Der Ochsenweg und die Via Regia. Die bedeutendsten Handelsstraßen des Mittelalters als Orte der Gesetzlosigkeit oder des Recht und der Ordnung?


Hausarbeit, 2012
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

2. Die Entstehung von Wegen und des Handels

3. Der Zustand der Straßen und Orientierungsmöglichkeiten

4. Die rechtliche Lage auf den Verkehrswegen

5. Die Gefahren

6. Schluss: Bis heute nicht vergessene Handelsstraßen

7. Bibliographie

1. Einleitung: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg

„Von Polen (...)“ kämen „(...) Diebe, von Ungarn Läuse, von Sachsen Trinker (...) und von Dänemark Ochsen.“1 Mit diesen negativ behafteten Worten beschrieb 1516 der gelehrte Ritter Ulrich von Hutten die importierten „Waren“ aus den umliegenden Ländern zum Heiligen rö- mischen Reich deutscher Nation. Das dies natürlich keine offizielle Meinung aus der heutigen Sicht eines Historikers darstellt, scheint logisch. Bei diesem Zitat handelt es sich vermutlich um eine überspitze Einschätzung über die Händler oder reisenden Personengruppen aus den genannten Ländern. Jedoch muss Ulrich von Hutten ja auch zu dieser Einsicht gekommen sein, aufgrund eigener Erfahrungen oder Erzählungen und tatsächlich enthält dessen Aussage auch gewisse Grundzüge der Wahrheit!

Aus der heutigen Sicht ist der Handel mit Waren alltäglich geworden und die globalisierte Welt würde ohne einen weltweiten Warenaustausch in ihrer Entwicklung zurückgehen. Dabei sind die Transportwege um den gesamten Globus selbstverständlich und die Güter werden in hunderten von Tonnen transportiert. Unsere modernen Autobahnen sind hierfür die Lebens- adern des Inlandhandels. Sie sind das Ergebnis jahrelanger Routenplanung und haben an na- hezu jede größere Stadt Anbindungen. Sie sind von allen Handelswegen die jüngsten in der Geschichte, werden heute von Fachkräften unter hohem materiellen Aufwand erbaut und instandgehalten. Das dem nicht immer so war, wird auf den folgenden Seiten verdeutlicht.

Besonders im Zeitraum von 1000-1550 n. Chr. entwickelte sich aus dem Interesse nach Arti- keln aus fremden Regionen heraus ein bis dahin in ungeahnten Maßen umfangreicher Fern- handel in Europa. Dieser trug maßgeblich zum Reichtum und Wohlstand einiger Benutzer dieser Straßen und sich in deren Nähe befindlicher Orte bei. Zwei dieser bedeutendsten Han- delsstraßen waren der Ochsenweg und die Via Regia. Beide verbanden das Gebiet des heuti- gen Deutschlands mit anderen Ländern Europas in alle Himmelsrichtungen und wiesen Ge- meinsamkeiten auf, obwohl sie unabhängig voneinander in verschiedenen Regionen entstan- den. Fakt ist, dass beide maßgeblich am Handel des Mittelalters teilhatten und die Regionen Nord- und Mitteldeutschlands bis heute prägten. Noch heute gibt es Verbände und Historiker, die das Erbe des Ochsenweges oder der Via Regia immer wieder aufleben lassen und das Fortleben der Straßen bis heute beweisen.2 Oft kommt es vor, dass man auf den alten Wegen wandert, ohne es zu wissen oder dessen Geschichte zu kennen, da man bei einem einfachen Schotterweg nicht von einem der belebtesten Handelswege des Mittelalters ausgeht.

Umso wichtiger ist hierbei der Umgang mit den vorhandenen Quellen. Diese sind bei der Be- trachtung der mittelalterlichen Straßen zahlreicher, als in anderen Themengebieten. Oftmals wurden die Wege in Urkunden, Zolleinnahmelisten, Gesetzestexten, Geleitbriefen, im Sach- senspiegel oder in Kartenverläufen erwähnt. Diese geben jedoch keine Auskunft über eine früheste Benutzung dieser Trassen und erschweren eine genaue Erstbenutzung. Hierbei ist man auf Archäologische Funde angewiesen, die eine genauere Datierung und eine Altersbe- stimmung von Wegen ermöglichen.3 Im Fokus dieser Arbeit steht jedoch die Frage nach den Gesetzen und Nutzungsbedingungen auf den damaligen Straßen. Es soll verdeutlicht werden, worin sich die heute selbstverständliche Nutzung von Wegen mit der des Mittelalters unter- schied. Konnte man damals einfacher reisen als heute? Wie sicher war es im christlichen Mit- telalter der tugendhaften Ritter auf abenteuerliche Handelsreisen zu gehen? Gab es Gesetze, die den Handel einschränkten oder gar verbaten? Ebenso wird auf die Akteure auf den Fern- handelswegen eingegangen, inwiefern diese den Gefahren oder Annehmlichkeiten des dorti- gen Lebens ausgesetzt waren und warum die Via Regia gerade in der heutigen Zeit mehr Be- achtung findet als zu irgendeinem Zeitpunkt sonst in der Geschichte.

