Die wirtschaftliche Entwicklung des Irak. Einfluss des Erdölexports auf die Entwicklung der Vergangenheit und seine Bedeutung für die Zukunft


Hausarbeit, 2010

33 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erdöl im Irak - Das Schwarze Gold als Wohlstandsgarant

3. Theorie des Ressourcenfluches

4. Der Irak als Post-Konflikt Nation – Die Entwicklung des Erdölsektors seit 1927
4.1 Die Anfänge der Erdölindustrie
4.2 Der Vormarsch der irakischen Erdölindustrie von 1968 – 1980
4.3 1980-2003 - Einbruch der Erdölexporte durch Krieg und Sanktionen

5. Entwicklung des irakischen Erdölsektors nach dem Irakkrieg 2003
5.1 Der prognostizierte Anteil der Erdölexporte beim Wiederaufbau
5.2 Reale Entwicklung des Erdölexporte
5.3 Status der Öleinnahmen
5.4 Hindernisse auf dem Weg zur weiteren Exportsteigerung
5.4.1 Das neue Ölgesetz und die Rolle internationaler Ölgesellschaften
5.4.2 Die zukünftige Rolle internationaler Ölgesellschaften

6. Can Iraq overcome the oil curse?

7. Schlussbetrachtungen

8. Abbildungsverzeichnis

9. Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die fossile Ressource Erdöl nimmt im heutigen globalisierten Zeitalter eine herausragende Position im internationalen Wirtschafts- und Handelssystem ein – ein Versorgungsausfall dieses „Treibstoffes der Weltwirtschaft“ brächte das globale Streben nach wirtschaftlicher Entwicklung und Wohlstand zum kollabieren. Keine andere international gehandelte Ressource kann Erdöl auf kurze Sicht als bedeutendsten Energieträger ablösen. Diese Monopolstellung ist im Zusammenhang mit dem steigenden Welterdölverbrauch und der Konzentration ungeförderter Erdölreserven in politisch überwiegend instabilen Weltregionen eine explosive Mischung, welche das Erdöl nicht zuletzt zur Ursache politischer und militärischer Auseinandersetzungen sowohl auf nationalem und internationalem Niveau werden lässt. Im Rahmen der OPEC-Staaten, welche nicht weniger als zwei Drittel der noch verfügbaren weltweiten Erdölreversen auf sich vereinigen, nimmt der Irak als Land mit den weltweit drittgrößten Erdölvorkommen und einer bisherigen Explorationsrate von nur 10% eine herausgehobene Stellung ein. Angesichts dieser Bilanz ist es verwunderlich warum der Irak trotz seines Erdölreichtums in der Vergangenheit dieses gigantische Entwicklungspotential nicht nutzen konnte, um zu wirtschaftlichem Wohlstand zu gelangen.

Diese Arbeit möchte aus diesem Grund untersuchen, wie der Export der Ressource Erdöl die wirtschaftliche Entwicklung des Irak in der Vergangenheit determiniert hat und welchen Einfluss der Erdölexport angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen Entwicklung in der Zukunft einnehmen wird.

Zur Beantwortung der Fragestellung erfolgt nach einer genaueren Analyse der im Irak vorhandenen Erdölreserven und -vorkommen und einer darauf basierenden Thesenbildung (Abschnitt 2), im Abschnitt 3 das Aufstellen von Vermutungen bezüglich der These anhand von theoretische Ausführungen zum Ressourcenfluch.

Im 4. Abschnitt wird dann der Einfluss des Erdölexports auf die wirtschaftliche Entwicklung des Iraks im historischen Verlauf, anhand der Auswertung der BIP pro Kopf Werte (sowohl im Öl- und Nicht-Ölsektor als auch in Bezug auf die gesamte Volkswirtschaft) und der Erdölproduktion und –export Chronologie seit 1968, untersucht. Dieser Abschnitt soll neben der Klärung des Einflusses internationaler Ölkonzerne und Ölpreisfluktuationen, insbesondere Aufschluss über die Determinanten und Faktoren geben, die bis zum heutigen Zeitpunkt die weit reichende Exploration der Erdölreserven verhindert haben.

