Der Fall Akkons im Jahr 1291. Gebrochene Moral der Verteidiger oder Genialität der Mameluken?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Eroberung Akkons – Gebrochenen Moral der Verteidiger oder Genialität der Belagerer?
2.1 Die Mameluken 1260-
2.2 Der Fall Akkons – Rekonstruktion des Geschehens
2.2.1 Die Belagerung
2.2.2 Die Eroberung
2.2.3 Marino Sanudo als Zeitzeuge

3. Reaktionen auf den Verlust Akkons
3.1 Gründe für den Fall Akkons
3.2 Reaktionen im Westen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis
5.1 Quellen:
5.2 Sekundärliteratur:

Anlage

1. Einleitung

„The fall of Acre in 1291 is seen by most western historians as a very significant event, and as the final chapter of the Crusading epic. It clearly had a huge psychological impact, (...)“[1] Mit diesen Worten beginnt David Nicolle sein Werk Acre 1291. Der Fall von Akkon 1291 – nicht nur bei Historikern ein diskutiertes Thema, sondern auch im Rahmen des Hauptseminars „Das Ende der Kreuzfahrerherrschaften im Orient. Die Eroberung von Akkon 1291 und die Erinnerung daran“, stellten sich viele Fragen zum epischen Ereignis. Unter der Berücksichtigung zahlreicher Chronisten wurde sich dem Thema unter den Aspekten wie man an den Fall Akkons erinnert, wie man darüber berichtet und wie dieser folgenschwere Vorfall sowohl von mittelalterlichen als auch von zeitgenössischen Historikern wahrgenommen wurde, angenähert. Trotz intensiver Forschung und Beschäftigung mit diesbezüglicher Literatur blieben einige brisante Fragen offen und werden es wohl auch noch zukünftig bleiben. Um diesem Defizit entgegenzuwirken soll sich die folgende Arbeit mit einer dieser Fragen beschäftigen: „Der Fall Akkons 1291: Gebrochene Moral der Verteidiger oder Genialität der Belagerer?“ Diese Frage mag einerseits provokant und überspitzt klingen, bietet aber auch genug Spielraum, um sich einer Antwort oder einer Erklärung bezüglich der Eroberung der letzten christlichen Kreuzfahrerstätte zu nähern. Um die folgende Arbeit zu gliedern, werde ich mich bezüglich der Forschung besonders auf Erwin Stickel, Reinhold Röhricht, David Nicolle und Steven Runciman stützen.[2] Da es im Rahmen der Seminarsitzungen unter anderem aus zeitlichen Gründen nicht möglich war auf gesonderte Einzelpunkte einzugehen, wie zum Beispiel die Vorgeschichte der Mameluken und ihrem Verhältnis zu Akkon, soll dies innerhalb dieser schriftlichen Hausarbeit nachgeholt werden. So möchte ich, unter besonderer Berücksichtigung Erwin Stickels, die Situation der Mameluken von ca. 1260 – das ehemalige Aiyubidenreich fällt fast ganz an die Mameluken – bis 1291 – Al-Ashraf Kalil wird als Kalawuns Sohn dessen Nachfolger – darstellen, um damit zu versuchen, den Fall Akkons zu begründen. Anschließend soll der Fall Akkons detailliert geschildert werden, jedoch soll hier der Schwerpunkt auf den militärischen Aktionen beider Seiten – sowohl der Christen als auch der Mameluken – und auf dem Zeitraum des 5. April bis 28. Mai 1291 liegen. Topographisch sollen dabei das Kartenmaterial und die Schilderungen Marino Sanudos in seinem Werk „Liber Secretorum Fidelium Crucis“[3] als Hilfe dienen. Die Wahl Sanudos als Quellenlieferant fiel aufgrund seiner Eigenschaft als Zeitzeuge. In diesem Zusammenhang soll der Frage – warum Akkon fiel – Aufmerksamkeit geschenkt werden. Im Gespräch mit dem Seminarleiter Jörg Schwarz ließ dieser die etwas provokant zugespitzte Frage, ob der Untergang Akkons gebrochene Moral der Verteidiger oder Genialität der Belagerer war, verlauten. Sie soll zur Hauptdiskussion dieser Arbeit beitragen. So sollen unterschiedliche Gründe beleuchtet werden, die wohl für den Untergang Akkons verantwortlich waren. Lag es lediglich an der personellen Überlegenheit der Mameluken? Um die Arbeit abzurunden, werde ich einen Blick auf die Reaktionen im Westen werfen: Wie wurde die Nachricht vom Fall Akkons aufgenommen und warum fehlte es an Unterstützung, so dass es zu keinem Versuch der Rückgewinnung kam und somit das Ende der mittelalterlichen Kreuzzugsbewegung eingeläutet wurde? Das Fazit soll die Ergebnisse der Arbeit soweit zusammenfassen.

