Benns, mit besonderem Augenmerk auf den Gedichtzyklus „Morgue“ Die Epoche des Expressionismus wird von der Literaturgeschichtsschreibung zwischen 1910 und 1925 datiert. Der Begriff des Expressionismus wurde 1911 von Kurt Hiller geprägt und war lange Zeit eher umstritten. Das primäre Ziel dieser Stilbewegung war das Schockieren und die Provokation, was wiederum durch die Ablehnung der veralteten Muster und Normen unterstrichen wurde. Lyrik wurde zum Ausdruck einer Bewusstseinskrise, stilistisch umgesetzt durch kühne Metaphorik und einer Sprache, die völlig frei von Normen und Konventionen war; es wurden Satzfetzen und unverbundene Reihen verwendet, ebenso wie die sogenannte „Montagetechnik“ zum Aneinanderkoppeln von Wörtern aus verschiedenen Sinnesbereichen. Das Ziel dieses Konglomerats der Künste war die Ablehnung der Kunst als hübsches Beiwerk. Kunst sollte provozieren, kritisieren und schockieren.
Thematisch rückten Motive wie der Ich – Verfall, Kriegs – und Todesmotive, sowie das Großstadtmotiv in den Vordergrund. Anhand dieser Motive wurde Kritik geübt an der Doppelmoral und Spießigkeit der kleinbürgerlichen Idylle, mit dem Ziel des Ausbruchs aus diesen bürgerlichen Konventionen. Vor allem die Sicht des Menschenbildes ist völlig entgegengesetzt zu allem bisher Da – gewesenen: Menschen werden auf ihre bloße Existenz beschränkt und auf ihre elementare Triebhaftigkeit reduziert; menschliche Werte sind praktisch nicht mehr existent. Dies spiegelt sich auch im Großstadtmotiv wider. Die Großstadt wird als Qual beschrieben und auch empfunden; sie scheint der Fluchtort jeglichem Negativen zu sein: Krebsbaracken, Leichenhallen, Bordelle, Gefängnisse und weiterer schrecklicher Orte. Das Individuum empfindet eine Ohnmacht gegenüber den Zuständen in der Großstadt, es kann nichts tun. Die Bewohner sind isoliert, vereinsamt, betäubt, verblendet, orientierungslos, kurz gesagt: völlig hilflos gegenüber dem Phänomen Großstadt. Die Stadt ist der Dämon, die übermenschliche Kraft.
Diese Motive werden auch von Gottfried Benn in seinem Frühwerk, dem „Morgue“ – Zyklus, eingesetzt. Benn schuf diesen Gedichtband mit insgesamt neun Gedichten im Jahre 1912 in der sogenannten „ersten Periode“ seines Schaffens. Zu dieser Zeit war er Sanitätsoffizier im deutschen Heer und im Berliner Krankenhaus Moabit tätig.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Epoche des Expressionismus unter Einbeziehung der literarischen Figur Benns, mit besonderem Augenmerk auf den Gedichtzyklus „Morgue“
2. Versuch des Eindringens in die Tiefenschichten des Gedichts „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“
2.1. allgemeine formelle Mittel
2.2. Analyse der einzelnen Strophen
3. Abschließende Zusammenfassung der Erkenntnisse
4. Bibliographie
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gedicht „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ von Gottfried Benn im Kontext des expressionistischen Gedichtzyklus „Morgue“. Ziel ist es, durch eine detaillierte Analyse der formalen, sprachlichen und inhaltlichen Aspekte in die Tiefenstruktur des Werkes einzudringen, um Benns Intentionen sowie die Darstellung des Menschenbildes und der gesellschaftlichen Verhältnisse aufzuzeigen.