Der Irakkrieg 2003 schlägt in diesem Zusammenhang ein neues Kapitel auf: Nach dem Sturz des nationalistischen Regimes Saddam Husseins, so die Visionen der Bush-Administration, sollte durch Demokratisierung der politischen Strukturen und der Etablierung eines marktwirtschaftlichen Wirtschaftsystems die Steigerung der bisher verborgen gebliebene wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, nicht zu letzt durch die beträchtliche Erhöhung des Erdölexportes, ermöglicht werden. Trotz dieser Pläne repräsentiert die innerstaatliche Entwicklung des Irak unter den Ländern des Mittleren und Nahen Ostens bis zum heutigen Zeitpunkt eines der vielen ungelösten Konfliktszenarien. Abschnitt 5 versucht den Status der Erdölexporte nach dem Irakkrieg zu reflektieren und vor dem Hintergrund der zu erbringenden Wiederaufbauleistungen in die gesamtwirtschaftliche Entwicklung ein zuordnen. Um die zukünftige Rolle der Erdölexporte prognostizieren zu können, wird hierbei ebenso die gegenwärtige Entwicklung im Ölsektor untersucht. Dabei gilt es insbesondere der Frage nach der rechtlichen Ausgestaltung und dem Einfluss internationaler Ölkonzerne nachzugehen. Der 6. Abschnitt reflektiert die aufgestellte These und die Vermutungen in Bezug auf die Untersuchungsergebnisse, um auf dieser Grundlage Maßnahmen zu benennen die im Irak zukünftig zur Vermeidung dieses Fluches beitragen könnten.

2. Erdöl im Irak - Das Schwarze Gold als Wohlstandsgarant

Der Irak befindet sich in der erdölreichsten Region der Welt: Mit 65% der global nachgewiesenen Erdölreserven und 30% der weltweit bewiesenen Weltgasreserven stehen die sechs größten Welt-Erdölproduzenten des Mittleren Ostens (Irak, Iran, Kuwait, Saudi Arabien, Qatar, Vereinigte Arabische Emirate) an der weltweiten Spitze. Die ganze Golfregion besitzt nicht weniger als zwei Drittel der Weltölreserven und sie produzieren zusammen 28% Prozent des jährlichen Welterdöls[1]. Laut OPEC-Angaben verfügt der Irak, nach Saudi-Arabien und Kanada, mit 150.000 Millionen Barrel weltweit über die drittgrößten nachgewiesenen Erdölreserven.

Diese sind geografisch im Land sehr ungleich verteilt: Während sich im schiitischen Südosten mit 70-80% die meisten der nachgewiesenen Ölreserven befinden, sind im kurdischen Norden, besonders um die Ölfeder Kirkuk und Mosul nur 20% vorhanden. In dem von Sunniten dominierten Zentralirak befinden sich dagegen nur wenige nachgewiesene Ölvorkommen[2]. Abb. 1 veranschaulicht diese Verteilung.

Durch die Tatsache, dass erst 10% dieser Erdölreserven gefördert wurden (das entspricht einer Anzahl von erst 17 erschlossenen der 80 nachgewiesenen irakischen Erdölfelder) wird das noch zu erreichende mögliche Leistungsvermögen der irakischen Erdölreserven klar: „Iraq’s oil is the least explored, developed and produced in the entire history of the world oil industry [...]“[3]. Beispielweise sind die beiden Erdölfelder Rumaila im schiitischen Süden (eines der größten Ölfelder der Erde, das sich von Basra Richtung Süden bis nach Kuwait erstreck) und Kirkuk im kurdischen Norden, die für die Hauptexporte verantwortlich sind, erst 2 von 6 nachgewiesenen Supergiants (Erdölfelder mit einem Volumen von mehr als 5 Mrd. Barrel) die zur Produktion genutzt werden[4]. Der EIA zufolge werden aber besonders im noch unerschlossenen Westen des Landes weitere unentdeckte Erdölreserven von bis zu 214 Mrd. Barrel vermutet.

