"Burnout" im Lehrerberuf. Der Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen und situativen Faktoren auf die Entwicklung des Burnout-Syndroms


Bachelorarbeit, 2013
97 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Das Burnout-Syndrom
2.1 Die Entdeckung eines Begriffs
2.2 Definitionsversuche und damit einhergehende Probleme
2.3 Die Symptomatologie und der prozesshafte Verlauf
2.4 Messung von Burnout
2.5 Bedingungsanalyse zur Entstehung des Burnouts
2.6 Betroffene Berufsgruppen
2.7 Abgrenzung zu anderen Erkrankungen
2.7.1 Depression
2.7.2 Stress
2.7.3 Arbeitsunzufriedenheit
2.8 Erklärungsmodelle

3 Lehrerbild und Ansprüche an die Lehrerpersönlichkeit
3.1 Lehrerpersönlichkeit
3.2 Motive der Berufswahl

4 Belastungen und Beanspruchungen im Alltag eines Lehrers
4.1 Anforderungen an die Schulen und ihre Lehrer heutzutage
4.2 Gesellschaftliches Berufsbild eines Lehrers
4.3 Klassengröße und Disziplinprobleme
4.4 Gewalt an Schulen
4.5 Problemfeld Elternarbeit
4.6 Problemfeld Lehrerkollegien
4.7 Altersstruktur der Lehrerkollegien

5 Kritik an den Diskursen zum Burnout

6 Resümee

7 Literaturverzeichnis

8 Anhangsverzeichnis
8.1 Das ÄSoziale Kompetenz-Modell“ nach Harrison
8.2 Motive für die Berufswahl
8.3 Bewertung des tatsächlichen Berufsalltags
8.4 Maslach-Burnout-Inventory (MBI)
8.5 Motive für die Wahl des Lehrerberufs in Deutschland 2012
8.6 Lebensbaum der Lehrkräfte im Freistaat Sachsen
8.7 Belastungsbereiche

1 Einleitung

Die Neuerkrankungen an Burnout nahmen in den letzten Jahren drastisch zu. Das liegt weniger daran, dass mit diesen Menschen etwas nicht in Ordnung ist. Der Grund ist eher in einschneidenden Veränderungen am Arbeitsplatz zu suchen. Zumeist herrscht ein kaltes und forderndes Klima, sodass die dort arbeitenden Menschen emotional, psychisch und geistig erschöpfen. Täglich wird von ihnen neues gefordert, sie müssen also einerseits den arbeitsplatzbezogenen Anforderungen gerecht werden, dürfen aber auch nicht die Familie vernachlässigen. Die Begeisterung und das Engagement für das eigene Tun lassen so mit der Zeit immer mehr nach. Zynismus, Distanzierung und Gleichgültigkeit sind die Folgen. (vgl. Maslach et al., 2011, S.1)

Die in unserer Leistungsgesellschaft immer stärker werdende Jobunsicherheit und der ständige Druck im Berufsleben, lassen die Vermutung zu, dass es zukünftig zu einer Vermehrung dieser Problematik kommen wird. (Dubuc, 2011)

Die Ursachen für psychische Leiden sind in vielseitiger Art und Weise zu suchen. Zum einen können Konflikte mit Kollegen, Mobbing, aber auch mangelnder Respekt als Auslöser angesehen werden, andererseits können Ursachen in der Monotonie von Arbeitsprozessen oder fehlender Motivation liegen. Übermäßige Lärmbelästigung oder zu wenige Erholungsphasen sind in diesem Zusammenhang auch erwähnenswert. Kurze Phasen der Erschöpfung, Überlastung und Konflikte werden heutzutage umgangssprachlich einfach mit dem Begriff - Burnout - etikettiert. Aber das scheint nicht angemessen, denn Burnout ist mehr als eine vorübergehende Erschöpfung (vgl. Berndt, o.J.). Die Ursachen sind tiefer zu suchen und genau das soll in der vorliegenden Arbeit geschehen.

Forschungsstand

Die Forschungen zum Burnout sind alles andere als ergiebig. Vielmehr kann der Stand als Ädeprimierend“ bezeichnet werden (vgl. Burisch, 2006, S.225). Das Problem der Forschung sieht Burisch in den vielen Querschnittbefragungen und zu wenigen Längsschnittstudien. Die Querschnittanalysen stellen nur Momentaufnahmen dar und sind somit für die Burnout-Forschung unbrauchbar (vgl. Burisch, 2006, S.226). Eine Reihe von Forschungen stellen akademische Abschlussarbeiten dar. Burisch vertritt allerdings die Meinung, dass diese nicht alle veröffentlicht werden sollten, da die Problematik sonst immer unübersichtlicher wird. So beendet Burisch seine Ausführungen zum tatsächlichen Forschungsstand mit dem Satz: ÄWir wissen tatsächlich nichts Verlässliches über Burnout.“ (Burisch, 2006, S.227).

Burnout, als negative Beanspruchungsfolge, zeigt sich in nicht unerheblichem Ausmaß im Lehrerberuf. Der Zustand des ÄAusbrennens“ entwickelt sich vor allem, wenn Erwartungen stets enttäuscht werden. Lehrer1 erkennen erst im Laufe ihres Berufslebens, dass ihr anfänglicher Optimismus immer mehr verloren geht, weil eine erfolgreiche Gestaltung des Beziehungsgefüges innerhalb der Klasse einfach nicht gelingen mag. Auch Fremdbestimmung durch Schulleitung oder Kultusministerien engen die Gestaltungsmöglichkeiten der Lehrer ein und lassen eigene Zielsetzungen teilweise nicht zu. Anhand dieser kurzen Aufzählung zeigen sich schon zwei Sparten, die für die Entwicklung des Burnouts von entscheidender Bedeutung sind. Einerseits spielen personale Faktoren eine Rolle, das heißt wie ist die Persönlichkeit des jeweiligen Lehrers aufgebaut, kann er beispielsweise mit Fremdbestimmung durch Vorgesetzte umgehen? Auf der anderen Seite spielen die situativen Aspekte eine Rolle, das heißt gibt es zwischen den Kollegen Differenzen oder werden von den Eltern zu hohe Erwartungen an die Lehrperson gestellt? Über beide Bereiche wird in der vorliegenden Arbeit ein umfassendes Bild geboten.

Ich möchte mit meinen Ausführungen keinesfalls eine Überbewertung des Themas - Burnout - schaffen. Wichtig finde ich es hingegen, dass eine sachliche und zielgerichtete Aufarbeitung der Thematik stattfindet. Zum besseren Verständnis ist es deshalb grundlegend Ursachen zu betrachten, damit dem zukünftig effektiv entgegengewirkt werden kann. Fundamental ist es auch, den Lehrerberuf zu beleuchten, denn der Lehrer muss Tag für Tag mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten und es gibt keine Möglichkeit dem auszuweichen. In kaum einem anderen Berufsfeld ist das in dieser Form anzutreffen. In der Vergangenheit tauchten immer wieder Zeitungsartikel zum Thema auf, im Mittelpunkt dieser standen vor allem Lehrer. So heißt es in der Zeitschrift Fokus-Schule ÄKranke Lehrer - Burnout im Klassenzimmer“ (Holthoff-Stenge, 2011). Sabine Weiß, eine Schulpädagogin, spricht in diesem Artikel über Probleme der Lehrer. Außerdem erwähnt sie unzumutbare Arbeitsbedingungen, Disziplinschwierigkeiten und unzureichende Zusammenarbeit mit der Elternschaft. Aber es werden nicht ausschließlich äußere Faktoren benannt. Sabine Weiß nennt auch persönliche Bedingungen, die Burnout zu begünstigen scheinen. Nicht zuletzt spielen Überengagement und Probleme in der Trennung von Berufs- und Privatleben eine Rolle. Eine weitere Zeitschrift, die das Thema aufgreift, ist Die Zeit, ÄVerbrannte Seelen - Unter Lehrern grassiert das Burnout-Syndrom. Doch was ist das?“ (Blech, 1999) heißt es dort. In diesem Artikel wird der Fall eines Gymnasiallehrers aus Hamburg geschildert, der über Jahre hinweg dem Druck der störenden, tobenden und undisziplinierten Schüler nicht mehr gewachsen war. Aufgrund einer Erkrankung an Tinnitus wurde er auf eigenen Wunsch frühzeitig pensioniert. Außerdem wird auch hier wieder das Unverständnis der Eltern gegenüber psychisch erschöpften Lehrern benannt. Lehrer, die in ihrem Studium nur unzureichend auf ihr Einzelkämpferdasein und den ständigen Druck durch ihr soziales Umfeld vorbereitet wurden.

Viele Artikel scheinen dramatisch und inhaltlich unsachlich dargestellt. Nicht zuletzt hat der inflationäre Gebrauch des Burnout-Begriffes dazu beigetragen, dass wissenschaftliche Forschungen erschwert wurden, denn auch die Begriffe Stress und Depression werden synonym verwendet. Brisant und von besonderer Wichtigkeit zeigt sich das Thema, wenn die große Menge an wissenschaftlicher Literatur herangezogen wird. Deren Bearbeitung wird im Folgenden stattfinden und dann werden auch einige, der in den Zeitschriften benannten Aspekte, wieder aufgegriffen.

