"Brick" als Film noir. Untersuchung des Verhältnisses zwischen 'femme fatale' und 'tough guy'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
23 Seiten, Note: 1,7
Melissa Bottich (Autor)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Film Noir - Eine Einordnung

3. Brick als Film noir
3.1. Auf Narrativer Ebene
3.2. Auf Gestalterischer Ebene
3.3. Das Verhältnis zwischen Protagonist und femme Fatale

4. Sequenzanalyse
4.1. Inhaltliche Einordnung
4.2. Analyse der Mise-en-scène auf der Party und im dunklen Zimmer
4.3. Interpretation im Bezug auf das Verhältnis von Laura und Brendan

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Filmverzeichnis

1. Einleitung

„True to the genre that inspired it, the movie has tough and dippy dames, an eccentric crime kingpin, some would-be toughs who can be slapped around (...) and an enigmatic know-it-all. This last character was, in the old days, an informer, bookie or newspaper reporter often found in the shadows of a bar; in "Brick," he apparently exists permanently while sitting against a back wall of the high school, from which vantage point he sees and knows, or guesses, everything.“1

Dieses Zitat aus einer Kritik des bedeutenden Filmkritikers Roger Eberts zum Film BRICK (Rian Johnson, USA 2005) macht deutlich, dass BRICK mehr ist als nur ein Teeniefilm. Im Stile eines Film noir gehalten, aber mit Schüler und Schülerinnen als Charaktere und einer High-school als Setting schafft es Rian Johnson einen Film zu produzieren, welcher sich wohl am ehesten als „teennoir“ beschreiben lässt. Diese Low-Budget-Produktion gewann 2005 den Special Jury Price des Sundance Film Festival 2005 für „Originality of Vision“, da man der Ansicht war, dass Rian Johnson es mit seinem Debut-Film BRICK geschafft hat, die Film noir Ästhetik hervorragend zu modernisieren und perfekt auf ein sonst eher ungewohntes Setting anzuwenden.

Typisch für den Film noir sind die Rolle der femme fatale und die des noir- Antihelden als Protagonist. Die beiden Hauptrollen Brendan Frye (Joseph Gordon-Levitt) und Laura (Nora Zehetner) entsprechen eben jenen klassichen noir-Rollen. Doch stehen Laura und Brendan auch in derselben Beziehung zueinander, wie es die femme fatale und der Protagonist des klassichen Film noir tun? Und in wie fern handelt es sich bei diesem Film um einen modernen Film noir? Um diese Frage zu beantworten, soll im Folgenden der Film BRICK auf Elemente und Motive des Film noir untersucht werden. Zunächst wird der Begriff Film noir erläutert und im Anschluss soll untersucht werden, warum es sich bei dem Film BRICK um einen Film noir handelt. Dies geschieht zunächst allgemein, dann genauer anhand zweier im Film direkt aufeinander folgenden Sequenzen. In der Sequenzanalyse wird vor allem die Mise-en-scéne untersucht, dabei ist es das Ziel herauszufinden, inwiefern die Mise-en-scéne das Verhältnis zwischen Laura und Brendan zu erklären versucht und was man durch derer Inszenierung auf ihre Charaktere schließen kann.

2. Film Noir - Eine Einordnung

In der Filmwissenschaft herrscht kein Konsens darüber, ob unter dem Begriff „Film noir“ ein Genre, eine Geistesströmung oder einen Epochalstil verstanden wird2. Laut Paul Werner wird dieser Begriff „zunächst mit dem Zyklus des amerikanischen Kinos ab 1941 verbunden“3, jedoch erst ab Mitte der 1940er Jahre von französischen Filmkritikern als Film noir definiert. Seiner Ansicht nach gilt der Film noir als amerikanisches Genre, welches eigentlich kein eigenes Genre ist, sondern sich verschiedene Genres unterwirft wie z.B. Kriminalfilme, Gangsterfilme, Detektivfilme und Thriller. Während einige Filmwissenschaftler der Ansicht sind, man solle den Film noir als „spezifische Periode der Filmgeschichte (…) der vierziger und fünfziger Jahre (...) begreifen“4, da in diesem Zeitraum circa 300 Filme entstanden, die dem Noir-Kanon zugeordnet werden können, sind andere der Auffassung, dass der Film noir „keineswegs nur eine bestimmbare Zahl andersartiger Filme (bezeichnet), sondern von Anfang an ebenso einen diskursiven Gegenstand, hervorgebracht von Filmkritik und -wissenschaft“5. Kai Kaufmann bezeichnet den Film noir zwar als Genre, verweist aber darauf, dass sowohl „...der visuelle Stil als auch die narrativen Strukturen, die am häufigsten als genrekonstitutive Merkmale genannt werden...“6 trotz einiger Filmbeispiele nicht eindeutig definierbar sind. Den Film noir als „geistige Strömung“ zu verstehen, ermöglicht es bei allen bisher zugeordneten Filmen „gemeinsame Wurzeln (Kriegserfahrungen, politische oder soziale Krisen etc.), gemeinsame Merkmale (kritische Perspektive, pessimistische Stimmung, düstere Klangfarbe etc.), gemeinsame Stilformen (dunklere Lichtsetzung, diskontinuierliche Zeitkomposition, extreme Kamera-Winkel und -Bewegungen, Off-Erzählungen etc.), gemeinsame Schauplätze (Straßen der Großstadt, Hafengegenden, Bars, verwinkelte Innenräume etc.) aufzuspüren.“7

