Erlöserfiguren in den Erzählungen "Drei Fassungen von Judas" und "Thema vom Verräter und vom Helden" von Jorge Luis Borges

Analyse der zwei Erzählungen aus der Sammlung "Fiktionen"


Hausarbeit, 2014
10 Seiten, Note: 1,7
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wiederkehrende Motive in Jorges Luis Borges Erzählungen

3. „Drei Fassungen von Judas“

4. „Thema vom Verräter und vom Helden“

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im thematischen Zentrum der unverwechselbaren literarischen Welt von Jorge Luis Borges stehen Bücher, Labyrinthe, die Schrift und insbesondere das Imaginäre. Bei letzterem handelt es sich jedoch selten um reine Fiktion, vielmehr sind in Borges Erzählungen das Imaginäre und die Realität undurchdringbar miteinander verschmolzen - es fällt hier schwer, eine Unterscheidung zu machen. Besonders eindrücklich zeigt sich dies in seiner ersten größeren Sammlung von Erzählungen „Fiktionen“, die im Dezember 1944 erschien. Hinter diesem programmatischen Titel verbergen sich sowohl Geschichten über das Erfinden von Geschichten, als auch Geschichten, die in all ihrer Fiktionalität in die reale historische Geschichte eintreten und sich ihr bedienen. In diesen treten Plots und Protagonisten in historischen Szenarien und Orten auf, die sich in Zweikämpfe politischer oder theologischer Parteien verwickeln, um am Ende in eben diesen unterzugehen,1 wie auch in den beiden Erzählungen „Thema vom Verräter und vom Helden“ und in „Drei Fassungen von Judas“, auf welche in dieser Arbeit das Hauptaugenmerk gelegt werden soll. Das zentrale Motiv dieser beiden Erzählungen ist der Verrat, der jeweils vom Protagonisten begangen wird und der gleichzeitig ebenso die Erlösung bedeutet. Die hierin enthaltene Ambivalenz soll anhand der stilistischen und inhaltlichen Gegenüberstellung und der Analyse beider Erzählungen im Kontext zu Borges Erzählwerk durchleuchtet werden. Ziel ist es, die Gründe für diese Ambivalenz herauszustellen und sie zu deuten.

Um einen besseren Zugang zu den Texten von Jorge Luis Borges zu erlangen, soll zunächst kurz auf diejenigen Merkmale und Motivationen seines literarischen Schaffens eingegangen werden, die sich maßgeblich in den beiden zu untersuchenden Erzählungen wiederfinden.

2. Wiederkehrende Motive in Jorge Luis Borges Erzählungen

Eine große Rolle in Borges Texten spielt beispielsweise die Darstellbarkeit von Geschichte. Die Frage, wie man sich der - meist durch Tradierung überlieferten - Daten und Fakten irgendeiner Zeit überhaupt sicher sein kann2, scheint in vielen seiner Kurzgeschichten durch. In der Kurzgeschichte „Pierre Menard, Autor des Quijote“, die ebenfalls in der Sammlung „Fiktionen“ enthalten ist und eher den Stil einer Literaturkritik aufweist, beschäftigt sich Borges mit den Werken des fiktiven Autors Pierre Menard. Durch diesen vermittelt er seine eigene Haltung gegenüber der Wahrhaftigkeit von Geschichte: „Menard, Zeitgenosse von William James, definiert die Geschichte mitnichten als eine Erforschung der Wirklichkeit, sondern als deren Ursprung. Die historische Wahrheit ist für ihn nicht das Geschehene, sie ist unser Urteil über das Geschehene.“3 In Borges Kurzgeschichten findet sich diese Ansicht ganz deutlich wieder, wie sich in der folgenden Analyse der beiden Erzählungen zeigen wird.

Ein weiteres großes Thema ist die Unendlichkeit, die Borges in nahezu allen seinen Geschichten in veränderter Form wieder aufnimmt. In „Thema vom Verräter und vom Helden“ wird beispielsweise davon gesprochen, dass sich „Ereignisse aus weit entfernten Zeiten, weit entfernten Regionen zu wiederholen oder zu kombinieren“4 scheinen - es wird eine Art „zyklischer Charakter“5 festgestellt, welcher der Unendlichkeit innewohnt.

Außerdem stellt die Verwendung des Paradoxes in Borges Werken ein wichtiges Merkmal dar und ist auch in den zwei zu behandelnden Erzählungen vertreten. Die Verwendung des Paradoxes führt hier zur Verwirrung und Beunruhigung des Lesers durch das Spiel mit widersprüchlichen Textkomponenten, wie sich im folgenden zeigen wird.

Das letzte wichtige Merkmal, welches in diesem Kontext als relevant erscheint, ist Borges Idee des Menschen als Mikrokosmos. Er vertrat die Ansicht, dass ein „ein Mensch 'alle Menschen' ist, daß heißt, ein Mikrokosmos, der alle Möglichkeiten in sich trägt.“6 Estela Canto geht in ihrem Werk über den argentinischen Schriftsteller davon aus, dass er diesem Gedanken in Büchern der Kabbalisten begegnete und der Tradition mit starkem Vorzeichen folgte, nämlich jener, mit geheimer, traditionsverhafteter, jüdischer Ausprägung, welche eine Verschleierung letzter Wahrheiten verlange.7 Nicht zuletzt aus diesem Grund findet sich in Borges Werken eine rätselhafte und widersprüchliche Metaphorik.