Nach der Einleitung in diesem ersten Kapitel wurde schon ein grober Einblick in die Thematik und den bisherigen Forschungsstand gegeben. Die vorliegende Arbeit liefert zunächst ganz allgemeine Informationen zum Burnout-Syndrom. Hierfür werden in einem zweiten Kapitel Entstehungsgrundlagen, Definitionsvorschläge, Ursachen und Symptome näher betrachtet. Außerdem wird versucht, eine Abgrenzung zu ähnlichen Begrifflichkeiten zu schaffen. Diese Grundlagen vereinfachen das Verstehen des Burnouts in Bezug auf den Lehrerberuf. Im darauffolgenden dritten Kapitel wird sich der Lehrerpersönlichkeit gewidmet, dabei geht es um Fragen wie: Warum streben einige Individuen den Lehrerberuf an und welche Erwartungen setzen sie dabei an sich und das Berufsfeld? Auch situative Faktoren spielen, wenn es um das Thema Burnout geht, eine entscheidende Rolle. Deshalb werden auch sie in einem vierten Kapitel einer näheren Analyse unterzogen. Im Wesentlichen geht es um die Belastungen im Alltag der Lehrpersonen. Das bedeutet: Welche Anforderungen stellt unsere heutige Gesellschaft an die Schulen? Welche Einflussfaktoren wirken auf den alltäglichen Unterrichtsablauf? Wie steht es um die Gewalt an Schulen, wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Kollegen, verläuft sie immer reibungslos? All diese Aspekte und noch einige mehr sind Inhalte des vierten Abschnitts. Das fünfte Kapitel greift einige Kritikpunkte, die in der Literatur vorkommen, auf und zeigt damit, dass in der Forschung noch viele offene Fragen existieren. In einem Resümee werden schlussendlich die wichtigsten Punkte nochmals kurz aufgeführt und ein Ergebnis formuliert. Mit dieser umfassenden Analyse, werden Einblicke in persönlichkeitsbezogene und situationsspezifische Faktoren der Burnout-Entstehung bei Lehrern geliefert. Ziel ist es herauszufinden, was die Lehrerschaft in die ‚psychische Sackgasse‘ namens Burnout treibt.

2 Das Burnout-Syndrom

Das Phänomen - Burnout - ist schon lange keine Seltenheit mehr und in keiner Weise örtlich oder berufsspezifisch begrenzt. Diese Erkrankung kann sowohl in Schulen, in Krankenhäusern, an Hochschulen, als auch in Kunstberufen und der Entwicklungshilfe auftreten. Die Aufzählung zeigt eine weite Verbreitung des Themas. Oftmals betrifft es Menschen, die helfend tätig sind, die Klienten haben oder einen Durchbruch im Beruf erreichen wollen. (vgl. Burisch, 2006, S.2f.) In diesem Kapitel beschäftige ich mich zunächst allgemein mit dem Krankheitsbild des Syndroms, außerdem werden einige Erklärungsmodelle herangezogen, bevor verschiedene betroffene Berufsgruppen im Fokus stehen. Auch die berechtige Frage, wie sich das Syndrom von verwandten Begriffen wie Stress, Depression oder Arbeitsunzufriedenheit abgrenzen lässt, wird in diesem Abschnitt beantwortet.

2.1 Die Entdeckung eines Begriffs

Das Burnout-Syndrom kann inzwischen eine 20-jährige Forschungsgeschichte vorweisen. Bradley war derjenige, der 1969 den Begriff ins Leben rief. Es kann aber nicht behauptet werden, dass er derjenige war, der ihn in die öffentliche Diskussion überführte. Diese Überführung fand erst durch die Veröffentlichung eines Artikels von Herbert Freudenberger (1974), einem amerikanischen Psychoanalytiker, statt. Mit dem Begriff beschrieb er einen physiologischen und psychologischen Zustand von sozial engagierten Mitarbeitern (vgl. Grabe, 2006, S.9; vgl. Hagemann, 2009, S.51). Als Psychoanalytiker beobachtete er Menschen in helfenden Tätigkeiten und stellte fest, wie rasch diese sich veränderten. Anfangs erkannte er großes Engagement bei den Mitarbeitern, später schien sich dieses zu einem Erschöpfungszustand zu entwickeln, auch eine zynische Art den Patienten gegenüber waren das Resultat dieser negativen Entwicklung. Allerdings waren das nicht die einzigen nennenswerten Symptome, auch psychosomatische Beschwerden gingen damit einher. Erschöpfungszustände und Übermüdung waren dann schon keine Seltenheit mehr. (vgl. Schmieta, 2001, S.4)

Erst Ende der 80er Jahre fand sich der Begriff in der deutschen Psychologie wieder. Viele empirische Studien folgten und 32% aller Untersuchungen waren dabei auf den Lehrerberuf fokussiert. Letztlich wurde festgestellt, dass eine Häufung von Burnout in diesem Berufsfeld beobachtbar ist. (vgl. Schmieta, 2001, S.4)

2.2 Definitionsversuche und damit einhergehende Probleme

Für den Burnout-Begriff gibt es eine Reihe von Definitionen, aber keine dieser scheint umfassend genug, um die Problematik zu explizieren. Ohne Frage, es fehlt eine haltbare Definition! Da in den vergangen Jahren das Burnout-Syndrom dennoch erforscht wurde, muss ganz automatisch die Frage auftauchen: Ä[…] wie kann man etwas erforschen, das noch gar nicht definiert ist?“ (Burisch, 2006, S.14).

Zu Beginn der Forschungen war es so, dass jeder, der das Gebiet analysierte, seine eigenen Definitionsversuche anstellte und das Phänomen nach seinem Ermessen beschrieb. Die meisten dieser Forscher bezogen sich aber auf die Definition von Maslach. Im Allgemeinen ist es auch recht schwer eine angemessene Definition aufzustellen, denn die Abgrenzung zu weiteren psychischen Problemen ist sehr schwammig und daher nicht genau möglich (vgl. Burisch, 2006, S.14). Diese Unmöglichkeit der genauen Abgrenzung zu anderen Begrifflichkeiten und damit die Schwächen des Begriffs, nannte Burisch 1993 Ärandunscharfe Menge“ (Burisch, 2006, S.15). Er sagte, dass es normalerweise möglich sei, Mengen genau zu definieren, um im Folgenden entscheiden zu können, was in welche Sparte einzuordnen ist und was eben nicht. Diese Eindeutigkeit ist beim Burnout-Begriff aber nicht gegeben. Zur besseren Verdeutlichung hier ein Beispiel: Die Menge aller Chemnitzer ist zweifelsohne die Menge der Einwohner der Stadt Chemnitz. Fußball und Volleyball ordnen wir ohne darüber nachzudenken in die Kategorie der Sportarten ein. Wie verhält es sich aber mit Schach? Nach Burisch beinhalten Ärandunscharfe Mengen“ ganz typische Elemente einer bestimmten Kategorie, aber eben auch Eigenschaften, die es uns schwer machen, genau zu sagen, wo der Begriff einzuordnen ist, beziehungsweise um welche Krankheit es sich handelt. (vgl. Burisch, 2006, S.15)

Es gibt sicherlich eine Reihe von Erkrankungen, die Schlaflosigkeit als Symptom mit sich bringen, genauso wie Burnout auch Schlaflosigkeit als Symptom aufweist. Aber ist deshalb jeder Mensch, der nachts schlecht schlafen kann, an Burnout erkrankt? Nein, sicherlich nicht! Aber genau dieser Umstand macht es der Forschung schwer, die eine von der anderen Erkrankung zu trennen, denn die meisten Symptome sind verallgemeinerbar und nur einzelne Kleinigkeiten lassen eine genaue Diagnose zu. Es gibt auch eine Reihe von Fällen, bei denen sich die Forscher einig sind, dass es sich nur um Burnout handeln kann, beispielsweise bei diesem Fall aus dem Schulwesen:

Wenn eine Lehrerin ein Jahr nach ihrem Berufseinstieg in einen Erschöpfungszustand verfällt, nächtelang über ihrer Stundenvorbereitung sitzt und den einzigen Zweck ihres Unterrichts in den Zeugnisnoten sieht, dann liegt der Verdacht auf Burnout nahe. Sollte sie dann auch noch ihre älteren Kollegen verstehen, welche die Kinder nur noch anschreien und Strafarbeiten verteilen, da das der einzige Weg zur Disziplinierung zu sein scheint, kann eigentlich fast mit Sicherheit behauptet werden, dass es sich um Burnout handelt. (vgl. Burisch, 2006, S.2)

In der Vergangenheit wurde sich nun immer mehr darauf geeinigt, dass Ä […] emotionale Erschöpfung, Depersonalisation und Leistungsunzufriedenheit (gelegentlich auch noch Arbeitsüberdruss) […]“ die Kernsymptome der Krankheit sind (Burisch, 2006, S.16). Hinzu kam noch eine vierte Kategorie, die Anteilnahme. Erst seit geraumer Zeit ist auch das Engagement in den Mittelpunkt der Betrachtungen gerückt. (vgl. Burisch, 2006, S.16)

Doch ab wann kann von Burnout gesprochen werden? Burisch vertritt die Position, dass keine scharfe Trennung erfolgen kann, wann jemand erkrankt ist und wann noch nicht. Er spricht vielmehr davon, dass jemand Äin einem Burnout-Prozess mehr oder weniger weit fortgeschritten ist“, das wiederrum ist von der Intensität und Art der Symptome abhängig (Burisch, 2006, S.16). Burnout hat demnach nicht eine genaue Definition, sondern viele verschiedene Symptombeschreibungen und Definitionsversuche. Abschließend sollen einige der in der Literatur auffindbaren Definitionen aufgelistet werden. Es geht nicht darum Vollständigkeit zu erreichen, sondern verschiedene Definitionen und deren Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede zu präsentieren.

