Zu: Gottfried Benns "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" - Lyrik einmal anders


Hausarbeit, 2004
17 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Gliederung

1. Die Epoche des Expressionismus unter Einbeziehung der literarischen Figur Benns, mit besonderem Augenmerk auf den Gedichtzyklus „Morgue“

2. Versuch des Eindringens in die Tiefenschichten des Gedichts „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“
2.1. allgemeine formelle Mittel
2.2. Analyse der einzelnen Strophen

3. Abschließende Zusammenfassung der Erkenntnisse

4. Bibliographie

1. Die Epoche des Expressionismus unter Einbeziehung der literarischen Figur Benns, mit besonderem Augenmerk auf den Gedichtzyklus „Morgue“

Die Epoche des Expressionismus wird von der Literaturgeschichtsschreibung zwischen 1910 und 1925 datiert. Der Begriff des Expressionismus wurde 1911 von Kurt Hiller geprägt und war lange Zeit eher umstritten. Das primäre Ziel dieser Stilbewegung war das Schockieren und die Provokation, was wiederum durch die Ablehnung der veralteten Muster und Normen unterstrichen wurde. Lyrik wurde zum Ausdruck einer Bewusstseinskrise, stilistisch umgesetzt durch kühne Metaphorik und einer Sprache, die völlig frei von Normen und Konventionen war; es wurden Satzfetzen und unverbundene Reihen verwendet, ebenso wie die sogenannte „Montagetechnik“ zum Aneinanderkoppeln von Wörtern aus verschiedenen Sinnesbereichen. Das Ziel dieses Konglomerats der Künste war die Ablehnung der Kunst als hübsches Beiwerk. Kunst sollte provozieren, kritisieren und schockieren.

Thematisch rückten Motive wie der Ich – Verfall, Kriegs – und Todesmotive, sowie das Großstadtmotiv in den Vordergrund. Anhand dieser Motive wurde Kritik geübt an der Doppelmoral und Spießigkeit der kleinbürgerlichen Idylle, mit dem Ziel des Ausbruchs aus diesen bürgerlichen Konventionen. Vor allem die Sicht des Menschenbildes ist völlig entgegengesetzt zu allem bisher Da – gewesenen: Menschen werden auf ihre bloße Existenz beschränkt und auf ihre elementare Triebhaftigkeit reduziert; menschliche Werte sind praktisch nicht mehr existent. Dies spiegelt sich auch im Großstadtmotiv wider. Die Großstadt wird als Qual beschrieben und auch empfunden; sie scheint der Fluchtort jeglichem Negativen zu sein: Krebsbaracken, Leichenhallen, Bordelle, Gefängnisse und weiterer schrecklicher Orte. Das Individuum empfindet eine Ohnmacht gegenüber den Zuständen in der Großstadt, es kann nichts tun. Die Bewohner sind isoliert, vereinsamt, betäubt, verblendet, orientierungslos, kurz gesagt: völlig hilflos gegenüber dem Phänomen Großstadt. Die Stadt ist der Dämon, die übermenschliche Kraft.

Diese Motive werden auch von Gottfried Benn in seinem Frühwerk, dem „Morgue“ – Zyklus, eingesetzt. Benn schuf diesen Gedichtband mit insgesamt neun Gedichten im Jahre 1912 in der sogenannten „ersten Periode“ seines Schaffens. Zu dieser Zeit war er Sanitätsoffizier im deutschen Heer und im Berliner Krankenhaus Moabit tätig. Er selbst äußert sich zur Entstehung des Zyklus wie folgt:

„Als ich die Morgue schrieb, mit der ich begann und die später in so viele Sprachen übersetzt wurde, war es abends, ich wohnte im Nordwesten von Berlin und hatte im Moabiter Krankenhaus einen Sektionskurs gehabt. Es war ein Zyklus von sechs Gedichten, die alle in der gleichen Stunde aufstiegen, sich heraufwarfen, da waren, vorher war nichts von ihnen da; als der Dämmerzustand endete, war ich leer, hungernd, taumelnd und stieg schwierig hervor aus dem großen Verfall.“[1]

Die „Morgue“ wurde im März 1912 mit einer Auflage von nur 500 Exemplaren als 21. Flugblatt des Verlages A. R. Meyer in Berlin veröffentlicht. Es handelt sich hierbei um Gedichte aus der klinischen Sphäre, in der die Medizinersprache dominiert; die Fachliteratur bezeichnet dies auch als Sektionslyrik. Auch hier zieht sich das Auflösen der klassischen lyrischen Formen und die neu gewonnene syntaktische Freiheit wie ein roter Faden durch das Werk. Zu den Gedichten des Zyklus zählen unter anderem „Kleine Aster“, „Schöne Jugend“ und auch „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“, welches ich im Hinblick auf die formalen, sprachlichen und inhaltlichen Aspekte untersuchen möchte, und dabei den Versuch wage, in die Tiefenstruktur einzudringen.

