Die Sezession des Lower South am Vorabend des Amerikanischen Bürgerkrieges 1860/1861. Aspekte einer differenzierenden multiperspektivischen Betrachtung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Sezession des Lower South

3 Multiperspektivische Analyse
3.1 Soziopolitische Aspekte
3.2 Soziokulturelle Aspekte
3.3 Sozioökonomische Aspekte

4 Fazit

Literaturverzeichnis

Quellenverzeichnis

1 Einleitung

„A not inconsiderable portion of historians' misunderstanding of secession perhaps derives from a general failure to reflect seriously upon the social and political assumptions in the arguments offered in favor of that step.“[1]

Die für den Ausbruch des Amerikanischen Bürgerkrieges angenommen Ursachen sind vielzählig. Vor allem die Sklavenfrage und die damit verbundenen Konflikte, wie die Rechte der Einzelstaaten, werden zumeist als letztlich ausschlaggebend angesehen.[2] Die Sezession des Südens und die Gründung der Confederate States of America nehmen dabei in der Regel die Stellung der Initialzündung ein, die sich nahtlos in die weitreichende Konfliktgeschichte einzufügen scheint. Ihre Bedeutung für den Kriegsausbruch spiegelt sich auch in der weitverbreiteten Bezeichnung des Amerikanischen Bürgerkriegs als Sezessionskrieg wider.[3]

Aus der durch die Gründung der Confederate States und der Auseinandersetzung der zwei Kriegsparteien geprägten Retrospektive erscheint der Austritt des tiefen Südens als ein homogener Bausstein innerhalb einer geschlossenen Kausalkette, nahezu determiniert, „so internally consistent that it may almost be presented syllogistically.“[4] Dezidierte Untersuchungen des Südens der USA fördern jedoch ein ausgesprochen heterogenes Bild der dort lebenden Gesellschaft mit all ihren Facetten zu Tage.[5] „There has never been one South or one archetypical southerner“[6]. In der vorliegenden Arbeit soll daher versucht werden, die Sezession im Kontext dieser Untersuchungen zu betrachten und mögliche Ansatzpunkte für weiterführende Studien aufzuzeigen.

Um der Komplexität der Thematik in einem solch begrenzten Rahmen annähernd gerecht werden zu können, ist es notwendig, „not only the logic and strategy of the radicals who led the South out of the Union but also the circumstances and values of the society and polity“[7] zu untersuchen. Zentrales Augenmerk liegt daher auf einem Perspektivenwechsel, mit dessen Hilfe versucht werden soll, das homogene Bild der Sezession des Lower South als ein wesentliches Element innerhalb dieser kausal anmutenden Aneinanderreihung von Ereignissen zu überprüfen.

Dabei kann es und soll es nicht um eine umfassende Analyse der Sezession und deren Ursachen gehen. Vielmehr ist das Ziel, Ansätze für weiterführende oder reflektierende Untersuchungen zu liefern. Aufgrund der Vorreiterstellung South Carolinas werden sich ein Großteil der Untersuchungen auf diesen Staat beziehen, obgleich stets versucht werden wird, repräsentative Aussagen über den gesamten tieferen Süden zu treffen. Obwohl 1860 ein Drittel aller in den Südstaaten lebenden Menschen afroamerikanische Sklaven waren[8], können diese aufgrund des begrenzten Umfangs der Arbeit nur im Rahmen der Institution der Sklaverei Beachtung finden.

2 Die Sezession des Lower South

Am 20. Dezember 1860 erklärt South Carolina als erster von sieben Südstaaten, die bis zum Kriegsausbruch die Vereinigten Staaten von Amerika verlassen sollten, seinen Austritt aus der Union. Der Beschluss wird häufig als direkte Reaktion auf den Wahlsieg Abraham Lincolns und der republikanischen Partei im November 1860 gesehen, der aufgrund seiner Schnelligkeit eher wie eine Reflexhandlung wirkt als das Ergebnis eines politischen Diskurses.[9] Dem Sklavenstaat im Südosten der USA folgen in den nächsten Wochen bis zum Februar 1861 Mississippi, Florida, Alabama, Georgia, Louisiana und Texas.[10] Gemeinsam gründen diese Einzelstaaten am 4. Februar 1861 einen von den USA unabhängigen Staatenbund, die Konföderierten Staaten von Amerika.[11] An dieser Stelle wird bereits eines der vielen Problemfelder angeschnitten, die ein Unterfangen, wie das hier angestrebte, begleiten. Zu einer dezidierten und vor allem differenzierten Betrachtung der Sezession des Lower South gehört zunächst eine kurze Bestimmung des eigentlichen Gegenstandes.

