"Poemas y antipoemas". Kennzeichen der Antipoesie Nicanor Parras anhand der Analyse der Gedichte "Sinfonía de cuna" und "Oda a unas palomas"


Hausarbeit, 2016

11 Seiten, Note: 1,7

Marisa Göhler (Autor:in)


Leseprobe

Abstract: Die nachfolgende Arbeit soll die Antipoesie Nicanor Parras kennzeichnen und wesentliche Elemente herausarbeiten. Zudem soll versucht werden, Antworten auf folgende Fragen zu finden: Was kritisierte Parra an der damaligen Poesie und was wollte er mit seiner Antipoesie erreichen? Welche Funktion schrieb Parra der Poesie zu und warum konnte die Poesie anderer Poeten diese Funktion seiner Meinung nach nicht erfüllen? Im Anschluss an diese theoretischen Betrachtungen, sollen zwei ausgewählte Gedichte Parras analysiert werden. Dabei wird eine kritische Betrachtung seiner Poesie bzgl. der von ihm geforderten Funktionen erfolgen. Kann Parra selbst seine Forderungen nach einem neuen literarischen Kanon erfüllen?

Nicanor Parra hatte mit seinen „ Poemas y antipoemas “ (1954) einen enormen Einfluss auf die chilenische Literatur und bewirkte eine radikale Veränderung in Poesie Chiles. Seine Art der Poesie wird beschrieben als „una agradable mezcla de humor surrealista, excepcionales dotes de observación de la realidad y una agudeza admirable en la elaboración de la visión poética resultante. Todo ello da como producto terminado una poesía narrativa profunda y atractiva, abierta, sin inhibiciones“ (Secretaría General Técnica, 2011: 17).

Der chilenische Schriftsteller und Professor Osvaldo Ulloa Sánchez (2011) definiert die antipoesía als „una poesía que expresa las vivencias del hombre masa, o el hombre de la clase media en un sistema capitalista“. Doch was genau kennzeichnet die antipoesía Parras im Gegensatz zur herkömmlichen Poesie? Um diese Frage zu beantworten, sollen im Folgenden die wesentlichen Merkmale seiner Poesie vorgestellt werden. Am auffälligsten ist der Gebrauch von Ironie, Sarkasmus und schwarzen Humor. Diese richten zumeist gegen das Bürgerliche, das Gewöhnliche, aber auch oft gegen Institutionen der Macht oder des Glaubens. Nicht selten fallen auch andere Schriftsteller und Poeten wie beispielsweise Pablo Neruda oder Gabriela Mistral seiner Kritik zum Opfer. Parra spielt in seinen Texten mit dem Komischen und teils sehr Groteskem, wodurch das Alltägliche dekonstruiert wird und der Leser seine traditionelle Wahrnehmung der Welt und der Poesie überdenken muss. Ulloa Sánchez (vgl. ebd.) spricht hier sogar davon, dass Parra die Realität ‚entlarven’[1] würde. Parra zeigt in seiner Poesie die Widersprüche der Realität sowie die Scheinheiligkeit der Menschheit und ihrer Werte auf. Die Personen in seinen Gedichten sind typische Antihelden.

Sprachlich kennzeichnet sich Parra durch die Verwendung der Alltagssprache, welche teils dialektal gefärbt ist und vulgäre Elemente enthält. Zudem verwendet er zahlreiche Phraseologismen und teilweise eine Orthografie, die dem phonologischen Klang des Wortes entspricht (vgl. Gaby, 2011). Seine Gedichte „buscan forma de una plena comunicación con el lector en un intento de aludirlo y no eludirlo “ und schaffen einen „nuevo realismo“ (Alemany Bay, 1997-2016). Dies ist nach Parra aber nur möglich, wenn der Poet eine Sprache verwendet, die die Menschen auch verstehen und benutzen. Nutzt der Dichter also eine erhabene Sprache, welche der Leser jedoch nicht versteht, verliert die Poesie ihre Funktion und kann nichts übermitteln. Später, 1963, sagt Parra in seinem „ Manifiesto “ sogar explizit: „los poetas bajaron del Olimpo“. Diese Textstelle ist sehr interessant, da er damit eine klare Anspielung auf den Text „ Arte poético “ (1916) von Vicente Huidobro macht, in welchem der letzte Vers „El poeta es un pequeño Dios“ lautet. Mit seinem „ Manifiesto “ widerspricht Parra der Aussage Huidobros scharf, da er deutlich macht, dass der Poet nicht über den anderen Menschen steht und eben kein „Gott“ ist. Er beschreibt die Funktion des Poeten hingegen folgendermaßen:

„El poeta no tiene el derecho de interpretar sino simplemente de describir fríamente; él debe ser un eje que mira a través de un microscopio en cuyo extremo pulula una fauna microbiana; un ojo capaz de explicar lo que ve“ (zitiert nach Binns, 1997-2016).