Pines, Aronson & Kafry definieren Burnout als einen Zustand Ä[…] körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung. Die Betroffenen fühlen sich körperlich verausgabt, hilflos, hoffnungslos und emotional erschöpft. Sie entwickeln negative Einstellungen zum Selbst, zu ihrem Beruf, zu anderen Menschen und zum Leben ganz allgemein.“ (Pines et al., 1992, S.25).

Auch Knauder beschreibt die körperliche und geistige Beeinträchtigung der Menschen durch Burnout. Demnach handelt es sich um eine Äganzheitliche Befindensbeeinträchtigung eines Individuums aufgrund übermäßiger Belastungen. Von der körperlichen Beeinträchtigung ist die geistige nicht zu trennen. Vielmehr gehen beispielsweise Energielosigkeit, chronische Müdigkeit, Magen- Darm-Erkrankungen […] Hand in Hand mit Aufmerksamkeitsstörungen, Angstgefühlen, abrupten Stimmungsschwankungen […].“ (Knauder, 2005, S.11).

Hagemann baut seine Definition sowohl auf private als auch auf berufsbezogene Hintergründe auf:

ÄBurnout ist eine biopsychosoziale Krankheit, deren Ursachen sich nicht isoliert auf die Berufssituation zurückführen lassen. Die biographischen Voraussetzungen sowie das soziale Umfeld des Betroffenen müssen bei der Beurteilung der Symptome miteinbezogen werden.“ (Hagemann, 2009, S.13)

Im Gegensatz zu anderen Definitionen bringt Cherniss in seiner Darstellung weniger einen Zustand, als vielmehr einen Prozesscharakter der Erkrankung zum Ausdruck. Er sagt Burnout ist Äein Prozess, in dem sich ein ursprünglich engagierter Mitarbeiter von seiner Arbeit zurückzieht, als Reaktion auf Beanspruchung und Belastung im Beruf“ (Cherniss, 1980; In: Burisch, 2006, S.19).

Diese Definition scheint für Burisch von wesentlicher Bedeutung, denn sie betont den Prozesscharakter des Burnouts, das heißt Menschen ‚brennen‘ nicht von einem auf den anderen Tag aus, es ist eher ein stetig fortschreitender Vorgang. Weniger gelungen findet Burisch die Ursachenbehauptungen in der Definition, welche sich auf berufliche Belastungen2 beziehen.

Dadurch, dass eine allgemein haltbare Definition fehlt, kann Burnout vieles sein und damit auch nichts. (vgl. Burisch, 2006, S.19f.)

Nun wurde schon eine Reihe an Definitionen aufgelistet, eine weitere stammt von Maslach und Jackson. Sie scheint die wohl wichtigste Definition bezüglich des Burnout-Syndroms zu sein, da viele andere Autoren auf sie Bezug nehmen. (vgl. Burisch, 2006, S.14)

Maslach und Jackson beschreiben das Phänomen folgendermaßen:

ÄBurnout is a syndrome of emotional exhaustion and cynicism that occurs frequently among individuals who do ‘people work’ of some kind. A key aspect of the burnout syndrome is increased feelings of emotional exhaustion. As their emotional resources are depleted, workers feel they are no longer able to give of themselves at a psychological level. Another aspect is the development of negative, cynical attitudes and feelings about one’s clients. Such negative reactions to clients may be linked to the experience of emotional exhaustion […] This callous or even dehumanized perception of other can lead staff to view their clients as somehow deserving of their troubles (Ryan, 1971) […]. A third aspect […] is the tendency to evaluate oneself negatively, particularly with regard to one’s work with clients. Workers feel unhappy about themselves and dissatisfied with their accomplishments on the job.” (Maslach et al., 1981, S.99)

Die Kernaspekte dieser doch sehr umfassenden Definition sind zum einen der emotionale Erschöpfungszustand und damit einhergehende zynische Verhaltensweisen. Außerdem bemerken Maslach und Jackson, dass das Phänomen überwiegend bei berufstätigen Personen im Zusammenhang mit der Zusammenarbeit mit Klienten auftritt. Die negativen Verhaltensweisen gegenüber den Klienten geben diesen das Gefühl, selbst schuld an ihrer Misere zu sein und so werden die Sorgen des Burnout-Betroffenen zu den Sorgen seiner Klienten. Diese negative Entwicklung führt dazu, dass der Arbeitnehmer mit sich und seiner Arbeit unzufrieden ist.

All diese Aspekte sind auch in den vorhergehenden Definitionen enthalten, deshalb ist die Definition von Maslach und Jackson als grundlegend anzusehen. Trotz dieser sehr umfassenden Beschreibungen scheint es Probleme mit der genauen Definition von Burnout zu geben, sonst würden diese in der Literatur nicht benannt (vgl. Wagner, 1993, S.11; vgl. Schmieta, 2001, S.8).

Dennoch haben alle genannten Definitionen mindestens drei Gemeinsamkeiten:

(1) Burnout wird nicht als einseitiges Phänomen betrachtet. Demnach prägt es sich nicht entweder auf geistiger oder körperlicher Ebene aus und wird ausschließlich durch berufliche oder private Probleme verursacht. Viel eher wird es als mehrdimensionale Erkrankung betrachtet. Das soll bedeuten, dass es durch arbeitsbezogene, psychische oder gesellschaftliche Aspekte verursacht werden kann und sowohl auf emotionaler als auch körperlicher Ebene zum Vorschein kommt.
(2) Durch die Erschöpfungszustände kann der Betroffene seine Arbeit nicht mehr zu aller Zufriedenheit ausführen und somit kommt es auch zu einem Verlust des Engagements am Arbeitsplatz.
(3) Beanspruchungen3 und hohe Belastungen im beruflichen Alltag sind als ein Auslöser des Burnout-Prozesses zu betrachten.

2.3 Die Symptomatologie und der prozesshafte Verlauf

Viele Forscher versuchten sich daran, einen Zugang zum Burnout-Begriff über die Symptome zu bekommen und integrierten diese in ihre Definitionen. Hierbei geht es sowohl um körperliche Symptome wie Schlaflosigkeit und ein allgemeines Gefühl der Erschöpfung als auch um emotionale, kognitive und soziale Komponenten (vgl. Schmieta, 2001, S.14). Die Listen über mögliche Symptome sind lang, Burisch unterscheidet mehr als 130 verschiedene Symptome und teilt diese in sieben Kategorien und weitere Unterebenen ein (vgl. Burisch, 2006, S.25f).

Genau auf diese sehr umfassende Einteilung nach Burisch (2006, S.27ff.) soll im Folgenden Bezug genommen werden.