Auf die Probleme, die aus einer Abgrenzung von Nord und Süd innerhalb der Amerikanischen Union resultieren, ist in der wissenschaftlichen Literatur vielfach eingegangen worden.[12] Diese Kontroversen vor Augen, fällt es um so schwerer, eine ähnliche Differenzierung zwischen dem sogenannten Lower South und den übrigen Südstaaten vorzunehmen. In beiden Fällen wird zumeist auf eine Retrospektive zurückgegriffen, die beispielsweise den Süden mit seiner Rolle im Sezessionskrieg identifiziert.[13] Der wohl am weitesten verbreitete Ansatz für die Unterscheidung von unterem und oberem Süden definiert die beiden Gebiete durch ihren zeitlichen Abfall von der Union. Während aus dieser Perspektive also die Staaten zum Lower South gehören, die noch vor Kriegsbeginn den Staatenverband verlassen haben, zählen zum Upper South eben diejenigen, die bis zuletzt einer Sezession offenbar skeptisch gegenüberstanden.[14] Aber auch andere Kriterien lassen sich für eine Sondierung heranziehen. So leben aus sozioökonomischer Perspektive im Upper South im Vergleich zum Lower South wesentlich weniger Sklavenbesitzer und dementsprechend auch Sklaven.[15] Das ideologische Selbstverständnis der white supremacy, das heißt das weiße Überlegenheitsgefühl gegenüber den afroamerikanischen Sklaven, aber auch der states rights, der Souveränität der Einzelstaaten, ist hier entsprechend schwächer ausgeprägt. Mit anderen Worten scheint die Radikalität dieser Traditionen und Gesinnungen zuzunehmen, je weiter man sich nach Süden bewegt.[16]

Unmittelbar nach Bekanntgabe des Wahlsiegs Lincoln wird in Anlehnung an die Verfassungsgebung von 1787/88 ein Spezialkonvent gewählt, welcher dann am 20. Dezember 1860 die Sezession South Carolinas verkündet.[17] Während es in diesem ersten Fall keinerlei Gegenstimmen gibt, fallen die Ergebnisse in den dem Beispiel South Carolinas nachfolgenden Staaten zwar ähnlich schnell, jedoch zumeist weniger eindeutig aus. Nichtsdestotrotz beträgt das Durchschnittsvotum zugunsten der Sezession 80 Prozent.[18] Inwiefern dies der Meinung der Bevölkerung entspricht, lässt sich nicht genau sagen, da die Beschlüsse der Konvente außer in Texas der Gesamtbevölkerung nicht noch einmal vorgelegt wurden. Die politische Beschlussfindung erfolgte letztlich nicht nur in South Carolina sehr schnell. Innerhalb weniger Tage tritt der Bundesstaat aus der Union aus, nur wenige Wochen später folgen weitere. Binnen kürzester Zeit formieren sich die Konföderierten Staaten von Amerika, geben sich eine Verfassung und wählen einen neuen Präsidenten.[19] Die Konsequenzen des Austritts sind zunächst gering. Der noch amtierende Präsident, James Buchanan, bedauert die Geschehnisse zwar, bleibt jedoch weitgehend tatenlos.[20] Erst mit dem Amtsantritt Lincolns am 4. März 1861 gelangt die Sezession auf die Unionsagenda. Bereits in seiner Antrittsrede bezeichnet dieser die Union der Vereinigten Staaten als unzerstörbar und einen eigenmächtigen Austritt als unwirksam. Der neue Präsident sieht in den Geschehnissen der letzten Monate eher einen revolutionären Akt als einen politischen Beschluss.[21]

