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Gewaltdarstellung und ihre Funktionen in Heinrich von Kleists "Michael Kohlhaas"

"mit Feuer und Schwert, die Arglist, in welcher die ganze Welt versunken sei, zu bestrafen"

Title: Gewaltdarstellung und ihre Funktionen in Heinrich von Kleists "Michael Kohlhaas"

Term Paper , 2014 , 28 Pages , Grade: 1,7

Autor:in: Thomas Franz (Author)

German Studies - Modern German Literature
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Summary Excerpt Details

Heinrich von Kleists Texte verstören und irritieren den Leser. Kleists Poetik der Irritation wird als "Erschütterungskunst" empfunden, die ihre Leser oft ratlos zurücklässt. Rätselhaftigkeit charakterisiert auch die Erzählung "Michael Kohlhaas", wobei die Unauflösbarkeit des Änigmas schon das reine Vorgangsverständnis erschwert. Diese aus einer unauflösbaren Rätselhaftigkeit entspringende irritierende und verstörende Wirkung liegt neben nicht aufgelösten Inkonsistenzen und Widersprüchen in der Erzählung, die von Kleist intendiert sind, um die "gebrechliche[n] Einrichtung der Welt" in ihrer ganzen Komplexität, Opazität und Widersprüchlichkeit zu repräsentieren, vor allem in einer Ubiquität einer exzessiven Gewaltdarstellung begründet.

Die Funktionen und Bedeutungen der Gewaltdarstellung stehen in der Forschungs- und Rezeptionsgeschichte nicht selten im Fokus des Interesses an den Texten, deren zentrales Thema häufig Gewalt in allen ihren Facetten darstellt und in nahezu jedem Text verhandelt wird. Gewalt wird in Kleists Michael Kohlhaas in drei exemplarischen Diskursfeldern verhandelt. Zum ersten wird Gewaltdarstellung als Begründung für eine sozialkritische Fortführung der Aufklärung genutzt. Zweitens stellt Kleists Text Gewalt als meist einziges probates Mittel zur Durchsetzung legitimer libertärer Forderungen heraus. Und drittens instrumentalisiert Kleist Gewaltdarstellung aber auch als Mittel einer Aufklärungskritik im Sinn einer kritischen Reflexion auf die Möglichkeiten und Grenzen des Perfektibilitätsstrebens der Aufklärung, das auf einem positiven, entwicklungsfähigen Menschenbild und auf einer vernünftig eingerichteten Weltordnung basiert. In dieser Hausarbeit soll die These einer Funktionstrias der Gewaltdarstellung als Fortführung der Aufklärung, als Aufklärungskritik und als Didaxe der Macht in Kleists Michael Kohlhaas nachgewiesen werden.

Der Titel der Hausarbeit „mit Feuer und Schwert, die Arglist, in welcher die ganze Welt versunken sei, zu bestrafen“ reflektiert alle drei Aspekte der Funktionstrias der Gewaltdarstellung in Kleists Michael Kohlhaas, indem durch die Benennung des Weltzustandes mit der Bezeichnung „Arglist“ eine Unordnung angedeutet wird, die auf institutionalisierten Vorurteilen und Machtmissbrauch beruht und durch eine Fortführung der Aufklärung beseitigt werden soll. Gleichzeitig rechtfertigt diese Arglist der Weltordnung aber auch den Einsatz von Gewalt zu libertären Zwecken.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „zur Errichtung einer besseren Ordnung der Dinge“ - Gewaltdarstellung im Dienst einer sozialkritischen Aufklärung und zur Durchsetzung libertärer Forderungen

2.1. „Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.“ – Gewalt als Gesellschafts- und Justizkritik

2.2. „daß es ein Werk Gottes wäre, Unordnungen gleich diesen, Einhalt zu tun“ – Gewalt als Autoritäts-, Religionskritik und Kritik am Staatskirchentum

3. „Vermessener, im Wahnsinn stockblinder Leidenschaft“ - Gewaltexzesse als Ausdruck von Aufklärungskritik und negativer Anthropologie

3.1. „Heilloser und entsetzlicher Mann!“ - Kleists negative Anthropologie

3.2. „flogen, unter dem Jubel Hersens, aus den offenen Fenstern der Vogtei, die Leichen des Schlossvogts und Verwalters, mit Weib und Kindern, herab.“ - Exzessive Gewaltdarstellung als kritische Reflexion auf den revolutionären terreur

4. Sprache der Gewalt in Kleists Michael Kohlhaas

4.1. Unzuverlässiger Erzähler als Provokation zum kritischen Selbstdenken

4.2. Nüchterne Faktizität des Erzählstils und komplexe Syntax als Ausdruck einer komplexen Welt

5. Schlussbetrachtungen

Zielsetzung und thematische Schwerpunkte

Die vorliegende Arbeit untersucht die Funktionen der Gewaltdarstellung in Heinrich von Kleists Erzählung "Michael Kohlhaas". Dabei wird der These nachgegangen, dass Gewalt eine funktionale Trias bildet: Sie dient als Instrument der sozialkritischen Aufklärung, als Mittel zur Durchsetzung libertärer Forderungen und als Ausdruck einer aufklärungskritischen, negativen Anthropologie, die das Scheitern vernünftiger Weltordnungsmodelle thematisiert.