Diese Angaben sind Indiz für das erhebliche wirtschaftliche Entwicklungspotential, dass der Irak bei richtiger Verwendung der Erdöleinnahmen durch seinen Erdölreichtum realisieren könnte. Dieses zukünftige Potential ist derart gigantisch, dass der Irak um es mit den Worten von Paul Horsnell auszudrücken alleine für den ”größten Ölboom in der Geschichte“[5] sorgen könnte, wenn er neben anderen Faktoren die entsprechenden finanziellen Mittel für die Ausweitung der Erdölförderung aufbringen könnte. Die Profitaussichten sind nicht nur für die internationalen Ölgesellschaften fantastisch, denn die geringen Produktionskosten von nur etwa 1 $ pro Barrel[6] gehören zu den niedrigsten in der Welt[7]. Das Erdöl aus der gesamten Region des Mittleren Ostens zählt damit zu dem Billigsten weltweit: Im Iran, Saudi Arabien, Kuwait und dem Irak lagen die Produktionskosten pro Fass Erdöl 1993 zwischen 1-2 US-$, während sie in Russland 4 US-$ und in den USA gar noch höher waren[8]. Des Weiteren ist die Erschließung und Förderung des Erdöls, aufgrund günstiger geologischer und topographische Bedingungen (nah an der Erdoberfläche) relativ unkompliziert.

Anhand dieser Informationen lässt sich die These aufstellen, dass der Irak aufgrund seiner beträchtlichen Standortvorteile im Erdölsektor und seinen enormen Erdölreserven, durch den Export von Erdöl und den daraus resultierenden Erdöleinnahmen einen hohen wirtschaftlichen Entwicklungstand erreicht haben müsste.

3. Theorie des Ressourcenfluches

Seit Mitte der 1990er Jahre wurden in der Literatur eine Vielzahl von Theorien unter dem prägnanten Stichwort des Ressourcenfluches diskutiert, die im Widerspruch zu dieser These stehen: Der Erdölreichtum hat in der Vergangenheit fast aller erdölexportierender Staaten die politische und wirtschaftliche Entwicklungsfähigkeit im Vergleich zu ressourcenarmen Staaten gehemmt. Diese Autoren betonen, dass „the oil sector and the allocation of its revenues is the critical variable in shaping both the economic structure and political systems of countries like Iraq“[9]. Warner und Sachs haben in einer richtungweisenden Studie den empirischen Beweis erbracht, dass eine höhere Abhängigkeitsrate von Öl dazu tendiert das Wirtschaftswachstum zu reduzieren[10]. Nach Harks und Müller[11] lassen sich die theoretischen Begründungsversuche für dieses Phänomen in einen ökonomischen und politischen Erklärungsansatz unterteilen. Im Folgenden wird das Ziel verfolgt, diese zu benennen und dabei mögliche Vermutungen in Bezug auf die formulierte These zu entwickeln.

Die Literatur benennt im Hinblick auf die innerstattlichen politischen Konsequenzen die von einem Reichtum an Ressourcen, insbesondere Öl, ausgehen nachfolgende Erklärungsversuche: Der rentier state thesis zufolge, ist der Staat resultierend aus der Tatsache, dass er den Großteil seiner Einnahmen aus den Ölrenten generiert, nicht abhängig von der Steuereinnahme. Die unmittelbaren Folgen sind, dass der Staat keine Notwendigkeit hat, den Willen des Volk zu repräsentieren um Steuern einzunehmen, wobei die Bindung des Bürgers an den Staat und die staatliche Institutionen an sich schwach bleiben. „In contrast to a tax-dependent state that must devote so much energy to extracting its operating revenues from society, a distributive state simply must decide which social groups are to be the favored recipients of oil rents“[12].

