Der Narziss (griechisch Narkissos, lateinisch Narcissus) war in der griechischen Mythologie ein schöner Jüngling, der als Produkt einer Vergewaltigung des argivischen Flussgottes Kephissos an der Nymphe Leiriope entstand. Er war ein sehr schöner Jüngling, der die Liebe der Frauen als auch der Männer allesamt verschmähte. Der Seher Teiresias hatte ihm vorausgesagt, dass er so lange leben wird, bis er sich selbst kennen gelernt hätte (nach OVID, Metamorphosen 3.339-356). Ab hier gibt es unterschiedliche Geschichten, das Ableben des Narziss’ betreffend.
Nach einer Überlieferung verliebte sich die Nymphe Echo in ihn. Er aber erwiderte auch ihre Liebe nicht, und sie verging aus Liebe zu ihm zur bloßen Stimme. Daraufhin bestrafte Nemesis Narziss damit, dass er sich in sein eigenes Spiegelbild verlieben sollte. Dies geschieht an einer Quelle bei Thespiae, wo er sein eigenes Spiegelbild erblickt und sich unsterblich verliebt. Da ihm aber das Objekt seiner Liebe, sein eigenes Spiegelbild unerreichbar bleibt, verzehrt er sich vor Sehnsucht danach und verwandelt sich letztendlich in die nach ihm benannte Narzisse.
Einer anderen Überlieferung zufolge soll Narziss eine ihm völlig gleichende Schwester gehabt haben. Die beiden liebten sich innig und begleiteten sich überall hin. Als die Schwester starb, versuchte Narziss, sie ihn seinem eigenen Spiegelbild wiederzufinden. Da ihm dies nicht gelang, erstach er sich und aus seinem Blut entspross die Narzisse.
Nach dem mythologischen Vorbild sind also Narzissten jene Menschen, die mit außerordentlicher Schönheit ‚geschlagen’ sind, die sich aber aus eitler Angst vor der Öffentlichkeit nur mit Menschen umgeben, die ihnen nach dem Mund reden, wie ein Echo. Diese Menschen ‚blühen’ nur in ihrer Jugend, wie die Narzisse im Frühling, und verblühen schnell, ohne auch nur den Anschein zu erwecken, jemals da gewesen zu sein.
Literarisch ist der Stoff des Narziss eine relativ späte Erscheinung. Die erste literarische Gestaltung nahm Ovid in seinen „Metamorphosen“ vor. Oscar Wilde benutzte ihn als Grundlage für sein Werk „The picture of Dorian Gray“. Auch Rilke beschäftigte sich in drei seiner zahlreichen Gedichte ausführlich mit dem Mythos des Narziss. In Thomas Manns „Felix Krull“ wird nach Hans Wysling durch Verknüpfung mit dem Hermes – Mythos der „Triumph des Narziss“ erreicht.
Gliederung
1. Mythologischer Hintergrund – der Narkissos
2. Begriffsdefinition des Narzissmus bei Sigmund Freud
3. Künstlertypus bei Thomas Mann
4. Analyse der Sekundärliteratur
4.2 Hans Wysling „Narzissmus und illusionäre Existenzform“
(in Auszügen)
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die psychologische und literarische Figur des Narzissmus am Beispiel von Thomas Manns Roman „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. Ziel ist es, den Narzissmusbegriff theoretisch zu fundieren und aufzuzeigen, wie Thomas Mann diesen in seinem Werk verarbeitet, um das Künstlertum sowie die Exilerfahrung und Identitätsbildung der Hauptfigur reflektierbar zu machen.
- Mythologische Wurzeln des Narziss-Mythos
- Psychoanalytische Grundlagen des Narzissmus nach Sigmund Freud
- Die Dekonstruktion und Neuinterpretation des Künstlertypus bei Thomas Mann
- Wechselwirkungen zwischen Narzissmus, Exil und illusionärer Existenzform
- Die Funktion von Sprache und Humor als Mittel zur Selbstbehauptung
Auszug aus dem Buch
Die Figur des Felix Krull als Travestie des komödiantischen Nur – Künstlers
Die Figur des Felix Krull ist als Travestie des komödiantischen Nur – Künstlers zu sehen; er „weiß um seine Scheinhaftigkeit, er spielt seine Rolle mit asketischer Hingebung und soldatischem Leistungswillen“.
