Der Untergang der Familie Buddenbrook. Die Frauenfiguren und ihr Einfluss auf den Verfallsprozess


Bachelorarbeit, 2015

38 Seiten, Note: 2,1


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Stellung der Frau im Bürgertum des 19. Jahrhundert

3. Die Stellung der Frauen in Thomas Manns Buddenbrooks

4. Der Einfluss der Frauen auf den Verfallsprozess der Familie
4.1 Tony Buddenbrook
4.2 Clara Buddenbrook
4.3 Gerda Buddenbrook (geb. Arnoldsen)

5. Die Funktion der Abweichung von der real-historischen Frauendarstellung

6. Abschließende Überlegungen

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der 1901 erschienene Roman Buddenbrooks – Verfall einer Familie von Thomas Mann misst den Frauen vom ersten bis zum letzten Kapitel eine sehr große Bedeutung zu. Er behandelt den Verlust an Vitalität in der Familie über vier Generationen hinweg, was den Untergang der Familie zur Folge hat, auch wenn am Ende noch Familienmitglieder übrig sind. Tony Buddenbrook ist das einzige und zusätzlich weibliche Familienmitglied, das sowohl in der ersten als auch in der letzten Szene präsent ist. Ihre starke und wichtige Präsens zieht sich durch den gesamten Roman und macht sie eher zu einer der Protagonisten, auch wenn sie im Grunde eher eine wichtige Nebenrolle spielt. Doch neben Tony Buddenbrook spielen auch die anderen Frauen eine wichtige Rolle im Roman und in der Familie; sie alle tragen in gewisser Weise zum Schicksal der Familie bei. Letztendlich zeigt sich, dass die Frauen mehr oder minder stark am Verfallsprozess der Familie beteiligt sind, ihn beeinflussen und teilweise sogar begünstigen, wobei sie selbst auch körperlich und seelisch vom Verfall betroffen sind.

Dass wir vom Untergang der Familie sprechen, obwohl am Ende noch weibliche Familienmitglieder vorhanden sind, sagt viel über die damaligen Verhältnisse im Bürgertum und insbesondere über die Stellung der Frau aus. Dass am Ende aber nur weibliche Mitglieder überleben, während die ganze männliche Linie ausstirbt, sagt einiges über die Stärke der weiblichen Individuen aus.

Ich werde in dieser Arbeit zunächst die real-historischen Gegebenheiten mit der Darstellung der Frauen in Manns Roman vergleichen, insbesondere im Hinblick auf Ehe, Familie und Arbeit, da dies die wichtigsten Aspekte im Roman sind. Anschließend werde ich auf den Begriff des Verfalls selbst eingehen, Verfallsmotive im Roman klären und den Einfluss der Figuren, insbesondere den von Tony, Clara und Gerda Buddenbrook auf den Verfallsprozess der Familie untersuchen. Zum Schluss gehe ich auf die Funktion der Abweichung von der real-historischen Darstellung der Frau ein, um zu erklären, weshalb Mann die weiblichen Charaktere seines Romans auf eben diese Weise darstellt.

2. Die Stellung der Frau im Bürgertum des 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert bestand eine große Kluft zwischen Männern und Frauen. Was für uns heute altmodisch und veraltet klingt, war im 19. Jahrhundert normal und selbstverständlich. Heute empfindet der Großteil eine Äußerung, die Frauen einzig auf ihre häuslichen Fähigkeiten beschränkt, beleidigend. Wir wissen, dass sich seit dem 19. Jahrhundert viel geändert hat was die Geschlechterrollen anbelangt. Aber welche Stellung hatte die Frau in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts tatsächlich und welche Rolle hatte die Frau in der Familie und in der Ehe? Wie wichtig war sie in ihrer Rolle für das Gesamtbild der Familie? Ich werde in diesem Kapitel die Rolle und die Stellung der Frau im (Groß-) Bürgertum genauestens beleuchten und erklären.