In Bezug auf die ökonomischen Konsequenzen für die nationale Wirtschaftsstruktur konstatiert Looney: „The collection of […] rent enable the producer state, and those controlling it, to amass enormous sums of money without engaging in any form of production[13] “ Diese Tatsache begründet eine sich etablierende dualistische Wirtschaftstruktur, welche einerseits durch einen starken Ölsektor und anderseits durch einen schwachen, wenig Profit abwerfenden Nicht-Ölsektor gekennzeichnet ist. Durch die finanzielle Abhängigkeit der Regierung von den Öleinnahmen, kann die Regierung nur in Boom-Phasen ihre Ausgaben erhöhen, durch welche die heimische Wirtschaft zumeist mit übermäßigem Kapital stimuliert wird, wodurch der Inflationsdruck erhöht wird. In Zeiten der Rezession hat der Staat jedoch keine Möglichkeit diese Unterstützung aufrecht zu erhalten und muss Haushaltskürzungen vornehmen. Des Weiteren hat er durch die schwache Herausbildung der staatlichen Institutionen und es Nicht-Ölsektors, keine Möglichkeit diese Verluste durch Einnahmen in einem anderen Sektor zu kompensieren[14]. Diese Schwäche wird auch durch die Unfähigkeit repräsentiert langfristige Richtlinien bzw. Eigentumsrechte für die Erschließung des Erdölsektors festzulegen[15].

Ein weiterer Erklärungsversuch wird durch den Ansatz der rent-seeking thesis erbracht. Da im Ressourcensektor die erzielten Renten, weit höher als die Einkommen im Nicht-Ressourcensektor sind, haben die Wirtschaftsakteure einen größeren Anreiz diese einzunehmen. Dies fördert typische Erscheinungsmerkmale wie Korruption, Klientelismus und den Verlust von Rechtsstaatlichkeit[16]. Ölreichtum wird in diesem Zusammenhang als Gewinn für jene betrachtet, die ihre Machtposition sichern wollen. Die Öleinnahmen können zu politischer Instabilität führen, da „[…] the unequal distribution of rents can cause conflict when left-out groups attempt attempt to force redistribution by resorting to violence […]”[17]. Weiterführend begründet Smith den zweiten Destabilisierungsfaktor damit, dass “[…] easily captured revenue ources such as oil present an attractive traget to potential rebels and […] raise the risk of civil war “[18].

Neben den politischen Erklärungsmustern werden in der Literatur die makroökonomischen und außenwirtschaftlichen Implikationen thematisiert, die durch die Ressourcenproduktion und den -export auf eine Volkswirtschaft wirken. Der dafür gemeinhin verwendete Begriff der Höllandischen Krankheit (Dutch Disease) lässt sich nach Harks und Müller in drei Wirkungsmechanismen unterteilen (Faktorwanderungseffekt, Ausgabeneffekt und Währungseffekt), welche die “internationale Wettbewerbsfähigkeit der dem internationalen Handel ausgesetzten anderen Wirtschaftssektoren [senkt] - wodurch diese schrumpfen“[19]. Der Faktorwanderungseffekt bezeichnet die Verschiebung der Inputfaktoren Kapital und Arbeit aufgrund höherer Produktivität und Entlohnung vom Nicht-Ressourcensektor in den Ressourcensektor. Als Folge fällt im Nicht-Ressourcensektor die Produktion (direkte Deindustrialisierung), wodurch die internationale Wettbewerbsfähigkeit gehemmt wird. Looney spricht in diesem Fall auch vom crowding out Phänomen, da bei der Modernisierung und Expansion des Ölsektors, „the rest of the economy maybe „crowed out“ from access to key factor inputs – the oil sector with ist financial resources would preempt these resources weakening the ability of the private sector to invest and diversify“[20]. Der mit dem Ausgabeneffekt[21] einhergehende Wechselkurseffekt wird in der Literatur als häufigste Erklärung für die Holländische Krankheit herangezogen. Als Folge des Umtausch der in Devisen (meist US-$) erhaltenden massiven Ölexporterlöse wertet der reale Wechselkurs auf.