In einer ersten Kategorie werden „Warnsymptome der Anfangsphase“ beschrieben (Burisch, 2006, S.27). Der Prozess beginnt mit einem erhöhten Energieeinsatz, damit kann der stets unermüdliche Entwicklungshelfer gemeint sein, aber auch der Marketingleiter, der sich nach der Firmenfusion als nutzlos einschätzt. Das Ganze muss nicht einmal mit körperlichen Anstrengungen oder erhöhten Überstunden einhergehen. Es reicht vollkommen aus, wenn auf Arbeit ein angespanntes Klima herrscht oder zu Hause die Gedanken vom Arbeitsalltag vorherrschen. Somit bleiben Phasen der Entspannung und Ruhe aus. Das erste Warnsignal ist es, wenn die Menschen nach der Arbeit nicht abschalten können und die Erholung dabei auf der Strecke bleibt. Psychische Anspannungen ziehen auch körperliche Unausgeglichenheit nach sich, beispielsweise sind Prüflinge nach einer langen Klausur auch erschöpft und benötigen eine Phase der Erholung. Weiterhin werden Menschen, die ihre Arbeit gern ausüben und andere, bei denen das aus Widerwillen geschieht, unterschieden. Die Gefühlslage ist demnach ein entscheidender Faktor bei der Entstehung von Burnout. Verrichtet jemand seine Arbeit gern, dann machen ihm Überstunden auch nichts aus. Burisch betont, dass ein ausgeglichenes Verhältnis von An- und Entspannungsphasen, sowie Lob und Kritik einem jahrelangem Engagement nicht im Wege stehen. Häufen sich allerdings Undank und Strafen, unterstützt das die Entstehung von Burnout. Drastische Veränderungen der Umwelt, zum Beispiel der Studienbeginn für ‚Erstis‘ (neue Anforderungen, neue Stadt, etc.) oder die Berufseintrittsphase, in der das Individuum vielleicht erkennen muss, dass ihm gewisse Kompetenzen fehlen, aber auch ein neuer Vorgesetzter, der Anpassung verlangt, sind guter Nährboden für den ÄProzess des Ausbrennens“. Die Erkrankung entsteht gerade dann, wenn es den betroffenen Menschen nicht gelingt ein Gleichgewicht zwischen eigenen und fremden Bedürfnissen herzustellen oder einfach woanders neu zu beginnen, bevor es zu spät ist. Die Folge, „Reduziertes Engagement“, bildet die zweite Kategorie. Bei helfenden Berufen gibt es eine Reihe von Möglichkeiten sich selbst vom Patienten oder Klienten zu distanzieren (Burisch, 2006, S.2). Ärzte sprechen deshalb oftmals vom ÄMagen auf Zimmer 10“, auch Lehrer und Erzieher haben für die Kinder ähnlich abwertende Bezeichnungen. Diese Personen versuchen, den Kontakt mit den Kindern, Klienten oder Patienten so gering wie möglich zu halten. Bei solch selbstdistanzierten Persönlichkeiten leidet früher oder später auch das Familienleben mit, denn zu Hause wollen sie schließlich auch ihre Ruhe haben. Außerdem entwickelt sich ein Überdruss an der eigenen Arbeit, denn schon das gesamte Wochenende wird von dem kommenden Montag ‚überschattet‘. Burisch betont an dieser Stelle nochmals, dass von Menschen, die ihre Arbeit einst liebten und das Berufsfeld freiwillig wählten, die Rede ist und nicht von Menschen, die in einen Beruf hineingedrängt wurden. Betroffene, die sich schon im Burnout-Prozess befinden, erzählen zudem ständig von vergangenen Urlaubstagen und noch kommenden, beziehungsweise zählen sie die Tage bis zum Renteneintritt. Oftmals suchen diese Menschen Ablenkung in Hobbys, der Beruf steht hier nicht mehr an oberster Stelle. Erst nach Feierabend blühen diese Menschen auf und können den Tag genießen. Nuber (1987; In: Burisch, 2006, S.30) spricht in diesem Rahmen von einer inneren Kündigung. Es kann von einer Art Doppelleben die Rede sein, denn im Berufsalltag ist dieser Mensch ein anderer als in der Freizeit. Der dritten Kategorie gibt Burisch den Titel „Emotionale Reaktionen; Schuldzuweisung“, in dieser Phase wird nun nach Schuldigen gesucht (Burisch, 2006, S.31). Ganz konkret bedeutet das, wer oder was hat Schuld daran, dass der Lehrer, Drogenberater oder Arzt keine Freude mehr an seiner Arbeit findet und auch im Privatleben Probleme hat? Demjenigen bieten sich nun zwei Möglichkeiten. Entweder er sieht sich selbst als Schuldigen an oder seine Umwelt. Dabei kann er einmal zu dem Ergebnis kommen, ungeeignet für den Beruf oder falsch ausgebildet worden zu sein, weswegen die Klienten nicht dankbar genug sind. Außerdem kann es sein, dass er dem System Schuld gibt, bei Lehrern heißt es dann ÄDie Schüler sind anders als früher!“ (vgl. Burisch, 2006, S.31). Die Stimmungslage, beziehungsweise der Charakter jedes einzelnen Menschen bestimmt, ob er die Schuld für diesen unbefriedigenden Zustand bei sich oder anderen sucht (vgl. Burisch, 2006, S.31f.). Verfällt die betreffende Person in eine Depression, so kann davon ausgegangen werden, dass sie die Schuld bei sich sieht. Hilflosigkeit und ein gemindertes Selbstwertgefühl sind die Folgen. Deprimierend ist dies für diejenigen, die in ihrer Arbeit den Sinn des Lebens sehen, denn für sie geht der Zweck von diesem verloren. Diese Phase des Burnouts ist schwer zu trennen von einem mehr oder minder schweren depressiven Syndrom. An dieser Stelle des Burnouts ist eine erfolgreiche Problemlösung schon kaum mehr möglich, egal ob die äußeren Faktoren verändert oder beibehalten werden. Menschen, welche hingegen die Schuld anderen Individuen zuschreiben, verfallen in keine Depression, sondern eher in einen Zustand der Aggression. Ständiges Nörgeln und Wutausbrüche, sowie Pessimismus gegenüber Veränderungen im näheren Umfeld sind kennzeichnend für diesen Typus Mensch. Freudenberger (1977b; In: Burisch, 2006, S.33) sieht in der Reizbarkeit vielmehr einen Hilferuf, der vom Betroffenen stets abgestritten wird. Damit behauptet er, dass die Menschen sich ihre Schwächen nur schwer eingestehen können und damit auch keine Hilfe annehmen. Diese aggressive Stimmung kann gegen Kollegen oder Familienmitglieder gerichtet sein. In der Kategorie des „Abbau[s]“ kommt es zum Abfall des kognitiven Leistungsvermögens, nicht selten vergessen Betroffene Termine, die Motivation sinkt weiter ab und Kreativität gibt es nicht mehr (Burisch, 2006, S.33). Bequemlichkeit in Denkprozessen ist repräsentativ für den kognitiven Verfall. Nicht zuletzt können in diesem Stadium, die schon in Kategorie drei erwähnten Angstzustände, verstärkt werden. Stufe fünf, „Verflachung“, beinhaltet das zunehmende Desinteresse der betroffenen Individuen, was nicht zuletzt dazu führt, dass sich Freunde von einem entfernen, sodass der gesamte Prozess zu einem scheinbar nie endenden Teufelskreis wird (Burisch, 2006, S.33). Die Einsamkeit verstärkt die Aussichtslosigkeit zunehmend. Psychische Schäden werden sich irgendwann auf jeden Fall in körperliche Symptome umwandeln, dies geschieht in der vorletzten und somit sechsten Stufe. Burisch tituliert diese Etappe mit „Psychosomatische Reaktionen“ (Burisch, 2006, S.34). Die Signale, welche die ganze Zeit über nur auf psychische Probleme beschränkt waren, spiegeln sich nun auch in körperlichen Erkrankungen wieder. Zunehmend treten Infektionskrankheiten auf, Schlaflosigkeit und Verspannungen tragen zum Unwohlsein bei und schnell endet das Ganze in einer Drogen-, Alkohol- oder Nikotinabhängigkeit. Durch diese dauerhafte körperliche und vor allem psychische Belastung kann der Körper nur mit koronaren Herzerkrankungen oder Geschwüren im Bereich des Magens und Darms reagieren. In der siebten und damit letzten Kategorie, Burisch bezeichnet sie mit „existentieller Verzweiflung“, tauchen zunehmend Fragen zum Sinn des Lebens auf, auch Selbstmordgedanken spielen hier eine beträchtliche Rolle (Burisch, 2006, S.34). Der Eine kann diese Hoffnungslosigkeit nicht ertragen und ersäuft seine Trauer im Alkohol, der andere erschießt sich und ein Weiterer springt von der nächsten Brücke. All das ist schon vorgekommen und zeigt nur, wie aussichtslos die Situation für die Betroffenen zu sein scheint. (vgl. Burisch, 2006, S.34)

Auch Hannelore Knauder stellt den Prozess von Burnout als schmerzlich und in verschiedenen Stadien dar. Sie hingegen unterteilt nicht wie Burisch in sieben Phasen, sondern lediglich in vier. Doch auch in diesen wenigen Phasen sind alle Symptome, die auch Burisch nennt, enthalten. Der Werdegang wird identisch dargelegt.

So unterteilt Knauder in:

(1) ein berufliches Überengagement als Warnsymptom,
(2) eine Anfangsphase, die sich durch allgemeine Erschöpfung zeigt,
(3) eine weiterführende Phase, in der Aggressivität, Frustration oder Depressivität dominieren und durch
(4) eine Endphase mit Selbstisolation bis zu Selbstmord(absichten).“ (Knauder, 2005, S.16f.)

Dennoch ist es so, je mehr Symptome zusammengestellt werden, umso eher entsteht der Eindruck, dass de facto jeder Mensch an Burnout leiden könnte. Barth äußerte sich diesbezüglich folgendermaßen:

ÄUnspezifisch ist die Symptomatik insofern, als sich praktisch jedes Symptom auch bei Menschen antreffen lässt, die offensichtlich nicht vom Ausbrennen betroffen sind.“ (Barth, 1992, S.21)

Es muss in diesem Zusammenhang auch gesagt werden, dass nicht jedes der aufgelisteten Symptome auftreten muss, um von Burnout sprechen zu können (vgl. Schmieta, 2001, S.15). In welcher Reihenfolge die Symptome auftreten und ob bestimmte Stadien überhaupt erreicht oder gar übersprungen werden, ist immer vom Individuum mit seinen ganz persönlichen Merkmalen abhängig. Durch die den Menschen umgebende Umwelt könnte der Prozess theoretisch auch gestoppt werden, ohne das Zurückbleiben von ‚Narben‘ (vgl. Burisch, 2006, S.27). Wie dieser Prozess nun gemessen und herausgefunden werden kann, wer an Burnout leidet oder nicht, wird Aufgabe des nächsten Abschnitts sein.