2. Versuch des Eindringens in die Tiefenschichten des Gedichts „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“

2.1. allgemeine formelle Mittel

Zuerst möchte ich einen Blick auf den formellen Aspekt werfen. Das Gedicht besteht aus sieben Strophen mit jeweils frei gefüllten reimlosen Versen. Die Strophen eins, zwei und vier bestehen aus jeweils vier Zeilen, die restlichen aus jeweils drei. Es ist ein Erzählgedicht, da es oft prosaische Züge aufweist. Das gesamte Gedicht weist nicht nur keinen Reim auf, sondern auch kein eindeutiges Metrum. Es ist auch nicht eindeutig festzustellen, ob das Werk eher dem Nominalstil oder eher dem Verbalstil zuzuordnen ist. Nomen kommen nur geringfügig häufiger vor, allerdings sind diese zur Beschreibung des Zustandes wesentlich wichtiger als die Verben. Nur durch die „ekelhaften“ Beschreibungen der Krebsbaracke durch vornehmlich eben erwähnte Nomen, wird das Bild, das sich für den Leser ergibt, so unglaublich realistisch und zugleich furchteinflößend. Die vorhandenen Verben tragen durch ihre Zeitform, da sie allesamt im Präsens stehen, zur Darstellung und Verdeutlichung des allgemeingültigen Zustands des Sterbens bei. Thematisch geht es bei dem Gedicht um eine Besichtigung einer Krebsbaracke von zwei Menschen, nämlich Mann und Frau. Das Wort ‚Besichtigung’ in Verbindung mit einer ‚Krebsbaracke’ ruft bei mir einen gewissen Ekel hervor, da ich ‚besichtigen’ eigentlich eher mit einer Stadtführung oder jedenfalls etwas in dieser Richtung verbinde; und eine Art Sightseeing – Tour durch eine Krebsbaracke halte ich für sehr makaber und entmenschlichend für die Patienten. Aber das ist ja genau das, was Benn erreichen will: Der Mensch an sich existiert nicht mehr, er ist nur noch Materie, um die man sich mehr oder weniger kümmern muss, bis sie tot ist und dann muss sie entsorgt werden. Eine Baracke wird in der Umgangssprache für ein abbruchreifes Haus verwendet. Somit sind die Patienten dieser ‚Baracke’ Todgeweihte und kommen dort nicht mehr lebend heraus; nur noch durch den Tod gelangen sie aus dem ‚toten Haus’ hinaus. Auffällig ist, dass es nicht ‚ein Mann’ und ‚eine Frau’ sind, die die Krebsbaracke besichtigen. Beide Individuen werden entpersonalisiert; es ist nicht wichtig, wer genau die Beiden sind, weder für den Leser, noch für die Patienten oder das Krankenhauspersonal. Das gesamte Gedicht ist durchzogen von Beschreibungen aus der Sicht eines Arztes, mit eben jenem nüchternen und sachlichen Stil, sich über Kranke zu äußern: ohne Emotion und mit ausreichender Distanz. Es werden Randbereiche des bürgerlichen Lebens angesprochen, die eigentlich keiner thematisiert sehen will; der Tod durch Krebs mit all seinen schrecklichen Seiten ist eben kein Thema für ein Kaffeekränzchen im wilhelminischen Deutschland.

2.2. Analyse der einzelnen Strophen

Die erste Strophe beginnt mit der Einführung des lyrischen Subjekts, des Mannes. Der Doppelpunkt am Ende der ersten Zeile impliziert eine Dialogform, die allerdings bis zum Abschluss des Gedichtes nicht realisiert wird. Die angesprochene Frau im Titel tritt im ‚Dialog’ nicht in Erscheinung, sie ist nur Zuschauerin. Der Mann nimmt als lyrisches Subjekt nur einen begrenzten Teil wahr. Die erste Zeile war ursprünglich auch vom Rest des Gedichtes abgesetzt und verstärkte so den Dialogcharakter noch zusätzlich. Der Erzähler des Geschehens fungiert als distanzierter Vermittler und Deuter des Geschehens, er könnte somit die Rolle eines Arztes veranschaulichen.

In der zweiten Zeile wird der sogenannte Zeigegestus des Gedichtes deutlich durch das Wort „Hier“, welches insgesamt noch vier Mal auftritt. Dieser Gestus wird durch das Demonstrativpronomen „diese“ und die Ellipse „Reihe“ noch verdeutlicht. Diese Wortgruppe zeigt deutlich die Verdinglichung und Entpersonalisierung der Patienten: sie existieren nur als Reihe von Betten und nicht mehr als Individuen und Menschen mit Emotionen. Am Ende der zweiten Zeile erscheint die Synekdoche „zerfressene Schöße“ und wird gefolgt von einem Enjambement, um diesen Ausdruck zu untermauern und hervorzuheben. Die „zerfressene(n) Schöße“ sind eine Umschreibung für den Gebärmutterkrebs einiger der Patienten, besser gesagt: Patientinnen; das wird allerdings so explizit nicht gesagt. Der Schoß, die Gebärmutter, wurde vom Krebs regelrecht zerfressen, nicht einfach nur befallen; sie wurde also vollständig zerstört. Da die Gebärmutter der Ursprung allen Lebens ist, ist dieser Frau damit die Möglichkeit genommen, jemals Leben in die Welt setzen zu können.

[...]


[1] aus UHLIG, HELMUT: Gottfried Benn – 3. überarbeitete Auflage – Berlin: Morgenbuch Verlag, 1996 (Köpfe des 20. Jahrhunderts; Band 20); Seite 12

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Zu: Gottfried Benns "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" - Lyrik einmal anders
Hochschule
Universität Erfurt
Veranstaltung
Lyrik in der Moderne
Note
2,3
Autor
Jahr
2004
Seiten
17
Katalognummer
V31674
ISBN (eBook)
9783638325981
ISBN (Buch)
9783638796798
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried, Benns, Mann, Frau, Krebsbaracke, Lyrik, Moderne
Arbeit zitieren
Claudia Wipprecht (Autor), 2004, Zu: Gottfried Benns "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" - Lyrik einmal anders, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31674

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