2. Die Eroberung Akkons – Gebrochenen Moral der Verteidiger oder Genialität der Belagerer?

2.1 Die Mameluken 1260-1291

Um den Zusammenhang des Konflikts der beiden Parteien – die Mameluken einerseits und die Christen andererseits – besser herstellen zu können, soll im Folgenden die Entwicklung der Mameluken dargestellt werden. Damit der Rahmen dieser Arbeit jedoch nicht gesprengt wird, werde ich mich auf die letzten drei Jahrzehnte vor der Belagerung und dem Fall Akkons beschränken. Mit der Beleuchtung der Situation der Mameluken soll ein Versuch stattfinden die Frage zu klären, warum es überhaupt zur Eroberung Akkons – der letzten Stütze der Kreuzfahrer im Heiligen Land – und damit gleichzeitig zum Erlöschen der mittelalterlichen Kreuzzugsbewegung kam.

Rukn ed-Din Baibars Bundukdari (1260-1273), der als Sklave nach Syrien kam und von einem Mameluken-Emir für die Leibwache des Sultans gekauft worden war, erlebte bis zu seinem 50. Lebensjahr einen raschen Aufstieg. Somit bestand seine erste Aufgabe darin, seinen Status als neuer Sultan zu festigen. Bereits in den 1250er Jahren kam es immer wieder zu internen Querelen zwischen den Mameluken und den Mongolen, deren Auswirkungen Baibar zu beseitigen versuchte. Seine Aufmerksamkeit fiel dann jedoch schnell auf die in seinen Augen zu bestrafenden Christen, die den Mongolen zu Hilfe geeilt waren. Sein Groll galt vor allem dem König Hethum von Armenien sowie dem Fürsten Bohemund von Antiochia. Im Herbst 1261 schickte Baibar ein Heer aus, um Aleppo zu erobern. In den Folgejahren kam es immer wieder zu weiteren Überfällen auf antiochisches Gebiet.[4]

In den Jahren 1261 und 1263 kam es zwischen der christlichen Seite – in Person von Johann von Jaffa und Johann von Beirut – und Baibar zu Friedensverhandlungen. Die Franken aus Akkon wollten sowohl einen Waffenstillstand als auch einen Gefangenenaustausch erzielen, was aber letztendlich daran scheiterte, dass sich Tempelritter und Hospitaliter weigerten, die sich in ihrem Besitz befindlichen Mameluken herzugeben, da sie von „handgreiflichem Wert“ gewesen waren.[5] Als Konsequenz plünderte der Sultan Nazareth und marschierte am 4. April 1263 unerwartet nach Akkon. Schwere Kämpfe außerhalb der Stadt richteten zwar Schaden an, jedoch besaß Baibar noch nicht die ausreichenden Mittel, um die Stadt einzunehmen. Anfang 1265 versammelte Baibar ein aufgerüstetes Heer und konnte dies gegen die Kreuzfahrerstädte nutzen: Er griff ohne Vorankündigung Cäsarea an und die Stadt fiel innerhalb kürzester Zeit am 27. Februar 1265 und wurde kurz darauf von den Mameluken dem Erdboden gleich gemacht. Haifa und Arsuf erlitten wenige Tage später das gleiche Schicksal. 1266 folgte die Eroberung der Stadt Saphet, welche daraufhin zum mamelukischen Regierungszentrum wurde und dem Sultan die Herrschaft über Galiläa verschaffte.[6] Bei seinen Feldzügen ging Baibar mit äußerster Grausamkeit gegen die christlichen Gegner vor: Die Erwachsenen wurden größtenteils getötet, die Kinder in die Sklaverei verkauft.[7] Am 14. Mai 1268 schlossen die Mameluken Antiochia von der Außenwelt ab, drangen vier Tage später in die eroberte Stadt ein und veranstalteten ein entsetzliches Gemetzel. Durch die Zerstörung verlor Antiochia den gesamten Reichtum und damit auch ihre wichtige Bedeutung für das Heilige Land.[8]