Zunächst einmal sollte erklärt werden, was der Begriff „Familie“ im 19. Jahrhundert überhaupt bedeutete. Noch im 18. Jahrhundert war der Begriff „Familie“ an sich fast unbekannt und er war viel breiter gefasst als das, was wir heute unter dem Begriff „Familie“ verstehen. Unter diesem Begriff fasste man alle Personen zusammen, die unter einem Dach lebten, ob sie nun verwandt waren oder nicht. So zählte zum Beispiel das Hauspersonal oder gar der Lehrling zur Familie. Im 19. Jahrhundert wurde der Begriff dann etwas präziser definiert und umfasst seitdem nur noch die Eheleute sowie ihre Kinder, aber nicht länger alle Personen, die im selben Haushalt wohnten. Familie war von da an das, was wir heute auch darunter verstehen.[1]

Die Familie war nach damaliger Definition die „Basis, welche dem bürgerlichen und staatlichen Leben zur festen Unterlage dient“.[2] Die Familie bildete das Fundament und war daher von enormer Bedeutung.

Innerhalb dieser Familienstrukturen gab es feste Rollenverteilungen. Frauen, die von Natur aus passiv und emotional galten, blieben zu Hause. Der Mann, der von Natur aus aktiv und rational war, engagierte sich in der Arbeit und in der Politik. Während es in der Verantwortung des Mannes lag, die Familie zu versorgen, war es die Aufgabe der Frau, den Haushalt zu führen, Kinder zu gebären und großzuziehen.[3] Diese Rollenverteilung führte natürlich zu einem gewissen Abhängigkeitsverhältnis, in dem die Frau ihrem Mann unterstand und weitaus weniger zum Wohlstand und zum Ansehen der Familie beitrug als der Mann. Auch wenn die Frau ihren Teil zur Familie beitrug, war es doch der Mann, der die Familie aufrecht erhielt, da er der Einzige war, der die Familie finanziell zu versorgen wusste. In diesen patriarchalischen Familienstrukturen war es auch allein der Mann, der alle Entscheidungen traf, die die Familie betrafen.

Die Aufgaben, die der Frau zuteil wurden, waren wichtig, wurden aber doch als geringschätziger betrachtet als der Beitrag, den der Mann lieferte. Es war ihre Aufgabe, den Haushalt zu führen und die Kinder großzuziehen und sie war außerdem dafür verantwortlich, dem Mann und der Familie Wärme und Geborgenheit zu spenden und somit für eine angenehme, entspannte und vor allem nach einem langen und stressigen Arbeitstag ruhige Atmosphäre zu sorgen. Die hart arbeitenden Männer sollten in der Familie einen Raum finden, in dem sie sich entspannen können.[4]

Im 19. Jahrhundert wurden Ehen meistens arrangiert, denn das Glück oder der Wille des Einzelnen war nicht von Bedeutung. Stets war es das Glück und Wohl der gesamten Familie, das vorrangig war für alle zu treffenden Entscheidungen, insbesondere was die Wahl des zukünftigen Ehepartners anging. Liebe war hierbei nicht von Bedeutung. Man war der Überzeugung, dass sich Liebe oder wenigstens Respekt und Zuneigung nach und nach in der Ehe entwickelten und nicht vorher vorhanden sein mussten.[5] Das finanzielle stand an erster Stelle, wenn es darum ging, einen geeigneten Ehepartner für das Kind zu finden. Das ist auch der Grund, weshalb es damals zwischen Mann und Frau relativ große Altersunterschiede gab. Während von der Braut bloß eine großzügige Mitgift erwartet wurde, wurde vom Bräutigam schon mehr erwartet. Der Vater der Braut war natürlich darauf bedacht, einen Ehepartner für seine Tochter auszuwählen, der in der Lage war, sie und seine zukünftigen Kinder zu versorgen und der sich beruflich etabliert und sich einen Namen gemacht hatte. So waren im Bürgertum z.B. der Beruf des Kaufmanns und der des Beamten sehr angesehen. Da die Ausbildungen jedoch auch einige Jahre dauerten, war der Mann schon relativ alt, wenn er sich verheiratete. Die Frau dagegen, deren Hauptaufgabe es war, Kinder zu gebären, den Familienstammbaum fortzuführen und Erben auf die Welt zu bringen, ließ sich mit jungen Jahren, meist Anfang 20, verheiraten, da sie in so jungen Jahren noch besonders fruchtbar war und auch noch besonders anpassungsfähig. Sie ließ sich sozusagen noch besser nach den Vorstellungen des Ehemannes von ihm erziehen.[6] Von den Frauen wurde hauptsächlich verlangt, dass sie ihre häuslichen und mütterlichen Aufgaben erledigten und dass sie für Außenstehende das Bild einer guten und geordneten Familie präsentierten. Prestige war in diesem Zusammenhang ein offensichtlich sehr wichtiges Stichwort.