Auch wenn man dem Film noir nur Filme zuordnet, welche zwischen den frühen 1940ern und den späten 1950ern entstanden, so entstanden in den frühen 1980er Jahren Filme, die die Traditionen und Errungenschaften des klassischen Film noir fortführten und daran anknüpften. Diese Filme werden unter dem Begriff Neo noir zusammengefasst und sind sehr vielfältig in ihrer Art, sich an den Film noir anzulehnen, geworden. Allerdings spielen in der Definition des Neo noir Merkmale wie Bildformat oder Farbe keine große Rolle mehr und auch auch inhaltlich fällt es oftmals schwer Parallelen zwischen Neo noir Filmen und ihren klassischen Vorgängern zu erkennen. Anfang des 21. Jahrhunderts wurden Motive und visuelle Mittel des Film Noir auf den Jugend- oder Teenfilm übertragen, welche Anja Christine Rørnes Tucker als „teen-noir“ Filme bezeichnet. Hierzu lässt sich auch BRICK von Rian Johnson zählen8. „These teen noir adventures present darker themes and technical features that distinguish them from numerous productions aiming at young adults“9. Die Handlungen und gestalterischen Elemente dieser Filme interpretieren und erfinden die Traditionen des klassichen Film noir neu, jeodch ohne sie komplett abzuschaffen.

3. BRICK als Film Noir

Es stellt sich nun zuerst die Frage, inwiefern der 2005 erschienene Film BRICK einen modernen Film noir darstellt, und wie sich dies auf der Bild- und auf der narrativen Ebene äußert.

Roger Ebert, einer der bedeutendsten Filmkritiker der USA, beschreibt BRICK in einer seiner Kritiken als einen „...film noir to its very bones, consistent and creepy from beginning to end“10. Der Regisseur des Filmes, Rian Johnson, äußert sich zu BRICK als Film noir, jedoch folgendermaßen:

„I love film noir, but the thought of imitating it was not appealing. Brick is not set in high school for any postmodern twist or to make a comment on the genre; it was meant to free us up to take a more straightforward approach to the genre“11.

Er selber würde BRICK also als modernen Film noir beschreiben, der aber, um nicht lächerlich oder komisch zu wirken, bewusst mit einigen Traditionen des klassischen Film noir bricht. Er forderte die Schauspieler dazu auf, Werke von Daniel Hammet zu lesen, auf Grundlage derer viele klassische Film noirs entstanden, wie z.B. DIE SPUR DES FALKEN (John Huston, USA 1941), aber verbot ihnen, die Filme zu schauen, weil er wusste, „that those elements were going to be in ours inherently, just because of the type of movie we were doing; putting any more weight in that direction at all, you could go very wrong very quickly“12. Denn nach Johnsons Meinung sind wir heutzutage so vertraut mit den traditionellen visuellen Hinweisen des klassischen Film noir, wie den dunklen Ecken, Schatten und Männern mit Hüten, dass es für uns teilweise schwierig ist, diese noch ernst zu nehmen13.

3.1. Auf Narrativer Ebene

Zwar hat die Handlung des Film noir vielfältige Möglichkeiten, doch das Verbrechen „ist der kategorische Imperativ des Film noir“14. Meistens findet dieses Verbrechen in Form eines Mordes statt, welcher im Anschluss alle Handlungen und Emotionen der Charaktere bestimmt. Bei BRICK ist das der Mord an Emily, Brendans Exfreundin, woraufhin sich dieser in den Kopf setzt, den oder die Mörder*in zu finden und zur Verantwortung zu ziehen.