Dadurch, dass die Poesie die Menschen nicht mehr erreichen konnte, hätte sie ihren Kontakt zur Realität und zum Leben verloren. Aus diesem Grund sah Parra die Notwendigkeit, den bisherigen literarischen Kanon zu dekonstruieren, um ihn dann mit neuem Leben zu füllen (vgl. Bibliotéca Nacional de Chile, 2015). Folgendes Zitat von Ulloa Sánchez verdeutlicht nochmals, warum Parra nach einer neuen Form der Poesie strebt (Ulloa Sánchez, 2011):

„la poesía ya no podía seguir transmitiendo las vivencias, el modo de ver del hombre medio a través de las normas tradicionales de la poesía. Es decir, hay una impotencia expresiva para dar cuenta de la realidad. Los poemas basados en ‚lo bello’ ya no sirven; no llegan a la sensibilidad del hombre contemporáneo. El poeta siente que el lenguaje y modo de escribir poesía ya no le sirve para comunicarse.“

Dennoch stellt sich noch immer die Frage, was Parra mit seiner antipoesía erreichen wollte. Auf diese Frage antwortet Ulloa Sánchez folgendermaßen (ebd.):

„Paradojalmente quiere comunicar lo difícil que resulta comunicarse, la impotencia que siente el poeta en este intento y el enfrentamiento con la falsedad de un mundo convencional, de un mundo absurdo que pretende convertirse en un modelo de vida. [... Parra] se rechaza la idea de que el poeta es uns er especial, superior en sensibilidad [...].“

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Parra mit dem bisherigen poetischen Kanon brechen wollte, um eine neue Form der Poesie zu etablieren. Er forderte die Auflösung der Hierarchie von „ arte mayor “ und „ arte menor “. Seine neue Poesie sollte sowohl inhaltlich, als auch sprachlich dazu in der Lage sein, den Leser zu erreichen und diesem die Realität vor Augen führen. Aus diesem Grund lehnte Parra beispielsweise die Poesie Nerudas ab, welcher z.B. die Schönheit der Natur anpries, damit eine Scheinwelt in seinen Gedichten aufbaute und die Natur als Spiegel seines Selbst nutzte (siehe „Oda a la jardinera“). Denn damit bediente Neruda lediglich ein altes Sujet nach Petrarca und schuf nichts Neues.

Nachfolgend sollen zwei Gedichte Parras betrachtet werden, um die Elemente seiner Antipoesie zu verdeutlichen. Beide Gedichte stammen aus dem 1954 veröffentlichten Werk „ Poemas y antipoemas “. Zuerst werden wir uns dem Gedicht „ Sinfonía de cuna “ widmen (Gedicht siehe Anhang).

Das Gedicht beschreibt die Begegnung des lyrischen Ichs mit einem Engel in einem Park mit englischem Stil. Nach der Begrüßung in verschiedenen Sprachen, beschreibt das lyrische Ich Aussehen und Charaktereigenschaften des Engels. Nachdem sich der Engel über das lyrische Ich erbost, verabschiedet sich das lyrische Ich.

Bevor wir uns der Analyse der einzelnen Strophen zuwenden, soll die Aufmerksamkeit auf die Überschrift gelenkt werden. Diese ist bereits sehr interessant, da Parra nicht wie üblicherweise bekannt „ canción de cuna“ verwendete, sondern „ sinfonía “. Es handelt sich also nicht um ein Wiegenlied, sondern um eine Wiegensinfonie. Betrachtet man typische Wiegenlieder, so handelt es sich um eine Kombination aus Text und Melodie, welche liebevolle Worte zum Einschlafen enthalten. Sie beruhen oftmals auf Traditionen und werden als Volkskunst von Generation zu Generation weitergegeben. Eine Sinfonie hingegen ist wesentlich komplexer und eine musikalische Komposition, die durch ein Orchester vorgetragen wird. Das Gedicht Parras ähnelt jedoch weder einer Sinfonie, noch einem Wiegenlied, sondern erinnert eher an eine Erzählung oder ein Märchen. Daher kann die Verwendung des Wortes „sinfonía“ als Ironie gewertet werden. Auch Anfang und Ende des Gedichts erinnern eher an ein Märchen („Una vez [...]“ V. 1, „Ya se acabó el cuento,/ Uno, dos y tres.“ V. 39f.). Durch diese märchenähnliche Form wird die Kindheit assoziiert, was dem surrealistischen Konzept entspricht.

[...]


[1] wörtlich: „desenmascarando la realidad“

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
"Poemas y antipoemas". Kennzeichen der Antipoesie Nicanor Parras anhand der Analyse der Gedichte "Sinfonía de cuna" und "Oda a unas palomas"
Hochschule
Universität Potsdam  (Romanistik)
Veranstaltung
"El paraíso del tonto solemne" Literaturgeschichte als Problem in den Werken Nicanor Parras und Roberto Bolaños
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
11
Katalognummer
V316405
ISBN (eBook)
9783668158801
ISBN (Buch)
9783668158818
Dateigröße
406 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nicanor Parra, Antipoesie, antipoesía, Poemas y antipoemas
Arbeit zitieren
Marisa Göhler (Autor:in), 2016, "Poemas y antipoemas". Kennzeichen der Antipoesie Nicanor Parras anhand der Analyse der Gedichte "Sinfonía de cuna" und "Oda a unas palomas", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316405

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "Poemas y antipoemas". Kennzeichen der Antipoesie Nicanor Parras anhand der Analyse der Gedichte "Sinfonía de cuna" und "Oda a unas palomas"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden