Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, die Frage zu beantworten, wie G.W. F. Hegel die sophokleische Antigone in der "Phänomenologie des Geistes" (1806) und später in seinen "Ästhetik-Vorlesungen" (1830) deutet. Neben den beiden genannten Werken wird zudem auch auf andere Texte von ihm Bezug genommen werden wie z.B. der "Rechtsphilosophie", der "Religionsphilosphie" oder der "Geschichtsphilosophie".
Genau untersucht werden soll dabei das Verhältnis zwischen Staat und Familie, welches Hegel als dialektischen Gegensatz hier konstruiert. Was den Aspekt der Familie betrifft, gilt es zudem die Beziehung zwischen Bruder und Schwester im Sinne der Geschlechterthematik mit zu reflektieren. Die Kategorien des Männlichen und Weiblichen sind in seinem Diskurs über die Sittlichkeit der Antigone von Bedeutung, was im Laufe der Arbeit genauer herausgearbeitet werden soll. Auch die Sprache der Tragödie wird eigens in einem Kapitel angegangen und ihre Bedeutung aufgezeigt. Ein wesentliches Anliegen der Arbeit ist zu erforschen, was Hegel selbst unter dem Tragischen versteht und wie er sein Verständnis desselben in seiner Deutung der sophokleischen Antigone einfließen lässt.
Was die Forschung noch anbetrifft, soll insbesondere Derridas Interpretation von Hegel in seinem Buch "Glas" (2006) berücksichtigt werden und damit besonders die französische Hegelforschung Beachtung finden, die durch ihn hier repräsentiert ist. Selbstverständlich wird auf einige andere Vertreter der philosophischen Forschung eingegangen werden wie z.B. Christoph Menke. Aber auch die Stellungnahmen von Philologen wie Szondi sollen beachtet werden, da sie zu Hegels Deutung der sophokleischen Antigone Stellung genommen haben. Insofern wird, was die Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur betrifft, die philosophische als auch philologische Forschung zu ihrem Recht kommen.
Inhaltsverzeichnis
A: Einleitung:
B: Hegel über tragische Sittlichkeit der sophokleischen Antigone
1. Staat, Gesetz, Familie und griechische Sittlichkeit
2. Die „höhere“ Sprache der Tragödie
3. Das Tragische in der Antigone
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Deutung der sophokleischen Antigone durch G.W.F. Hegel, wobei der Schwerpunkt auf seinem Verständnis des dialektischen Verhältnisses zwischen Staat und Familie sowie dem Begriff des Tragischen liegt. Dabei wird analysiert, wie Hegel die Geschlechterthematik und die Rolle des Sprechens in der Tragödie in sein philosophisches System integriert.
- Dialektik zwischen menschlichem und göttlichem Gesetz
- Die Rolle der Familie und der Geschlechterdifferenz
- Sprache als Medium tragischen Handelns
- Hegels Verständnis der tragischen Schuld und Gerechtigkeit
- Rezeption der Antigone in der Phänomenologie und Ästhetik
Auszug aus dem Buch
Die „höhere“ Sprache der Tragödie
Die „sittliche Handlung“, wie sie bisher anhand der Struktur der „sittlichen Welt“ skizziert worden ist, muss noch um einen weiteren Aspekt ergänzt werden, der erst jetzt thematisiert werden soll. Gemeint ist der Typus des Handelns, der konkret im Sprechen selbst besteht. Im Kapitel Die Kunstreligion Abschnitt c Das geistige Kunstwerk der Phänomenologie kommt Hegel auf die Sprache der Tragödie zu sprechen. Diese ist eine „höhere Sprache“ gegenüber dem Epos und gehört selbst zur „handelnden Welt“ (PhG, S.534). Warum ist dieser Sprache aber für Hegel „höher“ als die des Epos? Sie ist es deshalb, weil die Sprache aufhört „erzählend“ (ebd.) zu sein und der tragische Heros nun selbst spricht. Er ist selbst der „Sprechende“ und „die Vorstellung zeigt dem Zuhörer, der zugleich Zuschauer ist, selbstbewußte Menschen, die ihr Recht und ihren Zweck, die Macht und den Willen ihrer Bestimmtheit wissen und zu sagen wissen.“
Zusammenfassung der Kapitel
A: Einleitung: Diese Einleitung skizziert das Forschungsziel, Hegels Deutung der Antigone in verschiedenen Werken wie der Phänomenologie des Geistes und den Ästhetik-Vorlesungen zu untersuchen.
B: Hegel über tragische Sittlichkeit der sophokleischen Antigone: Dieses einleitende Kapitel zum Hauptteil setzt den theoretischen Rahmen für Hegels Sittlichkeitsverständnis.
1. Staat, Gesetz, Familie und griechische Sittlichkeit: Hier wird das dialektische Spannungsfeld zwischen dem menschlichen Gesetz (Staat) und dem göttlichen Gesetz (Familie) als Kern der sittlichen Welt analysiert.
2. Die „höhere“ Sprache der Tragödie: Das Kapitel behandelt die Bedeutung des Sprechens als tragische Handlung und die Überlegenheit der dramatischen Sprache gegenüber der epischen.
3. Das Tragische in der Antigone: Dieser Abschnitt expliziert Hegels Begriff des Tragischen als Kollision unversöhnlicher Mächte und als unvermeidliche Verstrickung in Schuld.
Schlüsselwörter
Hegel, Antigone, Sophokles, Sittlichkeit, Tragik, Schuld, Dialektik, Staat, Familie, Sprachphilosophie, Phänomenologie, Ästhetik, Göttliches Gesetz, Menschliches Gesetz, Handlung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die philosophische Interpretation der griechischen Tragödie Antigone durch G.W.F. Hegel, insbesondere im Hinblick auf seine Ausführungen in der Phänomenologie des Geistes und seinen Vorlesungen zur Ästhetik.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt der Untersuchung?
Die Arbeit befasst sich mit der Dialektik von Staat und Familie, der Rolle der Geschlechterrollen in der Antike, der Funktion des Sprechens in der Tragödie sowie dem ontologischen Status des Tragischen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, Hegels Verständnis des Tragischen und der sittlichen Welt zu rekonstruieren und aufzuzeigen, wie diese Konzepte in die Interpretation der Antigone einfließen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer philologisch-philosophischen Textanalyse der Primärquellen Hegels unter Einbeziehung und kritischer Auseinandersetzung mit einschlägiger Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der sittlichen Struktur von Staat und Familie, die Analyse der Sprache als handelnde Kraft und die Herausarbeitung der zentralen Definition des Tragischen bei Hegel.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zu den prägenden Schlüsselbegriffen gehören Sittlichkeit, dialektischer Gegensatz, tragische Schuld, göttliches vs. menschliches Gesetz sowie die redende Kunst des Dramas.
Warum betrachtet Hegel das Sprechen in der Tragödie als eine Form des Handelns?
Hegel sieht im Sprechen keine rein informative Mitteilung, sondern eine "handelnde Äußerung", durch die das sittliche Subjekt seine Innerlichkeit nach außen kehrt und sich im Dialog mit einem anderen Subjekt erst als solches konstituiert.
Inwiefern ist laut der Arbeit das Scheitern von Antigone und Kreon unvermeidlich?
Das Scheitern ist unvermeidlich, da beide Protagonisten jeweils nur ein einseitiges Gesetz (das staatliche oder das göttliche) vertreten und unfähig sind, das Recht der jeweils anderen sittlichen Macht anzuerkennen, was in einer gegenseitigen Negation endet.
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- Nils Gantner (Author), 2011, Hegel über die tragische Sittlichkeit der sophokleischen Antigone, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316640