Die Mameluken gönnten sich daraufhin eine Ruhepause und hielten einen mit Hugo II. vereinbarten Waffenstillstand nahezu ein Jahr lang ein.[9] Baibar richtete sein Augenmerk nun nach Kleinasien und verschaffte dadurch dem Heiligen Land einen Aufschub, um sich von den zahlreichen Angriffen und wirtschaftlichen Schäden zu erholen. 1277 verstarb der Sultan unter mysteriösen Umständen.[10] Seine Nachfolge wurde nicht sofort geklärt, so dass die Mameluken angreifbar waren, so dass im Jahr 1280 eine Mongoleninvasion in Syrien folgte. Erst 1285 startete der neue Sultan Kalawun eine Offensive gegen die Johanniter im Norden – um ein Bündnis mit den Mongolen zu vermeiden – und lässt 1289 Tripolis zerstören.[11] Kalawun rüstete sein Herr und brach im Spätherbst 1290 mit Teilen seines Heeres von Kairo aus in Richtung Akkon auf, stirbt jedoch noch bevor er die ägyptischen Grenzen hinter sich lassen kann. Al-Ashraf Khalil – sein Stellvertreter und Nachfolger – war zu dieser Zeit in Thronwirren und Palastrevolutionen verstrickt, so dass sich die Belagerung Akkons vorläufig verzögerte. Dennoch hielt er am Plan seines Vaters – die Eroberung der Kreuzfahrerhochburg Akkon – fest, um seine Stellung zu festigen und sich Respekt und Anerkennung zu verschaffen.[12]

2.2 Der Fall Akkons – Rekonstruktion des Geschehens

2.2.1 Die Belagerung

Beginnt man bei der Rekonstruktion des Geschehens, so ist es der Causa Belli – der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte und der Grund für die Belagerung und Eroberung Akkons – der als erstes betrachtet werden muss. In diesem speziellen Fall kann sich die Forschung auf keinen einheitlichen Auslöser einigen, so dass es zahlreiche Theorien beziehungsweise Mutmaßungen gibt. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, sollen hier lediglich die bekanntesten Vermutungen dargestellt werden. So heißt es einmal, dass ein in Akkon tätiger muslimischer Kaufmann die Frau eines angesehenen christlichen Bürgers verführt haben soll. Vom Ehemann der Frau außerhalb der Stadt in einem Garten in flagranti erwischt, erdolchte der Betrogene das verliebte Paar. Auf dem Rückweg in die Stadt stürzte er sich – blindlings und ergriffen von der Wut – auf jeden anderen Mohammedaner, der ihm in die Quere kam und tötete mehrere von ihnen.[13]

Laut dem Biographen des Kalawun sei im Laufe eines Abends, an dem ein Festmahls zwischen Christen und muslimischen Kaufleuten stattfand, ein Streit entfacht. Die Muslimen griffen die Gäste tätig an, wurden jedoch von den sich wehrenden Christen überwältigt und getötet.[14]