2. Die Entstehung von Wegen und des Handels

Die Wege und Straßen des Mittelalters entstanden oft aus ihrer ökonomischen Notwendigkeit heraus, wenn die Menschen die gleiche Strecke wiederholt nutzen wollten. Besonders beim Ochsenweg geht man davon aus, dass man bereits zur Eisenzeit in der Region Metallverarbei- tung kannte, jedoch die Rohstoffe dafür aus dem Süden importiert werden mussten.4 Man begann die Pfade durch das Terrain zu erschließen, die besonders angenehm durchwandert werden konnten und ein schnelles vorankommen sicherstellten. Die Benutzer der Straße ori- entierten sich an den natürlichen Gegebenheiten, mieden dichte unpassierbare Wälder und sumpfige Böden. Flüsse wurden nur an seichten stellen an Furten durchquert, die bei Hoch- wasser oder Gefrierung umfahren werden mussten. Denn das frühe Mittelalter kannte nur sel- ten gezielten Brückenbau. Beliebt waren bei der Routenplanung die sandigen Böden Schles- wig-Holsteins, die bei Regenfällen das Wasser schnell versickern ließen und ganzjährig pas- sierbar waren.5 Auf- und Abstiege bedeuteten oft eine zu hohe Belastung für die Zugtiere und das Material, weswegen kleinere Umwege in Kauf genommen wurden. Auf diese Weise be- gann die Entstehung des Ochsenweges, der zum ersten Mal in einer Aufzeichnung Adam von Bremens 1070 als Teil eines Pilgerwegs erwähnt wird.6 Zu diesem Zeitpunkt war dieser Pfad bereits bekannt, jedoch noch nicht unter dem bis heute erhalten gebliebenen Namen Ochsen- weg. Diese Bezeichnung ist erst seit 1588 durch Daniel Freese und dessen Pinneberger Land- tafel bis heute geläufig.7 Der Name leitet sich von den gewaltigen Ochsentriften aus Jütland nach Schleswig-Holstein und den Niederlanden ab und wird je nach Region unterschiedlich bezeichnet. In Dänemark setzte sich 1930 der Historiker Hugo Matthiessen mit der Bezeich- nung Heerweg (dän. Haervejen) für die Strecke von Viborg bis ins untergegangene Haithabu durch. Dabei muss davon ausgegangen werden, dass es nie nur einen Weg gegeben hat. Im Gegenteil - die Straßenführung im Mittelalter war stets ein dynamischer Prozess. Nicht selten wurden neue Wege geschaffen, wenn die alten durch den bis ins 16. Jahrhundert wachsenden Verkehr unpassierbar wurden. Zusätzlich entstanden in der Norddeutschen Region im 12. Jahrhundert neue Siedlungen wie Flensburg oder Schleswig, die eine Straßenanbindung an- strebten.8 Aus den ehemaligen Hauptverkehrswegen konnten so unbedeutende Nebenstraßen werden und umgekehrt. Es entstand also ein weit verzweigtes Netz von Verkehrswegen von Jütland bis zur Elbe, die allgemein als Ochsen- oder Heerweg aufzufassen sind. Gerade im frühen Mittelalter war der Nord-Süd-Handel in Mitteleuropa vorherrschend.9 Ein besonderes Beispiel stellt hierbei der Ochsenhandel bis ins 19. Jahrhundert in dieser Region dar.