In den vorangegangenen Jahrzehnten war die Entfremdung zwischen Nord- und Südstaaten ständig gewachsen. Konkrete politische Entscheidungen, wie die Einführung der Kompromisslinie des Breitengrades 36° 30' oder aber auch nur Entwürfe wie die Doktrin der popular sovereignty trugen nicht unwesentlich zu dieser Entwicklung bei.[22] Zu Beginn der 60er Jahre verkörpert man den Norden geradezu mit den blutigen Taten des Abolitionisten John Brown.[23] Im Sklaven haltenden Süden evoziert der Machtwechsel im November 1860 daher vor allem Angst. Die Sklavenhalter fürchten massive Einschränkungen oder gar das Verbot der Sklaverei durch den Wahlsieg der offensichtlich in der Tradition einer Anti-Sklaverei-Bewegung stehenden Partei. Lincoln fordert jedoch bis zu diesem Zeitpunkt und noch lange in den Krieg hinein in keiner seiner Reden oder in öffentlichen Dokumenten eine Abschaffung der Sklaverei. Aber auch ein Verbot der Ausbreitung, wie es bereits Jahre zuvor diskutiert wurde, zöge negative ökonomisch-ökologische Konsequenzen für die Baumwollfarmer der Südens nach sich, da es den Zugang zu neuen, fruchtbaren Böden verschließen würde. Einige der auf Landwirtschaft angewiesenen Plantagenbesitzer würden dadurch zur Abwanderung gezwungen, was, nach Meinung führender Südstaatler, früher oder später eine Mehrheit der afroamerikanischen Sklaven zur Folge hätte.[24] Darüber hinaus meinen diese die Gefahr von Aufständen durch Abolitionisten oder gar Sklaven zu sehen, die sich durch den Wahlsieg bestärkt fühlen. Nicht zuletzt fürchtet man mangelnde Interessenrepräsentation im Kongress, damit verbundene politische Bedrängnis wie auch die Erniedrigung, sich künftig einer Anti-Sklaverei-Partei unterzuordnen.[25] Akzelerierend für die Radikalisierung der südstaatlichen Position kommt die demokratische Sektionalisierung und politische Spaltung des Landes am Ende der 50er Jahre hinzu. Verfechter eines unabhängigen Südens begrüßten diese Entwicklung, da damit die Notwendigkeit, die unterschiedlichen Interessen der nord- und südstaatlichen Abgeordneten zu berücksichtigen, entfiel.[26]

Es lässt sich an dieser Stelle bereits gut erkennen, wie sich reale beziehungsweise wahrscheinliche Bedrohungen mit nahezu paranoiden, weitgehend fiktiven und propagandistischen Szenarien vermischen.[27] Und dennoch bleibe zumindest auf lange Sicht eine reale Bedrohung der Sklaverei und „any threat to the future of slavery as an institution was ipso fatco an assault an white supremacy, or so it seemed at the time“[28], so Georg M. Fredrickson.

Viele der oben genannten Punkte werden später im Rahmen der Sezessionspropaganda wieder aufgegriffen und in diesem Sinne mit großem rhetorischem Aufwand hochstilisiert.[29] Im Licht der jüngeren Vergangenheit mit den Geschehnissen um John Brown und Bleeding Kansas[30] entsteht auf diese Weise ein äußerst wirksames Mittel, auch diejenigen Bevölkerungsgruppen zu mobilisieren, die auf den ersten Blick nur peripher von der Sklavenproblematik betroffen sind.[31] Es kommt zur Vereinigung heterogener Gruppen zu einer Art Interessengemeinschaft gegen einen gemeinsamen Feind, den Norden. Dieser Prozess führt dazu, dass heute häufig stark verzerrte und verallgemeinerte Informationen vorliegen.

[...]


[1] J. Mills Thornton III, The Argument for Secession, in: Paul D. Escott / David R. Goldfield (Hrsg.), Major Problems in the History of the American South, Volume 1: The Old South, Lexington u.a. 1990, S. 467.

[2] Vgl. Jürgen Heideking / Christof Mauch, Geschichte der USA, Tübingen u.a. 62008, S. 133.

[3] Siehe z.B. Willi Paul Adams, Die USA vor 1900 (OGG), München 22009, S. 88-99.

[4] J. Mills Thornton III, The Argument for Secession, S. 467.

[5] Siehe z.B. Carl Neumann Degler, There Was Another South, in: Patrick Gerster / Nicholas Cords, Myth and Southern history. The Old South, Bd. 1, Urbana / Illinois u.a. 21989, S. 122 und Frank Lawrence Owsley, The Poperty and Culture of the Plain Folk, in: Paul D. Escott / David R. Goldfield (Hrsg.), Major Problems in the History of the American South, Volume 1: The Old South, Lexington u.a. 1990, S. 355-362

[6] Peter Kolchin, A Sphinx on the American Land, The Nineteenth-Century South in Comparative Perspective, Louisiana 2003, S. 4.

