menschen daher verschiedene Namen für den gleichen Prozeß.“ Das Verständnis von „Figurationen“ als spezifische und einzigartige Art des menschlichen Zusammenlebens, „nicht gattungsmäßig, nicht biologisch fixiert“, sondern durch Interdependenzen gekennzeichnet, ist mit Sicherheit der Schlüssel zum Verständnis seiner Theorie und darüber hinaus zu einem Grundproblem des Menschen: Seiner Position zwischen Freiheit und Determination.

Der gesellschaftliche Verflechtungsprozess und sein jeweiliger Stand, die jeweilige Figuration, an der sich der einzelne Mensch orientiert, stellen eine eigene Ordnung dar, einen Typ von Phänomenen mit Strukturen, Zusammenhangsformen, Regelmäßigkeiten spezifischer Art, die nicht etwa außerhalb der Individuen existieren, sondern sich eben gerade aus der ständigen Integrierung und der Verflechtung der Individuen ergeben.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Diese Einführung beleuchtet das Leben und Werk von Norbert Elias sowie dessen Ziel, interdisziplinäre Synthesen in den Menschenwissenschaften zu schaffen.

2 August Comte: In diesem Kapitel wird aufgezeigt, wie Elias die Ansätze von Comte aufgreift, um eine moderne soziologische Erkenntnistheorie zu entwickeln.

2.1 Philosophischer Positivismus als Interdependenz von Beobachtung und Theorie: Es wird die notwendige Verbindung zwischen Theorie und empirischer Beobachtung bei der Analyse gesellschaftlicher Tatsachen diskutiert.

2.2 Bruch mit philosophischer Tradition: Dieses Kapitel thematisiert die Abkehr von klassischen, ahistorischen Erkenntnistheorien hin zu einem prozessualen Verständnis.

2.3 Relative Autonomie der Soziologie: Hier wird erläutert, warum die Soziologie über eine eigene Integrationsebene verfügt, die nicht auf biologische oder psychologische Strukturen reduzierbar ist.

3 Methodologie und Methodik: Der Abschnitt legt die wissenschaftlichen Grundlagen und Prämissen dar, auf denen Elias sein Erkenntnismodell aufbaut.

3.1 Prämissen: Die anthropologischen und soziologischen Grundannahmen, insbesondere die Wandelbarkeit des Menschen durch Sozialisation, werden hier erörtert.

3.1.1 Anthropologie: Es wird der Übergang von einer statischen zu einer historischen Anthropologie dargestellt.

3.1.2 Allgemeine soziologische Herausforderung: Dieses Unterkapitel widmet sich der Überwindung der verdinglichten Sprache und der kopernikanischen Wende im soziologischen Denken.

3.1.2.1 Figurationen: Der Kernbegriff der Figuration als Modell interdependenter Individuen wird eingeführt.

3.1.2.2 Prozesse: Die Bedeutung der Prozesshaftigkeit für das Verständnis von Gesellschaften und wissenschaftlicher Erkenntnis wird unterstrichen.

3.2 Methode: Die Anwendung des theoretischen Instrumentariums in der Forschungspraxis wird erläutert.

3.2.1 Historische vergleichende Analyse: Dieses Kapitel beschreibt den systematischen Vergleich sozialer Einheiten als spezifische Forschungsmethode.

3.2.2 Engagement und Distanzierung: Die methodische Notwendigkeit, als Soziologe eine Balance zwischen Insider-Perspektive und wissenschaftlicher Distanz zu wahren, wird analysiert.

4 Zusammenfassung und Fazit: Das Fazit resümiert die Bedeutung des Elias'schen Ansatzes für eine prozessorientierte Soziologie, die sich von metaphysischen Vorannahmen distanziert.

Schlüsselwörter

Norbert Elias, Soziologie, Figuration, Interdependenz, Zivilisationstheorie, Menschenwissenschaften, Prozesssoziologie, Auguste Comte, Methode, Erkenntnistheorie, Sozialisation, Individuum, Gesellschaft, Engagement, Distanzierung

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht das Soziologieverständnis von Norbert Elias und analysiert, wie er die Disziplin als "Menschenwissenschaft" auf ein neues, prozessorientiertes Fundament stellt.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themen sind die Figurationssoziologie, die Bedeutung von Prozessen in der gesellschaftlichen Entwicklung, das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft sowie methodologische Fragen der Erkenntnis.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist die methodologische und methodische Darstellung des originären Erkenntnisbeitrags von Norbert Elias, losgelöst von einer rein inhaltsorientierten Interpretation seiner Zivilisationstheorie.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit nutzt die historische vergleichende Analyse und reflektiert Elias' methodische Forderung nach einer Balance zwischen Engagement und Distanzierung.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen (Auguste Comte, Erkenntnistheorie), die anthropologischen Prämissen, das Figurationsparadigma und die methodische Umsetzung in der empirischen Forschung.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Figuration, Interdependenz, Prozesssoziologie, Menschenwissenschaften und die Überwindung des Dualismus zwischen Individuum und Gesellschaft charakterisiert.

Wie definiert Elias die "Figuration"?

Eine Figuration beschreibt ein Modell interdependenter Individuen, bei dem Menschen nicht als isolierte, autonome Einheiten, sondern als in Verflechtungen eingebundene Akteure betrachtet werden.

Warum ist die Distanzierung für den Soziologen laut Elias notwendig?

Die Selbstdistanzierung ist methodisch notwendig, damit der Forscher erkennt, dass sein eigenes Denken nicht angeboren, sondern das Ergebnis eines langfristigen, generationsübergreifenden sozialen Prozesses ist.

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Details

Title
Vom Soziologieverständnis des Norbert Elias
College
University Karlsruhe (TH)  (Institut für Soziologie)
Course
Seminar: Zur Zivilisationstheorie von Norbert Elias
Grade
1,3
Author
Joachim Klenk (Author)
Publication Year
2004
Pages
27
Catalog Number
V31635
ISBN (eBook)
9783638325691
Language
German
Tags
Soziologieverständnis Norbert Elias Seminar Zivilisationstheorie Norbert Elias
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Joachim Klenk (Author), 2004, Vom Soziologieverständnis des Norbert Elias, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31635
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