2.4 Messung von Burnout

Im Abschnitt 2.1 wurde schon beschrieben, wie das Burnout-Syndrom zunehmend in den Fokus der Forschungen rückte und mittels empirischer Untersuchungen an wissenschaftlicher Akzeptanz gewann. Zunächst wurden Untersuchungen mit dem Maslach Burnout Inventory (MBI) abgelehnt, doch in den letzten Jahren wurde er zum ÄGoldstandard“ (vgl. Burisch, 2006, S.36). Bei der Betrachtung möglicher Messinstrumente wird deutlich, dass sie lediglich auf der Selbsteinschätzung der Individuen beruhen (vgl. Wagner, 1993, S.57). Schmieta (2001, S.64) betrachtet zwei Messinstrumente, die sich im deutschsprachigen Raum durchgesetzt haben, auf diese wird sich nun konzentriert.

Der MBI kann beispielsweise Burnout in helfenden Berufen messen. 22 Items messen in drei Dimensionen den Grad des Burnouts. Die drei Dimensionen sind: Äemotionale Erschöpfung, Depersonalisierung und reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit.“ (Schmieta, 2001, S.65). Fragen, die im MBI auftauchen, sind beispielsweise: ÄIch fühle mich müde, wenn ich morgens aufstehe und wieder einen Arbeitstag vor mir habe.“ oder ÄDurch meine Arbeit fühle ich mich ausgebrannt.“ (Wagner, 1993, S.124).

Burisch beschreibt, wie sich der MBI im Verlauf der Jahre entwickelt hat. Erweiterungen fanden insofern statt, als dass sich die Anwendbarkeit im pädagogischen Bereich verbesserte. Beim MBI werden zwei Formen unterschieden, einerseits der ÄMBI Human Services Survey (MBI-HSS)“, welcher bei Krankenpflegern und Sozialarbeitern Anwendung findet. Andererseits gibt es noch den ÄMBI Educators Survey (MBI-ES)“, welcher für den pädagogischen Bereich vom Kindergarten bis an die Hochschulen geeignet ist (vgl. Burisch, 2006, S.35). Ferdinand Jaggi (2008, S.3) präsentiert in seinen Ausführungen eine erweiterte Auflage des MBI mit 25 Items. Der Erschöpfung kommen neun Aussagen zu, der Depersonalisierung fünf und die persönliche Leistungsfähigkeit erhält acht Aussagen. In der Grundversion von Maslach gab es die Involviertheit noch nicht, in der überarbeiteten Version fallen dieser jedoch drei Aussagen zu (vgl. Kap. 8.4). Es entstand noch eine ganz neue Variante des MBI, an der sich auch Wilmar Schaufeli beteiligte. Diese besteht aus 16 Items, die jegliche Bezugnahme zu anderen Personen vermeiden. Das bedeutet, sie gliedert sich in drei Skalen: ÄErschöpfung (5 Items), Zynismus (5 Items) und berufliche Leistung (Professional Efficacy; 6 Items).“ (Burisch, 2006, S.35). Dieses Messinstrument ist für die Personengruppe der Berufstätigen gedacht. Die Erfahrungen mit diesem Instrument halten sich allerdings noch in Grenzen. Laut Burisch kann der MBI-HSS lediglich im Bereich der Berufstätigen im Dienstleistungssektor und in Sozialberufen angewendet werden. Die Ursache ist in den Items zu sehen, die teilweise Bezug auf das jeweilige Berufsfeld nehmen. Diese Form des MBI wurde in den letzten Jahren, wie schon erwähnt, zum ÄGoldstandard“ in der Burnout-Forschung, denn über 90% der vorhandenen Studien basieren auf ihm. Die Schwachstellen des MBI lassen sich maximal im Rahmen der Kritik (vgl. Kap. 5) finden, aber auch bei Burisch sind sie überblickshaft dargestellt. (vgl. Burisch, 2006, S.36)

Der ÄTedium Measure“, auch ÄÜberdruss-Skala“ genannt, ist da wesentlich universeller einsetzbar, womit schon ein weiteres Messinstrument gefunden wäre (Burisch, 2006, S.35). Pines et al. definieren das ÄAusbrennen“ und den ÄÜberdruss“ als Ä[…] Zustände körperlicher, emotionaler und geistiger Erschöpfung“ (Pines et al., 1992, S.25). Die Definitionen von Burnout und Überdruss sind demnach gleich. Auch die Symptome beider sind ähnlich, die Ursachen aber liegen an unterschiedlichen Stellen. Burnout tritt oftmals bei Personen in helfenden Berufen auf, das heißt in Äemotional beanspruchten Berufen“ (vgl. Schmieta, 2001, S.66).

Überdruss hingegen kann sich auf alle Berufsfelder beziehen und wird überwiegend durch negative und zu wenig positive Effekte erzeugt, auch traumatische Erfahrungen im Leben eines Menschen spielen hier eine wesentliche Rolle (vgl. Pines et al., 1992, S.25). Damit wäre bewiesen, dass Überdruss ein eher allgemein gehaltener Begriff und damit universeller anwendbar ist. Die Fragen, die bei Untersuchungen mit diesem Instrument auftreten können, lauten beispielsweise: ÄIch bin körperlich erschöpft.“, Ä Ich bin unglücklich.“ oder ÄIch bin überdrüssig.“ (Wagner, 1993, S.128). Laut Schmieta (2001, S.66f.) misst ein Gesamtscore den Grad des Burnouts.

Die elementare Bedeutung der beiden soeben beschriebenen Messverfahren zeigt sich an ihrer häufigen Benennung in der Literatur, Schmieta (2001, S.65f.), Burisch (2006, S.34f.) und auch Wagner (1993, S.57f.) beschreiben beide Messverfahren in aller Deutlichkeit. Die Tatsache, dass Burnout fast ausschließlich mit dem Fragebogenverfahren untersucht wird, zeigt sich auch an der Herausbildung weiterer Fragebögen. Nennenswert sind, das ÄOldenburg Burnout-Inventar“ (Burisch, 2006, S.36) von Ebbinghaus, das ÄHamburger Burnout-Inventar“ (Burisch, 2006, S.37) und das von Schaarschmidt und Fischer geprägte ÄArbeitsbezogene Verhaltens- und Erlebnismuster“ (Burisch, 2006, S.36f.).

2.5 Bedingungsanalyse zur Entstehung des Burnouts

In den 70er Jahren fanden die beiden Amerikaner Friedman und Rosemann heraus, dass psychische Gegebenheiten je nach Schweregrad das Bekommen einer koronaren Herzkrankheit erhöhen. Die Verhaltensmuster, die damit einhergehen, sind dem Menschentyp A zuzuordnen. Kennzeichnend für diese Art Mensch sind Ungeduld, Perfektionismus, stark ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein, aggressive Verhaltensweisen, aber auch Konkurrenzdruck. Die Menschen vom B-Typ sind da völlig gegensätzlich eingestellt. Sie setzen sich realistische Ziele und kennen ihre Stärken und Schwächen. Welcher Typ Mensch wohl eher Burnout-gefährdet sein wird, bedarf keiner allzu großen Überlegungen. Dem ständigen Herzinfarktrisiko sind die ÄTyp A- Menschen“ ausgesetzt (Grabe, 2006, S.35). Durch möglichst viele Bestätigungen ihrer Handlungen kommen sie kaum zur Ruhe. Wie im Abschnitt 2.4 kurz erwähnt, sind besonders diejenigen Menschen Burnout-gefährdet, die ständig arbeiten und sich einsetzen, stets auch ein Lob erhalten, aber im Vergleich zum Arbeitseinsatz zu wenig Wertschätzung bekommen. Der ÄAkku wird nicht nachgeladen“ und so schreitet der Prozess des Burnouts immer weiter voran (Grabe, 2006, S.36). Die personalen und situativen Ursachen nennt Grabe Äinnere und äußere Antreiber“ (Grabe, 2006, S.36). Im Folgenden wird sich auf die Ausführungen von Martin Grabe (2006, S.37ff.) beschränkt. Die Äinneren Antreiber“ sind für ihn die wichtigste Gruppe der Ursachen, denn jeder Mensch legt autonom fest, in welchem Umfeld er leben und arbeiten möchte. Außerdem wird von jedem Individuum selbst bestimmt, welche Fähigkeiten es erwirbt, welche Kenntnisse es besitzt und es ist elementar, dass es sich eingesteht, welche Begabungen es nicht vorweisen kann. Geraten Menschen immer wieder mit ihrer Umwelt in Konflikte oder leiden unter Überforderung, hat das auf jeden Fall etwas mit deren Persönlichkeit zu tun. Jeder ist für sich selbst verantwortlich und sollte versuchen, sich solchen Situationen nicht auszusetzen. Grabe unterscheidet in seinen Ausführungen unterschiedliche Lebensumstände und Konstellationen, die Menschen dazu antreiben wie der ‚Hamster im Laufrad‘ zu arbeiten und nie stillzustehen. Der einzige Zweck besteht darin, Aufmerksamkeit und Anerkennung zu erlangen. Nicht zuletzt sind all das die Grundlagen des Burnouts. Diese Wünsche, wie beispielsweise der Wunsch nach Anerkennung, tauchen im Menschen unbewusst auf und haben ihre Wurzeln in frühester Kindheit. Kinder sehen ihre Eltern immer als ‚mächtig‘ an, warum auch nicht, sie sind schließlich die Hauptbezugspersonen der Heranwachsenden. Im Prozess der Entwicklung des Kindes ist es bedeutungsvoll, ob die Eltern verlässlich, fordernd oder eher freigiebig waren. Das was in der Kindheit nicht so ablief, wie es hätte sein sollen, wird der Mensch versuchen im Laufe seines Lebens wieder auszugleichen. Dabei geschieht alles unbewusst, zum Beispiel die Liebe, die in der Kindheit fehlte, wird versucht den eigenen Kindern in enormem Maße zu geben.

An erster Stelle nennt Grabe die „Sehnsucht nach Anerkennung durch den Vater“ (Grabe, 2006, S.39). Der Vater war zu beschäftigt, erkannte nur besondere Leistungen als lobenswert an oder war mit sich selbst zu unzufrieden und alles zusammen führte letztlich zu einer fehlenden Wertschätzung der Leistungen seines Kindes. Dieses Kind wird die Anerkennung im weiteren Lebensverlauf versuchen zu bekommen, doch meist muss festgestellt werden, dass auch durch Erfolge und Karriere der Wunsch nicht im gewollten Maße eintritt. Der zweite Aspekt, den Grabe verdeutlicht, ist das Fehlen der Zuwendung durch die Mutter. Wollen nicht alle Kinder von ihrer Mutter geliebt werden? Doch nicht jede Mutter kann ihre Liebe in schwierigen Situationen zeigen und geben, vielleicht war sie einst selbst überfordert und stieß an ihre Grenzen. Nicht selten passiert es auch, dass Mütter ihr Kind ablehnen. Gerade diese Kinder sind dazu prädestiniert eine Helferpersönlichkeit zu entwickeln. Indem sie anderen Menschen helfen, sie unterstützen und lieben, erhalten sie die gewünschte Wertschätzung. Doch auch sie müssen irgendwann erkennen, dass ihr Bedarf an Liebe nicht gestillt werde kann und so sind auch sie besonders anfällig für Burnout. Eine dritte Konstellation, die Grabe aufführt, sind äußere Gegebenheiten, welche die Äinneren Antreiber“ mitbestimmen. Das kann beispielsweise die Stellung in der Geschwisterreihe sein. Ältere Kinder übernehmen schon früh die Verantwortung für ihre jüngeren Geschwister und bekommen dann die Verbote der Eltern in vollem Umfang zu spüren. Sie erkennen also genau, was richtig und was falsch ist. Später zeigt sich das in einer Leistungsorientierung und Gewissenhaftigkeit. Jüngere Geschwister hingegen kämpfen um Anerkennung in der Familie. Im späteren Leben wird dieser Kampf fortgeführt, aber sie werden bemerken, dass es immer jemanden geben wird, der besser ist als sie. Die Rivalität nimmt damit nie ein Ende und das kann zum ÄBurnout-Motor“ werden (Grabe, 2006, S.41). Ein weiterer Faktor, der einen leistungsorientierten Menschen hervorbringen kann, ist die Armut der Familie. So denken sich Betroffene, dass sie ihren Kindern einmal mehr bieten wollen und schon setzen sie sich selbst unter Druck. Diese drei soeben beschriebenen Konstellationen sind nach Grabe die wohl wichtigsten (vgl. Grabe, 2006, S.42). Von all diesen Motivatoren, die das Handeln bestimmen, wissen Betroffene allerdings nichts, sie kennen vielleicht die Faktoren, aber nicht die Äinneren Antreiber“.

Auch Ääußere Antreiber“ sind eine Betrachtung wert (Grabe, 2006, S.46). Sie allein, bewirken aber kein Burnout, sondern stehen stets in Verbindung mit den inneren Faktoren. Diese Antreiber werden durch soziale Situationen und das berufliche Umfeld geprägt. Im Beruf kann es sein, dass der Chef auf seine Mitarbeiter Druck ausübt oder durch Firmenübernahme Umstrukturierungen stattfinden, sodass die gleiche Arbeit mit halb so vielen Mitarbeitern bewältigt werden muss. Außerdem können Mensch nicht gesund bleiben, wenn sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben müssen. Ein weiterer Aspekt ist, dass der Chef von seinen Mitarbeitern außerordentliche Leistungen erwartet und wenn ein Projekt erfolgreich abgeschlossen ist, keine Wertschätzung erfolgt. Unter solchen Arbeitsbedingungen gehen Menschen ‚kaputt‘.

Weniger der Stress4 führt zum Burnout als vielmehr die Auslieferung gegenüber dem Chef. Das Gefühl unbeachtet zu bleiben, ist beispielsweise bei Behörden anzutreffen. Deshalb kommt es bei diesen Mitarbeitern oftmals zum Ausbrennen. Sie haben zwar wenig Stress, bemerken dennoch, dass die erbrachten Leistungen nicht geehrt werden und Kreativität nicht erwünscht ist. Ohne das Gefühl, dass sich die Anstrengungen auf Arbeit lohnen und sie in einem gewissen Rahmen mitbestimmen dürfen, sehen die Mitarbeiter keinen Sinn in ihrem alltäglichen Handeln und werden schnell zu Burnout-Betroffenen. Grabe betrachtet zwei Beispiele, die auf einer Studie beruhen, an dieser Stelle wird zur besseren Verdeutlichung eines beschrieben:

Auf einer Kinder- und Neugeborenenstation entschied sich knapp ein Drittel des Schwesternpersonals für eine Kündigung. Die Forscher und das Stationsteam beschlossen daraufhin einige Änderungen im strukturellen Ablauf vorzunehmen. Zu Beginn einer Schicht wird nun mit den Ärzten genau abgesprochen, welche Neuzugänge möglich sind und welche die Kapazitäten überstrapazieren. Davor wurden alle Kinder aufgenommen, was für die Schwestern eine hohe Belastung darstellte. Auch werden einmal vereinbarte Urlaubstage als unumstößlich dargestellt, jeder Mitarbeiter hat somit seinen Urlaub sicher. Auch bezüglich des Dienstplanes gibt es Änderungen. Er wird nun bereits zwei Wochen im Voraus ausgegeben. Die Mitarbeiter können dann ihre Nachmittage und Abende gut planen. (vgl. Grabe, 2006, S.48f.)

Diese klaren Strukturen erleichtern nicht nur Abläufe, sondern sorgen auch für ein gesundes Arbeitsklima. Darüber hinaus sollten Arbeitsmenge und Arbeitszeit in einem ausgewogenen Verhältnis gehalten werden. Eine Verlängerung der Pausenzeit hätte den Schwestern im oben genannten Beispiel nur wenig gebracht. Arbeitgeber sollten versuchen jedem Mitarbeiter eine Arbeit zu geben, die das Gefühl verbreitet schätzenswert und wichtig zu sein. Außerdem müssen Teamgespräche stattfinden, in denen die Vorschläge und Meinungen der Mitarbeiter Raum finden. Das Ganze sollte natürlich hierarchieunabhängig sein. (vgl. Grabe, 2006, S.48f.) Grabe verdeutlicht diese Aspekte in folgendem Satz:

ÄWenn die Arbeit in angemessenem Umfang Kreativität und Selbstverwirklichung zulässt, kann sie zu einem wichtigen Sinngeber werden und damit erheblich zu einem gesunden leben beitragen.“ (Grabe, 2006, S.52)

Die Arbeit in kreativer Umgebung bringt zudem die Firma voran und steigert die Motivation der Arbeiter, dies sollte für jedes Unternehmen ein Anreiz zur Überlegung sein. Aber auch im privaten Umfeld gibt es einige Aspekte, die den Menschen unnötig unter Druck setzen und den Prozess des Burnouts vorantreiben. Sowohl in der Familie als auch in ehrenamtlichen Tätigkeiten sind Menschen von Burnout betroffen. Dies steht in vielerlei Hinsicht in Verbindung zu den Äinneren Antreibern“, denn die Menschen haben sich den Rahmen in dem sie tätig sind, selbst geschaffen. In der Familie können pflegebedürftige Familienmitglieder, Kinder mit ADHS oder ungewollte Kinder für den äußeren Antrieb sorgen und einen Menschen unter Stress setzen. Auch finanzielle Sorgen können auf Dauer belasten, die Arbeit wirkt dann wie ein Kampf gegen ÄWindmühlenflügel“ und ein Zusatzjob trägt nicht gerade zur Stressminderung bei (Grabe, 2006, S.53). Auch ein Ehrenamt kann Stress nach sich ziehen Ä[…] Vereinsvorsitzende zum Beispiel geraten immer stärker in das Gefühl hinein, alles allein machen zu müssen.“ (Grabe, 2006, S.53). Dieses Gefühl verstärkt sich durch schlechte Erfahrungen mit der Unzuverlässigkeit anderer. Zumeist ist es so, wenn das Vereinsfest nicht gelingt, der Vereinsvorsitzende die Schuld bekommt, obwohl dieser vielleicht keine Aktie daran trägt. Aber auch das Ehrenamt allein kann kein Burnout verursachen, denn rein theoretisch betrachtet könnte das Individuum das Ehrenamt jederzeit niederlegen. Jedoch gibt es dann wieder den Äinneren Antreiber“, den Leistungsdruck beispielsweise, der das Niederlegen nicht erlaubt. (vgl. Grabe, 2006, S.3f.)