Außerdem haben die meisten Film Noir „die amerikanische Großstadt“15 als Milieu gemeinsam und oft auch „deren schäbigste Seite; ein rießiger Mülleimer menschlicher Beziehungen“16. Diese Stadt, als verwirrende und undurchsichtige Kulisse „mit ihren harten Licht/Schatten-Kontrasten“17 verdeutlicht, das der Protagonist in Zusammenhängen steht, die er nicht versteht und nicht erkennen kann. In vielen Filmen ist die Stadt „als ein klaustrophobisches Universum aus Perversionen, Obsessionen und Gewalt charakterisiert“18. In BRICK haben wir es zwar nicht mit der Kulisse einer Großstadt zu tun, doch die High-School San Clemente als Kulisse erfüllt den gleichen Zweck. Rian Johnson erklärt seine Entscheidung BRICK an einer High-School spielen zu lassen folgendermaßen: „We set it out to the open setting that will catch you off guard and that you couldn't normally associate with menace“19. Dieses Setting soll außerdem auch einen dieser unerwarteten Aspekte bilden, welche im Film noir immer wieder auftauchen20. Obwohl es sich bei dem Setting um eine High-School handelt, wirkt die Umgebung trist. Das liegt vor allem daran, dass die Schauplätze, nicht wie typischerweise an einer High-School, voller junger Menschen, sondern meistens menschenleer sind. Die zahlreichen Gänge, Gitter, unübersichtlich großen Plätze und Mauern erzeugen klaustrophobische und unruhige Gefühle bei der Betrachterin.

In der Erzählweise werden die bisherigen objektivierbaren Ordnungsprinzipien der Erzählstrukturen des bisherigen Filmes in Frage gestellt. So wird die Linearität und Chronologie der Erzählweise durch Flash-backs oder Flash- forwards durcheinandergebracht. Dies geschieht meistens aus dem Grund, dass die psychologischen Zustände des Protagonisten offengelegt und nachvollziehbar gemacht werden sollen, die Subjektivierung der Erzählperspektive wird also verstärkt. Durch diese Subjektivierung des Point Of View wird die Zuschauerin „in der für den Film-Noir typischen Erzählweise systematisch im Unklaren darüber gelassen, welche Handlung zu welchem Zeitpunkt zu welchem Ort welche Relevanz haben wird“21. Durch die Zerstörung der linearen Handlung oder die Anhäufung von mehreren Handlungssträngen, welche oft mit Hilfe der Parallelmontage geschieht22, wird die volle Aufmerksamkeit der Betrachterin gefordert. Gleichzeitig wird so auch die Verunsicherung des Protagonisten oder der Protagonistin veranschaulicht. Die „Continuity“ auf welche in der Hollywood-Konvention bisher so viel Wert gelegt wurde wird aufgebrochen23. Auch in BRICK findet man in den ersten paar Minuten ein Flash-back, das durch ein Chyron mit den Worten „Two Days Previous“ eingeleitet wird24. Rian Johnson erklärt zu diesem Flash-back: „There’s an elegance and a cleverness to the flashback being told without the title, but just from a storytelling point of view, there’s real value in knowing that when we hop back, it is only two days“25.

3.2. Auf gestalterischer Ebene

Laut Paul Werner bricht der Film noir „radikal mit jeder naturalistischen Beleuchtungsweise und platziert seine Lichtquellen an 'unmögliche' Stellen“26, so findet man Belichtungen in Form alleiniger Seitenlichter, extremer Unterlichter oder fast unmerkliche Spotlichter. Bei BRICK scheint dies sehr selten der Fall zu sein. Bis auf ein paar wenige Szenen finden die meisten in dem weichen natürlichen Tageslicht auf auf dem Schulhof statt.