Aus diesen theoretischen Implikationen heraus lässt sich die Vermutung anstellen, dass die beschriebenen negativen Erscheinungsformen des Ressourcenfluches auch Auswirkungen auf den vermuteten positiven Einfluss des Erdölexportes auf die wirtschaftliche Gesamtentwicklung gehabt haben könnten.

4. Der Irak als Post-Konflikt Nation – Die Entwicklung des Erdölsektors seit 1927

Die Bestimmung des Status der Erdölexporte und seines Beitrages zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung verlangt einen historischen Überblick der wirtschaftlichen und politischen Situation des Irak, da in der langen, komplizierten und von zahlreichen Konflikten und Kriegen geprägten Geschichte dieses multiethnischen Landes wesentliche Ursachen für die gegenwärtige immer noch desolate wirtschaftliche Situation zu suchen sind. Die spannungsgeladene, konfliktreiche Historie der Golfregion, die in enger Verbindung mit dem Erdölreichtum dieser Länder eingestuft werden kann [22], beinhaltet sowohl die Analyse externen Akteursverhaltens um ihren geopolitischen Einfluss auf die regionale Entwicklung identifizieren zu können, als auch die Beleuchtung innerirakischer ethnischer sowie politischer Kräfte auf ihre Bedeutung im historischen Verlauf.

4.1 Die Anfänge der Erdölindustrie

Als die Arabisch Sozialistische Baath-Partei 1968 nach mehreren gescheiterte Versuchen (1959, 1963) durch einen Militärputsch gewaltsam die Führung im Land übernahm, befand sich der Irak in einer tiefen wirtschaftlichen Rezession und einer Phase großer Instabilität , in welcher der Irak nach Hippler „noch keine ( Nation), sondern eine Verknüpfung heterogener sozialer und ethno-religiöser Subsysteme [darstellt], die durch einen unzureichend gefestigten Staatsapparat notdürftig zusammengehalten wurden“[23]. Diese Beurteilung kann als Resultat früherer Entwicklungen gesehen werden[24]: Durch die Zerschlagung des Osmanischen Reiches am Ende des 1. Weltkrieges 1918, in dem Syrien, Israel, Jordanien, Saudi-Arabien, Ägypten und der Irak als geopolitische Einheit existierten, wurden zwischen diesen arabischen Territorien erstmalig politische Grenzlinien gezogen[25] und unter den imperialistischen Besatzern, Frankreich und England, aufgeteilt. „Auf traditionelle Siedlungsgebiete der Völker der Regionen, religiöse Gegebenheiten, sinnvolle ökonomische Zusammenhänge […] wurde keine Rücksicht genommen“[26]. Insbesondere die erdölreichen Siedlungsgebiete der Kurden hatten hierunter zu leiden, denn sie wurden durch die Verteilung auf die Türkische Republik, das französische Kolonialgebiet (Syrien) und das englisches Kolonialgebiet (Irak und Iran) gevierteilt. Kiechle bewertet die ökonomischen Folgen der imperialistischen Grenzziehung als höchst destruktiv, denn die partielle Industrialisierung orientiert an der Erschließung benötigter Rohstoffe setzte strukturelle Entwicklungstendenzen[27]. Nach der britischen Besetzung 1914 wurde nach dem 1. Weltkrieg auch die Entwicklung des irakischen Ölsektors forciert, welcher seit der Entdeckung der ersten Ölquellen 1927 sukzessive ausgebaut und gefördert wurde. Der Eintritt der irakischen Gebietskörperschaften in die internationalisierte Erdölproduktion wurde erstmalig durch die Schließung eines Konzessionsvertrages zwischen dem damaligen unter britischer Kontrolle stehenden König Faisal und der Iraq Petroleum Company (IPC), einem Konsortium bestehend aus britischen, französischen und später amerikanischen Ölgesellschaften. „Combined with two further concessions granted in the 1930s, the IPC obtained rights to all of the oil in the entire country“[28]