Durch strukturelle Veränderungen innerhalb eines Betriebes, einen Wechsel der Führungsphilosophie und eine Aufgabenreduktion im privaten Bereich kann den Ausführungen zufolge das Burnout-Risiko gesenkt werden. (vgl. Grabe, 2006, S.55f.)

Die Fragen, die sich für mich an dieser Stelle ergeben, lauten: Sind die Arbeitgeber immer dazu bereit Strukturen zu ändern? Will der Chef die Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse mit einbeziehen und nimmt er sich die Zeit Vorschläge anzuhören? Will der ehrenamtlich Tätige seine Aufgabe aufgrund seines Wohles niederlegen oder kann er dies aufgrund der inneren Antreiber nicht? Das alles sind Fragen, die unbeantwortet bleiben sollen, aber dennoch weitere

Überlegungen wert wären. Die Frage, was jeder Einzelne tun kann, um derartigen Situationen zu entfliehen soll nicht zum Gegenstand dieser Arbeit werden.

2.6 Betroffene Berufsgruppen

Vor allem in helfenden Berufen, also in Bereichen der Erziehung, Psychologie und auch Medizin, beschäftigen sich Berufstätige mit hilfsbedürftigen Menschen und deren emotionalen Belangen. Diese Situationen, in denen sich manch ein hilfsbedürftiges Individuum befindet, sind teilweise so belastend, dass emotionale Stresssituationen nicht ausgeschlossen bleiben. Trotz dieser psychischen, sozialen und auch physischen Beanspruchung müssen sie vor ihren Klienten mit Fachkenntnis und Einfühlungsvermögen glänzen. Allerdings sind alle Lebenssituationen oder Berufe, in denen einer einem anderen Menschen hilft, unweigerlich mit Stress verbunden. Es muss auch beachtet werden, dass natürlich an verschiedenen Arbeitsstellen völlig unterschiedliche Arten des Drucks, der Angst und der Konflikte auftreten (vgl. Pines et al., 1992, S.60f.).

Ein Mediziner beispielsweise erlebt tagtäglich andere Belastungen als ein Erzieher, der sich mit den uneinsichtigen Eltern eines schwierigen Kindes auseinandersetzen muss. Für einen Mediziner gehören große Emotionen zum Alltag dazu, allein das Wissen, dass die Krankheit für den Patienten tödlich enden wird genügt, um einen Tag als Ästressig“ bezeichnen zu können. Trotz allem können Ärzte nicht völlig gefühlskalt handeln, sie müssen sich stets mit ihren Patienten auseinandersetzen und traurige Nachrichten überbringen. Das Wissen um Tod und Krankheit ist bei Medizinern der wohl größte Stressfaktor. Aber auch Krankheiten, mit denen sie sich infizieren könnten, intime Gespräche mit Patienten oder Angst vor bestimmtem Operationen und Untersuchungen gehören zum Alltag eines Arztes. (vgl. Pines et al., 1992, S.61f.)

Diese emotionale Belastung und damit verbundene Angst können als Grundlage für die Ausbildung eines Burnout-Syndroms angesehen werden. Emotionaler Stress taucht aber auch in anderen Berufen auf, vor allem dann, wenn in sozialen oder psychologischen Berufen strikt das Einbringen von Emotionen gefordert wird. Kadushin, welcher Forscher auf dem Gebiet ist, beschreibt, dass jegliche Art der Unterstützung einseitig ist und stets vom Helfer zum Klienten zu fließen scheint. Diese Einseitigkeit bewirkt das Erschöpfen der Emotionen des Helfers. Hat er dann auch noch das Gefühl, dass seine Hilfen nichts bewirken, tauchen nicht nur Zweifel an der fachlichen, sondern auch menschlichen Kompetenz auf. Die Trennung zwischen Arbeit und Privatleben unterzieht sich einer besonderen Schwierigkeit. Kadushin bezeichnet das als wohl größtes Problem dieser Menschen. (vgl. Pines et al., 1992, S.62f.)

Auch das Erziehungswesen ist von emotionalen Stresssituationen durchzogen. Lehrer sind laut Pines et al. der Gefahr des Ausbrennens ständig ausgesetzt, das Spektrum reicht dabei von Erziehern im Kindergarten bis zu den Professoren an Hochschulen. In unserer Gesellschaft wird ein stringentes Bild geprägt, so wird behauptet, dass der Schüler nichts lernt, weil der Lehrer Fehler im Unterrichtsprozess macht. (vgl. Pines et al., 1992, S.62)

Dieses doch sehr negative Lehrerbild beruht lediglich auf illusorischen Anforderungen, die von der Gesellschaft gestellt werden, dieser Aspekt wird später (vgl. Kap. 4) nochmals in den Mittelpunkt meiner Betrachtungen rücken.

Die psychischen Belastungen sind bei Lehrern in Deutschland noch nicht ausreichend untersucht worden. In einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg hat sich dennoch herausgestellt, dass psychische Ursachen ein Grund sind, warum Lehrer den Weg der Frühpensionierung wählen. Schlägt ein Mensch die Lehrerlaufbahn ein, sollte er sich im Klaren darüber sein, welche physischen und psychischen Belastungen damit einhergehen, und das Tag für Tag. Der Grund: In kaum einem Beruf gibt es mehr soziale Interaktionen als in dem eines Lehrers. Verschärfen lässt sich die Situation der Lehrer noch, indem sich die Arbeitsbedingungen alles andere als angemessen darstellen. Zu den Arbeitsbedingungen zählen Organisation, Kollegialität und Ausstattung der Räume. (vgl. Goddar, 2007)

Ferdinand Jaggi schaut bei seiner Unterteilung weniger auf die Berufsgruppen als auf die Menschen selbst. Er sieht unter den Burnout-Betroffenen die pflichtbewussten und hingebungsvollen Menschen. Diejenigen, die ihre Arbeit ‚lieben‘. (vgl. Jaggi, 2008, S.1) Wie aus dieser kurzen Auflistung eindeutig hervorgeht, sind Stresssituationen, die Zusammenarbeit mit Menschen, die ständigen Interaktionen und damit verbundene Emotionen, aber auch die tiefe Verbundenheit mit der eigenen beruflichen Tätigkeit, die Grundlage für die Entstehung des Burnouts. Es sind vor allem soziale Berufe davon betroffen. Auch ein Manager und Chef kann Burnout bekommen, die Gründe sind aber an einer anderen Stelle zu suchen. Bei Medizinern oder auch Lehrern sind die Gründe in der starken emotionalen Belastung zu finden. Ein Arzt fühlt sich beispielsweise seelisch belastet, wenn er seinem Patienten nicht mehr helfen kann, während der Lehrer vielleicht tiefere Einblicke in das Privatleben seines Schülers bekommen hat, dessen private Probleme er nun in sein Leben überträgt und sozusagen nicht ‚abschalten‘ kann. Der Manager hingegen fühlt sich belastet durch den eventuell bevorstehenden Ruin seiner Firma. In diesen Beispielen sind klare Unterschiede erkennbar. In sozialen Berufen ist die Belastungsweise eine komplett andere als in anderen Berufsfeldern. Alle Gruppen jedoch können unter Burnout leiden.

2.7 Abgrenzung zu anderen Erkrankungen

Schwächen zu zeigen und sich diese offen einzugestehen, ist in unserer Gesellschaft und besonders am Arbeitsplatz nicht immer von Vorteil. Zu groß ist die Angst, dass der Arbeitgeber mit einer Kündigung reagiert. So muss der Arzt Tag für Tag den Überblick über seine Patienten und deren Belange haben und der Lehrer seine Klasse stets im Griff behalten. Wenn Menschen spüren, dass sie ihre Leistungsgrenze erreicht haben, weil sich Schwierigkeiten auftun, wollen sie das nicht gern zugeben. Sie wollen sich nicht eingestehen, dass andere etwas schaffen, woran sie gescheitert sind. Nicht immer ist das korrekt, aber die Menschen empfinden in ihrer Lage so. Diese Einstellung führt allerdings zu keiner Besserung der Situation. Im Gegenteil, Erschöpfungszustände und Lustlosigkeit sind die Folgen. Oftmals wissen diese Menschen nicht, was ihnen fehlt. Auch die Forscher stellen die Situation realistisch dar, indem sie sich eingestehen, dass eine Abgrenzung von Burnout gegenüber ähnlichen Erkrankungen wie ÄDepression“, ÄArbeitsunzufriedenheit“ und ÄStress“ schwierig ist (vgl. Knauder, 2005, S.31; vgl. Wagner, 1993, S.11; vgl. Schmieta, 2001, S.18).