Ehepartner wurden nach bestimmten sozialen und ökonomischen Faktoren ausgewählt; Liebe und Anziehungskraft hingegen spielten überhaupt keine Rolle, weshalb hier von Vernunftehen gesprochen werden kann, die klare Ziele und einen bestimmten Zweck zu erfüllen hatten – nämlich das Absichern des Familienvermögens, das Bewahren des guten Rufes und die Fortführung des Familienverbandes.[7] Auch wenn es heute berechnend und fast schon unmenschlich klingt, wenn wir von arrangierten Ehen sprechen, darf man nicht vergessen, dass es damals nur ein Einkommen gab: das des Mannes. Dieses Einkommen musste die Versorgung der gesamten Familie sichern und war daher ein sehr wichtiger Faktor. Es war unabdinglich, eine gute Partie zu machen und von den jungen Frauen wurde erwartet, dass auch sie ihren Teil dazu beitrugen um dieses Ziel zu erreichen. Daher gab es schon vor der Ehe einige Regeln, an die sich die jungen Damen zu halten hatten. Sexuelle Beziehungen vor der Ehe waren undenkbar. Dies war für nicht nur für den Mann wichtig, der sie einmal heiraten würde, sondern auch für die jungen Frauen selbst, da diese Unreinheit ihre eigene Ehre und womöglich auch die der Familie, beflecken würde. Ihr Verhalten fiel stets auf die Familie und auch auf das Familienunternehmen zurück, weshalb ein stets tadelloses Verhalten erwartet wurde. Ein uneheliches Kind zu gebären wäre ein absoluter Skandal, daher waren die Eltern strengstens darauf bedacht, die Reinheit der Tochter zu bewahren.

Der Ehemann hingegen durfte vor der Ehe Erfahrungen mit anderen Frauen sammeln, oftmals mit Damen aus den unteren Schichten, konnte sich aber sicher sein, dass seine Ehefrau noch jungfräulich war und keine Vergleichsmöglichkeiten besaß und somit seine Kompetenzen, was das Liebesspiel anbelangt, nicht vergleichen oder beurteilen konnte.[8]

Da der Mann als alleiniger Versorger der Familie galt, stand auch ihm alleine die Verwaltung des Vermögens zu, was dazu führte, dass die Frau grundsätzlich auch keinen Einblick in die finanzielle Situation der Firma und der Familie erhielt. Ihre Aufgabe allein war es, den guten Ruf der Familie durch eine anständige und gute Ehe zu festigen und somit zum Erhalt des Familienvermögens beizutragen.[9]

Wenngleich es in großbürgerlichen Familien meist üblich war, Köchinnen und Hausmädchen zu beschäftigen, waren es trotzdem noch die Ehefrauen, die den Haushalt leiteten bzw. organisierten und Empfänge und Abendessen veranstalteten. Letzteres geschah oft zu dem Zwecke, ihren Ehemännern berufliches Weiterkommen zu ermöglichen, indem sie oft auch Geschäftsfreunde und mögliche Geschäftspartner beherbergten.[10] Noch besser war es aber, wenn die Frauen noch mehr als ihre häuslichen Fähigkeiten vorzuweisen hatte, um in der Gesellschaft einen hohen Stand zu erwerben. Hierzu wurden literarische oder musikalische Kenntnisse vermittelt, die dazu führten, dass sie auch als kulturell unterwandert galt.[11] Nicht selten wurden junge Mädchen auf Pensionate geschickt, wo sie eben diese kulturellen Kenntnisse erlangen und ausbauen sollte, um somit als später als gute Gesellschafterinnen fungieren zu können.[12] Die Frau war das Aushängeschild der Familie, das Schmuckstück des Mannes und je besser sie ihre Aufgaben erledigte, desto mehr Ansehen erlangte der Mann in der Gesellschaft und im Beruf, was für die Frau selbst und für den Rest der Familie durchaus von Vorteil war.