3. „Drei Fassungen von Judas“

Diese Erzählung thematisiert die Episode der Passionsgeschichte, in der sich die „Urszene des Verrats“ - des Verrats von Judas an Jesus von Nazareth - abspielt. Auffällig ist hier zunächst die Art und Weise, auf welche die Erzählung eingeleitet wird. Es wird von dem fiktiven schwedischen Theologen Nils Runeberg berichtet, der sein Lebenswerk einer neuen Interpretation der Auslieferung Jesu widmet. Die neue Auslegung der Heilsgeschichte vollzieht sich hier also nicht durch den Erzähler, sondern auf einer zeitlich verschobenen und zudem fiktiven Metaebene. Eine Texteigenschaft, die für Borges ganz und gar nicht untypisch ist.

Dieser fiktive Nils Runeberg versucht innerhalb seiner zwei Publikationen „Kristus och Judas“ und „Den hemlige Frälsaren“ („ Der heimliche Heiland “), das Rätsel um den Verrat Jesu Christi zu lösen und vertieft die Annahme De Quinceys, dass „nicht nur ein einzelner Zug, sondern alles, was die Überlieferung Judas Ischariot ansinnt, [falsch sei].“8 Dabei geht er noch weiter, indem er Judas´ Verrat als überflüssig rechtfertigt. Ein bekannter Prediger, „welcher täglich in der Synagoge predigte und Wundertaten vor Tausenden versammelter Menschen verrichtete“, sei schließlich nicht erst auf den Verrat eines Jüngers angewiesen. Trotzdem geschah dies, was Runeberg davon ausgehen lässt, dass dieser Verrat nicht zufällig gewesen sei, sondern dass es sich hierbei um eine vorherbestimmte Tatsache gehandelt haben müsse. Judas sei der einzige unter den Jüngern gewesen, der die geheime Gottnatur Jesu erkannt habe und somit sei er zu dem Menschen bestimmt gewesen, der in Vertretung aller Menschen ein würdiges Opfer habe bringen müssen. In dieser Niedrigkeit sei Judas „eine menschliche Parallele zur Erniedrigung, die Gott durch seine Menschwerdung auf sich genommen hat.“9 So kommt Runeberg zu dem Schluss, dass Judas auf gewisse Weise Jesus widerspiegele. Diese „schwindelerregend[e] Dialektik“10, als welche Runeberg diese Konstellation am Ende dieser Erzählung beschreiben wird, bedeutet also im Klartext, dass Judas als niedrigster aller Menschen der Gottessohn sei, da Gott sich „um der Erlösung des Menschengeschlechts willen“11

[...]


1 Vgl. Horn, Eva: Der geheime Krieg. Verrat, Spionage und moderne Fiktion. Frankfurt am Main 2007, S. 43

2 Vgl. Whiston, J.: An 'Irish' story of Jorge Luis Borges: "Tema del traidor y del h é roe" in: Hermathena, No. 114 (1972), S. 24

3 Borges, Jorge Luis: Pierre Menard, Autor des Quijote. In: Borges, Jorge Luis: Fiktionen. Erzählungen . Frankfurt a. M. 1994, S. 169

4 Borges, Jorge Luis: Thema vom Verr ä ter und vom Helden. In: Borges, Jorge Luis: Fiktionen. Erzählungen. Frankfurt a.M. 1994, S. 189

5 Ebd.

6 Canto, Estela: Borges im Gegenlicht. München 1998, S. 7

7 Vgl. ebd.

8 Borges, Jorge Luis: Fiktionen, S. 215

9 Horn, Eva: Das Geheimnis uns sein Verrat. Ü ber einige Figuren bei Borges. In: Lachmann, Renate/Rieger, Stefan (Hgg.): Text und Wissen: technologische und anthropologische Aspekte. Tübingen 2003, S. 252

10 Borges, Jorge Luis: Fiktionen, S. 221

11 Ebd., S. 219

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Erlöserfiguren in den Erzählungen "Drei Fassungen von Judas" und "Thema vom Verräter und vom Helden" von Jorge Luis Borges
Untertitel
Analyse der zwei Erzählungen aus der Sammlung "Fiktionen"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Germanistik)
Veranstaltung
Literatur und Wissen: Das erzählerische Werk von J. L. Borges
Note
1,7
Jahr
2014
Seiten
10
Katalognummer
V316852
ISBN (eBook)
9783668157224
ISBN (Buch)
9783668157231
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jorge Lusis Borges, Drei Fassungen von Judas, Themas vom Verräter und vom Helden, Erlöserfigur
Arbeit zitieren
Anonym, 2014, Erlöserfiguren in den Erzählungen "Drei Fassungen von Judas" und "Thema vom Verräter und vom Helden" von Jorge Luis Borges, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316852

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