- Expressionistische Stilmittel und die „Morgue“-Lyrik
- Entpersonalisierung und Entmenschlichung der Patienten
- Kritik an bürgerlichen Werten und religiösen Vorstellungen
- Symbolik von Verfall, Krankheit und Tod
- Das Menschenbild als bloße Materie
Auszug aus dem Buch
2.1. allgemeine formelle Mittel
Zuerst möchte ich einen Blick auf den formellen Aspekt werfen. Das Gedicht besteht aus sieben Strophen mit jeweils frei gefüllten reimlosen Versen. Die Strophen eins, zwei und vier bestehen aus jeweils vier Zeilen, die restlichen aus jeweils drei. Es ist ein Erzählgedicht, da es oft prosaische Züge aufweist. Das gesamte Gedicht weist nicht nur keinen Reim auf, sondern auch kein eindeutiges Metrum. Es ist auch nicht eindeutig festzustellen, ob das Werk eher dem Nominalstil oder eher dem Verbalstil zuzuordnen ist. Nomen kommen nur geringfügig häufiger vor, allerdings sind diese zur Beschreibung des Zustandes wesentlich wichtiger als die Verben. Nur durch die „ekelhaften“ Beschreibungen der Krebsbaracke durch vornehmlich eben erwähnte Nomen, wird das Bild, das sich für den Leser ergibt, so unglaublich realistisch und zugleich furchteinflößend. Die vorhandenen Verben tragen durch ihre Zeitform, da sie allesamt im Präsens stehen, zur Darstellung und Verdeutlichung des allgemeingültigen Zustands des Sterbens bei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Epoche des Expressionismus unter Einbeziehung der literarischen Figur Benns, mit besonderem Augenmerk auf den Gedichtzyklus „Morgue“: Das Kapitel verortet Benns Werk im Expressionismus und erläutert die provokante, klinisch geprägte Ästhetik des Zyklus „Morgue“.
2. Versuch des Eindringens in die Tiefenschichten des Gedichts „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“: Dieser Hauptteil analysiert das Gedicht detailliert hinsichtlich seiner formalen Gestaltung sowie der inhaltlichen Bedeutung der einzelnen Strophen.
2.1. allgemeine formelle Mittel: Hier werden der Aufbau, der Verzicht auf klassische Metrik und Reim sowie der dominante Sprachstil des Gedichts untersucht.
2.2. Analyse der einzelnen Strophen: Dieses Kapitel bietet eine tiefgehende Interpretation der Strophenstruktur, der eingesetzten Metaphern und der entmenschlichenden Bildsprache.
3. Abschließende Zusammenfassung der Erkenntnisse: Das Kapitel fasst zusammen, wie Benn durch die Darstellung von Zerfall und Tod das spießige Bürgertum kritisiert und die Fragilität menschlicher Existenz offenlegt.
4. Bibliographie: Das Verzeichnis listet die für die Untersuchung herangezogene Fachliteratur und Quellen auf.
Schlüsselwörter
Gottfried Benn, Expressionismus, Morgue, Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke, Sektionslyrik, Tod, Verfall, Entmenschlichung, Entpersonalisierung, Großstadtmotiv, Literaturanalyse, Moderne Lyrik, Körperlichkeit, Bürgertum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert Gottfried Benns Gedicht „Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke“ aus dem expressionistischen Zyklus „Morgue“ im Hinblick auf seine Tiefenstruktur und inhaltliche Aussagekraft.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die expressionistische Motivik, die Entmenschlichung von Kranken sowie eine kritische Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Gesellschaft und deren Umgang mit dem Tod.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, durch die Analyse formaler, sprachlicher und inhaltlicher Aspekte aufzudecken, wie Benn durch seine radikale Ästhetik die bürgerliche Doppelmoral schockieren und erschüttern wollte.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse, insbesondere die nähere Untersuchung von Metaphorik, Sprachstil (Nominal-/Verbalstil), sowie die Deutung von Symbolen und rhetorischen Figuren innerhalb der expressionistischen Epoche.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der allgemeinen Form (Reimlosigkeit, Metrum) und eine detaillierte, strophe für strophe erfolgende Analyse der Textpassagen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Expressionismus, Entmenschlichung, Verfall, Sektionslyrik und die Kritik am bürgerlichen Menschenbild.
Wie interpretiert die Autorin den "Rosenkranz aus weichen Knoten"?
Die Autorin sieht darin ein Oxymoron, das den religiösen Rosenkranz mit einem Krebsgeschwür kontrastiert, um die Grenzen des Glaubens angesichts physischen Zerfalls zu verdeutlichen.
Welche Rolle spielt die "Entmenschlichung" laut der Hausarbeit?
Die Entmenschlichung dient als Stilmittel, um Patienten auf ihre bloße biologische Materie zu reduzieren, wodurch Benn die Ignoranz des Personals und die Unfähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft, dem Leiden entgegenzutreten, kritisiert.
- Citation du texte
- Claudia Wipprecht (Auteur), 2004, Zu: Gottfried Benns "Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke" - Lyrik einmal anders, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/31674