Ein glücklicher Mann war also derjenige, dessen Frau es schaffte, den Haushalt ordentlich zu führen, dem Mann ein ruhiges und entspannendes Umfeld und Heim zu schaffen, als auch nach außen hin das Bild einer gut funktionierenden und gut organisierten Familie entstehen zu lassen. Eine glückliche Frau war eben jene, die dies zu schaffen vermochte. Die Frauen nahmen ihre Aufgaben und ihre Rolle in der Familie sehr ernst und somit wurde ihnen ein Leben ermöglicht, das vielleicht nicht von leidenschaftlicher Liebe erfüllt war, durchaus aber von gegenseitigem Respekt und vom Gefühl der Wichtigkeit der eigenen Person für den Fortbestand der Familie.

Die Ehe konnte daher vielmehr als ein Vertrag zwischen zwei Parteien gesehen werden, in der jede Partei gewisse Aufgaben zu erfüllen hatte und der nur seinen Zweck erfüllte, wenn sich beide Parteien an die Vertragsbedingungen hielten. Die Einhaltung der ehelichen Pflichten der Frau war Bedingung für die Versorgung der Familie seitens des Mannes.[13]

Die Wichtigste Verantwortung der Frau war das Gebären und Aufziehen des Nachwuchses. Die meisten Frauen bekamen schon kurze Zeit nach der Hochzeit das erste Kind, und in relativ kurzen zeitlichen Abständen immer mehr Kinder, sodass die meisten Ehen sehr kinderreich waren. Da zwischen dem ersten und dem letzten Kind oftmals sogar Jahrzehnte lagen, hatten die Frauen in der Erziehung der Kinder eine Lebensaufgabe gefunden. Dies bedeutete für die Frauen viel Arbeit, andererseits aber auch viel Anerkennung, wenn sie diese Aufgabe gut bewältigten.[14] Die Beziehung zwischen dem Vater und seinen Kindern konnte sich meist nicht wirklich gut entwickeln, da der Vater aufgrund der Arbeit oft räumlich von seinen Kindern getrennt war. Während die Mutter den ganzen Tag zu Hause verbrachte, kam der Vater erst abends nach Hause. Selten aß er mittags zu Hause und so hatte er nur die Abenden und die Wochenenden mit seinen Kindern, was nicht genug war, um eine tiefe, emotionale Beziehung zu seinen Kindern aufzubauen. Diese Beziehung war daher eher selten von Zärtlichkeit und Liebe geprägt.[15]

Bei wohlhabenden Familien war die Frau nicht allein zuständig für die Erziehung. Ammen im Haushalt waren fast alltäglich. Kindermädchen und Erzieherinnen waren ein Luxus, den sich nicht jede Familie leisten konnte, die im Großbürgertum allerdings auch oft zu mehreren in einem Haushalt beschäftigt wurden. Dennoch war und blieb die Frau die erste Erziehungsinstanz.[16] Da die Frau aber ständig zu Hause war, war es üblich, dass sich zwischen Mutter und Kind häufig eine liebevollere und engere Beziehung entwickelte als zwischen Kind und Vater, ganz besonders zwischen Mutter und Tochter. Die Aufgabe der Mutter war es, ihre Tochter auf ihre zukünftige Rolle als Ehefrau vorzubereiten, denn das war das Ziel der Erziehung. Sie konnte ihre Tochter an ihren eigenen Erfahrungen teilhaben lassen und möglicherweise Fehler der Tochter abwenden, die sie selbst begangen hatte. Der männliche Nachwuchs sollte selbstverständlich in die Fußstapfen des Vaters treten, dessen Beruf ergreifen und später die Firma übernehmen. So kam es, dass der Nachwuchs oft unter enormem Druck stand, da von klein auf von ihm erwartet wurde, seines Vaters Vorstellungen zu entsprechen und seinen Erwartungen zu genügen. Um kindlichen Gehorsam durchzusetzen, wurde oft die Enterbung angedroht, manchmal die einzige Möglichkeit des Vaters seine Autorität zu wahren.[17]