[7] Lacy K. Ford, Jr., Origins of Southern Radicalism. The South Carolina Upcountry 1800-1860, New York u.a. 1988, S. VII.

[8] Peter Kolchin, A Sphinx on the American Land, S. 58.

[9] Vgl. Willi Paul Adams, Die USA vor 1900, S. 88 und Jürgen Heideking / Christof Mauch, Geschichte der USA, S. 139.

[10] Siehe dazu James M. McPherson, Für die Freiheit sterben. Die Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges, übers. v. Holger Fließbach und Christa Seibicke, München/Leipzig 1988, S. 224.

[11] Siehe Jürgen Heideking / Christof Mauch, Geschichte der USA, Tübingen u.a. 62008, S. 139.

[12] Siehe dazu z.B. James M. McPherson, The Difference between the Antebellum North and South, in: Michael Perman (Hrsg.), Major Problems in the Civil War and Reconstruction, Boston / New York 21998, S. 21-30 und Peter Kolchin, A Sphinx on the American Land, S. 7-38.

[13] Vgl. Willi Paul Adams, Die USA vor 1900, S. 76.

[14] Peter Kolchin, A Sphinx on the American Land, S. 44 und William W. Freehling, The Road to Dissunion, Volume II: Secessionists Triumphant 1854-1861, Bd. 2, Oxford 2007, S. 17.

[15] Vgl. William L. Barney, The Secession of the Southern States, in: MacMillan Information Now Encyclopedia. The Confederacy, 2004, Zugriff über http://www.civilwarhome.com/southernseccession.htm, am 27.08.2013.

[16] Vgl. William E. Gienapp, The Crisis of American Democracy. The Political System and the Coming of the Civil War, in: Gabor S. Boritt (Hrsg.), Why the Civil War Came, New York / Oxford 1996, S. 109f.

[17] Vgl. Willi Paul Adams, Die USA vor 1900, S. 88 und Jürgen Heideking / Christof Mauch, Geschichte der USA, S. 139.

[18] James M. McPherson, Für die Freiheit sterben, S. 224.

[19] Siehe James M. McPherson, Für die Freiheit sterben, S. 223.

[20] Siehe dazu James M. McPherson, Für die Freiheit sterben, S. 234-240.

[21] Vgl. Willi Paul Adams, Die USA vor 1900, S. 88f und Jürgen Heideking / Christof Mauch, Geschichte der USA, S. 139.

[22] Siehe dazu David M. Potter, The Sectional Division that led to Civil War, in: Elizabeth Cobbs Hoffman / Jon Gjerde (Hrsg.), Major Problems in American History, Bd. 1: to 1877, Boston / New York 2002.

[23] Vgl. Steven Channing, Fear and Secession in South Carolina, in: Paul D. Escott / David R. Goldfield (Hrsg.), Major Problems in the History of the American South, Volume 1: The Old South, Lexington u.a. 1990 S. 483.

[24] Vgl. J. Mills Thornton III, The Argument for Secession, S. 470.

[25] Vgl. William L. Barney, The Secession of the Southern States und Steven Channing, Fear and Secession in South Carolina, S. 484.

[26] Siehe dazu William E. Gienapp, The Crisis of American Democracy, 109f.

[27] Vgl. Arno J. Mayer, The Dynamics of Counterrevolution in Europe, 1870-1956. An Analytic Framework, New York 1971, insbesondere S. 86.

[28] Georg M. Fredrickson, White Supremacy. A Comparative Study in American and South African History, Oxford 1982, S. 159.

[29] Vgl. James M. McPherson, Für die Freiheit sterben, S. 230-233.

[30] Siehe hierzu Jürgen Heideking / Christof Mauch, Geschichte der USA, S. 135-138.

[31] Siehe dazu Kapitel 3.2 und 3.3.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Sezession des Lower South am Vorabend des Amerikanischen Bürgerkrieges 1860/1861. Aspekte einer differenzierenden multiperspektivischen Betrachtung
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Der Amerikanische Bürgerkrieg
Note
1,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
20
Katalognummer
V316353
ISBN (eBook)
9783668151017
ISBN (Buch)
9783668151024
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sezession, lower, south, vorabend, amerikanischen, bürgerkrieges, aspekte, betrachtung
Arbeit zitieren
Christoph Kehl (Autor), 2013, Die Sezession des Lower South am Vorabend des Amerikanischen Bürgerkrieges 1860/1861. Aspekte einer differenzierenden multiperspektivischen Betrachtung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316353

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