Es existieren aber auch in BRICK einige Einstellungen, an welchen man eindeutig das Spiel mit Licht und Schatten des Film noir erkennen kann. So tritt der Drogenhändler Pin, wenn er aus der Wohung seiner Mutter in den Keller und somit in sein „Unterwelt-Büro“ geht, in den tiefschwarzen Schatten hinter einer Tür27. Ebenso ist auf eine Einstellung zu verweisen, bei welcher Pin in der vollkommenen Dunkelheit über Brendan steht und nur von einer einzigen Lichtquelle von oben leicht beleuchtet wird, sodass man nur einzelne Partien seines Gesichtes erkennen kann und seine Augen aufgrund großer Schatten nicht zu erkennen sind28. Durch dunkle Stellen im Bild werden der Betrachterin bewusst Wahrnehmungsmöglichkeiten entzogen. Man weiß nicht, was sich in diesen Schatten verbirgt, kann sich nicht orientieren und soll dadurch in den Bildraum eingeschlossen werden29.

Auch die im Film noir vorwiegend verwendeten Groß- und Nahaufnahmen von Gesichtern lassen sich an vielen Stellen in BRICK wiederfinden, vor allem bei Gesprächen zwischen Brendan und Laura30. Ebenso finden sich im klassichen Film noir und auch in BRICK „von der Kardierung angeschnittene, unvollständige Körper und Gesichter“31.

[...]


1 Ebert (2006). URL: http://www.rogerebert.com/reviews/brick-2006 [Stand:26.10.2013].

2 Vgl. Werner, Paul: Film Noir und Neo-Noir, München 2000, S.12.

3 Ebd.

4 Steibauer-Grötsch, Barbara: Die lange Nacht der Schatten. Film noir und Filmexil, Berlin 2005, S.15.

5 Röwekamp, Burkhard: Vom film noir zur méthode noir. Die Evolution filmischer Schwarzmalerei, Marburg 2003, S.8.

6 Kaufmann, Kai: Das Geschlechterverhältnis im amerikanischen Film noir, Alfeld/Leine 1997, S.8.

7 Grob, Norbert (Hrsg.): Filmgenres. Film Noir, Stuttgart 2008, S.13.

8 Vgl.: Rørnes Tucker (2008): S.11. URL: https://bora.uib.no/bitstream/handle/1956/2908/45612407.pdf?sequence=1 [Stand:26.10.2013].

9 Ebd.: S.13.

10 Ebert. URL: http://www.rogerebert.com/festivals-and-awards/sundance-6-the-talent-among- us [Stand:26.10.2013].

11 Levy. URL: http://emanuellevy.com/comment/rian-johnson-on-ibricki-7/ [Stand:26.10.2013].

12 Ebd.Levy. URL: http://emanuellevy.com/comment/rian-johnson-on-ibricki-7/ [Stand:26.10.2013].

13 Vgl.: Unbekannt. URL: http://seattlest.com/2006/04/11/seattlest_interview_rian_johnson.php [Stand:26.10.2013].

14 Werner (2000): S.13.

15 Ebd.: S.11.

16 Ebd.: S.11.

17 Grob (2008): S.27.

18 Sellmann, Michael: Hollywoods moderner „film noir“. Tendenzen, Motive, Ästhetik, Würzburg 2001, S.57.

19 Levy. URL: http://emanuellevy.com/comment/rian-johnson-on-ibricki-7/ [Stand:26.10.2013].

20 Vgl.: Tobias. URL: http://www.avclub.com/articles/rian-johnson,13982/ [Stand:26.10.2013].

21 Röwekamp (2003): S.104.

22 Bsp.: THE KILLING (Stanley Kubrick, USA 1956).

23 Vgl.: Röwekamp (2003): S.106.

24 BRICK (2005), [00:01:05].

25 D'Angelo. URL: http://www.avclub.com/articles/the-mastery-of-bricks-opening-annotated-by- writerd,93483/ [Stand:26.10.2013].

26 Werner (2000): S.96.

27 BRICK (2005), [00:49:56].

28 Ebd., [00:46:19].

29 Vgl.: Röwekamp (2003), S.78.

30 BRICK (2005), [00:11:20] oder [01:39:10].

31 Röwekamp (2003), S.78.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
"Brick" als Film noir. Untersuchung des Verhältnisses zwischen 'femme fatale' und 'tough guy'
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Kunstgeschichte und Filmwissenschaft)
Veranstaltung
Einführung in die Filmwissenschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
23
Katalognummer
V316939
ISBN (eBook)
9783668158665
ISBN (Buch)
9783668158672
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Brick, Film noir, femme fatale, though guy
Arbeit zitieren
Melissa Bottich (Autor), 2013, "Brick" als Film noir. Untersuchung des Verhältnisses zwischen 'femme fatale' und 'tough guy', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316939

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