In den 1950er und 1960er Jahren, wuchs die Frustration der irakischen Bevölkerung über die unfairen Bedingungen dieses Vertrages: Die Aufteilung der Einnahmen zwischen IPC und Staat, sowie der den ausländischen Unternehmen zugestandene Grad der Kontrolle über die Entwicklungen im Ölsektor wurde als ungerecht empfunden. Der Sturz der konstitutionellen Monarchie[29] 1958 durch aufbegehrende nationalistische Kräfte, welche gegen die britischen Kolonialinteressen und für die nationale irakische Unabhängigkeit, kämpften, wollten nicht zu letzt die Annullierung der bereits seit 1925 existierenden Förderrechte erreichen. Die Förderung und der Export des irakischen Erdöls warf zum Umnut der irakischen Bevölkerung keine Gewinne für diese ab, denn „die Einkünfte aus dem Erdölgeschäft wurden zwischen den ausländischen Öl-Multis und einer kleinen Herrscherclique geteilt“[30]. Somit wurden keine Gewinne für den Aufbau eines Wirtschaftssystems (Nicht-Ölsektor) verwendet, welches die vorherrschende strukturelle Abhängigkeit vom Erdöl kompensieren hätte können. Diese wurde seit der Entdeckung der ersten Ölquellen 1927 und der ersten Vertragsschließung mit internationalen Ölgesellschaften sukzessive gefördert. Die Dominanz der internationalen Ölgesellschaften blieb jedoch, sodass auf dem Höhepunkt dieser Streitfragen der Ölsektor verstaatlicht wurde – im Irak geschah das in zwei Stufen, 1961 und 1972.

Mit der Erlassung des Gesetzes zur Nationalisierung der Ölquellen[31] 1961, welches die Kürzung der Konzessionen der IPC zur Folge hatte, wurde eine weitere Erschließung der riesigen Erdölreserven in den 60er Jahren, sowohl durch die Regierung (Iraq National Oil Company) als auch durch das IPC behindert. Das Gesetz provozierte die Isolation des irakischen Erdöls vom Weltmarkt, da sich die internationalen Ölgesellschaften anderen investitionsfreundlicheren Golfstaaten zuwandten. Der Irak war durch dieses Gesetz nicht in Lage die Entdeckung seiner gigantischen Ölreserven mit der Geschwindigkeit und Effizienz voranzutreiben um auf den internationalen Ölmarkt konkurrenzfähig zu bleiben[32]: „As a result the country’s oil industry suffered a long period of inactivity“[33].

4.2 Der Vormarsch der irakischen Erdölindustrie von 1968 – 1980

Nach der Machtergreifung forcierte die Baath-Partei unter Präsident al-Bakr’s gemäß der Ideologie des arabischen Sozialismus die wirtschaftliche und soziale Befreiung aus der kolonialen Abhängigkeit. Wesentliche Eckpunkte dieses Vorhabens waren es, das Land wirtschaftlich zu konsolidieren und die frühere multiethnische Zerrissenheit nach panarabischen sozialistischen Vorstellungen „zwangsweise zu homogenisieren und arabisieren“[34].

Auf abermalige Erpressungsversuche der IPC, die ihre Machtposition weiterhin durch Kürzung der Fördermengende behaupten wollten, um somit die Staatseinnahmen zu drosseln, reagierte al-Bakr mit der Verstaatlichung des gesamten Erdölsektors 1972.