Der Vater war die Autoritätsperson und das Oberhaupt der Familie. Wie bereits erwähnt herrschten patriarchalische Familienstrukturen; alle Entscheidungen, die die Familie betrafen, wurden vom Familienoberhaupt getroffen und auch die Mitgift der Frau und das gesamte Vermögen standen unter der Verwaltung des Oberhauptes. Frauen hatten damals nicht die gleichen Rechte, genossen nicht die gleichen Vorteile und nicht das gleiche Ansehen wie Männer. Während die Frauen gemäß der gesellschaftlichen Konventionen auf die innerhäuslichen Aufgaben beschränkt waren, genossen die Männer die außerhäuslichen Vorzüge. Das Leben der Frau war nach der Heirat auf die Ehe beschränkt, aber für den Mann war die Ehe nur ein Teil seines Lebens, da er neben Ehe und Familie noch die Arbeit und soziale, sowie geschäftliche Kontakte zu pflegen hatte. Obwohl die Gesellschaft schon damals auf dem Prinzip der Gleichheit beruhte, hat sie diesem nicht im Geringsten entsprochen.[18]

Treue und Loyalität in der Ehe waren sehr wichtig, insbesondere wenn es um die Treue der Frau ging. Ehebruch wurde anders behandelt, wenn er von der Frau begangen wurde, als wenn er vom Mann begangen wurde. Beging die Frau Ehebruch, schadete das dem Ruf des Mannes und somit auch der Firma, ganz besonders, wenn der Ehebruch ohne Konsequenzen geduldet wurde. Der Mann verlor an Ansehen und Respekt in der Gesellschaft. Wenn jedoch der Mann den Ehebruch beging, wurde von der Frau verlangt, dass sie dieses Vergehen still hinnehme und sich nicht weiter über diese Lappalie mokierte und sie bestenfalls ignorierte. Auch schadete dies nicht dem Ruf des Mannes.[19] Hier wird wieder deutlich, dass eine extreme Ungleichheit zwischen den Geschlechtern herrschte und dass die Frau dem Mann in jeder Hinsicht untergeordnet war. Wenn die Frau die gesellschaftlichen Erwartungen nicht erfüllen konnte oder wollte, warf dies ein außerordentlich schlechtes Bild auf den Mann, was in jedem Fall zu vermeiden war.

Die Ehe galt im 19. Jahrhundert generell als unauflösbar, aber da diese ja wie ein Vertrag zu behandeln war, gab es trotzdem diverse Möglichkeiten, die Ehescheidung durchzusetzen, wenn die „Vertragsbedingungen“ von einer oder beiden Seiten nicht erfüllt wurden. Da der Zweck der Ehe hauptsächlich die gegenseitige Unterstützung, mehr noch aber die Fortpflanzung war, waren kinderlose Ehen leichter aufzulösen als Ehen in denen bereits Kinder entstanden waren. Wenn einleuchtende Gründe vorhanden waren, so konnte eine Ehe durchaus wieder geschieden werden. Dies war zum Beispiel der Fall bei unüberwindlicher Abneigung in der Ehe, weshalb auch keine Kinder gezeugt wurden. Wenn aber bereits Kinder in der Ehe gezeugt wurden, mussten schon schwerwiegendere Gründe vorliegen um eine Scheidung durchsetzen zu können, wie z.B. Mordversuch, Wahnsinn oder Impotenz.[20] Auch wenn Ehescheidungen nicht so selbstverständlich und jederzeit möglich waren, wie wir es heute kennen, waren sie nicht unmöglich, wenngleich auch nicht besonders gut angesehen. Eine Scheidung erregte oft großes Aufsehen und war, wenn möglich, zu vermeiden. Insbesondere die Frau sollte sich gut überlegen, ob sie die Scheidung tatsächlich wollte. Da ja ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen den Ehepartnern herrschte, war es die Frau, die am schlechtesten aus dieser Ehe hervortrat. Der Mann hatte seinen Beruf, das Vermögen (Einkommen, Haus und weitere Vermögensgegenstände) und seine gesellschaftlichen Kontakte und all das behielt er auch noch nach der Scheidung. Die Frau hingegen verlor all dies. Sie hatte nun keinen Versorger mehr an ihrer Seite, sie hatte keinen Schutz und ihr Ruf war stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Oft mussten die geschiedenen Frauen wieder zurück zu ihren Eltern, wo sie fortan in Isolation lebten, da Bekannte und Freunde sich aufgrund der Scheidung von ihr abwandten.[21]

