Ethnizität und Identität im Folklorismus. Die Adaption musikalischer Komponenten von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ bis zur Janitscharenmusik


Hausarbeit, 2015

18 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung (KD)

Grundlagen und Definitionen (D)
Ethnizität und Identität (D)
Das Fremdheitskonzept (D)

Orientalismus (Katharina) (K)
Definition (K)
Im Wandel der Zeit (K)

Janitscharenmusik: (K)
Elemente in der Oper „Entführung aus dem Serail“ (K)
Parallelen zur Fastnachtsmusik (K)

Fazit (KD)

Literaturverzeichnis

Einführung (KD)

Laute Marschmusik bollert durch die Straßen. Die ersten Karnevalsumzüge nehmen ihren Lauf. Es wird getanzt, gefeiert, getrunken, man lässt sich voll gehen. Jedermann: der Chef, der Richter, Schullehrer, Bauarbeiter und alle anderen auch. Ein Fest, das gemeinsam gefeiert wird - es ist quasi legitim, am nächsten Arbeitstag nicht pünktlich zu erscheinen bzw. es wird zumindest toleriert. Zurück zur Guggenmusik, lautes rhythmisches Trommeln, Blechbläser begleitet von Marschtänzen. Jeder kennt es, es ist ein ganz normaler Bestandteil der Fastnachtsveranstaltungen. Doch wie kam es dazu? Wo ist der Ursprung dieser besonderen Musikrichtung? Am Beispiel der Janitscharenmusik und ihrem Einsatz in der Oper „Entführung aus dem Serail“ von Wolfgang Amadeus Mozart soll deutlich gemacht werden, wie eine ursprünglich fremde Musik durch unterschiedliche Komponenten in die Musik der Fastnacht aufgenommen wurde. Dabei soll durch den Begriff des Orientalismus im Allgemeinen und die Betrachtung der „Blütezeit“ mit den ersten Übernahmen in die Musik im Besonderen der erste Teil des Prozesses geklärt werden. Des Weiteren werden die Charakteristika der beiden musikalischen Einsatzbereiche abgeglichen.

Es sei zu erwähnen, dass Ethnizität ein dynamischer Prozess ist, der nicht zu allen Zeiten und an allen Orten in gleicher Stärke auftritt. Die hier gewählte Oper „Entführung aus dem Serail“ scheint plakativ, dient aber als klares Beispiel dank der markanten Einflüsse in die Musik. Von dort soll der Übergang vom Fremden zum Eigenen erschlossen werden.

Im nächsten Teil werden die Grundlagen erläutert, um den Prozess des Überganges besser nachvollziehen zu können. Zu dem Grundlagenverständnis gehört eine Auseinandersetzung mit dem Ethnizitätskonzept sowie dem Fremdheitskonzept.

Beides sind wesentliche Konstruktionen eines jeden Individuums zur sozialen Dimension und Definition in der Gesellschaft.

Die Thematik lässt sich durch die Methoden, die die Europäische Ethnologie anwendet, erforschen. So ist es uns hier wichtig gewesen, mit Hilfe der Literatur aus eigenen, aber auch aus fachfremden Bereichen wie der Geschichte, Soziologie und Musikwissenschaften, einen Einblick in die Fragestellungen der Ethnizität zu gewinnen. Dabei war es uns wichtig, einen beispielhaften Faden zu ziehen und die Elemente der abstrakten Theorie mit dem Beispiel der Musik zu erfüllen.

Grundlagen und Definitionen (D)