Ein weiterer Grund für den Ausbruch und die darauf folgende Belagerung Akkons könnte der gewesen sein, dass die Einwohner der Stadt und andere im Heiligen Land lebende Christen es gewohnt waren, in regelmäßigen Abständen muslimische Bauern und Händler in der Umgebung als Konkurrenz anzusehen und zu berauben.[15]

Die letzte hier aufgezeigte Variante stellt gleichzeitig auch die realistischste und glaubwürdigste Begründung dar und lässt sich unter anderem bei Anonymus finden: So soll eine Gruppe von päpstlichen Söldnern – aus Langeweile oder aus Frust, weil ihnen der Sold nicht wie vereinbart ausbezahlt worden war – eine Jagd auf muslimische Kaufleute veranstaltet haben, „bei der einige Mohammedaner und auch bärtige, einheimische Christen ziel- und wahllos abgeschlachtet wurden.“[16] Daraufhin eilten Ordensritter und Barone von Akkon herbei und brachten einen Teil der gefährdeten Muslimen in die Burg, um sie in Sicherheit zu bringen und dem Tumult und dem sinnlosen Massaker ein Ende zu setzen.[17] Dieses Ereignis scheint der Forschung am wahrscheinlichsten, weil Söldner dafür bekannt waren, ein wüstes Leben zu führen und Unruhe zu stiften und auch vor Gewalttätigkeiten gegenüber den Muslimen nicht abgeneigt waren.

[...]


[1] David Nicolle, Acre 1291, Bloody sunset of the Crusader states, Oxford, New York 2005, S.7.

[2] Erwin Stickel: Der Fall von Akkon, Untersuchungen zum Abklingen des Kreuzzugsgedankens am Ende des 13. Jahrhunderts, Bern; Frankfurt am Main 1975; Reinhold Röhricht: Geschichte des Königreichs Jerusalem (1100 – 1291), Amsterdam 1966; David Nicolle: Acre 1291, Bloody sunset of the Crusader states, Oxford, New York 2005; Steven Runciman: Geschichte der Kreuzzüge, Dritter Band: Das Königreich Akkon und die späteren Kreuzzüge, München 1960.

[3] Marino Sanudo dictus Torsellus, Liber secretorum fidelium crucis super Terrae Sanctae recuperatione et conservatione, ed. v. Jaques Bongars, Gesta Dei per Francos. Bd. 2, Hanau 1611, S. 1-288.

[4] Vgl. Runciman, S. 323.

[5] Vgl. Runciman, S. 324.

[6] Vgl. Riley-Smith, S. 108 und 114.

[7] Vgl. Runciman, S. 328ff.

[8] Vgl. Runciman, S. 332ff.

[9] Vgl. Runciman, S. 334.

[10] Vgl. Runciman, S. 355.

[11] Vgl. Riley-Smith, S. 114.

[12] Vgl. Stickel, S. 37 und S. 40f.

[13] Vgl. Stickel, S. 25; hier verweist Stickel auf die bei Raynaud Gaston zu findende Quelle von Muhi-ed-din-Ibn Abdazzahir.

[14] Vgl. Stickel, S. 25.

[15] Vgl. Stickel, S. 25; hier verweist Stickel auf den Chronisten Ebn Ferath, der ebenfalls in Auszügen bei Reynaud zu finden ist.

[16] Stickel, S. 26.

[17] Vgl. Anonymus, De excidio urbis Acconensis libri II, hrsg. von Edm. Martène und Urs Durand, in veterum scriptoum et moumentorum amlissima collectio, Band V, Paris 1729, S. 757ff.

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Details

Titel
Der Fall Akkons im Jahr 1291. Gebrochene Moral der Verteidiger oder Genialität der Mameluken?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Der Fall Akkons 1291
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V316554
ISBN (eBook)
9783668155084
ISBN (Buch)
9783668155091
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Akkon, Mameluken
Arbeit zitieren
Eva Sailer (Autor), 2015, Der Fall Akkons im Jahr 1291. Gebrochene Moral der Verteidiger oder Genialität der Mameluken?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316554

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