Charles Fourier bezeichnete die patriarchalische Familienstruktur als Ort der Unterdrückung für Frauen und Kinder.[22] Mit dieser Aussage berücksichtigte er aber lediglich die eine Seite der Ehestruktur im 19. Jahrhundert. Viele Frauen waren sehr zufrieden mit dem Leben, dass sie führten. Sie waren dankbar für den Mann, der sie und ihre Kinder versorgte und auch für die Aufgaben, die ihr selbst in der Ehe zugetragen wurden. Die Entmündigung und die Beschränkung ihres Lebens auf die häuslichen Aufgaben war nur ein kleiner Preis, den sie zu zahlen hatte im Gegenzug für ein sorgloses Leben.

Auch wenn es scheint, als wären Frauen komplett entmündigt, hatten Frauen eine heimliche Macht, die sie still und heimlich genossen. Die gewissenhafte Erfüllung ihrer Aufgaben war weitaus wichtiger, als es gesellschaftlich anerkannt wurde, und das war ihnen auch bewusst. Auch wenn sie in einer guten Ehe benachteiligt und in gewisser Weise unterdrückt wurden, waren sie dankbar für dieses Leben, denn sie waren finanziell abgesichert, genossen eine gute soziale Stellung und einen guten Ruf in der Gesellschaft. Alles in allem führten sie ein Leben, dass in jedem Fall erstrebenswerter war als das einer unverheirateten Frau.

[...]


[1] Ute Frevert, Frauen-Geschichte. Zwischen Bürgerlicher Verbesserung und Neuer Weiblichkeit, Band 284, Frankfurt 1986, S. 17.

[2] Ute Gerhard, Verhältnisse und Verhinderungen, Frankfurt 1978, S. 76.

[3] Vgl. Frevert, Frauen- Geschichte, S. 21.

[4] Eric Herd, „Ehe und Familie“, in: Ken Moulden und Gero von Wilpert (Hrsg.): Buddenbrooks-Handbuch. Stuttgart 1988, 213-228, hier S. 216.

[5] Vgl. Frevert, Frauen-Geschichte S. 42.

[6] Vgl. Frevert, Frauen-Geschichte, S.41.

[7] Ebd., S. 42.

[8] Vgl. Frevert, Frauen-Geschichte, S. 50.

[9] Vgl. Herd, Ehe und Familie, S. 214.

[10] Vgl. Frevert, Frauen-Geschichte, S. 43.

[11] Ute Frevert, Mann und Weib, und Weib und Mann. Geschlechter-Differenzen in der Moderne, München 1995, S. 150.

[12] Ebd., S. 150 f.

[13] Vgl. Gerhard, Verhältnisse und Verhinderungen, S. 75.

[14] Vgl. Frevert, Frauen-Geschichte, S. 47 ff.

[15] Heidi Rosenbaum, Formen der Familie, Frankfurt 1982, S. 356 f.

[16] Vgl. Rosenbaum, Formen de Familie, S. 357.

[17] Ebd., S.358.

[18] Vgl. Frevert, Frauen-Geschichte, S 45 f.

[19] Vgl. Frevert, Mann und Weib, S.182.

[20] Vgl. Frevert, Frauen-Geschichte, S. 54 f.

[21] Vgl. Frevert, Frauen-Geschichte, S. 55 f.

[22] Andreas Gestrich, „Konträre Perspektiven: Ehe und Familienlehren im 19. und 20. Jahrhundert“, in: Andreas Gestrich (Hrsg.): Geschichte der Familie, Stuttgart 2003, S. 379 – S. 383, hier S. 380.

Ende der Leseprobe aus 38 Seiten

Details

Titel
Der Untergang der Familie Buddenbrook. Die Frauenfiguren und ihr Einfluss auf den Verfallsprozess
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,1
Autor
Jahr
2015
Seiten
38
Katalognummer
V317006
ISBN (eBook)
9783668162488
ISBN (Buch)
9783668162495
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Buddenbrooks, Thomas Mann, Frauenfiguren, Frauenbilder, Familie und Ehe, Verfallsprozess, Verfall, Krakheit
Arbeit zitieren
Stephanie Steimel (Autor:in), 2015, Der Untergang der Familie Buddenbrook. Die Frauenfiguren und ihr Einfluss auf den Verfallsprozess, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/317006

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