Die Aufgabe dieser Arbeit ist es jedoch nicht, Burnout mit all seinen Facetten darzustellen, dies wäre auch keinesfalls möglich, da es noch zu viele Unstimmigkeiten auf dem Gebiet gibt. Dies zeigen vor allem die Definitionsversuche. Viel wichtiger scheint es mir zu zeigen, wie schwer es doch fällt, eine klare Grenze zwischen verschiedenen psychischen Krankheitskonstrukten und dem Burnout-Syndrom zu schaffen.

2.7.1 Depression

Jeder Mensch definiert Burnout etwas anders, die Ursachen sind jedoch immer in gleicher Weise vertreten. Diese können sich beispielsweise durch fehlendes Engagement am Arbeitsplatz oder Emotionsverfall, das bedeutet Angst und Depressionen, präsentieren. (vgl. Maslach et al., 2001, S.25) Hier taucht nun schon der Begriff Burnout im Zusammenhang mit ÄDepression“ auf. Depressionen sind ein Bestandteil des Burnouts und kennzeichnend für die letzten Stadien. Die chronische Depression und die Depression im Burnout-Prozess sind jedoch in Bezug auf Ursachen, aber auch Behandlungsalternativen divergierend. Innerhalb der medizinischen Berufe besteht dennoch der Konsens über eine Klassifizierbarkeit der Depression (vgl. Knauder, 2005, S.31f.). Laut Weltgesundheitsorganisation (2013) haben knapp 25% der europäischen Bevölkerung einmal im Jahr eine Depression. Die Kosten für derartige Erkrankungen belaufen sich auf 170 Mrd. Euro pro Jahr, dennoch bleiben 50 Prozent aller Depressionen unbehandelt (vgl. Weltgesundheitsorganisation, 2013). Depressionen können in ganz unterschiedlichen Formen auftreten, die Literatur liefert recht unübersichtliche Angaben. Kielholz aber nimmt eine übersichtliche Klassifikation vor, auf genau diese wird im folgenden Abschnitt Bezug genommen (Knauder, 2005, S.32f.).

Zunächst beschreibt er die „Reaktive Depression“, die sich als Folgeerscheinung auf ein nicht verarbeitetes Verlustereignis darstellt, das könnte der Tod des Ehepartners sein oder wesentlich simpler, ein Arbeitsplatzwechsel. Die „Erschöpfungsdepression“ ist die Erkrankung, die markant für unsere heutige Gesellschaft ist. Als Ursachen können schwerwiegende Probleme, Monotonie und auch ein unerfülltes Berufs- und Privatleben genannt werden. Die Ursache der „Neurotischen Depression“ wird in der Kindheit gesehen, vor allem wenn schon eine depressive Grundstimmung ausgebildet wurde. Eine „Endogene Depression“ hingegen ist auf komplizierte Umweltverhältnisse zu beziehen, das bedeutet wenn eine schwere Melancholie vorliegt oder der Mensch an Ämanisch depressive[m] Irresein“ leidet (Knauder, 2005, S.32). Die „Somatogene Depression“ wird nicht vererbt oder bereits in der Kindheit entwickelt, sondern entsteht durch körperliche Krankheiten. Das kann eine Hirnkrankheit sein, aber auch Störungen im Bereich der Lunge oder des Herzens sind denkbar. Diese Form der Depression ist eher als ÄBegleitdepression“ zu sehen und kann durch chronische Leiden oder lang andauernde Schmerzen auftreten. Die letzte Form der Depression, die Kielholz anführt, ist die „Lavierende Depression“. Bei dieser speziellen Erkrankung stehen weniger psychische Symptome im Vordergrund als vielmehr die somatischen Beschwerden, wie Migräne, Asthma und Kreislaufprobleme (vgl. Knauder, 2005, S.33). Kurz ausgedrückt:

ÄDepressionen werden […] durch ein erschütterndes Ereignis oder mehrere, die mit einem Verlust zu tun haben [ausgelöst]. Burn-out hingegen wird von Überbelastung und tief greifender Müdigkeit hervorgerufen und ist gekennzeichnet durch einen fortschreitenden Verfall der persönlichen Energie.“ (Knauder, 2005, S.33)

Die Depression ist Bestandteil des Burnouts, aber kein eigenes Phänomen. Handelt es sich um Burnout, dann ist die Depression im Rahmen dieser zeitlich begrenzt. Sollte es sich um eine chronische Depression handeln, ist diese wesentlich stärker ausgeprägt als die Depression im Burnout-Prozess. Kennzeichnend für die chronische Krankheit ist die komplexe Beeinflussung der menschlichen Existenz, sie greift in das Ä[…]Fühlen, Denken und Handeln […]“des Menschen ein (Knauder, 2005, S.33). Die Denkinhalte werden zunehmend negativer.

2.7.2 Stress

Der Stressbegriff ist in des Menschen alltägliches Begriffsrepertoire aufgenommen und wird seither verwendet. So äußern sich Menschen auf der Straße: Ä Ich habe keine Zeit, ich habe Stress.“ und beschreiben damit ihre aktuelle Situation. (vgl. Knauder, 2005, S.35). Selye, Begründer der Forschung zum Thema Stress, definiert ihn als Ä[…] die unspezifische Reaktion des Körpers auf jede Art von Anforderung, die an ihn gestellt wird, wobei er zwischen einem negativen, schädlichen Distress […] und einem positiven, vitalisierenden und lebensnotwendigen Eustress […] unterscheidet.“ (Knauder, 2005, S.35).

Stress ist demnach nicht immer negativ, ein überraschender und erwünschter Besuch ist als positiver Stress einzuordnen, während eine Scheidung der negativen Sparte zuzuordnen ist. Distress macht krank und kann zu einer physischen und psychischen Belastung werden. Aber:

ÄSo wie eine Maschine für ihre Arbeit Energie braucht, kann der Mensch nicht ohne völlige Stressfreiheit leben […].“ (Knauder, 2005, S.35)

[...]


1 Wenn im Folgenden von Lehrern die Rede ist, dann sind, wenn keine explizite Trennung von männlichen und weiblichen Lehrern vorgenommen wird, Personen beider Geschlechter gemeint.

2 Mit Belastung ist im Folgenden, die berufliche Einstellung der Menschen bezüglich ihrer arbeitsplatzspezifischen Anforderungen gemeint, das bedeutet, es handelt sich um eine subjektive Einschätzung zu den Erwartungen an ihre Tätigkeit. Messbar ist das Ganze, indem verschiedene Items und Skalen verwendet werden (vgl. Kap. 2.4), die beispielsweise nach der Arbeitszeit fragen. Die Einschätzung dieser, erzeugt die Antworten der qualitativen oder quantitativen Untersuchungen. (vgl. Gehrmann, 2013, S.175)

3 Die Beanspruchung ist eine messbare Größe. Gemessen werden Veränderungen der Körperfunktionen in verschiedenen Arbeitsphasen, zum Beispiel An- und Entspannungsphasen. Beispiele im Lehrerberuf, die hierbei genannt werden können, sind der Unterricht selbst, Treppensteigen oder Pausen. In solchen Situationen können Blutdruck und Herzfrequenz untersucht und entsprechende Veränderungen festgestellt werden. So ist es möglich, die tatsächliche Beanspruchung des Lehrers zu ermitteln. (vgl. Gehrmann, 2013, S.175)

4 Stress ist die Reaktion des Körpers auf verschiedene Anforderungen beziehungsweise Bedrohungen aus der Umwelt. Diese Anforderungen und Bedrohungen werden als Stressoren bezeichnet. Es gibt physische Stressoren (Hitze, Lärm, langes Autofahren), psychische Stressoren (Überforderung, Zeitmangel, Fremdbestimmung) und soziale Stressoren (Isolation, Konflikte, Mobbing). (vgl. Litzcke et al., 2010, S.6).

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten

Details

Titel
"Burnout" im Lehrerberuf. Der Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen und situativen Faktoren auf die Entwicklung des Burnout-Syndroms
Hochschule
Technische Universität Chemnitz  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
97
Katalognummer
V316555
ISBN (eBook)
9783668155244
ISBN (Buch)
9783668155251
Dateigröße
2738 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Burnout, Lehrer, Krankheit
Arbeit zitieren
Nicole Rother (Autor), 2013, "Burnout" im Lehrerberuf. Der Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen und situativen Faktoren auf die Entwicklung des Burnout-Syndroms, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316555

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