Im Zuge dieser Entwicklung konnte die nationalistische Baath-Regierung unter Mithilfe der UdSSR und zahlreicher internationaler Ölgesellschaften (aus Brasilien, Indien und Europa) durch den Abschluss von „service contracts“, nach einer Phase langer Inaktivität, die Erschließung weitere Ölreserven realisieren[35].

[...]


[1] Vgl. EIA, 2006

[2] Vgl. EIA, 2003

[3] Mahdi, 2002, S. 233

[4] Vgl. Horsnell, 2000

[5] Horsnell, 2000, S. 110

[6] Vgl. Seifert & Werner, 2006

[7] Vgl. EIA, 2003

[8] Ebd.

[9] Looney, 2006, S.24

[10] Vgl. Sachs & Warner, 1995

[11] Vgl. Harks & Müller, 2007

[12] Smith, 2004, S. 233

[13] Looney, 2004, S. 17

[14] Vgl. Smith, 2004

[15] Vgl. Harks & Müller, 2007

[16] Ebd.

[17] Smith, 2004, S. 234

[18] Smith, 2004, S. 234

[19] Harks & Müller, 2007, S. 25

[20] Looney, 2004, S. 17

[21] Dieser beschreibt, dass durch die hohen Exporteinnahmen ein Ausgabenboom im Inland resultiert, der Inflation fördert und zu steigenden Löhnen führen kann, die abermals die internationale Wettbewerbsfähigkeit negativ beeinflussen (indirekte Deindustrialisierung).

[22] Vgl. Seifert & Werner, 2005

[23] Hippler, 2006, S.5

[24] Vgl. Kiechle, 2003, S.8

[25] Auf der Grundlage des 1916 zwischen England und Frankreich geschlossenen Sykes-Picot-Abkommens.

[26] Kiechle, 2003, S.17

[27] Vgl. Kiechle, 2003

[28] Muttitt, 2005, S. 10

[29] Diese galt zwar seit ihrer Einsetzung 1932 als formal unabhängig und war als Mitglied des Völkerbundes anerkannt, blieb jedoch weiterhin unter britischer Einflussnahme. Sie wurde durch einen von Kassem angeführten Militärputsch gestürzt. (Vgl. Kiechle, 2006, S. 12)

[30] Kiechle, 2003, S.19

[31] Dem IPC wurden dadurch nur jene Gebiete zugesprochen, in denen sie bisher tätig waren (nur 0,5% des gesamten Territoriums das nach den Konzessionen vereinbart war). Das restliche Gebiet (99,5%) verblieb bei der irakischen Regierung. (Vgl. Mahdi, 2002).

[32] Der Anteil der irakischen Ölproduktion an der gesamten Produktion der Golfstaaten reduzierte sich von 20% im Jahr 1960 auf 10% in Jahr 1973 (Vgl. Mahdi, K. 2002).

[33] Mahdi, 2002, S.143

[34] Vgl. Hippler, 2006

[35] In der 2. Hälfte der 70er Jahre wurden viele große und mittelgroße Ölfelder entdeckt (Majnoon, West-Baghdad, sodass die bewiesenen Ölreserven auf den heutigen Stand von 115.000 Billionen Barrel kletterten (Vg. Mahdi, 2002)

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die wirtschaftliche Entwicklung des Irak. Einfluss des Erdölexports auf die Entwicklung der Vergangenheit und seine Bedeutung für die Zukunft
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Internationale Handelsbeziehungen/ -abkommen und Globalisierung
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
33
Katalognummer
V316895
ISBN (eBook)
9783668158863
ISBN (Buch)
9783668158870
Dateigröße
712 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Irak, Ölexporte
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Saskia Helm (Autor), 2010, Die wirtschaftliche Entwicklung des Irak. Einfluss des Erdölexports auf die Entwicklung der Vergangenheit und seine Bedeutung für die Zukunft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316895

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