Im Herbst reisten vorrangig niederländische Händler nach Jütland, um die Ochsen auf den Märkten in Viborg oder Skodborg einzukaufen. Diese wurden dann in wenigen Wochen im Februar und März in Herden bis zu 500 Tieren über die Ochsentrifte bis nach Wedel, Schles- wig-Holstein getrieben und dort nach Mitteldeutschland oder die Niederlande weiterverkauft. In diesem kurzen Zeitraum wurden bis zu mehrere Zehntausend kastrierter Ochsen gehandelt. Diese Zahlen sowie die Größe der Ochsenherden stiegen bis ins 16. Jahrhundert stetig an. Man nahm selten Kühe als Verkaufsgut, da diese zur Zucht und Milchproduktion genutzt wurden und keine Bullen, da diese schwerer zu kontrollieren waren.10 Ebenso profitierten die anliegenden Gemeinden und Stadtmärkte von den lebhaften Handelswegen durch den Ver- kauf von Stroh und Heu für die Tiere, oder man verpachtete für den Zeitraum Weideland am Wegesrand. Zusätzlich boten die Ochsentrifte Arbeit als Viehtreiber und es entstanden ent- lang der Strecke sog. Krüge. Diese waren in Abständen von 20km, der maximal zurücklegba- ren Strecke pro Tag, Gasthäuser für die Händler und Treiber zur Stärkung.11 Abgesehen da- von, war der Ochsenhandel ungemein wichtig für die Versorgung der Bevölkerung Mitteleu- ropas mit Nahrung, da besonders nach der großen Pest von 1348 die aufwändige Getreidepro- duktion stark zurückging und lange nicht mehr ausreichte. Durch dieses Ereignis wurde die Wirtschaft Jütlands auf die Viehzucht umgestellt, die weniger Arbeitskräfte benötigte. Gerade die dänischen Ochsen waren sehr beliebte Nahrungsspender, da diese sich durch eine hohe Fleischqualität auszeichneten. Natürlich waren sie nicht mit den gezüchteten Tieren der heuti- gen Zeit vergleichbar, da man eine gezielte Zucht erst im 19. Jahrhundert einführte.12 Insge- samt gab es jedoch nur wenige Personen, die von dem Ochsenhandel große Gewinne erzielten - die Markthändler der Städte. Besonders Quellen aus Flensburg verdeutlichen, dass der Ochsenhandel in den Händen einiger weniger Personen lag. Um 1510 kontrollierten vier von 16 Händlern die Hälfte aller Exportgeschäfte der Stadt. Einer dieser Herren, ein Tile Petersen verbuchte für sich allein 28%.13

Mit ihrer Entstehung verhält es sich bei der Via Regia ähnlich. Diese wurde das erste Mal in einer Urkunde des Markgrafen von Meißen, Heinrich des Erlauchten 1252 als „strata regia“ erwähnt.14 Diese bedeutende Ost-West-Verbindung verband im hohen Mittelalter die Städte Mitteldeutschlands von Frankfurt am Main bis nach Breslau miteinander. Ihr Vorläufer könn- te die römische „antsanvia“ darstellen, die der Feldherr Drusus 9 v. Chr. für seinen Vormarsch zur Elbe nutzte.15 Westeuropa konnte noch lange von den alten Römerstraßen profitieren, jedoch ging gerade der Fernhandel im frühen Mittelalter zeitweilig zurück.16 Besonders Städte wie Leipzig, Erfurt oder Görlitz profitierten durch den Handel dieser Trasse und wurden so- mit zu bedeutenden Handelsknotenpunkten. Ausläufer der Via Regia verliefen sogar bis nach Paris und Krakau, wurden jedoch nicht mehr offiziell als „des Königs Straße“ bezeichnet und standen auch nicht unter dessen Schutz. Genauer betrachtet stellt die Via Regia trotz ihrer immensen Länge keine einheitliche Fernhandelsstraße dar, sondern vielmehr ein aus mehreren kleinen Regionalstraßen bestehendes Straßennetz.

[...]


1 zit. n. Hill, Thomas; Zich, Bernd: Von Wegen. Auf den Spuren des Ochsenweges (Heerweg) zwischen xdänischer Grenze und Eider, in: Arbeitsgemeinschaft Ochsenweg e.V. (Hg.): Flensburger Regionale Studien, xBd. 12, Flensburg 2002, S. 26.

2 http://www.ochsenweg-ev.de/ (Stand 15.09.2012)

3 Enke, Roland; Probst Bettina: Via Regia. 800 Jahre Bewegung und Begegnung: Katalog zur 3. Sächsischen xLandesausstellung, Görlitz 2011, S. 28.

4 Hill 2002, S. 19.

5 Hill 2002, S. 11.

6 Hill 2002, S. 9.

7 Hill 2002, S. 17.

8 Hill 2002, S. 12.

9 Hill 2002, S. 10.

10 Ebd., S. 27.

11 Ebd., S. 26-27.

12 Ebd., S. 28.

13 Ebd., S. 32.

14 Müller, Winfried: Menschen unterwegs. Die Via Regia und ihre Akteure - Essayband zur 3. Sächsischen Landesausstellung, Görlitz 2011, S. 11.

15 Pawlow, Kamen: Via Regia. Königsstraße oder Hohe Straße - vom Westen in den Osten Europas, Erfurt xx1998, S. 8.

16 Hitzer, Hans: Die Straße: Vom Trampelpfad zur Autobahn. Lebensadern von der Urzeit bis heute, München xx1971, S. 109.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Ochsenweg und die Via Regia. Die bedeutendsten Handelsstraßen des Mittelalters als Orte der Gesetzlosigkeit oder des Recht und der Ordnung?
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V316436
ISBN (eBook)
9783668154247
ISBN (Buch)
9783668154254
Dateigröße
515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mittelalter, Straßen, Handel, Ochsenweg, Via Regia
Arbeit zitieren
Gregor Grohmann (Autor), 2012, Der Ochsenweg und die Via Regia. Die bedeutendsten Handelsstraßen des Mittelalters als Orte der Gesetzlosigkeit oder des Recht und der Ordnung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316436

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