Thomas Mann hat sich seit 1905 mit dem Hochstaplerroman beschäftigt. Das Thema des Romans, wie auch ein zentrales Thema der Jahrhundertwende, war die Frage nach der angemessenen Existenzform des Künstlers.
Mit „Felix Krull“ wollte Mann auch den politischen Bildungsroman parodieren und dem Roman so historische Dimension verleihen. Er wollte das Hochstaplertum als etwas Erfreuliches darstellen: „Krull ist schon in den frühen Notizen überall das Sonntagskind, der der Welt Liebenswürdige, immer in die eigene schöne Gestalt verliebt – auch wenn er die Aussicht, stets nur er selbst zu sein, gelegentlich als tödlich langweilig empfindet.“ Somit ist offensichtlich, dass Krulls Hochstaplertum philosophisch fundiert ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Mythologischer Hintergrund – der Narkissos: Dieses Kapitel erläutert die antiken Ursprünge des Narziss-Mythos und dessen literarische Rezeption von Ovid bis hin zur modernen Literatur.
2. Begriffsdefinition des Narzissmus bei Sigmund Freud: Hier werden Freuds psychoanalytische Konzepte des primären und sekundären Narzissmus sowie dessen Bezug zum Selbstwertgefühl dargelegt.
3. Künstlertypus bei Thomas Mann: Dieses Kapitel analysiert Manns Verständnis des Künstlers als „Lügner“ und die spannungsreiche Verbindung von Kunst, Psychologie und Moral.
4. Analyse der Sekundärliteratur: In diesem Teil werden Forschungspositionen zu Thomas Manns Werk, insbesondere zur Künstlerthematik und Exilerfahrung, kritisch zusammengetragen.
4.2 Hans Wysling „Narzissmus und illusionäre Existenzform“: Dieser Abschnitt expliziert Wyslings Lesart, in der das Schreiben als therapeutisches Mittel gegen innere Anarchie und als Ausdruck eines neuen Glücksbegriffs gedeutet wird.
Schlüsselwörter
Narzissmus, Thomas Mann, Felix Krull, Sigmund Freud, Künstlerroman, Psychologie, Exil, Identität, Selbstliebe, Hochstaplertum, Illusion, Mythos, Literaturwissenschaft, Ich-Form, Parodie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Ausprägung und Funktion des Narzissmus in Thomas Manns Hochstaplerroman „Felix Krull“ unter Berücksichtigung psychoanalytischer und literaturwissenschaftlicher Theorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die mythologische Herkunft des Narziss-Begriffs, Freuds psychoanalytische Definitionen, das Bild des Künstlers bei Thomas Mann sowie den Einfluss von Exilerfahrungen auf die Identitätskonstruktion.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Thomas Mann den Narzissmus als ästhetisches und existenzielles Prinzip nutzt, um eine „illusionäre Existenzform“ zu schaffen, die über die Realität triumphiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse und der Auswertung von Primärtexten sowie einschlägiger Sekundärliteratur (u.a. Hans Wysling, Helmut Koopmann, Sigmund Freud).
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in den Narzissmusbegriff, eine Analyse des Künstlertypus bei Mann und eine spezifische Untersuchung der Sekundärliteratur in Bezug auf den Roman „Felix Krull“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Narzissmus, Künstlerroman, Exil, Identitätswechsel und Selbstinszenierung charakterisiert.
Warum spielt die Spiegelthematik eine so zentrale Rolle bei Felix Krull?
Das Spiegelmotiv dient als Ausdruck des Narzissmus; Krull sucht im Spiegelbild nicht nur Bestätigung, sondern flüchtet in eine Welt des Vertrauten, um sich vor der als bedrohlich empfundenen Außenwelt zu schützen.
Inwiefern beeinflusst das Exil die Figur des Felix Krull?
Das Exil fungiert für Krull als Befreiung von festen Identitätszwängen. Er nutzt den ständigen Orts- und Rollenwechsel, um das Exil-Dasein in eine idealisierte Existenzform zu verwandeln, in der er nicht an eine feste soziale Identität gebunden ist.
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- Claudia Wipprecht (Author), 2004, Narzissmus - Thomas Manns "Felix Krull" als exemplarisches Zeichen der Selbstverliebtheit, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31673