In der folgenden Theorie-lastigen Abhandlung sollen die Grundlagen der Ethnizität, Identität, Fremdheit und dem Eigenen geklärt werden. Bei den vier genannten Konzepten oder Konstruktionen ist der gemeinsame Nenner die bewusste sowie unbewusste Beschäftigung mit der Frage „Wer bin ich?“ oder „Wo komme ich her?“. Evolutionstheoretisch rührt der Gedanke vom reinen Überlebenstrieb selbst, ist mein Gegenüber Freund oder Feind? Sind wir uns ähnlich, der gleichen Gruppe zugehörig? Eines des höchsten Bestreben der Natur ist stets, die Population der eigenen Rasse, Spezies oder Art zu verbreiten und zu vermehren, um das Weiterbestehen zu sichern; dies ist wie ein innerer Code zu verstehen, der überall dort, wo es Leben gibt, wiederzufinden ist. Doch der Mensch hat nicht nur die von außen ersichtliche Abgrenzung zu beurteilen, sondern auch „innere Werte“, die sich in dieser Art von den anderen Spezies unterscheiden. Erst durch die Fähigkeit, sich damit auseinandersetzen zu können, sprich darüber nachzudenken, wird die Thematik zu einer Problematik. So ist doch die Frage nach Gemeinsamkeiten von beispielsweise zwei Menschen aus unterschiedlichen Kulturen nicht rein durch das äußere Erscheinungsbild - wenn auch oft sehr deutlich schon genau dadurch - in sehr vielen Disziplinen zu einem Problemfeld geworden. Doch auch gerade in dieser Zeit kann man sehr schnell feststellen, dass eben das Äußere weniger Schlüsse zulässt als fälschlicherweise angenommen. Alleine in meinem Freundeskreis sind viele vermeintliche Ausländer - genauer, Personen mit Migrationshintergrund - mehr „deutsch“ als einige Deutsche. Deutsch meint in diesem Zusammenhang nicht den politischen Ausdruck der Nationalität, sondern eher den Grad der Anpassung an die Kultur und die Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit dem Gefühl der Zugehörigkeit und dem Bestreben, zugehörig zu sein, ist also eine zweigleisige Wirkung von einerseits der körperlichen, physischen Erscheinung und andererseits dem Geist.

In den nächsten Abschnitten soll genau dieser Bezug zu sich selbst, zu den eigenen inneren Werten und dem „nach-außen-Wirken“ hergestellt werden, indem die Konstruktionen der Identität, Ethnizität und das Zusammenwirken von Eigen und Fremd genauer betrachtet werden.

Ethnizität und Identität (D)

Für eine Abhandlung über Ethnizitätskonstruktionen muss als Erstes die Identität verstanden werden. Identität und Ethnizität werden als Konstruktionen verstanden, die ein Sein zwischen dem Ist-Zustand und dem So-Sein-Wollen-Zustand darstellen. Das Sein und der Schein sind stabil und dynamisch zugleich. Das Spannungsfeld zwischen dem Moment des Seins und dem nach außen dargestellten, dem Erscheinungsbild, wie man gesehen und über Fremdeinschätzung definiert werden möchte, ist das Besondere und Interessante an diesen Konstrukten. Laut Kaschuba ist die Beschäftigung in der Wissenschaft eine Art Mode, die nicht von ungefähr kommt (Kaschuba 2006, S.133). Zum wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs trägt maßgeblich bei, dass es zu einem Problemfeld in sämtlichen gesellschaftlich-analytischen Disziplinen wie der Psychologie etc., geworden ist.

Hermann Bausinger kommentierte im Jahr 1978 ebendieses wandelbare und gleichzeitig statische Spannungsfeld der Identität wie folgt: „Zweifellos ist Identität ein modischer Begriff; aber sprachliche Moden - auch solche der Wissenschaftssprachen - kommen nicht von ungefähr. Von Identität ist deshalb so viel die Rede, weil Identität zum Problem geworden ist. Der Begriff verkörpert, so weit die Konnotationen im [Einzelnen] auseinanderlaufen mögen, ein Moment von Ordnung und Sicherheit inmitten des Wechsels; und sein besonderer Reiz liegt dabei darin, daß er nicht eigentlich die Bedeutung von Starrheit oder Erstarrung vermittelt, sondern daß er verhältnismäßig elastisch etwas Bleibendes in wechselnden Konstellationen anvisiert.“ (Bausinger 1978, S. 204).