  • Gewalt als Mittel der Sozial- und Justizkritik
  • Die Dialektik von Recht, Religion und Gewalt
  • Aufklärungskritik durch negative Anthropologie und Wutdarstellungen
  • Sprache der Gewalt und die Rolle des unzuverlässigen Erzählers
  • Die Reflexion revolutionärer Gewalt (terreur) im Text

Auszug aus dem Buch

„Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.“ – Gewalt als Gesellschafts- und Justizkritik

Zunächst soll an dieser Stelle der in der Hausarbeit verwendete Gewaltbegriff bestimmt werden. Gewalt soll als die Macht und das Befugnis oder das Recht und die Mittel, über jemanden, etwas zu bestimmen oder zu herrschen, verstanden werden. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis von Bedeutung, dass Gewalt zunächst ein wertneutraler Begriff ist, auch wenn wir heute bei Gewalt häufig zuerst an Willkürherrschaft denken. Gewalt soll im Rahmen dieser Hausarbeit in Kleists Michael Kohlhaas nach Walter Benjamins Differenzierung in rechtsetzende und rechtserhaltende Gewalt untersucht werden. Für die Untersuchung der dreidimensionalen Funktionalität von Gewalt in Kleists Michael Kohlhaas ist ferner die Behandlung der Gewalt im Diskursfeld des Rechts und der Religion von Bedeutung. Walter Benjamins Kritik der Gewalt geht davon aus, dass Gewalt nicht Zweck, sondern nur Mittel einer Rechtsordnung sein kann. Dabei ist Gewalt im naturrechtlichen Verständnis eine natürliche Gegebenheit, wobei die Gerechtigkeit der Zwecke die eingesetzten (Gewalt)Mittel legitimiert.

In Kleists Erzählung Michael Kohlhaas wird dies in Michael Kohlhaas´ rechtsetzende Gewalt ausübender Rebellion gegen die Willkürherrschaft des Kurfürsten von Sachsen und der am Hofe regierenden Junker-Kamarilla dargestellt. Auf der anderen Seite ist Gewalt in einem positiv-rechtlichen Sinn hingegen eine historische Gewordenheit. In diesem Fall soll die Berechtigung der Mittel die Gerechtigkeit der Zwecke garantieren. Diese Form von Gewalt wird als rechtserhaltende Gewalt von den beiden Kurfürsten ausgeübt, wobei der brandenburgische Kurfürst für ein aufgeklärte Staatsgewalt steht, der sächsische hingegen den Aberglauben (Astrologie) und die Willkür (Nepotismus), mithin vormodernes Gedankengut, repräsentiert.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Poetik der Irritation bei Kleist ein und definiert das Forschungsziel, die Funktionstrias der Gewaltdarstellung im "Michael Kohlhaas" zu analysieren.

2. „zur Errichtung einer besseren Ordnung der Dinge“ - Gewaltdarstellung im Dienst einer sozialkritischen Aufklärung und zur Durchsetzung libertärer Forderungen: Dieses Kapitel beleuchtet Gewalt als Instrument der Gesellschafts- und Justizkritik sowie als Mittel zur Durchsetzung libertärer Interessen gegen ein defizientes Rechtssystem.

2.1. „Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.“ – Gewalt als Gesellschafts- und Justizkritik: Hier wird der Gewaltbegriff nach Walter Benjamin auf die Erzählung angewandt, um die Differenz zwischen rechtsetzender und rechtserhaltender Gewalt im Kontext des Rechtsstreits zu verdeutlichen.

2.2. „daß es ein Werk Gottes wäre, Unordnungen gleich diesen, Einhalt zu tun“ – Gewalt als Autoritäts-, Religionskritik und Kritik am Staatskirchentum: Das Kapitel analysiert die Rolle der Lutherszene und des fingierten Lutherbriefs als Medium der Kirchenkritik und der Dekonstruktion von Machtmechanismen.

3. „Vermessener, im Wahnsinn stockblinder Leidenschaft“ - Gewaltexzesse als Ausdruck von Aufklärungskritik und negativer Anthropologie: Der Fokus liegt hier auf der Darstellung von Wut als anthropologische Konstante und der kritischen Reflexion des Zivilisationspotenzials.