Weiter ist laut Kaschuba die Etymologie der Identität ein wichtiger Hinweis zum Verständnis für dessen Bedeutung. Die lateinische identitas kommt aus der Logik und definiert die Übereinstimmung eines Gegenstandes mit sich selbst. Also die Einzigartigkeit oder auch sein „In-Sich-Gefestigt-Sein“ (vgl. Kaschuba 2006, S. 133). Die Verringerung der Unterschiede zwischen dem aktuellen Zustand und dem angestrebten Zustand beschreibt demnach die wachsende Identität. „Die moderne Psychologie hat diesen Begriff deshalb übernommen, um damit als ein wesentliches Ziel menschlichen und gesellschaftlichen Lebens das Streben nach Übereinstimmung mit sich selbst zu beschreiben: den Wunsch zu werden, was man „ist“.“ (Kaschuba 2006, S. 133). Die Untersuchungen aus dem Bereich der Psychologie, maßgeblich vorangebracht durch Erik Erikson (1957), ermöglichen besseres Verständnis für die Entwicklung des Identitätsfindungsprozesses: „[ … ] die in der Sozialisations- und Enkulturationsphase von Kindern und Jugendlichen sowohl die Übernahme anderer als auch die Entwicklung eigener Verhaltensmuster bezeichnen, also das Einleben in soziale Situationen und Zusammenhänge, das Einüben von deren kulturellen Regeln und Praktiken, die Übernahme von ethisch- moralischen Grundsätzen etwa religiösen Denkens bis in den Bereich der Höflichkeit oder der Eßkultur.“ (Kaschuba 2006, S. 134). Man muss das Streben nach einer gefestigten Identität als eine Art naturgegebenes „menschheitsgeschichtliches Grundmuster“ (ebd.) verstehen. Es stellt ein Basisverlangen nach Anpassung in der sozialen Umwelt dar. Bei dieser Sichtweise wird deutlich, dass das Finden des Eigenen sehr stark durch die Umgebung beeinflusst wird. Erst durch die Anderen und weiter durch den Vergleich mit den bzw. dem Anderen kann das Eigene sich entwickeln und manifestieren. Genau an diesem Punkt wird auch klar, dass die vermeintliche Ich-Identität aus einer Wir-Identität ermöglicht wird und somit auch die Ethnizität eine Unterkategorie der Identität wird. Ebendieser maßgebliche Einfluss der Gruppenzugehörigkeit und Gruppenidentität drängt dazu, sich mit der Ethnizität intensiv auseinanderzusetzen und ein erweitertes Verständnis dafür aufzubauen. „So kann Identität nur als soziale Praxis verstanden werden: als ein Umsetzen allgemeiner Regeln und Vorstellungen des eigenen So-Seins in konkretes kommunikatives und interaktives Verhalten, das sich mit jeder Veränderung der Situation wiederum selbst verändert.“ (Kaschuba 2006, S. 135). Ein sehr interessantes Beispiel nach dem Ethnologen Werner Schiffauer im Rahmen einer Migrationsstudie in einem türkischen Dorf verdeutlicht genau dieses situative Spiel von Identitäten: „Ein junges Ehepaar sitzt mit der Ethnologin in einem Raum. Beide necken sich und ziehen sich gegenseitig auf. Die Stimmung ist freundlich und entspannt. Sie schlägt jedoch in dem Augenblick um, in dem der Vater des Ehegatten, der Haushaltsvorstand, den Raum betritt. Plötzlich ist die Atmosphäre gespannt. Der junge Mann gibt seiner Frau knappe Befehle, die sie ohne Widerspruch ausführt.“ Daran schließt sich folgende Interpretation an: „Die Interaktion zwischen zwei Personen ist abhängig von Dritten.

[...]

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Details

Titel
Ethnizität und Identität im Folklorismus. Die Adaption musikalischer Komponenten von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ bis zur Janitscharenmusik
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Institut für Volkskunde)
Veranstaltung
Seminar aus dem Bereich Ethnizität in Europa: Ethnizitätskonstruktionen in der europäischen Festkultur
Autoren
Jahr
2015
Seiten
18
Katalognummer
V316809
ISBN (eBook)
9783668161696
ISBN (Buch)
9783668161702
Dateigröße
932 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Janitscharenmusik, Fastnacht, Ethnologie, Entführung aus dem Serail, Mozart, Musik
Arbeit zitieren
Daniel Armbrüster (Autor)Katharina Roeb (Autor), 2015, Ethnizität und Identität im Folklorismus. Die Adaption musikalischer Komponenten von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ bis zur Janitscharenmusik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316809

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