3.1. „Heilloser und entsetzlicher Mann!“ - Kleists negative Anthropologie: Dieses Unterkapitel zeigt auf, wie der Protagonist durch Affekte und Selbstüberhebung die Grenzen legitimer Gewalt überschreitet und damit aufklärerische Menschenbilder infrage stellt.

3.2. „flogen, unter dem Jubel Hersens, aus den offenen Fenstern der Vogtei, die Leichen des Schlossvogts und Verwalters, mit Weib und Kindern, herab.“ - Exzessive Gewaltdarstellung als kritische Reflexion auf den revolutionären terreur: Das Kapitel verknüpft die Gewaltdarstellungen im Text mit den historischen Erfahrungen des jakobinischen Terrors der Französischen Revolution.

4. Sprache der Gewalt in Kleists Michael Kohlhaas: Der Abschnitt reflektiert die formale Umsetzung der Funktionstrias durch die Wahl des Erzählstils und der Syntax.

4.1. Unzuverlässiger Erzähler als Provokation zum kritischen Selbstdenken: Die Analyse konzentriert sich auf die Erzählinstanz, die durch widersprüchliche Bewertungen den Leser zur kritischen Distanz und zum eigenen Urteil herausfordert.

4.2. Nüchterne Faktizität des Erzählstils und komplexe Syntax als Ausdruck einer komplexen Welt: Das Kapitel behandelt die Spannungsfelder zwischen faktischem Zeitungsstil und der Unmöglichkeit, komplexe Innenwelten sprachlich intersubjektiv zu vermitteln.

5. Schlussbetrachtungen: Die Schlussbetrachtung synthetisiert die Ergebnisse und ordnet die Erzählung als "Interdiskurs" ein, der die Komplexität von Gewalt im gesellschaftlichen Umbruch thematisiert.

Schlüsselwörter

Heinrich von Kleist, Michael Kohlhaas, Gewaltdarstellung, Aufklärung, Aufklärungskritik, Funktionstrias, Walter Benjamin, Recht, Religion, negative Anthropologie, unzuverlässiger Erzähler, revolutionärer terreur, Justizkritik, Selbsthilfe, Sprachskepsis

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit analysiert die verschiedenen Funktionen der Gewaltdarstellung in Heinrich von Kleists Novelle "Michael Kohlhaas" und wie diese dazu genutzt werden, sowohl die Aufklärung weiterzuführen als auch sie kritisch zu reflektieren.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Zentrale Themen sind das Verhältnis von Recht und Gewalt, die Rolle der Religion in Machtsystemen, die psychologische Dimension von Wut sowie die Frage nach einem legitimen Widerstandsrecht des Individuums.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Ziel ist es, die These einer "Funktionstrias" der Gewalt zu belegen: Gewalt als Mittel der Aufklärung, als Aufklärungskritik und als Mittel zur Durchsetzung libertärer Forderungen.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Arbeit stützt sich auf eine diskursanalytische Vorgehensweise, wobei insbesondere Walter Benjamins Konzepte zur rechtsetzenden und rechtserhaltenden Gewalt zur Anwendung kommen.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Justizkritik, religiös motivierter Gewalt und Autoritätskritik, sowie die Analyse der Erzählweise und Sprache als Mittel zur Provokation kritischen Denkens.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wichtige Begriffe sind unter anderem Gewaltdarstellung, Aufklärungskritik, negative Anthropologie, rechtsetzende Gewalt und unzuverlässiger Erzähler.

Wie bewertet der Autor die Rolle des unzuverlässigen Erzählers?

Der Autor argumentiert, dass der unzuverlässige Erzähler ein bewusstes Instrument Kleists ist, um den Leser aus der passiven Rezeption zu reißen und zum selbstständigen, kritischen Urteil über das Handeln von Kohlhaas zu zwingen.

Welche Bedeutung hat die Lutherszene für die Argumentation?

Die Lutherszene dient als zentraler Beleg für die Kirchen- und Autoritätskritik, da sie zeigt, wie religiöse Sprache und Vorurteile instrumentalisiert werden, um Herrschaftssysteme zu stabilisieren.

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Details

Title
Gewaltdarstellung und ihre Funktionen in Heinrich von Kleists "Michael Kohlhaas"
Subtitle
"mit Feuer und Schwert, die Arglist, in welcher die ganze Welt versunken sei, zu bestrafen"
College
University of Hagen  (Institut für Neuere deutsche Literatur - und Medienwissenschaft)
Grade
1,7
Author
Thomas Franz (Author)
Publication Year
2014
Pages
28
Catalog Number
V316991
ISBN (eBook)
9783668165816
ISBN (Book)
9783668165823
Language
German
Tags
Heinrich von Kleist Michael Kohlhaas Gewalt Novelle
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Thomas Franz (Author), 2014, Gewaltdarstellung und ihre Funktionen in Heinrich von Kleists "Michael Kohlhaas", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/316991
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